Erziehung: „Meine beiden Kinder brauchen mich auf verschiedene Arten!“

,Erziehe das Kind, das vor dir steht und nicht das Kind, das du dir erträumt hattest.`Dieses Zitat, ich weiß nicht mehr, von wem es ist, habe ich mal gelesen – und es hat mich sofort im Innersten getroffen.

Denn bevor ich Kinder hatte, wusste ich – natürlich! – ganz genau, wie ich meine zukünftigen Schätze erziehen würde. Streng, aber voller Güte. Oder so. Natürlich war ich mir sicher, dass sie sowieso keine ,Probleme` machen würden, da sie schließlich in einer heilen, liebevollen Familie aufwachsen würden.

Inzwischen habe ich zwei Jungs, sie sind 5 und 9 Jahre alt. Sie sehen sich wirklich ähnlich! Aber vom Charakter her könnten sie unterschiedlicher nicht sein. Und wie wahrscheinlich jede Mama weiß ich jetzt, dass ich keine Ahnung hatte, wie das so läuft mit der Erziehung.

Mein Großer war von Anfang an völlig unkompliziert.

Er weinte wenig, er war meistens ruhig und ausgeglichen. Auch als Kleinkind war er fröhlich, ging gerne in die Kita und fand überall schnell Freunde. Ich hatte fast das Gefühl, ich musste ihn gar nicht in dem Sinne ,erziehen`. Natürlich gab es ein paar Regeln bei uns, die er aber meist anstandslos einhielt. Rückblickend würde ich sagen, dass meine Hauptaufgaben als Mama bei ihm Liebhaben, Füttern und Saubermachen waren 😉. Man nennt sowas wohl einen ,Selbstgänger`.

Uns war immer klar, dass wir ein zweites Kind haben wollten. Und nach der Erfahrung mit unserem ersten Sohn erst recht!

Wir mussten ein wenig ,üben`, aber ein paar Jahre später kam unser zweiter Sohn auf die Welt.

Und wir guckten uns ganz schön um: Er war sehr quengelig, hatte starke Koliken, schlief lange nicht mehr als eine Stunde am Stück. Unser Kleiner ist wild, laut, hat einen Dickkopf und eckt oftmals an, auch in der Kita. Es gibt Tage, an denen er uns als Familie regelrecht ,tyrannisiert´, von morgens bis abends schreit er, sucht Streit, testet Grenzen aus.

Und ich dachte, beim zweiten Kind mache ich alles mit links, es ,läuft so mit`. Pustekuchen!

Irgendwer hat mir mal eine Theorie erläutert, warum Zweitgeborene häufig so viel ,komplizierter` sind: Sie werden in eine eingespielte Gemeinschaft hineingeworfen und müssen sich dort behaupten. Das tun sie dann eben häufig durch Schreien und Starrsinnigkeit. Meine Theorie ist ja eher: Die ersten Kinder sind pflegeleichter, weil man sonst kein zweites mehr bekommen würde 😉

Nein, jetzt mal im Ernst, ich schreibe hier alles so flapsig. Mein jüngerer Sohn ist natürlich genauso wundervoll wie sein großer Bruder. Wir brauchten tatsächlich nur ein wenig länger, um uns zusammenzuraufen.

Ich behandelte ihn so, wie es sich bei meinem Großen bewährt hatte:

Locker und entspannt. Es gab wirklich wenige Regeln und er durfte ganz viel selbst entscheiden. ,Wenn er merkt, dass wir ihm vertrauen, wird er ruhiger und umgänglicher werden,` so dachte ich es mir immer. Das war unser Weg der Erziehung, so würden wir es weitermachen.

Das passierte aber nicht, mein Sohn wurde eher immer unruhiger und sogar ab und zu aggressiv.

Ausgerechnet ein Zeitschriftenartikel öffnete mir die Augen: Unserem Sohn fehlte es an Struktur. Während sein großer Bruder eh einen ausgeglicheneren Charakter hatte und daher wunderbar mit viel Freiheit umgehen konnte, fehlten meinem Kleinen klare Regeln und Ansagen.

Scheinbar war sein wildes Verhalten ein unbewusster Hilferuf, er brauchte von uns aufgesetzte Grenzen und ganz viel Halt.

Seitdem ich das begriffen habe, läuft es bei uns viel besser.

Ich muss meinem Sohn viel mehr Dinge ,vorschreiben`, als mir lieb ist. Ihn viel mehr an die Hand nehmen auf seinem Weg durchs Leben und deutlich strenger sein als ich es mit meinem ersten Sohn war. Im Gegenzug braucht er natürlich auch viel mehr ,positive` Aufmerksamkeit: viele Kuscheleinheiten, ein ganz starres, ausgedehntes Abendritual… Und mein Sohn entspannt sich mehr und mehr.

Ich bin froh, dass mein Großer schon relativ selbstständig ist – und vor allem wahnsinnig verständnisvoll. Zum Glück schaffen sein Vater und ich es, sehr regelmäßig ,exklusive` Zeit mit ihm zu verbringen, also Zeit mit Mama oder Papa, aber ohne seinen Bruder.

Es ist unglaublich, wie unterschiedlich Geschwister sein können. Es ist unglaublich, wie unterschiedlich die Dinge sind, die meine beiden Söhne von mir brauchen. Ich bin so froh, dass ich das irgendwann begriffen habe.

Liebe Melissa, vielen Dank, dass du deine Geschichte mit uns geteilt hast. Wir wünschen dir und deiner Familie alles Liebe für eure Zukunft!

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Laura Dieckmann

Als waschechte Hamburgerin lebe ich mit meinem Freund und unserer fünfjährigen Tochter in der schönsten Stadt der Welt – Umzug ausgeschlossen! Bevor das Schicksal mich zu Echte Mamas gebracht hat, habe ich in verschiedenen Zeitschriften-Verlagen gearbeitet. Ich mag leckeres Essen, laute Rockmusik und ab und zu sogar ein bisschen Sport.

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