Dein Kind kommandiert dich beim Spielen herum? Das nervt – hat aber einen wichtigen Grund

Kennst du das? Du spielst mit deinem Kleinkind, bist mit vollem Herzen dabei, und plötzlich bricht dein Schatz in wütendes Geschrei aus. Unter Tränen versucht es dir sehr eindeutig klarzumachen, dass du gegen seine Spielregeln verstoßen hast. Doch du weißt einfach nicht, was du jetzt wieder falsch gemacht haben sollst beim Spielen?

Solche Situationen kamen bei mir und meiner Tochter in einer bestimmten Phase nicht nur nur beim Spielen vor, sondern bei eigentlich allen alltäglichen Aktivitäten, vom Tischdecken bis zum Treppe auf- oder absteigen. In der einen Sekunde war alles gut und plötzlich wurde ich von einem kleinen, wütenden Geschöpf ausgeschimpft. Warum? War mir schleierhaft…

Doch jetzt glaube ich, die Lösung gefunden zu haben – und zwar in einem Buch von Maria Montessori, das ich gerade lese. Maria Montessori war Pädagogin, Ärztin und Begründerin der Montessori Methode, einem pädagogischen Ansatz, der stets vom Kind ausgeht, statt vom Erwachsenen.

An der betreffenden Stelle im Buch, die mir einen wahren Aha-Moment bescherte, beschreibt sie ein Versteckspiel zwischen einem Kleinkind und seinem Vater. Der Vater versteckte beim Spielen einen Gegenstand unter einem Kissen auf einem Sessel. Nachdem das Kind den Gegenstand dort gefunden hatte, versteckte es der Vater unter einem anderen Kissen auf einem anderen Sessel im selben Raum.

Das Kind jedoch ging zum ersten Sessel, hob das Kissen und war empört, den Gegenstand dort nicht zu finden.

Der Vater deckte das neue Versteck auf und legte den Gegenstand vor den Augen des Kindes wieder dorthin. Doch das Kind bestand darauf, dass der Gegenstand im ursprünglichen Versteck verborgen werden sollte.

Ein klassischer Fall von Erwachsenenlogik, die mit Kinderlogik kollidiert! Das Kind war überzeugt, sein Vater hätte die Regeln des Spiels nicht verstanden. Denn für das Kind gehörte der Gegenstand an eine bestimmte Stelle, nämlich unter das Kissen auf dem Sessel, wo es ihn beim ersten Suchen gefunden hatte. Warum sollte er woanders versteckt sein?

Montessori erklärt diese kindliche Regel mit der Entwicklungsphase, in der das Kind steckte. Bei Zwei- bis Dreijährigen ist das die Entstehung eines sehr ausgeprägten Ordnungssinns. Verständlich, denn all die neuen Informationen, die sie täglich speichern, müssen ja innerlich irgendwie geordnet werden. Nur so lassen sich Regeln erkennen und Zusammenhänge durchschauen, die unser Erwachsenenleben bestimmen.

Dieses Grundbedürfnis nach Ordnung überträgt sich offenbar auch auf Handlungen, sei es beim Spielen, oder alltägliche Dinge wie das Tischdecken, das morgendliche Anziehen oder das Zubettgehen. Weicht das Ritual von der gewohnten Ordnung ab, kann dies für das Kind ein Grund für heftigen Unmut sein.

Mädchen ist unzufrieden

Kommt es anders, als es sich das Kind vorstellt – kann es für Mama richtig ungemütlich werden. Foto: Bigstock

Am Beispiel des Versteckspiels bedeutet dies, dass das Kind die größte Freude daran hat, einfach zu wissen, wo sich ein Gegenstand befindet, obwohl er gerade nicht sichtbar ist. Es weiß, dass es nur das Kissen hochheben muss, um fündig zu werden. Allein diese Erkenntnis erfüllt das Kind mit Selbstsicherheit und Freude – und was könnte eine größere Motivation für ein Spiel sein?

Als Eltern ist es nicht immer leicht, diese Logik zu durchschauen. Deshalb lohnt es sich, sich ein wenig mit den Entwicklungsphasen des Kindes auseinander zu setzen, denn hier lassen sich viele Regeln erkennen.

Die Liebe zur Ordnung, die Montessori bei den Zwei- bis Dreijährigen beschreibt, kann zum Beispiel auch beim Sortieren von Bauklötzen, beim Bauen von Spieleisenbahnen oder beim Verlangen nach den immergleichen Büchern und Liedern beobachtet werden. Ordnung im Sinne des Verstehens, wie etwas abläuft, wo etwas zu finden ist oder was als nächstes passiert, macht Kleinkindern also offenbar große Freude (auch wenn das Chaos im Kinderzimmer vielleicht etwas anderes vermuten lässt) und hilft ihnen dabei, sich weiterzuentwickeln.

Vermutlich ist dieser Ordnungssinn der Grund dafür, dass Kinder Rituale so lieben – und warum sie aus dem Gleichgewicht geraten, wenn ein Ritual mal abweicht oder ausfällt.

Mit diesem Wissen könnt ihr als Eltern eurem Kind beim nächsten Spielen ganz anders begegnen, noch bevor es zum Wutausbruch kommt. Ganz im montessorischen Sinne wird es mit diesem Verständnis nämlich einfacher, euer Kind die Spielregeln vorgeben zu lassen – weil sie plötzlich auch für uns Erwachsene einen Sinn ergeben.

Laura Dieckmann

Als waschechte Hamburgerin lebe ich mit meiner Familie in der schönsten Stadt der Welt – Umzug ausgeschlossen! Bevor das Schicksal mich zu Echte Mamas gebracht hat, habe ich in verschiedenen Zeitschriften-Verlagen gearbeitet. Seit 2015 bin ich Mama einer wundervollen Tochter.

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