„4 Kinder mit Behinderung erfüllen mein Leben als Pflegemama.“

„Hallo, ich bin Kerstin Held und aktuell Mama von vier wunderbaren Pflegekindern. Cora ist 16, Richard ist acht Jahre alt, Erik sechs und Jonathan ist drei Jahre alt.

Meine Pflegekinder sind Kinder mit Behinderungen, denen ich ein neues familiäres zu Hause geben möchte.

Ich bin mit einer Schwester mit Behinderung aufgewachsen und deswegen hatte ich nie Berührungsängste. Für mich gehören Pflegebedürftigkeit und Behinderung einfach zum Leben dazu. Trotzdem war es eher ‚Zufall‘, als ich damals mein erstes Pflegekind mit Behinderung aufnahm.

Denn meinen ersten Pflegesohn Sascha habe ich in meinem eigenen sozialen Jahr kennengelernt, damals war ich selbst erst 16 Jahre alt. Ich habe Sascha über Jahre am Wochenende und in den Ferien zu mir nach Hause geholt. Das ging so lange, bis ich 25 Jahre alt und verheiratet war. Mein damaliger Mann sprach mich an, ob wir den inzwischen 16-jährigen Sascha nicht ganz bei uns aufnehmen wollen.

Er kam einfach nicht mehr damit zurecht, den Jungen immer wieder ins Heim zurückzubringen.

Das haben wir dann ganz ‚unkompliziert‘ mit den sorgeberechtigten Eltern geklärt und Sascha bei uns aufgenommen.Was uns damals nicht bewusst war: Dass Pflegeeltern Kinder mit Behinderung bei sich aufnehmen, ist leider eine Seltenheit. So selten, dass es dafür noch gar keine gesetzliche Regelung gab. Die Aufnahme von unserem Pflegesohn Sascha sorgte für eine Bundestagspetition und in der Gesetzgebung für die bis kürzlich gültige Übergangsregelung.

Das war im Jahr 2000, seitdem habe ich im Laufe der Zeit insgesamt zwölf Kinder mit den unterschiedlichsten Bedürfnissen aufgenommen, bei sieben wurde ich auch selbst Vormund. Weil es mir auch außerhalb meiner Familie wichtig ist, für mehr Inklusion einzutreten, bin ich außerdem im Vorstand des Bundesverbandes behinderter Pflegekinder e.V., seit 2014 sogar als dessen Vorsitzende.

Um unserem Familienalltag zu meistern, unterstützen mich insgesamt acht Pflegekräfte in unterschiedlichen Schichten.

Ich bin gelernte Ergotherapeutin, Fachberaterin für Rehabilitations- und Medizintechnik und Eventmanagerin, aber nun widme ich meine ganze Energie unserer „Helden-Familie“. Ich schreibe vormittags Dienstpläne, mache die Termine für Kontrolluntersuchungen, kümmere mich um Anträge und Widersprüche für Leistungen bei Ämtern und Kassen. Nachmittags bin ich dann nur für meine Kinder da.

Maximilian und seine Pflegeschwester Cora bei einem Ausflug

Erik und seine Pflegeschwester Cora bei einem Ausflug. Foto: Instagram kerstin_held

Warum ich das alles mache? Meine Kinder sollen am Leben teilhaben mit ihrer Einschränkungen. Dafür gehe ich individuell auf ihre Bedürfnisse ein, mein Leben ist komplett auf meine Kinder abgestimmt. Und ich kann ihnen etwas geben, dass sie in einem Heim nicht bekommen würden: Ich bin ihre Mama, gebe ihnen als beständige Vertrauensperson Halt und Geborgenheit.

Sie können eine sichere Bindung zu mir entwickeln und erfahren im Heldenteam echte familiäre Nähe.

Wenn ich ein kleines Heldenkind zum ersten Mal sehe, dann fällt mir meist ein Spitzname für das Kind ein. Dieser Moment ist sehr besonders und für immer, bei jedem einzelnen Kind. Diese kleinen Glücksmomente sind es, die mir die nötige Kraft geben, für meine Kinder stark zu bleiben – gegen alle Widerstände. Das kennt wohl jede Mutter. Wenn dann ein Kind jeder Prognose trotzt und viel älter und gesünder und glücklicher wird, als je ein Arzt gedacht hat, dann ist es wunderbar!

Eigentlich denke ich nicht, dass wir uns als Familie so großartig von anderen Familien mit Kindern mit Einschränkungen unterscheiden. Kinder sind Kinder und Bedürfnisse sind Bedürfnisse. Sicherlich habe ich durch mein Viererpakt schon einen sehr ausgefüllten Tag, aber für mich ist unser Leben als Familie so wie es ist perfekt.

Trotzdem muss ich immer wieder gegen Vorurteile kämpfen und bekomme zu spüren: Für die Gesellschaft ist unser Zusammenleben schräg. Manchmal wird mir vorgeworfen, dass Helfersyndrom zu haben und deswegen die Kinder bei mir aufzunehmen. Das kann ich aber meistens ganz gut ausblenden. Andere Dinge machen mir mehr zu schaffen:

Ich bin oft überfordert, wenn das Wohlergehen meiner Pflegekinder von Entscheidungen dritter Personen abhängt.

Wenn dann noch die gesetzlichen Grundlagen für diese Kinder in Pflegefamilien fehlen und meine Kinder zu mehrfachen „Einzelfallentscheidungen“ werden, dann bin ich hilflos. Hilflosigkeit überfordert mich. Dann hilft mir oft nur Abstand und eine Nacht darüber zu schlafen. Das sollten wir Eltern uns vielleicht generell angewöhnen, mal eine Nacht darüber zu schlafen, bevor wir ins Feld springen.

Vielleicht nehme ich noch weitere Kinder auf, das kann ich gerade aber noch nicht sagen. Ein Kind kommt in mein Leben mit all seinen Bedürfnissen. Wenn ich das Gefühl habe, dass dieses kleine Menschenkind bei uns einen guten Ort finden kann und ich mich verliebe, dann gehört es zu uns. Derzeit habe ich aber alle Hände voll zu tun und die emotionalen Ressourcen sind ebenfalls ausgeschöpft.

Was mich wirklich betrübt ist, dass ich immer wieder erfahre, dass Diskriminierung in unserer Gesellschaft an der Tagesordnung ist.

Nicht die Kinder im Einzelnen werden diskriminiert, ganze Familien erleben Exklusionsprozesse. Kaum ein Kinderspielplatz ist für Kinder mit Behinderung ausgestattet. „Unsere“ Kinder werden nachmittags nicht zum Spielen abgeholt. Man sollte jedoch honorieren, dass unsere Gesellschaft und unsere Politik sich bemühen. Aber Inklusion ist ein Wort, das mit Sichtweisen und Gefühlen gefüllt werden muss.

 

Der kleine Richard ist Autist und hat eine Lungenerkrankung. Foto: Instagram

Der kleine Richard ist Autist und hat eine Lungenerkrankung. Foto: Instagram kerstin_held

Wenn ich gefragt werde, was ich tue, um Kraft zu tanken, sage ich immer: Selbstfürsorge die Grundlage für ein gutes Miteinander. Manchmal muss man allein sein, um zusammen finden zu können. Ich nehme mir Auszeiten allein und freue mich dann immer so sehr auf meine Familie.

Kaum verlasse ich das Haus, vermisse ich meine Kinder.

Sehe sie vor mir, lächle in Gedanken und empfinde Dankbarkeit. Aber der Abstand ist wichtig, um solche Gefühle erleben zu dürfen. Das gibt Kraft und Zuversicht – es lässt Liebe leben!

Wenn ich mir etwas wünschen könnte, dann wäre es, mehr Selbstverständlichkeit und Wertschätzung für Kinder mit Behinderung in allen Bereichen ihres Lebens. In meiner Wunschvorstellung würden wir in einer Welt leben, in der alle Kinder immer Zufriedenheit empfinden können.“


Vielen Dank, liebe Kerstin, dass du uns deine Geschichte erzählt hast! Wir wünschen dir und deiner Helden-Familie alles Liebe für die Zukunft!

Ihr möchtet mehr aus dem Alltag des Heldenteams erfahren? Dann schaut doch auf ihremInstagram-Kanal oder Kerstins Homepage vorbei. Außerdem ist im vergangenen Jahr auch Kerstins Buch „Mama Held – Jedes Kind hat ein Recht auf Familie“ (Affiliate Link) erschienen.

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Lena Krause

Ich lebe mit meinem kleinen Hund Lasse in Hamburg und bin dort immer gerne im Grünen unterwegs.

Auch wenn ich selbst noch keine Mama bin, gehören Babys und Kinder zu meinem Leben dazu. Meine Freundinnen machen mir nämlich fleißig vor, wie das mit dem Mamasein funktioniert und ich komme als „Tante Lena“ zum Einsatz.

Seit ich denken kann, liebe ich es, zu schreiben – und bei Echte Mamas darf ich mich dabei auch noch mit dem schönsten Thema der Welt auseinandersetzen. Das passt einfach!

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