„Der Kaiserschnitt wurde gegen meinen Willen durchgeführt.“

Ich möchte meine belastenden Erfahrungen während der Geburt meiner Tochter mit euch teilen. Für mich war es keine schöne Geburt, das vorweg. Trotzdem möchte ich davon erzählen, weil es mir wichtig ist, dass meine Erlebnisse nicht kleingeredet werden.

Am 11. September hatte ich eine normale Vorsorgeuntersuchung im Geburtshaus. Dort sollte unsere Tochter um den 23. Oktober auch das Licht der Welt erblicken, ganz bewusst habe ich mich gegen eine Krankenhausgeburt entschieden. Ich freute mich schon sehr auf den Tag, auf jede einzelne Wehe, den intimen Moment nur mit meinem Mann und ab und zu einer verlässlichen Hebamme.

Es sollte wunderbar werden.

Eine Geburt im Krankenhaus erschien mir zu unpersönlich und zu steril, um dort ein neues Leben zu beginnen. Doch an dem Tag im Geburtshaus hatte ich ein komisches Gefühl, irgendetwas war anders. Ich hatte seit ein paar Tagen untere Rückenschmerzen und auch vorne begann es vermehrt zu ziehen. Aber meine Hebamme beruhigte mich, es handelte sich ihrer Meinung nach um normale Übungswehen. In dieser Phase der Schwangerschaft, ich war in der 35. Woche, ganz normal.

Auch bei der Untersuchung fiel nichts auf, außer, dass meine Maus immer noch in Beckenendlage war. Kein Grund zur Beunruhigung, denn bis zur 40. Woche war ja noch Zeit zum Drehen. Mein Plan B stand trotzdem schon einmal griffbereit: Falls sich meine Kleine nicht mehr drehen sollte, würde ich eben im Krankenhaus Nürnberg einen Termin vereinbaren. Dort konnte man zumindest als Erstgebärende eine normale vaginale Geburt bei Beckenendlage haben, was mir sehr wichtig war. Geburtshäuser dürfen nämlich keine Geburt begleiten, wenn eine Beckenendlage bekannt ist.

Zwei Tage später, an einem Sonntag um 22.15 Uhr, platzte dann plötzlich die Fruchtblase.

Ich wurde förmlich überflutet mit einer warmen Flüssigkeit und hielt den Atem an, konnte nicht begreifen, was gerade passiert ist und zwar ganze sechs Wochen zu früh. Ich war beunruhigt und wies meinen Mann harsch an: „Aufstehen, sofort. Meine Fruchtblase ist geplatzt.“ Wir packten trotzdem noch relativ entspannt meine Tasche fertig. Anschließend rief ich im Krankenhaus in Nürnberg an, wo ja eine normale Geburt in Beckenendlage möglich ist.

Die Hebamme dort am Telefon war sehr nett. Sie beruhigte mich erst einmal und sagte, ich solle den Krankenwagen rufen, damit der mich ihm Liegen transportieren könne, aber ganz in Ruhe, es wäre noch genug Zeit. Das machte mir so viel Mut und ich freute mich schon wieder ein wenig.

Ich rief also einen Krankenwagen.

Als der Krankenwagen dann da war, erklärte ich den zwei Männern des Rettungsdienstes, dass sie mich bitte nach Nürnberg bringen sollten, da ich dort mein Kind auf natürlichem Wege bekommen kann. Das Krankenhaus sei schon informiert und erwarte mich. Die Männer sahen mich nur verständnislos an. Das sei nicht möglich, da sie im Umkreis der einzige Krankenwagen sind und nicht so lange weg sein konnten. Ich glaube, in dem Moment entglitten mir sämtliche Gesichtszüge. Die Diskussion war für mich noch nicht vorbei, sie ging erst los.

Leider fiel den beiden jetzt auch auf, dass sie noch auf den Notarzt warten müssten. Sonst dürften sie mit mir gar nirgends hin. Wenigstens brachten sie mich schon einmal in den Krankenwagen. Das Ziehen im Unterleib kam inzwischen immer öfter. Nach einer gefühlten Ewigkeit kam dann auch mal der Notarzt. Er stapfte in den Krankenwagen und sagte mit extrem lauter Stimme (schließlich könnte ich ja schwerhörig sein), dass sie mich sicherlich nicht nach Nürnberg bringen, da das zu weit weg ist. Augsburg wäre aber gerade noch möglich.

Ich versuchte ihm zu erklären, dass mir Augsburg nichts bringt, da man dort nicht auf eine vaginale Geburt in Beckenendlage spezialisiert ist.

Das glaubte er mir nicht. Schließlich sei das eine Uniklinik, die wüssten, wie man damit umgeht und könnten auch einen Kaiserschnitt durchführen. Am liebsten hätte ich geschrien: „ICH WILL KEINEN KAISERSCHNITT, IHR VOLLIDIOTEN!!!“ Aber ich merkte langsam, dass es aussichtslos war.

Hier verstand mich niemand. Und ich hatte inzwischen auch keine Kraft mehr für weitere Diskussionen, zumal die Wehen immer stärker wurden. Also sagte ich resigniert, man solle mich doch jetzt bitte einfach nach Neuburg, dem nächstgelegenen Krankenhaus, fahren. Wären wir übrigens gleich nach Nürnberg losgefahren, als ich den Wunsch geäußert habe, wären wir zeitlich auf das gleiche gekommen. Mein Mann durfte nicht mit im Krankenwagen fahren (danke Corona) und fuhr deswegen hinterher.

Der Weg von uns nach Neuburg ist leider keine Bundesstraße. Ganz im Gegenteil.

Ich merkte jeden Unebenheit der Straße schmerzlich und wurde regelrecht durchgeschüttelt. Total verkrampft versuchte ich mich irgendwo festzuhalten. Der Gurt auf einer Liege bringt da leider nicht viel. Die Wehen kamen immer öfter und wurden auch irgendwie stärker. Als die Strecke dann noch unangenehmer wurde, fragte mich schließlich der Sanitäter, ob er bei der Liege die Federung einschalten sollte. Vielen Dank, das fällt ihm ja früh ein.

Nach einiger Zeit kamen wir endlich zum Stehen und die Tür wurde geöffnet. Wir waren in Neuburg angekommen. Mein Mann war zum Glück auch gleich da. Ich wurde zum Eingang geschoben, wo mir erst einmal ein Stäbchen in den Mund geschoben wurde. Ich sag nur „Corona-Test“. Dann wurde ich weitergeschoben.

Eine Hebamme untersuchte meinen Muttermund – und wurde nervös, denn der war bereits komplett geöffnet.

Meine Wehen kamen und gingen relativ schnell, aber ich war noch recht entspannt. Ich war bereit und wollte mein Kind nun auf die Welt bringen. Ein Arzt untersuchte mich (oder wie mein Mann später sagen würde, wühlte da unten in mir herum) und danach hörte ich zum ersten Mal das Wort, das ich so lange meiden wollte: Kaiserschnitt.

Da war es. So endgültig und ohne weitere stichfeste Erklärung. Ich hatte aber keine Zeit, darüber nachzudenken. Wie mir gesagt wurde, hatte ich inzwischen schon Presswehen, auch wenn ich nicht den Drang hatte zu pressen. Eine sehr energische und unruhige Frau schnauzte mich nur an, ich solle jetzt ja nicht pressen. Der Arzt erklärte mir, dass ich nun einen Wehenhemmer bekäme, da er schon die Füßchen des Kindes ertasten konnte.

Er würde einen Kaiserschnitt machen in Vollnarkose, da das Fruchtwasser schon grün sei.

Hätte er gewusst, wie ich transportiert wurde, hätte ihn das vermutlich nicht gewundert. Ich versuchte aber, auch mit ihm eine Diskussion zu starten und wollte eine Erklärung, warum das jetzt noch nötig ist, wenn mein Kind doch schon fast da wäre. Wenigstens eine Spinalanästhesie sollte doch möglich sein. Ich wollte mein Kind begrüßen können, wenn es schon auf so harte Weise aus meinem Bauch genommen wird. Aber es war nichts mehr zu machen. Die Sache war für alle Beteiligten beschlossen.

Die energische, unfreundliche Frau war wieder da und legte mir in der linken Ellenbeuge einen Zugang. Sie war total nervös und murmelte die ganze Zeit ‚Scheiße, scheiße, scheiße…‘. War das ihr Ernst? Schließlich schaffte sie es. Dann widmete sie sich noch der anderen Ellenbeuge, um Blut abzunehmen, ohne große Erklärung mal wieder. Irgendjemand schob dann mein Bett in den Nebenraum.

Jemand sagte, ich müsse jetzt aufstehen und auf die OP-Liege steigen.

Ich hatte absolut keine Kraft mehr und versuchte das, den Beteiligten zu sagen. Doch da kam nur wieder eine energische Stimme mit „Nicht denken, einfach machen!“ Unter Tränen und unglaublichen Schmerzen versuchte ich aufzustehen und irgendwie auf die Liege zu kommen. Letztendlich habe ich es auch geschafft. Wie? Das weiß ich nicht mehr. Ich weinte nur noch, war am Ende, wollte nur noch aufwachen aus diesem fürchterlichen Alptraum.

Das kann doch jetzt nicht wirklich das Geburtserlebnis sein, auf das ich mich so gefreut habe?

Jemand spritze mir etwas und legte mir eine Maske auf den Mund. Meine Arme wurden zu beiden Seiten gespreizt. Ich sah noch kurz den Arzt unten sitzen und einen kurzen beginnenden Schmerz am Unterbauch, als er zu schneiden begann. Dann war ich weg.

Ich wachte in einem dunklen Raum auf, sah erst einmal niemanden und war orientierungslos.

Doch da drang irgendwo die Stimme meines Mannes zu mir durch. Er kam zu mir an die Seite. Langsam wusste ich auch wieder, was gerade geschehen war. Ich fragte ihn zuerst, wie es unserem Kind geht und er sagte, dass alles gut sei. Er zeigte mir auch ein Bild, wie meine Tochter im Brutkasten lag. Ich weiß noch genau, dass ich zwar lächelte, aber irgendwie nicht fassen konnte, dass das jetzt unser Kind ist.

Mein Kind, das ich so viele Wochen in meinem Bauch getragen habe. Und jetzt war da nichts mehr in mir. Mein Mann musste nach Hause für die restliche Nacht (wegen der Corona-Vorschriften). Mein Kind durfte ich erst geschlagene zehn Stunden später besuchen. Während der ganzen Geburt wurde ich so gut wie nicht über das Vorgehen informiert und auch stichfeste Begründungen für den Kaiserschnitt fehlten komplett. Natürlich war es eine Vorsichtsmaßnahme zum Wohle meines Kindes.

Aber ist das die Rechtfertigung, meine Wünsche alle so zu ignorieren und mich so unzureichend aufzuklären?

Vor allem, wenn ich zu keiner Minute den Eindruck hatte, dass etwas nicht in Ordnung war mit meiner Kleinen? Ich musste eine Woche im Krankenhaus bleiben, da bei der OP meine Blase verletzt wurde. Die erste Zeit mit meiner Tochter wurde begleitet von vielen Krankenschwestern, die alle eine andere Meinung hatten, was gut für mein Kind ist. Sie machten mir teilweise sogar Vorwürfe, wenn ich etwas intuitiv handhabte und nicht so, wie sie sich das wünschten.

Aus heutiger Sicht weiß ich, dass das Vorgehen während und auch nach der Geburt absolut nicht gerechtfertigt war und ich wünsche es keiner anderen werdenden Mutter, so behandelt zu werden. Es hat so viel kaputt gemacht. Darum lasst euch nicht so leicht abspeisen. Auch, wenn man in dieser Situation wirklich Besseres zu tun hat, als für seine normalen Rechte einzustehen.“


Vielen Dank, liebe Franziska, dass du uns deine Geschichte erzählt hast! Wir wünschen dir und deiner Familie alles Liebe für die Zukunft!

WIR FREUEN UNS AUF DEINE GESCHICHTE!
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Lena Krause

Ich lebe mit meinem kleinen Hund Lasse in Hamburg und bin dort immer gerne im Grünen unterwegs.

Auch wenn ich selbst noch keine Mama bin, gehören Babys und Kinder zu meinem Leben dazu. Meine Freundinnen machen mir nämlich fleißig vor, wie das mit dem Mamasein funktioniert und ich komme als „Tante Lena“ zum Einsatz.

Seit ich denken kann, liebe ich es, zu schreiben – und bei Echte Mamas darf ich mich dabei auch noch mit dem schönsten Thema der Welt auseinandersetzen. Das passt einfach!

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