Als Sarah mit ihrer Tochter einzog, fühlte sich alles richtig an: vertraute Gegend, Kita gegenüber, ein Zuhause mit Zukunft. Was sie nicht ahnte: Dass ausgerechnet die Wohnung unter ihr zu einem Ort werden würde, der ihren Alltag, ihr Sicherheitsgefühl und das ihrer Tochter dauerhaft belastet.
„Meine Tochter ist heute fünf Jahre alt. Als wir 2020 hier eingezogen sind, war das für mich wie eine kleine Reise in meine eigene Kindheit. Wir wohnen direkt gegenüber meiner alten Grundschule, die Gegend kenne ich sehr gut. Nach hinten raus gibt es einen großen Park, generell ist es hier am Rand von Berlin eher ruhig. Wir hatten großes Glück und direkt gegenüber einen Kita-Platz bekommen. Das komplette Umfeld meiner Tochter spielt sich hier ab.
Es war unser Zuhause.
Als wir eingezogen sind, gab es die Probleme mit den Nachbarn unter uns noch nicht. In der Wohnung lebte damals eine andere Frau. Sie ist irgendwann in einer Nacht-und-Nebel-Aktion ausgezogen, plötzlich war sie weg. Danach lebte der Mann allein dort, das Verhältnis war normal, unauffällig, ruhig.
Ende 2022, Anfang 2023 zog dann eine neue Frau bei ihm ein, zusammen mit ihrem damals fünf- oder sechsjährigen Sohn. Anfangs wirkte alles noch normal. Man merkte schnell: Sie hat ein sehr lautes Organ. Aber noch war es auszuhalten.
Im Sommer 2023 kippte alles.
Ich habe neun Monate im Homeoffice gearbeitet, darunter auch die Sommerferien. Die Nachbarn wohnen im Erdgeschoss und haben einen kleinen Garten. Im Sommer saßen sie jeden einzelnen Tag draußen. Es wurde gegrillt, getrunken, geraucht. Fast jedes Wochenende. Oft war eine ältere Frau da – nach Art, Tonfall und Auftreten ganz offensichtlich ihre Mutter. Der Apfel fiel nicht weit vom Stamm.
Sie schauten Fernsehen im Garten. Es war Dauerbeschallung. Laute Gespräche, laute Musik, Gartenpartys. Selbst bei geschlossener Balkontür verstand man jedes Wort. Den Balkon konnte ich kaum nutzen, Lüften war oft unmöglich. Eine Zigarette nach der anderen, den ganzen Tag. Es wurde fast täglich gegrillt.
Der kleinere Sohn wurde ständig angeschrien.
Ich werde nie vergessen, wie er einmal, mit sechs Jahren, stundenlang draußen war – ohne Aufsicht. Teilweise stand er vor verschlossener Tür, weil sie einkaufen gefahren sind.
Eines Tages kam er zu uns auf den Spielplatz und erzählte einfach alles: wie er heißt, wie alt er ist, wo er wohnt, wo er vorher gewohnt hat, in welche Kita er geht. Da ahnte ich längst, dass etwas nicht stimmt. Es verging kein Tag ohne Geschrei. Sätze wie ‚Du bist halt zu doof!‘ waren keine Seltenheit. Vor allem die Oma beleidigte ihn regelmäßig. Der Junge tat mir unendlich leid – und tut es bis heute.
Andere Nachbarn beschwerten sich.
Sie wurden mit einer ekelhaften Art abgebügelt. Jegliche Bitten wurden ignoriert. Ich habe oft das Gefühl, diese Menschen denken, ihnen gehört die Welt. Man hört immer nur sie und ihre Familie. Ihn, den Mann, hört man kaum.
Anfang 2024 kam der nächste Schock: Die Frau war schwanger. Aufhören mit Rauchen? Fehlanzeige. Alkohol? Ebenfalls. Es wurde nicht leiser, sondern eher lauter. Die ersten Male, als gegen die Heizung geschlagen wurde, habe ich noch ignoriert.
Im Sommer 2025 dann die Krönung: Er begann, Hanf anzubauen.
Lüften war kaum noch möglich, der Geruch war ekelhaft. Ich habe Fotos, auf denen die Hanfpflanzen direkt neben der Babykrabbeldecke stehen. Trotzdem reicht das nicht aus.
Richtig eskaliert ist alles im Spätsommer 2024. Erst wurde meine Tochter von der Oma beleidigt, dann auch von der Frau selbst. Meiner Tochter ist Glas auf dem Balkon kaputtgegangen. Ich dachte, ich hätte alles beseitigt, aber anscheinend ist etwas heruntergefallen, ohne dass ich es bemerkt habe. Als ich hörte, wie unten darüber gesprochen wurde, mischte ich mich ein. Ich sagte, man hätte ein ruhiges Gespräch suchen können, es sei keine Absicht gewesen.
Stattdessen wurde mir unterstellt, ich hätte das mit Absicht gemacht, um ihrem Baby zu schaden. Oder meine ‚verzogene‘ Tochter habe es absichtlich getan. Es fielen weitere Sätze und Wörter. Er versuchte, sie zu beruhigen – ohne Erfolg.
Meine Tochter war völlig verunsichert.
Sie fragte mich, was sie falsch gemacht habe. In diesem Moment wusste ich, dass ich ihr erklären muss, dass nicht alle Menschen die Fähigkeit haben, fair und rücksichtsvoll zu sein.
Seitdem wird regelmäßig gegen die Heizung oder gegen die Decke geschlagen. Manchmal lassen sie sogar das Baby an der Heizung spielen. Es nimmt kein Ende.
Letztes Jahr im Herbst fing sie außerdem an, jedes Mal zu schlagen, sobald meine Tochter zu laut wurde. Ich habe ihn damals angesprochen, weil ich ihn immer als umgänglicher empfand. Ich sagte, sie könnten klingeln, wir würden sicher einen Kompromiss finden. Seine Antwort war nur, es sei nicht so dramatisch, der Sohn seiner neuen Partnerin sei ja auch nicht ohne. Damit war das Gespräch beendet. Geändert hat sich nichts.
Heute ist meine Tochter regelrecht darauf trainiert, leise zu laufen.
Wenn Freunde da sind, weist sie sie sofort ein. Sie versteht nicht, wie eine andere Mama so böse sein kann. Für sie sind das einfach böse Menschen.
Ich habe ein unfassbar schlechtes Gewissen meiner Tochter gegenüber. Ich ermahne sie ständig zur Rücksicht – obwohl die unter uns noch nie Rücksicht genommen haben. Ich plane sehr viele Aktivitäten draußen. Oft kommen wir unter der Woche erst gegen 18 Uhr nach Hause. Am Wochenende sind wir fast immer unterwegs. Freunde lade ich kaum noch ein, aus Angst, dass die Nachbarn komplett eskalieren.
Auf der einen Seite ist es ein Lerneffekt über manche Menschen.
Es spiegelt ein Stück weit unsere Gesellschaft wider. Auf der anderen Seite bin ich unendlich wütend. Wütend darüber, dass diese Menschen keine Ahnung haben, wie es wäre, wenn wir keine Rücksicht nehmen würden. Wenn wir bei anderen Kindern sind oder auch bei uns, denke ich oft: Meine Güte, das ist laut. Die wissen gar nicht, was echte Rücksichtslosigkeit ist.
Ich fühle mich schuldig, weil ich meine Tochter nicht schützen kann vor dieser Art von Menschen. Wie erkläre ich ihr, dass sie Rücksicht nehmen soll, wenn Erwachsene das nicht tun?
Ich habe wegen des Sohnes oft darüber nachgedacht, das Jugendamt zu informieren.
Aber ich weiß, wie Jugendämter in Berlin arbeiten. Ohne handfeste Beweise bringt es nichts. Anonym geht nicht. Und letztlich würde es die Situation für meine Tochter und mich nur verschlimmern. Diese Frau würde garantiert zu anderen Mitteln greifen. Trotzdem zerreißt es mich innerlich, nichts zu tun.
Für den Jungen wünsche ich mir einfach gute Freunde, die ihn auffangen, und Lehrer, die nicht wegsehen, sondern genauer hinschauen.
Was mich hier hält, ist die Kita direkt gegenüber, das gesamte Umfeld meiner Tochter und die bezahlbare Wohnung. Ein sofortiger Umzug ist bei den aktuellen Mietpreisen nicht möglich. Also bleibt mir nichts anderes, als auszuhalten und irgendwie das Beste daraus zu machen.
Es gäbe noch so viel mehr zu erzählen.
Aber am Ende bleibt die Erkenntnis: Es gibt viele rücksichtslose, egoistische Menschen. Man kann Kinder nicht davor schützen – nur darauf vorbereiten. Mit viel Erklärung. Und viel Kraft.
Liebe Sarah, vielen Dank, dass wir deine bewegende Geschichte erzählen durften. Wir wünschen dir und deiner Familie alles Liebe für die Zukunft!
Habt ihr eigene Erfahrungen, die denen von Sarah ähneln? Lasst uns gerne einen Kommentar da!
Echte Geschichten protokollieren die geschilderten persönlichen Erfahrungen von Eltern aus unserer Community.
WIR FREUEN UNS AUF DEINE GESCHICHTE!
Hast Du etwas Ähnliches erlebt oder eine ganz andere Geschichte, die Du mit uns und vielen anderen Mamas teilen magst? Dann melde Dich gern! Ganz egal, ob Kinderwunsch, Schwangerschaft oder Mamaleben, besonders schön, ergreifend, traurig, spannend oder ermutigend – ich freue mich auf Deine Nachricht an [email protected]



