„Das ist bestimmt ein Einzelkind!“ Ja, ist es – na und!?

Unser Sohn ist ein Einzelkind – aus verschiedenen Gründen, die eigentlich nur uns etwas angehen. Warum habe ich trotzdem oft das Gefühl, mich rechtfertigen zu müssen?

Jeder so, wie es will (oder kann) – dachte ich

Ich weiß von Freundinnen mit mehreren Kindern, wie doof sie es finden, wenn Kinderlose oder Einzelkind-Eltern sie mit tollen Ratschlägen nerven. Etwa zu den Themen Stressbelastung oder Erziehung. Das kann ich sehr gut verstehen und akzeptieren! Ebenso selbstverständlich ist es für mich, andere Frauen nicht danach zu fragen, ob und warum sie keine Kinder haben. Vielleicht gibt es dafür nämlich Gründe, die sie absolut nicht mit mir besprechen möchten.

Aber warum scheinen  Eltern von Einzelkindern selbst bei denjenigen als Freiwild zu gelten, die es besser wissen müssten? Zum Beispiel, weil sie sie zu einer der Gruppen oben gehören.

„Der ist bestimmt ein Einzelkind!“ Na und?

Es ist noch nicht lange her, dass mein Sohn bei einem Ausflug im Freizeitpark sehr laut geweint hat. Spoiler: Es waren keine Freudentränen. Ein anderes Kind war ihm auf der hohen Wellenrutsche absichtlich und mit vollem Karacho in den Rücken gerutscht.

Ich gebe zu, dass ich den fremden Jungen innerlich ganz schön verflucht habe — Kind hin oder her. Wenigstens schien es ihm etwas peinlich zu sein, dass mein Sohn so doll Schmerzen hatte. Er rannte aufgeregt zu seiner Mutter und zeigte immer wieder in unsere Richtung.

Kurz darauf stand die Frau vor mir. Sie wollte etwas loswerden und zwar: „Jungs, halt! Das war gerade ein bisschen doll, ’ne? Aber der ist ja auch ganz schön empfindlich. Einzelkind?“ Sie zeigte auf meinen Sohn.

Bitte was?! Ich stand mit offenem Mund da. Ihr Kommentar kam so überraschend, selbstgerecht und herablassend daher, dass ich beinahe angefangen hätte, mich zu rechtfertigen – statt ihr selbstbewusst Paroli zu bieten.

Vergesst doch mal all die dummen Klischees

Es klang wie ein Vorwurf.  Sie ging wohl davon aus, ich würde der Entwicklung meines Sohnes absichtlich schaden, indem ich ihm ein Geschwisterkind vorenthalte. Dabei beneidete ich die kleine Schwester des Jungen, die von der Mutter vor mir im Buggy hin- und hergeschuckelt wurde, kein bisschen um ihren großen Bruder. Kann natürlich daran liegen, dass der auch mal Einzelkind war – so als Erstgeborener.

Mal ehrlich, hätte sich umgekehrt mein Sohn so rücksichtslos verhalten, wäre garantiert auch jemand zu Stelle gewesen, um zu behaupten: „Typisch Einzelkind!“

Dabei haben sich längst viele Klischees als ziemlich unsinnig erwiesen. Genauso übrigens wie einige Klischees die Geschwister betreffen – da scheint zum Beispiel die Rangfolge doch gar nicht so entscheidend für die Entwicklung zu sein. „Typisch Sandwich-Kind“ und solche Dinger können wir also auch gleich stecken lassen!

Verletzen kann auch, wer das gar nicht will

Dass ich die Reaktion der Mutter ziemlich bescheuert fand, muss ich hoffentlich nicht erklären. Nicht nur hat mein Sohn dank ihr erfahren, dass andere ihn offenbar für ein Weichei halten. Hey, normale Kinder haben es gefälligst okay zu finden, wenn einem jemand die Schuhe in den Rücken rammt! Ihm wurde auch gleich noch gesteckt, dass er deshalb so unnormal reagiert, weil ihm Geschwister fehlen. Danke auch!

Kommentare können aber auch verletzen, wenn sie eigentlich nur höfliches Interesse ausdrücken sollen: „Wann kommt denn das Zweite?“ Manche wollen nur ein Kind. Andere können kein weiteres bekommen und haben bereits schmerzhafte Kinderwunschbehandlungen oder Fehlgeburten hinter sich. Nicht cool, in der Wunde zu bohren.

Das Gleiche gilt für: „Seht zu, dass der Altersabstand nicht zu groß wird, sonst habt ihr zwei Einzelkinder.“ Wobei hier auch gleich noch verstecktes Einzelkind-Bashing mitgeliefert wird.

Eins, zwei, drei (oder keins) – kein Problem

Unser von uns sehr geliebter Sohn ist von außen betrachtet vermutlich so wenig perfekt wie seine Eltern, aber für uns ist er genau richtig. Ich glaube nicht, dass er ein komplett anderer wäre, wenn da nach zwei, drei oder vier Jahren noch ein kleiner Mensch aufgetaucht wäre.

Versuchen wir doch einfach mal, die Schubladen zuzulassen. Betrachten wir Kinder doch lieber als die einmaligen Typen, die sie sind – und helfen wir ihnen, so gut wie möglich das zu leben, was in ihnen ist. Egal, wie viele wir haben. Dazu gehört ganz bestimmt, achtsam und ehrlich mit ihnen umzugehen, sie zu lieben und ihnen vorzuleben, wie man fair mit anderen umgeht – zum Beispiel, in dem man manchmal noch einmal mehr nachdenkt, bevor man losquatscht.

Jana Stieler

Ich lebe mit Mann und Sohn im Süden Hamburgs – am Rande der Harburger „Berge“ (Süddeutsche mal kurz weghören: Der höchste Punkt misst immerhin sagenhafte 155 Meter ü. M.). Wenn ich nicht gerade einen Text verfasse, liebe ich Outdoor-Abenteuer mit meiner Familie, lange Buch-Badewannen-Sessions mit mir allein und abendliches Serien-Binge-Watching.

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