„Du kannst jederzeit gehen!“ Dieser Satz ihrer Mama machte ein kleines Mädchen stark

Der jährliche „Schlaf-Tag“ im Kindergarten oder die Übernachtungs-Party bei einer Freundin: Was für andere Kinder immer ein echter Hit war, stand mir in dem Alter wochenlang bevor. Ich weiß nicht warum, aber lange mochte ich nicht woanders schlafen als zu Hause. Zumindest nicht ohne meine Mama und meinen Papa.

Zum Glück war das meinen tollen Eltern – trotz all der Lästereien von Omas und Bekannten – schnurzpiepegal. Sie holten mich spätabends aus dem Kindergarten ab. Sie sagten ohne mit der Wimper zu zucken Mamas ab, die anfragten, ob ich nicht doch mal bei ihrer Tochter schlafen wolle. Und sie wollten mich nie überreden, doch zu bleiben oder haben über mich gelacht. Ich bin ihnen bis heute dankbar, dass sie so selbstverständlich hinter mir standen. Und irgendwann hatte sich dieses „Problem“ natürlich sowieso von alleine erledigt.

Ähnliche Erfahrungen hat Erynn Brook gemacht. Auf Twitter hat sie eine Anekdote aus ihrer Kindheit erzählt, die sie bis heute prägt. Und zwar im positivsten Sinne!

 

 

„Ich war etwa sieben Jahre alt und ich glaube, es war das erste Mal, dass ich bei einer Freundin übernachten sollte. Bevor ich ging, erklärte Mama mir, dass ich sie immer anrufen könnte, wenn ich mich aus irgendeinem Grund unwohl fühlen würde. Sie würde mich jederzeit abholen. Sogar, wenn es mitten in der Nacht sein sollte.“

Und tatsächlich (Erynn erinnert sich nur noch vage daran, dass ihre Freundin fies zu ihr war) rief sie ihre Mama an und bat sie, sie abzuholen. Zu nachtschlafender Zeit  und obwohl die Mutter ihrer Freundin sie regelrecht bedrängte, es nicht zu tun. Ihre Freundin würde dann doch gaaaanz traurig sein, sie könne ja auch auf der Couch schlafen, sie solle ihre arme Mama doch jetzt nicht extra wecken…

 

„Als ich meine Mutter am Telefon hatte, sagte ich nur: ,Hi, Mum!´. Und sie sagte ,Möchtest du, dass ich dich hole? Dann bitte doch die Mutter deiner Freundin, dass sie dir beim Packen hilft und zieh deinen Mantel an. Ich bin gleich da.`“ Als Erynns Mama in ihrem Pyjama vor der Tür stand, entschuldigte sich die Gastgeber-Mama bei ihr. Eyrnns Mama sagte: „Entschuldigen Sie sich nicht. Es ist okay, ich möchte, dass meine Tochter weiß, das ich immer für sie da sein werde und dass sie gehen kann, wenn ihr eine Situation unangenehm ist.“

Und genau diese zwei Dinge lernte Erynn in dieser Nacht: Ihre Mama steht hinter ihr – und es ist völlig in Ordnung, zu gehen, wenn man sich nicht wohlfühlt.

„Was meine Mutter mir beigebracht hat, war wichtig. Und es war für damalige Ansichten ziemlich radikal – eigentlich ist es das noch heute… Ich denke, die Mama meiner Freundin, die sich entschuldigt hat – das ist eher die Norm: ,Komme damit klar, mache niemandem Ärger, schlafe schnell weiter, es ist ja bald vorbei, ruiniere es jetzt nicht alles!`“

Sie beschreibt anhand vieler Situationen, wie ihre Mutter sie ihre ganze Kindheit und Jugend durch darin bestärkt hat, ihre eigenen Grenzen zu erkennen und zu schützen. Auch, wenn dies erforderte, zu gehen und jemanden vor den Kopf zu stoßen.


Auf ihren Tweet bekam Erynn Brook viele, viele Reaktionen – die in sehr verschiedene Richtungen gehen. Einige ihrer Follower schreiben, sie wünschten sich, sie hätten diese Einstellung schon so früh im Leben mit auf den Weg bekommen wie Erynn. Es hätte sie vor einigen Situationen schützen können, in denen sich ausgeliefert und elend gefühlt haben.

Andere meinen dagegen, dass Menschen schon früh lernen sollten, dass man manchmal im Leben auch unangenehme Situationen aushalten müsse.

Ich bin der Meinung, dass Letzteres doch gar nicht der Punkt ist, um den es hier geht. Natürlich müssen wir uns manchmal durchbeißen, natürlich müssen wir auch Dinge tun, die uns nicht gefallen. Ich bin die Letzte, die diese Meinung nicht teilt.

Aaaber: Ich glaube nicht, dass Erynns Mutter ihr erlaubt hat, nicht zur Schule zu gehen oder keine Ausbildung zu machen, weil sie keine Lust hatte o. ä. Immer den leichtesten Weg zu wählen, das ist hier nicht gemeint. Und es geht auch sicher nicht darum, eine Ich-bezogene Person zu werden, die ihren Willen stets divenhaft durchsetzt.

Es geht vielmehr um unsere persönlichen Grenzen und darum, wie oft wir diese überschreiten, um andere nicht zu enttäuschen oder nicht unangenehm aufzufallen. Um nicht die Partybremse zu sein, alle Blicke auf sich zu ziehen oder das Date nicht enttäuschen. Aus Angst vor höhergestellten oder dominanteren Personen. Dieses „mitspielen“ kann im besten Fall etwas nervig und ärgerlich sein. Oder sich so richtig schlimm anfühlen. Oder aber sogar zu traumatisierenden Situationen führen.

Deswegen sollten wir unseren Kindern ebenfalls das Bewusstsein mitgeben, dass es wundervoll ist, nett zu sein und anderen gerne ein gutes Gefühl zu geben – sich selbst dabei aber nie zu vergessen.  Dass es okay und wichtig ist, auch mal „unbequem“ zu werden und Menschen zu enttäuschen, wenn es denn die eigene Seele schützt.

Denn ist das nicht ein tolles Selbstbild, das wir unseren Kindern mit auf den Weg geben können? (Und, nicht zu vergessen, uns dabei gleich selbst auch noch verinnerlichen könnten!)

Man kann jederzeit gehen.

Laura Dieckmann

Als waschechte Hamburgerin lebe ich mit meinem Freund und unserer vierjährigen Tochter in der schönsten Stadt der Welt – Umzug ausgeschlossen! Bevor das Schicksal mich zu Echte Mamas gebracht hat, habe ich in verschiedenen Zeitschriften-Verlagen gearbeitet. Ich mag leckeres Essen, laute Rockmusik und ab und zu sogar ein bisschen Sport.

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