Muss ein Kind wirklich immer „Bitte“ und „Danke“ sagen?

Vor kurzem stand beim Zahnarzt vor mir eine Mutter mit ihrem Kind in der Schlange. Das Mädchen hatte offenbar gerade tapfer eine Behandlung überstanden und durfte sich deshalb bei der Sprechstundenhilfe ein kleines Spielzeug aussuchen. Verschämt hat sie nach dem kleinsten Plastiktier gegriffen, das es gab. „Wie heißt das Zauberwort?“, rief die Mutter laut und schaute dabei augenzwinkernd zur Sprechstundenhilfe. Sofort ließ die Kleine die Schultern noch tiefer hängen.

Mist, ich verhalte mich ja genauso

Ich fand das doof von der Mutter – und gleichzeitig habe ich mich ertappt gefühlt. Denn ich war auch schon in der Situation. Oft sagt mein Sohn „Bitte“ und „Danke“. Wenn er es aber mal nicht tut, stecke ich in einem Dilemma: Fordere ich es ein? Ich will ihn nicht in eine für ihn peinliche Situation bringen, andererseits sind mir solche Höflichkeitsgesten wichtig. Für mich zeigen sie, dass der andere es mir wert ist, mir im Umgang mit ihm ein wenig Mühe zu geben. Ein bisschen fürchte ich wohl auch, was die anderen von mir denken, wenn ich nichts sage. Wahrscheinlich hat diese Sorge auch die Mama beim Zahnarzt angetrieben.

Ich werde ihn nicht mehr zwingen, Danke zu sagen

Doch nachdem ich eine solche Situation einmal mit Magengrummeln von außen betrachtet habe, schlucke ich solche Aufforderungen runter. Denn es gibt gleich mehrere Gründe, aus denen ich es nicht gut finde, von seinem (kleinen) Kind in der Öffentlichkeit dauernd solche Gesten einzufordern.

  • Ist dein Kind jünger als vier Jahre alt, versteht es solche Höflichkeitskonzepte meistens noch gar nicht.
  • Auch wenn es schon etwas älter ist: Wenn du das „Danke“ lauthals einforderst, fühlt es sich vorgeführt und bekommt das Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben.
  • Falls dein Kind aus Schüchternheit schweigt, hilft ihm Druck ganz sicher nicht.
  • Wer bei jeder halbwegs netten Geste wie ein Automat ein „Dankeschön“ runterleiert, empfindet vielleicht bald keine echte Dankbarkeit mehr.

Was ich jetzt stattdessen tue

Weil ich mir trotzdem wünsche, dass unser Sohn „Bitte“ und „Danke“ sagt, habe ich ihm einmal in Ruhe erklärt, warum mir das so viel bedeutet – und zwar, als gerade niemand zugehört hat. Viel wichtiger finde ich aber, dass ich mich selbst bemühe, viel öfter diese beiden Worte zu gebrauchen. Zumindest dann, wenn es einen echten Anlass gibt. Ich habe das Gefühl, dass er dadurch auch häufiger daran denkt. Und falls er es einmal vergisst, ich aber finde, dass der andere so richtig freundlich war, dann bedanke ich mich einfach bei demjenigen. Schließlich freut es mich aufrichtig, wenn jemand nett zu meinem Kind ist.

Erzählt doch mal, wie ihr das mit dem „Bitte“ und „Danke“ haltet. Findet ihr es einfach nur unerzogen, wenn ein Kind sich nicht bedankt, oder haltet ihr es damit auch eher locker (in der Hoffnung, dass es irgendwann von allein daran denkt)?

Jana Stieler

Ich lebe mit Mann und Sohn im Süden Hamburgs – am Rande der Harburger „Berge“ (Süddeutsche mal kurz weghören: Der höchste Punkt misst immerhin sagenhafte 155 Meter ü. M.). Wenn ich nicht gerade einen Text verfasse, liebe ich Outdoor-Abenteuer mit meiner Familie, lange Buch-Badewannen-Sessions mit mir allein und abendliches Serien-Binge-Watching.

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