Corona: „Ich bete, dass ich meine Enkel in diesem Leben nochmal sehe.“

Sie gelten als eine der Haupt-Risikogruppen und viele von ihnen sind zur Zeit ziemlich isoliert: Ältere Menschen, vielleicht dazu noch vorerkrankt. Wir wissen, dass wir unsere Eltern und unsere Kinder ihre Großeltern wahnsinnig vermissen.

Aber wie geht es eigentlich Oma und Opa?

Wir haben darüber mit einer Echten Oma gesprochen. Jutta (der echte Name ist uns bekannt) aus dem Emsland ist 72 Jahre alt:

Corona macht mir Angst. Ich bin eigentlich nicht so leicht einzuschüchtern, aber ich denke, meine Sorgen kommen daher, dass man den ganzen Tag von den Schreckensmeldungen eingeholt wird, in allen Medien.

Denn Zeitung lesen, Radio hören und Fernsehen, das sind doch gerade meine Hauptbeschäftigungen.

Ich langweile mich so!

Sonst habe ich mich regelmäßig mit meinen zwei Freundinnen getroffen, zum Kniffeln oder Kaffeetrinken. Manchmal habe ich mich nach dem Einkaufen auch noch alleine in die Bäckerei neben dem Supermarkt gesetzt und ,Leute geguckt`. Herrlich war das.

Meine Tochter Bettina hat mir quasi ,verboten‘, einkaufen zu gehen. Erst war ich richtig sauer auf sie, ich bin doch nicht unmündig! Aber inzwischen habe ich eingesehen, dass ich gerade nicht mehr so viel unter Leute gehen sollte. Vor allem, seit ich gelesen habe, dass mein Diabetes auch eine der gefährlichen Vorerkrankungen ist.

Jetzt kauft meine Tochter einmal in der Woche für mich ein und ab und zu bringen meine netten Nachbarn mir noch etwas frisches Obst mit. Sie alle stellen die Tüten vor der Tür ab und gehen dann.

Ich fühle mich eigentlich sehr fit, offiziell zu einer ,Risikogruppe`zu gehören, die jetzt von allen anderen geschützt werden soll, fühlt sich so fremd und furchtbar an. Das entspricht nicht meinem Charakter, ich schäme mich dafür. Ab und zu fällt mir die Decke auf den Kopf, dann gehe ich eine Runde im Park spazieren. Alleine. Trotzdem habe ich fast das Gefühl, dass mich einige vorwurfsvoll angucken, so nach dem Motto: ,Bleib bloß zu Hause!` Ich fühle mich uralt und aussätzig.

Ich fühle mich das erste mal so richtig mit meinem eigenen Tod konfrontiert.

Ich habe meinen Mann schon lange verloren, er bekam mit Mitte 60 Krebs und lebte dann noch drei Jahre. Er hat in dieser Zeit mehr und mehr abgebaut – und ich wurde gefühlt stärker und stärker, einfach weil ich es musste. Weil es mir soweit ganz gut geht, konnte ich mein eigenes Ende immer gut verdrängen. Bis jetzt.

Trotzdem möchte ich nicht mit meiner Tochter tauschen. Sie und ihr Mann arbeiten aktuell zu Hause und sie haben zwei Kinder, meine Enkel Marie und Lukas. Ich glaube, dass ist keine leichte Situation, zumal sie in einer kleinen Wohnung leben. Ich höre am Telefon an ihrer Stimme, dass es Bettina nicht gut geht. Aber sie will es mir nicht sagen. Das ist auch eine ungewohnte Situation für mich, dass mein Kind MICH schützen will, mir Sorgen ersparen will. Ich bin doch die Mutter, die für sie da sein will, egal, wie alt sie ist.

Marie und Lukas. Meine beiden kleinen Enkel fehlen mir am meisten.

Enkel zu haben, ist etwas Wunderbares, das kannst du deinen Leserinnen schon mal sagen! Man hat all die Freude, die man als Mama schon hatte – aber nicht die komplette Verantwortung der Erziehung etc. Enkel halten einen jung und machen das Herz froh. Ab und zu habe ich die beiden aus der Kita abgeholt, das waren tolle Nachmittage!

Sie fehlen mir wirklich, wir telefonieren nur ab und zu. Aber natürlich ist ihre Geduld dann schnell am Ende und sie spielen lieber weiter.

Ich habe große Angst, dass sie mich vergessen.

Ich bete jeden Tag vor dem Schlafengehen, dass ich die beiden in diesem Leben noch einmal in die Arme schließen darf.

Von meinem Balkon aus schaue ich in den Hof unserer Wohnhäuser. Dort sehe ich ab und zu kleine Kinder mit ihren Eltern spielen – und könnte weinen.

Ich weiß nicht, wie lange ich diese Einsamkeit noch aushalte.

Und ich weiß, dass es unvernünftig ist, aber wenn meine Tochter mir anbieten würde, mich zu besuchen mit den Kindern, würde ich es nicht ablehnen. Und ich würde auch nicht sagen, dass sie sich vorher testen lassen müssen oder so.

Es ist unvernünftig und für mich gefährlich, ich weiß. Aber mein schweres Herz kann auf Dauer auch nicht gesund sein.“

Laura Dieckmann

Als waschechte Hamburgerin lebe ich mit meiner Familie in der schönsten Stadt der Welt – Umzug ausgeschlossen! Bevor das Schicksal mich zu Echte Mamas gebracht hat, habe ich in verschiedenen Zeitschriften-Verlagen gearbeitet. Seit 2015 bin ich Mama einer wundervollen Tochter.

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