„Die persönliche Idee von Familie sollte bereits vor der Geburt besprochen sein!“

Während das Baby im Bauch heranwächst, gibt es für uns als werdende Eltern viel zu tun.

Gerade beim ersten Kind, wenn auf dem Dachboden und im Keller noch nicht kistenweise Kleidung und Spielzeug der älteren Geschwister lagern, verbringen wir viel Zeit in Babyfachgeschäften und mit Internetrecherche: Strampler kaufen, das Kinderzimmer einrichten, den richtigen Kinderwagen auswählen, Geburtsvorbereitungskurs besuchen, die Wohnung kindersicher machen, die Anträge für Elternzeit und Elterngeld verstehen und dann auch noch korrekt stellen und irgendwann die Kliniktasche packen.

Inmitten dieser emotional aufregenden Phase innezuhalten, uns zu fragen, wie wir uns eigentlich Elternsein vorstellen und wie wir unser neues Leben und unsere neuen Aufgaben mit Baby gestalten wollen, ist zugegeben ziemlich schwer. Einerseits, weil wir so viele andere Dinge im Kopf haben (müssen), andererseits, weil wir uns das Leben mit Kind nur schemenhaft vorstellen können.

Trotzdem lautet mein Appell: Nehmt euch bitte Zeit für die Entwicklung einer eigenen Familienvision.

Alleine und als Paar, gerne schon in der Schwangerschaft, vielleicht sogar bereits bei den ersten Gesprächen über einen gemeinsamen oder weiteren Kinderwunsch.

Doch warum sollten wir gleich eine ganze Familienvision entwickeln, reicht nicht ein kurzes Gespräch? Das mag sich der eine oder die andere von euch nun fragen. Immerhin ist die Zeit mit Baby ohnehin erstens anders und zweitens als man denkt. Das stimmt. Den Austausch über die Frage, wie ihr als Familie leben wollt, könnt ihr trotzdem mit gutem Gewissen als sinnvolle Investition in die Paarbeziehung verbuchen. Wie zufrieden ihr als Familie seid, hat natürlich auch Auswirkungen auf euch als Paar und auf euer persönliches Wohlbefinden. Ohne diesen Austausch über eure Ideen, Vorstellungen und Wünsche droht schnell die Ernüchterung.

Von Klagen der Mütter und orchestrierten Babys

An dieser Stelle möchte ich etwas aus meinem eigenen Elternzeit-Nähkästchen plaudern: Viele Mütter im Baby-Kurs beklagten sich darüber, dass ihre Männer sich zu wenig engagierten und doch nicht so präsente und aktive Papas waren, wie es einer neuen Väter-Generation gemeinhin nachgesagt wird.

Die Männer hingegen berichteten beim einzigen ,Papa-Termin‘ im Kurs über den Druck, nun eine Familie ernähren zu müssen und von ihrer Überforderung, die Zeit mit dem Baby sinnvoll zu gestalten. Ein wunderbarer, wirklich so gesagter Satz von einem Teilnehmer: ,Ich bin es gewöhnt, als Unternehmensberater meine Stakeholder zu orchestrieren. Bei meiner Tochter stoße ich aber regelmäßig an meine Grenze.‘

Mal ganz abgesehen davon, dass sich Babys schlecht ,orchestrieren` lassen, geht aus diesen Äußerungen vor allem eins hervor: Offenbar sprachen alle gerne übereinander, aber als Paar und Eltern viel zu wenig miteinander. Stattdessen wuchs der Frust – jedenfalls den von mir interessiert verfolgten Chat-Verläufen der Whatsapp-Mama-Gruppe nach zu urteilen.

Die gute Nachricht: Alle Beziehungen halten bis heute, einige kleine Brüder und Schwestern kamen dazu.

Trotzdem ließen sich mit einer Verständigung auf eine gemeinsame Familienvision viele Konflikte der ersten Baby-Monate vermeiden oder wenigstens abschwächen. Denn Meinungsverschiedenheiten über die elterliche Arbeitsteilung aus dem Weg zu räumen, ist mit kleinem Baby an der Brust, völlig übermüdet und inmitten der Herausforderungen der ersten Wochen und Monate deutlich schwieriger als noch in der Schwangerschaft.

Mit einem klaren Ziel vor Augen rutscht ihr nicht in ungefragte Rollenmuster

Und vielleicht noch wichtiger: Wenn ihr euch früh mit den eigenen Vorstellungen über das Vater- oder Muttersein auseinandersetzt, verhindert ihr, dass einer von euch sich durch eine zu schnelle und ungefragte Rollenverteilung übergangen fühlt.

Vielleicht willst du als Mutter gar nicht zwei Jahre lange in Elternzeit gehen, sondern dich lieber beruflich weiterentwickeln. Vielleicht nervt es dich als Vater, dass du beim ersten Kind zu viel verpasst hast und möchtest nun mehr Zeit mit dem Baby verbringen.

Um solche Wünsche und Vorstellungen frühzeitig herauszufinden und abzugleichen, solltet ihr euch als Paar unbedingt darüber austauschen, wie ihr euch das zukünftige Familienleben vorstellt. Ganz wichtig ist es dabei, sich von den Erwartungen der Gesellschaft oder des näheren Umfelds loszusagen. Ihr müsst ein Modell finden, mit dem ihr euch wohlfühlt und das zu eurem Leben passt, und ihr müsst bereit sein, dieses Modell immer wieder anzupassen – ob es zeitweise eher klassisch oder ganz ungewöhnlich ausfällt, ist völlig egal, solange ihr euch als Paar bewusst dafür entscheidet und bereit seid, immer wieder nachzujustieren. Einfach die Rollen Ernährer und Vollzeit-Mutter für die ersten drei oder mehr Lebensjahre zu übernehmen, weil es alle so machen, erscheint mir falsch. Natürlich sind alle gemeinsamen Entscheidungen über ein neues Familien- oder Betreuungs-Modell alles andere als endgültig – wenn ihr regelmäßig im Gespräch bleibt und immer wieder hinterfragt, ob die getroffenen Vereinbarungen noch zum Familien-Alltag passen, ist Nachjustieren ohne größere Probleme möglich, ja vielleicht sogar immer wieder nötig.“

Birk Grüling

Birk Grüling Foto: privat

Unser Gastautor:

Vereinbarkeit und gelebte Gleichberechtigung sind Themen, die Bildungsjournalist und Papa Birk Grüling beschäftigen.

In seinem Buch Eltern als Team* (*Affiliate -Link, Kösel-Verlag, 16 Euro) geht es daher um genau diese Themen: Nicht nur um Arbeitsmodelle und die Arbeitsverteilung im Haushalt, sondern generell darum, wie man sich selbst als Familie definiert und wie dabei die Bedürfnisse aller Familienmitglieder berücksichtigt und erfüllt werden können. Birk ergänzt seine Informationen mit Tipps von Experten und Paaren, die schon heute andere, neue Wege gehen. Als junger Vater gibt er aus der männlichen Perspektive heraus Impulse für eine gerechtere Verteilung der täglichen Herausforderungen, die Familien-, Arbeits- und Paarleben mit sich bringen, damit die Neuorganisation des Alltags gelingt und beide Eltern weiter im Berufsleben stehen können.

Laura Dieckmann

Als waschechte Hamburgerin lebe ich mit meiner Familie in der schönsten Stadt der Welt – Umzug ausgeschlossen! Bevor das Schicksal mich zu Echte Mamas gebracht hat, habe ich in verschiedenen Zeitschriften-Verlagen gearbeitet. Seit 2015 bin ich Mama einer wundervollen Tochter.

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