„Er ejakulierte auf mich“: Darum haben Frauen Angst im öffentlichen Raum

Der Fall der Britin Sarah Everard, die auf ihrem Heimweg entführt und ermordet wurde, hat die Debatte über die Sicherheit von Frauen erneut angestoßen. Auch wir von Echte Mamas waren erschüttert – und haben uns gefragt, wie es den Mamas aus unserer Community damit geht, wenn sie sich nachts alleine auf dem Heimweg befinden.

Die 33-jährige Sarah machte sich abends auf dem Heimweg, nachdem sie eine Freundin besucht hatte, wie verschiedene Medien berichteten. Zuletzt wurde die Marketingmanagerin um 21 Uhr lebend gesehen, sie hatte auf dem Weg sogar noch mit ihrem Freund telefoniert. Wenige Tage später wird ihre Leiche gefunden. Das Entsetzen in Großbritannien ist auch deshalb so groß, weil eigentlich jede Frau Sarah sein könnte.

Was Frauen aus unserer Community auf dem Heimweg passiert ist

Wir haben Frauen aus unserer Community gefragt, wie sicher sie sich auf dem Heimweg fühlen und welche bedrohlichen Situationen sie schon erleben mussten. Die erschreckenden Berichte, die uns erreicht haben, zeigen: Auch unsere Mamas kennen die Angst auf dem Nachhauseweg – und haben schon erfahren, dass diese Furcht nicht unbegründet ist.

„Als ich 17 Jahre alt war, wurde ich auf dem Heimweg vom Discobesuch von einem Mann krankenhausreif geschlagen. Als ich am Boden lag, trat er mir noch ins Gesicht, sodass auch zwei meiner Zähne abgebrochen sind.“

„Ich bin mal mit 18 mit meiner älteren Schwester von der Disco heim. Wir sind bis zur Hälfte mit dem Nachtbus gefahren und danach gelaufen. Kurz bevor wir die erste Häusersiedlung unseres Stadtteils erreicht hatten, kam ein Motorroller hinter uns angefahren… Ich hab sofort gehört, dass er plötzlich langsamer fuhr und er kam vor uns zum Stehen und wollte uns den Weg absperren. Ich habe den dann angeschrien wie eine Irre. Er soll sich verpissen und Land gewinnen! Ich war so laut, dass er tatsächlich das Weite suchte (es war fast halb 5 morgens und wie gesagt, nicht so weit weg von einer Siedlung). Das Adrenalin hat mich gar nicht nachdenken lassen, wie er noch hätte reagieren können…“

„Bin schon oft auf dem Nachhauseweg, nach dem Nachtdienst, von Männern belästigt worden.

Am schlimmsten war es am Wochenende. Habe ein Pfefferspray und ein Messer dabei.”

„Ich war ein Teenager (16) und fuhr früh morgens mit der U Bahn. Ein paar sitze weiter saß ein Mann, habe ihn nicht weiter beachtet. Plötzlich stand er auf und ejakulierte mir auf meine Weste. Und das Schlimmste: Er bedankte sich bei mir und winkte mir noch. Von den anderen Menschen, die mit in der U Bahn saßen, half mir kein einziger. Ich weinte so sehr und fühlte mich hilflos.”

„Etwas wirklich Beunruhigendes ist mir zum Glück nicht passiert. Allerdings hab ich auch schon die Straßenseite gewechselt, um zu schauen, ob ich verfolgt werde. Oder habe den Schlüssel in der Tasche umklammert. Oder habe mir überlegt, welche Schuhe ich anziehe und ob diese Geräusche machen sollten…”

„Bei mir war es im Sommer gegen 17 Uhr, als ich als 10-Jährige im Park von einem Mann angesprochen wurde.

Er fragte mich, ob ich 100 Schilling verloren hätte, die er in der Hand hielt. Hab das verneint, aber er hat sie mir in die Hand gedrückt. Dann wollte er wissen, wo ‚ein versteckter Platz im Park ist, wo niemand hinsieht‘. Den sollte ich ihm zeigen. Da hab ich ziemliche Angst bekommen und bin mit meinem Rad ganz schnell weggefahren. Habe es dann meinen Eltern erzählt und wir sind sofort zur Polizei gefahren.“

„Ich wurde vor einigen Jahren mal von einem Taxifahrer belästigt, der mich nach einem Diskothek-Besuch nach Hause fahren sollte.“

„Mit 16 war ich mal an einem Samstagmorgen um 5.30 Uhr auf dem Weg zur Arbeit. Ich lief durch die Stadt, der Wochenmarkt wurde gerade aufgebaut. An der Stadtkirche merkte ich plötzlich, dass jemand hinter mir lief. Er holte auf und fragte mich nach einer Zigarette, ich gab ihm eine. Dann fragte er völlig unvermittelt: ‚Bock auf Sex?‘ Ich verneinte erschrocken und dann zog er ein Messer und befahl mir mitzukommen. Ich hatte großes Glück, dass auf der anderen Straßenseite der Zigarettenautomat aufgefüllt wurde, nach mehreren Hilfeschreien half mir der Auffüller. Der Witz ist, dass der Typ sturzbetrunken war. Eigentlich hätte ich mich selbst wehren können, Aber man ist regelrecht steif vor Angst. Ich hatte Glück und bin haarscharf einer Vergewaltigung entkommen.“

„Ich wurde auch schon bis nach Hause verfolgt. Das war früh um Sieben. Es ging mehrere Tage lang, bin ohne Pfefferspray dann nicht mehr raus. Das hörte erst auf, als mein Freund sich frei nahm, heimlich hinterher lief und den Mann zur Rede stellte.“

„Ich war ungefähr 18 und hab an dem Tag in der Schulpause Zeitungen ausgetragen.

Ich wollte auf dem Rückweg eine Abkürzung nehmen und ging durch einen Gang. Dabei sah ich im Augenwinkel einen Mann, dachte mir aber nichts dabei. Als ich näher kam, sah ich dann, dass er seine Hose ein gutes Stück runtergezogen hatte und masturbierte. Er ging dann einen Schritt auf mich zu und fragte mich, ob ich nicht behilflich sein könnte. Hab sofort vor Schock angefangen zu heulen und bin nach Hause GERANNT.“

„Mit 16 haben mich fünf besoffene Männer in der Straßenbahn bedrängt, helllichter Tag, keiner hat geholfen. Ich hab einem mein Knie zwischen die Beine gerammt und die Notbremse gedrückt. Mit 17 war ich im Bus sehr früh morgens eingenickt. Beim Aufwachen sitzt neben mir ein Typ, glotzt mich an und rubbelt sich einen.“

„Ich war mal auf einer Party, ich glaube, ich war 14 oder 15 Jahre alt.

Ich bin irgendwann raus gegangen und dann kam plötzlich ein gefühlt zwei Meter großer Mann aus dem Gebüsch gesprungen und packte mich am Arm. Er sagte zu mir: ‚Komm mit, du willst das doch auch!‘ Ich habe geschrieen: ‚Lass mich los!‘ Aber keiner hat mich gehört. Er zog mich einfach mit sich. Irgendwie hab ich es geschafft, ihn fest zu treten und mich loszureißen. Danach bin ich einfach nur gerannt. Habe dann bei meinem Schulkameraden übernachtet. Ich habe mich damals nicht getraut, meiner Familie davon zu erzählen.”

„Da wo ich gelebt habe, hat man vieles erlebt. Deswegen bin ich da etwas abgehärtet und es muss viel passieren, bis ich Angst bekomme. Allerdings habe ich auch ein Messer dabei, welches ich zur Not auch einsetzen würde. Nur gegen eine Waffe würde es mir nichts bringen. Ich wohne allerdings mittlerweile woanders und hier ist das alles entspannter. Das Messer bleibt aber weiterhin mein Begleiter.“

„Ganz ehrlich, welche Frau kennt keine Situation, in der sie nicht einmal bedrängt, gegen ihren Willen angefasst oder sexistisch angemacht wurde.“

Erfahrungen zeigen: Straßen müssen für Frauen sicherer werden

Die Ängste und Erfahrungen, die die Frauen aus unserer Community teilen, zeigen deutlich, dass die Sicherheit von Frauen ein Problem ist, dem wir uns stellen müssen. Dadurch, dass endlich immer mehr offen und öffentlich über ihre Erlebnisse sprechen, erhöht sich auch der Druck auf die Regierungen. Es wird Zeit, dass die Politik sich dieser Aufgabe annimmt und konsequent gegen Gewalt vorgeht.

Aber wie könnten die nächtlichen Straßen für Frauen sicherer werden? Weltweit gibt es dafür schon längt vielversprechende Konzepte, wie der Spiegel berichtet. Diese sehen eine ausreichende Beleuchtung auf Plätzen und in Parks vor, gut einsehbaren Straßen, Bus- und Bahnstationen. Aber auch mit speziellen Trainings für Busfahrer und Polizisten sollen Übergriffe verhindert werden. Außerdem wird die Nutzung von Apps vorgeschlagen, mit denen sich Nutzerinnen sichere Routen durch die Stadt anzeigen lassen oder Vorfälle melden können.

Hinschauen statt wegsehen

Doch nicht nur politisch, auch gesellschaftlich scheint eine Veränderung bitter notwendig. Denn immer wieder haben die Frauen aus unserer Community erzählt, dass Umstehende nicht eingriffen. Oft ist es die gefühlte Hilflosigkeit, die einen Übergriff besonders schlimm macht und den Betroffenen das Gefühl gibt, alleine zu sein.

Vielleicht sollten wir uns deswegen alle noch mal bewusst machen, wie wichtig es ist, hinzuschauen anstatt wegzusehen!

Lena Krause

Ich lebe mit meinem kleinen Hund Lasse in Hamburg und bin dort immer gerne im Grünen unterwegs.

Auch wenn ich selbst noch keine Mama bin, gehören Babys und Kinder zu meinem Leben dazu. Meine Freundinnen machen mir nämlich fleißig vor, wie das mit dem Mamasein funktioniert und ich komme als „Tante Lena“ zum Einsatz.

Seit ich denken kann, liebe ich es, zu schreiben – und bei Echte Mamas darf ich mich dabei auch noch mit dem schönsten Thema der Welt auseinandersetzen. Das passt einfach!

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