Das Ende der Kindheit: „Ich war 12, als die Geräte abgeschaltet wurden.”

„Ich habe am 09.06.2008 meine Mama verloren. Ich war damals 12 Jahre alt. Eine Woche lang sah ich meine Mutter auf der Intensivstation mit all den Schläuchen und Geräten, die an ihr waren. Es war schrecklich zu sehen, wie meine Mama so leblos dagelegen hat. Und zu spüren, wie hilflos ich war…

Ich habe mit ihr gesprochen, sie angefleht, aufzuwachen und Nachhause zukommen. Den Tag darauf waren ihre Augen tatsächlich offen, als ich in ihr Zimmer kam. Ich war überglücklich, dass meine Mama mich gehört hatte. Aber dann sah ich die Schläuche, die Geräte und, dass sie keinen Funken mehr in ihren Augen hatte. Da begriff ich, dass ihre Augen nicht offen waren, weil sie es wollte, sondern, weil es keinen Reflex mehr gab, der das Lid geschlossen hielt.

An unseren letzten Tag erinnere ich mich sehr gut.

Die Ärzte meinten, dass ihr CT keine Aktivität zeige und sie somit hirntot sei. Ich wusste, was das bedeutet. Ich wusste, dass es nun Lebewohl heißt. Sie fragten mich, ob ich die Geräte abschalten lassen möchte, ich müsse auch nicht dabeibleiben. Ich beschloss, dass die Geräte abgestellt werden sollten. Meine Mama hätte nicht so leben wollen und ich wollte meine Mutter nicht so leiden sehen.

Also nahm ich ihre Hand und habe ihr gesagt: ‚Ich bleibe bei dir, ich lasse dich nicht im Stich, Mama.‘ Ich erspare euch, wie es war, als die Geräte abgestellt worden sind. Kein Kind sollte seine Mutter jemals so sehen müssen, kein Kind sollte fühlen müssen, wie seine Mutter stirbt. Aber wäre ich nicht bei ihr geblieben, hätte ich mir das niemals verziehen. Ich war es meiner Mama schuldig, ihr beizustehen.

Als es vorbei war, wäre ich am liebsten aus dem Fenster gesprungen.

Ich fiel danach in ein sehr tiefes Loch. Da meine Familie nicht dazu fähig ist, emotional oder mitfühlend zu sein, war ich alleine mit meiner Trauer. Ich hielt den Schmerz nicht aus und habe versucht, mir das Leben zu nehmen. Ich wollte einfach nur bei meiner besten Freundin, bei meiner Seelenverwandten, bei meiner Mama sein. In den Tagen nach ihrem Tod habe ich sie immer deutlich gespürt, aber es hat nicht gereicht.

Doch irgendwann habe ich es geschafft, mich selbst wieder aus dem Loch zu befreien. Ich wurde selbst Mutter und es änderte sich einiges für mich. Ich wollte mein Kind so aufziehen, wie meine Mama mich. Mein Kind sollte mich genauso sehen, wie ich meine Mama sehe. Gleichzeitig wurde mir wieder bewusst, wie sehr meine Mama mir fehlt. Ich konnte sie um keinen Rat bitten. Am meisten hat es mich verletzt, dass sie meine Tochter nie kennenlernen wird und meine Tochter sie nie kennenlernen wird.

Chiara heute (links) und ihre Mama

Chiara heute (links) und ihre Mama. Foto: Privat

Sie wäre eine großartige Oma gewesen.

Ihr Tod ist mittlerweile 14 Jahre her, aber die Erinnerung an diesen Tag zerreißt mich innerlich immer wieder aufs Neue. Ich kann meiner Tochter schöne Geschichten über ihre Oma erzählen, aber oft muss ich dennoch weinen und das Zimmer verlassen. Doch in diesen Momenten merke ich, dass meine Mama zum Teil in uns weiterlebt. Meine Tochter hat mir vor einem Jahr im Alter von sechs Jahren etwas unglaublich Mitfühlendes gesagt.

Sie sagte: ‚Ich habe Oma nicht kennengelernt, aber sie muss ein toller Mensch gewesen sein, wenn du sie so sehr liebst. Ich vermisse sie und liebe sie auch.‘ Dieses Mitgefühl haben wir von meiner Mama in die Wiege gelegt bekommen. Sie hat immer gesagt, dass jedes Lebewesen fair behandelt werden sollte und, dass jeder Respekt verdient. Sie hat mich noch so viele weitere wichtige Dinge gelehrt und mich oft beraten.

Aber 12 Jahre waren einfach zu kurz.

Mit ihr ist meine Kindheit gestorben. Ich bin mittlerweile 27 Jahre alt und habe das erreicht, was meine Mama sich für mich gewünscht hat: einen Beruf, eine Familie und einen Mann, der mich über alles liebt. Ich weiß, dass sie stolz auf mich sein kann. Aber sie fehlt.

Wie man merkt, habe ich es nie ganz verarbeitet, dass meine Mama nicht mehr lebt. Wahrscheinlich werde ich das auch nie. Wir hatten eine sehr enge Bindung und diese Bindung geht über ihren Tod hinaus.


Liebe Chiara, vielen Dank, dass du uns deine Geschichte anvertraut hast. Wir wünschen dir und deiner Familie alles Liebe für die Zukunft!

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Lena Krause

Ich lebe mit meinem kleinen Hund Lasse in Hamburg und bin dort immer gerne im Grünen unterwegs.

Auch wenn ich selbst noch keine Mama bin, gehören Babys und Kinder zu meinem Leben dazu. Meine Freundinnen machen mir nämlich fleißig vor, wie das mit dem Mamasein funktioniert und ich komme als „Tante Lena“ zum Einsatz.

Seit ich denken kann, liebe ich es, zu schreiben – und bei Echte Mamas darf ich mich dabei auch noch mit dem schönsten Thema der Welt auseinandersetzen. Das passt einfach!

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