Entthronung der Erstgeborenen: „Sie kniff das Baby in den Arm.“

Die vierjährige Emma hat sich so sehr ein Geschwisterchen gewünscht. Den Eltern war natürlich klar, dass es für Emma trotzdem nicht leicht würde, Mama und Papa plötzlich tatsächlich teilen zu müssen. Doch wie extrem sich Emmas Enttäuschung nach der Geburt ihres kleinen Bruders Karl entwickelte, hat unsere Echte Mama Katharina dann doch kalt erwischt:

„Am Anfang war sie ganz verliebt in den Kleinen.

Ich glaube, sie hat in Karl erst einmal so etwas wie ein neues Kuscheltier gesehen, dass sie knuddeln und herumtragen kann.

Sie kam natürlich sehr schnell dahinter, das Babys kein Spielzeug sind, das man beiseite legen kann, wenn man keine Lust mehr darauf hat. Dass sie ganz viel Aufmerksamkeit brauchen – und auch bekommen: tragen, stillen, trösten,… Da musste Emma, unsere kleine Große, oft zurückstecken. Vor allem während meiner Elternzeit, in der ich mit den beiden oft alleine war.

An den Wochenenden bemühte sich mein Mann, mit Emma tolle Sachen nur für ,Große` zu machen, in denen ihre Wünsche die Hauptrolle spielten, während ich das Baby stillte und wickelte. Doch das reichte wohl nicht, um auszugleichen, was im Alltag zu kurz kam.

Plötzlich entwickelte sie eine rasende Wut.

Erst machte sie uns Vorwürfe: ,Ihr habt mich gar nicht mehr lieb.` Dann richtete sich ihr Ärger gegen Karl: ,Wann geben wir den endlich wieder zurück?` Manchmal sagte sie so fiese Sachen über ihn, dass mir der Kragen platzte und ich ihr nicht gerade bedürfnisorientiert geantwortet habe. Mein Schlafmangel und ihre Zornesausbrüche ergänzten nicht gut.

Mir schien es, als würde sie mich ausgerechnet immer dann mit unzähligen Forderungen befeuern, wenn ich sie wirklich nicht erfüllen konnte, weil ich etwa gerade angefangen hatte, zu stillen oder zu wickeln. Vermutlich wollte sie damit nur meine Aufmerksamkeit wecken, aber ich schlich nur noch wie ein überforderter Zombie durch die Tage.

Doch dann kam der Tag, an dem ein lautes Weinen mich an Karls Kinderbettchen rief, der doch gerade erst eingeschlafen war. Nach einer durchwachen Nacht und Koliken war ich so dankbar dafür gewesen, ihn eine Weile ablegen zu können. Als ich zu ihm eilte, schlich gerade Emma aus seinem Zimmer. Ihre leicht erschrockene Miene verriet mir, dass sie ein schlechtes Gewissen hatte.

Diesmal war ich diejenige, die viel zu wütend wurde.

,Was hast du da gemacht?`, schnauzte ich sie an, während ich Karl auf den Arm schuckelte. An seinem Arm war eine Stelle dunkelrot verfärbt.  ,Nichts!?`, hat sie behauptet. Aber ich wusste, dass sie mich anlog. Ich schimpfte weiter, bis sie zugab, ihn gekniffen zu haben. Ich war so tief erschöpft. Deshalb konnte ich in diesem Moment Emmas Leid nicht sehen, sondern war einfach nur sauer auf sie, weil sie ein kleines unschuldiges Baby verletzten wollte.

Hinterher ärgerte ich mich vor allem über mich selbst, weil es mir offensichtlich nicht gelang, beiden gerecht zu werden. Ich habe mich deshalb bei Emma für meine laute Reaktion entschuldigt und versucht zu erklären, wie es mir geht. Dass ich beide gleich lieb habe, aber das Baby mich gerade so doll braucht. Dass ich weiß, dass sie mich auch braucht und ich das nicht immer perfekt schaffe, mir aber wirklich Mühe gebe. Irgendwann liefen mir auch die Tränen herunter, worüber sie ganz schön erschrak.

Ich wünschte, ich hätte einen tollen Life-Hack gefunden.

Dann würde ich ihn hier gerne mit euch teilen. Nach dem Vorfall in Karls Zimmer lief es zwar besser, aber insgesamt hat es doch noch mindestens ein Jahr gedauert, bis wir uns als Familie zu viert einigermaßen eingependelt haben. In der Zeit haben wir viel ausprobiert, aber letztendlich hat uns wohl vor allem die Zeit geholfen. Irgendwann haben wir alle wieder besser geschlafen und waren schon dadurch ausgeglichener.

Nach zehn Monaten ging ich außerdem wieder arbeiten, und mein Mann in Elternzeit. Er war noch nicht so aufgerieben von den dauernden Auseinandersetzungen, weswegen er entspannter mit ihnen umgehen kann. Das hat uns allen gut getan. Er übernahm auch Karls Eingewöhnung in die KiTa – und da ich nicht mehr stillte, konnte er mich auch zum Beispiel beim Füttern prima ersetzen. So konnte ich endlich wieder mehr für Emma da sein. Inzwischen ist Karl zwei Jahre alt und die beiden zoffen und lieben sich – wie ganz normale Geschwister.“

Liebe Katharina, danke, dass du deine Erfahrungen so offen mit uns geteilt hast. Und jetzt erzählt ihr doch mal, falls ihr mehrere Kinder habt. Große Liebe oder Dauerzoff? Und habt ihr eventuell Tipps für die Anfangszeit?

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Jana Stieler

Ich lebe mit Mann und Sohn im Süden Hamburgs – am Rande der Harburger „Berge“ (Süddeutsche mal kurz weghören: Der höchste Punkt misst immerhin sagenhafte 155 Meter ü. M.). Wenn ich nicht gerade einen Text verfasse, liebe ich Outdoor-Abenteuer mit meiner Familie, lange Buch-Badewannen-Sessions mit mir allein und abendliches Serien-Binge-Watching.

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