„Du hast doch zwei Stunden Pause, wenn das Kind Mittagsschlaf macht.“

„Das Kind macht doch zwei Stunden Mittagsschlaf – so eine lange Pause hätte ich auch gerne.“

Ein Satz wie dieser beschreibt, wie unterschiedlich die Wahrnehmung von Elternschaft sein kann.

Jeder Elternteil, der schon mal mehr als zwei Monate am Stück alleine oder hauptsächlich  Carearbeit geleistet hat, weiß, dass ein schlafendes Kind nicht automatisch Pause bedeutet.

Doch wenn ein Elternteil dieser Überzeugung ist, verwundert es wenig, wenn eine gleichberechtigte Aufteilung der Elternschaft nicht gelingt. Kurz vorneweg: Eine gleichberechtigte Elternschaft besteht dann, wenn beide Eltern nicht automatisch Aufgaben aufgrund ihres Geschlechtes oder einer bestimmten Rollenerwartung übernehmen. Das bedeutet z.b., dass Mütter nicht automatisch für Kochen, Putzen, Kinder betreuen verantwortlich sind, „weil Mütter das nun mal machen“ und Väter nicht automatisch für sämtliche Reparaturen im Haushalt zuständig sind. Eine Grundvoraussetzung für eine gleichberechtigte Elternschaft ist, dass ein Dialog darüber stattgefunden hat, wer welche Aufgaben der Haus- und Carearbeit übernimmt. Doch warum gelingt eine gleichberechtigte Elternschaft so oft nicht und lässt Eltern (besonders Mütter) frustriert zurück?

Warum ist es so schwer, sich gleichberechtigt aufzuteilen?

Auch heute noch ist unser gesellschaftliches System danach ausgerichtet, dass Frauen den Großteil der unbezahlten Haus- und Carearbeit übernehmen, während Männer die Verantwortung für die Erwerbsarbeit haben. Ein Hinweis darauf ist beispielsweise, dass es für viele angestellte Väter problematisch wird, wenn sie mehr als zwei Monate Elternzeit oder gar Teilzeit zugunsten der Kinderbetreuung einreichen. Als ähnlich ungewöhnlich wird es wahrgenommen, wenn eine Mutter nicht weiß, ob das Kind bei der U7 etwas zeichnen musste oder nicht – weil nicht sie es war, die den Termin mit dem Kind wahrgenommen hat, sondern der Vater. Diese Rollenerwartungen an Mütter und Väter sind nach wie vor gefestigt in unserer Gesellschaft.

Elternpaare, die sich gleichberechtigt aufteilen und diese Rollenerwartung durchbrechen, fallen auf, denn sie arbeiten gegen das System. Sie haben einen Haufen bewusste Entscheidungen zu treffen, tragen den ein oder anderen Kampf aus (z.B. mit dem Arbeitgeber) und führen diverse Diskussionen (z.B. mit der Nachbarin, die nicht versteht, „warum eine Mutter ein Kind bekommt, um dann direkt wieder arbeiten zu gehen“). Eine gleichberechtigte Elternschaft läuft nicht von alleine, sie erfordert Arbeit und viel (stetigen) Dialog.

Wie Eltern in die klassische Rollenverteilung rutschen

Das erste Problem, vor dem werdende Eltern stehen, ist, dass sie in der Regel bis zur Geburt davon überzeugt sind, komplett gleichberechtigt zu sein. Dass sie das nicht sind, wird Eltern meist einige Zeit nach der Geburt bewusst. Dann trifft die meisten der so genannte Patriarchatsschock – Mütter meist früher und härter. Bereits in den ersten Lebensmonaten des Kindes legt sich der Grundstein für die Aufteilung der Elternschaft. Der Elternteil, der in dieser Zeit hauptsächlich die Betreuung des Kindes übernimmt (fast immer die Mutter), baut sich einen Kompetenzvorsprung auf. Auch die Betreuung des eigenen Kindes braucht Übung und Routine. Dieser Kompetenzvorsprung festigt sich über die Zeit („Es geht einfach schneller, wenn ich das Kind wickele“). Irgendwann fällt auf, dass es automatisch und unabgesprochen die Mutter ist, die zu Beikosteinführung recherchiert, die den Überblick darüber hat, ob genügend Windeln im Haus sind und von welcher Kleidergröße bald dringend Nachschub benötigt wird.

Was hat gleichberechtigte Elternschaft mit Mental Load zu tun?

Die meisten werdenden Eltern unterschätzen, wie sehr die mentale Last – oder der „Mental Load“ – durch die Elternschaft steigt. Elternschaft kommt einem umfassenden Projektmanagement gleich, das viele kleine Prozessunterschritte beinhaltet und eine enorme emotionale und mentale Anstrengung mit sich bringt. Die vielen kleinen Prozessunterschritte, die Eltern im Kopf haben müssen, damit der Alltag reibungslos funktioniert, sind zum Einen sehr belastend für das Gehirn, zum Anderen sind sie meist unsichtbar. Ein einfacher Kinderarztbesuch umfasst beispielsweise nicht nur den Besuch an sich. Er umfasst das telefonische Vereinbaren des Termins (Wie oft sind die Leitungen bei Kinderarzt oder -ärztin eigentlich belegt?), eventuelles Umorganisieren umliegender Termine, Heraussuchen und Einstecken von Versichertenkarte, U-Heft, Impfausweis, Wechselkleidung, Wartebeschäftigung für das Kind. Kurz vor dem Termin wird sichergestellt, dass das Kind satt, sauber und ausgeschlafen ist. Dann erst folgt der eigentliche Kinderarztbesuch.

All diese nötigen Prozessunterschritte vor dem Kinderarztbesuch stehen in der Regel auf keiner to-do-Liste. Sie sind im Kopf des verantwortlichen Elternteils.

Abgesehen von den vielen Prozessunterschritten, die unsichtbar sind, ist noch ein weiterer großer Bereich der Carearbeit unsichtbar: die emotionale Arbeit. Wenn ein Elternteil den fünften kindlichen Emotionssturm des Tages begleitet, sind die Energieressourcen definitiv irgendwann leer. Und was sieht man davon am Ende des Tages? Nichts. Die Wohnung ist davon nicht aufgeräumt, kein Essen gekocht, nicht eingekauft. Und das unangenehme Gefühl „nichts geschafft zu haben“ macht sich breit – und das, obwohl man einen so wichtigen Beitrag zur Entwicklung des Kindes beigetragen hat.

Der Mental Load der Elternschaft ist in vielen Fällen ungleich verteilt – fast immer zum Nachteil der Mutter. Das liegt zum Einen an dem Kompetenzvorsprung, den sie sich meist in den ersten Wochen nach Geburt aufbaut, zum Anderen liegt es an den Rollenerwartungen an Mütter und Väter.

5 Tipps zur gleichberechtigten Aufteilung

Auch wenn es eine wirkliche Herausforderung ist, sich als Elternpaar gleichberechtigt aufzuteilen, so ist es doch möglich. Hier sind fünf Tipps, mit denen die Aufteilung besser klappt:

    1. Haus- und Carearbeit sichtbar machen: So lange Aufgaben unsichtbar sind, können sie nicht aufgeteilt werden. Fangt an, alle Aufgaben aus Haus- und Carearbeit aufzuschreiben und zu sammeln. Auch die Dinge aufschreiben, an die „nur“ gedacht werden muss (z.B. Wechselkleidung für Kita einpacken).
    2. Verantwortung teilen (und nicht nur die Ausführung von Aufgaben): Um Sätze zu vermeiden wie „Hättest du mir doch mal gesagt, dass wir Windeln brauchen. Ich hätte nach der Arbeit welche eingekauft“, lohnt es sich, Verantwortungspakete aufzuteilen. So hat ein Elternteil beispielsweise die Verantwortung „Einkaufen“. Das beinhaltet sowohl das Überwachen von Vorräten (Was geht zu Neige?), das Planen der Aufgabenausführung (Wann muss ich spätestens einkaufen gehen, bevor wir ein Problem bekommen?), als auch die Aufgabenausführung selbst (das Einkaufen). Mit der Verteilung von Verantwortung verhindern Eltern, dass der Mental Load doch weiterhin bei einer Person bleibt.
    3. Regelmäßiger Austausch: Eine gleichberechtigte Elternschaft hat keinen Zielzustand. Sie erfordert einen stetigen Dialog, viel mehr Dinge müssen besprochen und abgestimmt werden als bei einer klassischen Rollenverteilung. Was hilft sind feste, regelmäßige Termine (z.B. einmal pro Woche), die der reinen Abstimmung dienen.
    4. Wohlwollen und gegenseitiges Verständnis: Ein Punkt, der einer gleichberechtigten Elternschaft sehr oft im Weg steht, ist Groll oder Wut gegen den Partner oder die Partnerin. Dieser Groll ist eine der größten Blockaden für die gleichberechtigte Elternschaft. Auch wenn sich ein Elternteil unfair behandelt, unverstanden und im Stich gelassen fühlt, so kann doch den meisten Paaren unterstellt werden, dass sie dem jeweils anderen nichts Böses wollen. Die gesamtgesellschaftliche Ungleichberechtigung zeigt sich auf individueller Paarebene. Dabei nach der oder dem Schuldigen zu suchen ist kontraproduktiv.
    5. Üben und einkalkulieren, dass eine veränderte Aufteilung Zeit braucht: Die Ausübung von Haus- und Carearbeit braucht Übung und Routine. Wer viel übt, wird besser. Das bedeutet auch, dass eine veränderte Aufteilung, die eine Übernahme von weniger bekannten Aufgaben und Verantwortung mit sich bringt, Zeit und Übung braucht. Kalkuliert das ein und besprecht regelmäßig, was wie verbessert werden kann und sollte.

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Liebe E-Lou Falkenberg, danke für deinen wertvollen Gast-Text!

E-Lou Falkenberg

E-Lou Falkenberg Foto: privat

E-Lou Falkenberg ist Psychologin und systemischer Paarcoach mit Fokus auf gleichberechtigte Elternschaft. Durch ihren Podcast „Gleich & Gleich gesellt sich gern“, Onlinekurse und Beratung unterstützt sie Eltern dabei, in eine verständnisvolle und gleichberechtigte Partnerschaft zu finden. Seit Dezember 2021 gibt es außerdem ihren Ratgeber „Faire Elternschaft“ als Printversion zu kaufen. Sie ist verheiratet und Mutter von drei (bald vier) Kindern und weiß aus eigener Erfahrung wie herausfordernd der Weg in eine gleichberechtigte Partnerschaft sein kann.

Kontakt und weitere Infos unter www.eloufalkenberg.de

 

Dieser Text erschien im Rahmen der Mental Load-Woche, die vom Echte Mamas-Club präsentiert wird.

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Laura Dieckmann

Als waschechte Hamburgerin lebe ich mit meiner Familie in der schönsten Stadt der Welt – Umzug ausgeschlossen! Bevor das Schicksal mich zu Echte Mamas gebracht hat, habe ich in verschiedenen Zeitschriften-Verlagen gearbeitet. Seit 2015 bin ich Mama einer wundervollen Tochter.

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