„Der Tod meines Kindes hat mir auch meinen Glauben genommen.“

Triggerwarnung

Der folgende Beitrag erzählt die Geschichte einer Mutter, die ihr Kind verloren hat. Wenn du dich nicht mit Themen wie Trauer, Tod und Verlust auseinandersetzen möchtest, solltest du diesen Text nicht lesen.


„Ich bin Susanne, 38 Jahre alt und ich habe vor 10 Jahren meine Tochter verloren. Sie starb mit nicht einmal sechs Monaten und hat ein tiefes Loch in meinem Herzen hinterlassen. Ihr Tod hat mich und mein Leben grundlegend verändert, auf eine Art und Weise, die ich selbst nie geahnt hätte.

Ich bin sehr christlich aufgewachsen.

Meine Familie lebte in einem kleinen Dorf, in dem die Kirche noch ein fester Bestandteil des sozialen Lebens war. Selbstverständlich wurde ich, wie alle Kinder in der Nachbarschaft, getauft und konfirmiert und besuchte regelmäßig die Gottesdienste. Jeden Abend sprachen wir nach dem Abendbrot gemeinsam ein Gebet, was ich immer als sehr tröstlich empfunden habe.

Meine Mutter hat uns oft Bibelpassagen vorgelesen und ist in der Gemeinde bis heute sehr aktiv. Auch wenn sich mein Glauben über die Jahre etwas veränderte und ich vieles eher symbolisch auslegte, hat es auch mir damals Zuversicht und Hoffnung gegeben, an Gott zu glauben. Ich habe sogar eine zeitlang überlegt, Religion zu studieren, habe mich aber letztendlich dagegen entschieden.

Als mein Mann und ich heirateten, war für uns beide wichtig, dass es eine kirchliche Trauung wird.

Ich erinnere mich noch genau daran, wie ich begleitet von meinem Vater zum Altar schritt und mir sicher war, dass es richtig ist, mein Schicksal in Gottes Hände zu legen und auf ihn zu vertrauen. Kurz nach der Hochzeit wurde ich schwanger und wir waren sehr glücklich. Nach der Geburt meiner Tochter fühlte ich mich Gott näher verbunden als jemals zuvor. Sie war wie ein Geschenk des Himmels. Für ein solches Wunder musste es doch eine überirdische Erklärung geben.

Als mein kleiner Engel drei Monate alt war, wurde sie getauft. Meine ganze Familie war dabei, es war ein wunderschönes und wichtiges Fest für uns alle. Nun war mein Mädchen Teil unserer Glaubensgemeinschaft, was könnte ihm noch geschehen? Ich war überzeugt davon, dass der Herr im Himmel die Hand über mein Kind halten würde.

Nur wenige Monate später überschlugen sich die Ereignisse.

Meine Tochter, mein größter Glück, wurde krank. Sie hatte eine sehr aggressive Krebsform und wurde nicht einmal ein halbes Jahr alt. Ich habe in der Kirche für sie gebetet, habe gefleht und gebettelt, dass ich mein geliebtes Kind nicht hergeben muss, aber sie wurde mir trotzdem genommen. Gemeinsam mit meinem Mann musste ich eine Beerdigung planen und konnte nicht wirklich begreifen, dass wir tatsächlich unser kleines Mädchen zu Grabe trugen.

Die erste Zeit nach ihrem Tod fühlte ich mich wie betäubt, ich funktionierte nur noch. Der Pastor, der die Grabrede hielt, war der selbe, der sie nur Wochen zuvor getauft hatte. Seine Rede war schön, die Menschen weinten und drückten mir mitfühlend die Hand. In den Wochen danach kamen der Pastor und andere Mitglieder der Gemeinde oft zu uns, um Essen vorbeizubringen und zu reden. Dafür bin ich ihnen sehr dankbar, das hat mir damals Halt gegeben.

Und trotzdem verlor ich jeden Glauben an Gott.

Je mehr die Taubheit verflog und ich die Härte des Verlustes mit voller Wucht zu spüren bekam, desto weniger konnte ich die typischen christlichen Phrasen ertragen. ‚Dein Kind ist jetzt an einem besseren Ort‘, ‚Der liebe Gott hat einen höheren Plan‘, ‚Wen Gott besonders liebt, den holt er früher zu sich‘. Selbst beim Einkaufen war ich nicht sicher davor: Einmal sagte mir eine Nachbarin an der Supermarktkasse, dass meine Tochter nun ein Engel im Himmel sei, der mich von oben beobachten würde.

Während solche Vorstellungen den Menschen um mich herum etwas zu geben schienen, fühlten sie sich für mich nur hohl an. Meinen Schmerz konnte es nicht lindern, dass Gott einen höheren Plan hat, den ich nicht verstehe. Keiner dieser Sätze machte die unerbittliche Realität für mich weniger schrecklich. Während andere Mütter ihre Babys in den Armen wiegen konnten, war mir meines durch eine grausame Krankheit entrissen worden.

Doch wenn ich mich entsprechend äußerte, schaute ich oft in besorgte Gesichter.

Noch schlimmer waren diejenigen, die mich nur ratlos ansahen, wenn ich mit ihrem christlichen Zuspruch nichts anfangen konnte. Es machte mich wütend. Nichts konnte für mich die eine brennende Frage nach dem ‚Warum‘ beantworten: Warum meine Tochter? Ich wurde wütend, wütend auf Gott, die Religion, die ganze Welt.

Heute ist die Wut längst verflogen. Ich verstehe es, dass Menschen Halt und Trost im Glauben finden, wenn sie einen geliebten Menschen verlieren. Die Vorstellung, von einem besseren Leben in den Armen von Gott, ist tröstlich. Genau wie die Hoffnung, dass letztendlich alles einen Sinn hat, auch wenn wir ihn nicht direkt erkennen können. Doch ich musste feststellen, dass es für mich nicht funktioniert, nicht mehr.

Heute wirken die Erzählungen aus der Bibel auf mich wie ein altes Märchen.

In naiven, längst vergessenen Jahren haben sie mir Halt gegeben und glückliche Zeiten in der Glaubensgemeinschaft geschenkt. Aber dann hat mich das Schicksal gezwungen, wirklich erwachsen zu werden. Nun brauche ich keinen Gott mehr, der die Hand über mich hält, denn das Schlimmste, was einem Menschen passieren kann, ist mir bereits passiert.

Anders als meine Familie immer gedacht hat, ist der Glaube an Gott bis heute nicht zu mir zurückgekehrt. Mittlerweile führe ich ein Leben, indem ich nicht auf eine höhere Macht, sondern auf mich vertraue. Ein Leben ohne die Kirche und den Glauben an Gott.”


Liebe Susanne, vielen Dank für deine Geschichte. Wir wünschen Dir und Deiner Familie alles Liebe für die Zukunft!

Diese Echte Geschichte protokolliert die geschilderten persönlichen Erfahrungen einer Mama aus unserer Community.

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Lena Krause

Ich lebe mit meinem kleinen Hund Lasse in Hamburg und bin dort immer gerne im Grünen unterwegs.

Auch wenn ich selbst noch keine Mama bin, gehören Babys und Kinder zu meinem Leben dazu. Meine Freundinnen machen mir nämlich fleißig vor, wie das mit dem Mamasein funktioniert und ich komme als „Tante Lena“ zum Einsatz.

Seit ich denken kann, liebe ich es, zu schreiben – und bei Echte Mamas darf ich mich dabei auch noch mit dem schönsten Thema der Welt auseinandersetzen. Das passt einfach!

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