Seit der Debatte um Jens Spahn wird wieder viel über Leihmutterschaft gesprochen. Steffen erzählt, warum er und sein Mann diesen Weg gegangen sind.

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    Seit CDU-Politiker Jens Spahn und sein Mann durch eine Leihgeburt Eltern geworden sind, wird wieder intensiv über dieses Thema diskutiert. Dabei geht es um ethische Fragen, den Kinderwunsch vieler Paare und die rechtlichen Rahmenbedingungen in Deutschland.

    Wie sich dieser Weg für die Betroffenen tatsächlich anfühlt, gerät dabei oft in den Hintergrund. Steffen und sein Mann Yang erzählen in ihrer Echten Geschichte von ihrem Weg zur Familie, den Hürden, die sie überwinden mussten, und den Vorurteilen, mit denen sie bis heute konfrontiert werden.

    „Ich bin Steffen und lebe mit meinem Mann Yang im Rheinland. Ende Mai ist unser Sohn in den USA geboren worden. Mittlerweile sind wir wieder zurück in Deutschland und genießen unseren neuen Alltag als Familie. Wir gehen gerne mit dem Kinderwagen am Rhein oder durch die Parks spazieren und haben seit der Geburt unseres Sohnes gelernt, den Mittagsschlaf wirklich zu schätzen.

    Dass wir einmal Eltern werden möchten, wurde uns während eines langen Strandspaziergangs klar. Nach fünf gemeinsamen Jahren sprachen wir darüber, wie wir unser weiteres Leben gestalten wollen. Damals beschlossen wir, dass wir heiraten und eine Familie gründen möchten.

    Uns war allerdings schnell bewusst, dass dieser Weg für uns anders aussehen würde als für viele andere Paare – auch weil mein Mann Nicht-EU-Ausländer ist.

    Wir haben uns intensiv mit den verschiedenen Möglichkeiten beschäftigt, die es für uns in Deutschland und im Ausland gibt. Am Ende entschieden wir uns für den Weg einer Leihgeburt. Der Begriff „Leihmutterschaft“ fühlt sich für mich nicht passend an. Mit dem Wort „Mutter“ verbinde ich viel mehr als das Schwanger sein mit einem Kind. Deshalb spreche ich lieber von einer Leihgeburt.

    Für uns war wichtig, dass wir ein leibliches Kind bekommen, von Anfang an beide rechtlich gleichberechtigte Väter sind und das gemeinsame Sorgerecht haben. Denn in der Heimat meines Mannes wird weder unsere Ehe anerkannt, noch die Elternschaft zweier Männer für ein Kind.

    Gut zu Wissen

    In Deutschland ist die Leihmutterschaft verboten. Das bedeutet: Eine Frau darf hierzulande kein Kind für andere austragen. Deshalb entscheiden sich manche Paare oder Einzelpersonen für eine Leihmutterschaft im Ausland, wo sie in einigen Ländern unter bestimmten Voraussetzungen erlaubt ist – unter anderem in Teilen der USA, in Kanada, Griechenland, Georgien und Kolumbien – allerdings gelten dort jeweils unterschiedliche gesetzliche Regelungen.

    Es begann anschließend eine Zeit, die bürokratisch, emotional fordernd und sehr aufwendig war. Rückblickend hat uns genau diese Zeit als Paar aber noch enger zusammengeschweißt. Heute merken wir, wie wichtig dieses Fundament ist, um das Elternsein gleichberechtigt zu leben.

    Oft hören wir bis heute den Satz: ‚Warum habt ihr nicht einfach adoptiert?’

    Viele wissen nicht, wie schwierig eine Adoption ist. Allein 2025 kamen auf jedes vorgemerkte Adoptivkind fünf potenzielle Adoptivfamilien. Auch das Co-Parenting oder eine Pflegefamilie zu sein, sind ebenfalls aufwendig und mit Unsicherheiten verbunden. Wir wären sehr gerne in Deutschland Eltern geworden. Doch nach langem Abwägen, passte keiner dieser Wege für uns.

    Deshalb entschieden wir uns schließlich für eine Leihgeburt in den USA. Dort gibt es für die gebärende Frau eine sehr gute medizinische sowie psychologische Betreuung und eine hohe rechtliche Sicherheit für alle Beteiligten. Außerdem gibt es klare Voraussetzungen für Frauen, die Leihgeburten durchführen möchten.

    Die Agenturen, die Paare und Leihgebärende zusammenbringen, stellen sicher, dass die Frauen körperlich und seelisch gesund sind sowie finanziell stabile Lebensverhältnisse haben. Zudem müssen sie mindestens ein eigenes Kind problemlos geboren haben und dies muss bei ihnen leben.

    Steffen und sein Mann bekamen ihr Wunder durch eine Leihgeburt.
    Steffen und sein Mann bekamen ihr Wunder durch eine Leihgeburt. Foto: Privat

    Die Frau, die unseren Sohn zur Welt gebracht hat – ich nenne sie hier Isabella –, lernten wir über eine dieser Agenturen kennen. Deren Gründerin war selbst mehrfach für andere Familien schwanger gewesen. Isabella hatte sich eigenständig bei der Agentur gemeldet. Sie hatte schon seit der Geburt ihres ersten Kindes den Wunsch, anderen Paaren dabei zu helfen, eine Familie zu gründen.

    Mittlerweile hat sie drei eigene Kinder, lebt mit ihrem Partner in einem Haus und hat für sich entschieden, keine weiteren eigenen Kinder mehr zu bekommen.

    An Ostern 2025 lernten wir sie bei einem Videotelefonat kennen.

    Wir erzählten von unserem Leben in Köln und unserem Kinderwunsch. Einen Tag später erfuhren wir, dass sie sich für uns entschieden hatte. Wir waren überglücklich.

    Wir waren ab diesem Zeitpunkt sogar ein bisschen abergläubisch und klopften gefühlt auf jedes Stück Holz, das uns begegnete.

    Zwischen uns und Isabella lagen rund 9.000 Kilometer.

    Wir lernten, darauf zu vertrauen, dass die Fachleute, die sie und uns begleiten, ihre Arbeit gut machen und Isabella bestmöglich unterstützen und betreuen. Als wir im Oktober 2025 erfuhren, dass Isabella schwanger ist, war das ein unbeschreiblich schöner Moment.

    Auf dem ersten Ultraschall sah unser Sohn für mich aus wie ein kleiner Stern am Nachthimmel. Dieses Bild habe ich mir in den Monaten danach unzählige Male angesehen. Und jedes Mal musste ich lächeln.

    Natürlich wollten wir uns so gut wie möglich auf unser Baby vorbereiten. Wir besuchten einen Elternvorbereitungskurs und einen Erste-Hilfe-Kurs für Babys, fragten Freunde und unsere Familien nach ihren Erfahrungen und fanden eine Hebamme, die bereits queere Paare begleitet hatte.

    Außerdem las ich viele Bücher über das Elternwerden. Dabei fiel mir auf, dass die meisten Ratgeber vor allem für Mütter geschrieben sind, obwohl viele Inhalte genauso hilfreich für Väter sind.

    Auch unsere Wohnung veränderte sich Schritt für Schritt. Mit jedem Möbelstück, jedem Strampler und jedem Lätzchen wurde unser Sohn ein Stück greifbarer.

    Gleichzeitig blieb die Sorge.

    Wir tauschten uns regelmäßig mit Isabella aus, um zu hören, wie es ihr geht, und ob sie etwas benötigt. Als wir schließlich drei Wochen vor der Geburt in die USA reisten, wurde plötzlich alles real.
    Dann kam der Moment, auf den wir so lange gewartet hatten.

    Ich hörte den ersten Schrei unseres Sohnes und sah seinen kleinen Kopf mit den vielen schwarzen Haaren. Sofort schossen mir die Tränen in die Augen. Ich spürte augenblicklich, dass ich Vater bin.

    Mein erster Gedanke war: ‚Dieser Mensch gehört jetzt zu unserer Familie und ich werde alles dafür tun, dass es ihm auf dieser Welt gut geht.’ Noch intensiver wurde dieses Gefühl, als er zum ersten Mal auf meiner Brust lag.

    Er suchte sofort die Nähe und wir verbrachten seine erste Lebensstunde eng aneinander gekuschelt. Es ist bis heute unmöglich, dieses Gefühl in Worte zu fassen.

    Liebe auf den ersten Blick: Steffen und sein Sohn.
    Liebe auf den ersten Blick: Steffen und sein Sohn. Foto: Privat

    Nach der Geburt blieb Isabella nicht einfach eine Person, die unseren Sohn zur Welt gebracht hat. Sie ist für immer Teil unserer Familie.

    Während unserer Zeit in den USA besuchten wir sie regelmäßig.

    Sie lud uns sogar mehrfach zu sich nach Hause ein, damit auch ihr Partner und ihre Kinder unseren Sohn kennenlernen und verstehen, wo das Baby jetzt ist. Das waren sehr freundschaftliche Gespräche und Momente. Sie gab uns viele wertvolle Tipps mit auf den Weg. Sie schenkte uns Milchflaschen und Decken, die schon ihren eigenen Kindern gute Begleiter gewesen waren.

    Bis heute stehen wir in Kontakt. Wir schicken ihr regelmäßig Fotos und erzählen, wie es uns als Familie geht.

    Mindestens genauso wichtig wie der Weg zu unserem Sohn war für uns die Frage, wie wir das Elternsein gestalten möchten.

    Schon lange vor seiner Geburt war klar, dass wir uns die Elternzeit gleichberechtigt aufteilen wollen. Für uns ist es ein großes Glück, überhaupt Eltern geworden zu sein. Mehrere Jahre haben wir darauf hingearbeitet und gespart. Deshalb wollten wir die ersten Monate mit unserem Sohn so intensiv wie möglich erleben.

    Wir nehmen deshalb beide jeweils zehn Monate Elternzeit innerhalb seiner ersten 15 Lebensmonate. Bereits die ersten Wochen mit unserem Sohn waren die schönste Zeit meines Lebens. Im Moment fällt mir nichts ein, wofür ich diese gemeinsame Zeit eintauschen würde. Zum Glück macht unser Sohn es uns bisher ziemlich leicht.

    Mein Mann und ich sind außerdem ein richtig gutes Team geworden. Nachts und tagsüber wechseln wir uns ab und haben feste Zeiten, in denen jeweils einer von uns hauptsächlich für unseren Sohn zuständig ist. Das hilft uns enorm. Bei uns wird alles möglichst fair aufgeteilt – egal, ob Wickeln, Füttern, Papierkram, Putzen oder Kochen.

    So entstehen viele Diskussionen oder Stressfaktoren gar nicht erst. Selbst Zeit für Sport versuchen wir beide regelmäßig einzuplanen, um unsere Rücken für das Tragen unseres Sohnes zu stärken.

    Zum Glück  erleben wir sehr viel Unterstützung.

    Unsere Familien, Freunde und Kolleginnen und Kollegen haben sich durchweg für uns gefreut und uns auf unserem Weg begleitet. Dieser Rückhalt war während unseres gesamten Weges und während der Schwangerschaft unglaublich wichtig.

    Auch andere queere Eltern haben uns sehr geholfen. Über einen Kinderwunsch-Stammtisch des Rubicon e. V. in Köln lernten wir Frauen und Männer kennen, die ebenfalls große Hürden überwinden müssen, um Eltern zu werden. Dort mussten wir nichts erklären. Alle verstanden sofort, wovon wir sprechen. Dieser Austausch war ein echter Safe Space.

    So selbstverständlich sich unser Familienalltag für uns anfühlt, erleben wir trotzdem immer wieder Situationen, die zeigen, dass gleichgeschlechtliche Eltern in Deutschland noch längst nicht überall mitgedacht werden.

    Das sind immer wieder Fragen, die viele vermutlich gar nicht böse meinen und die trotzdem verletzen können. Zum Beispiel: Wer ist denn der leibliche Vater? Oder: Warum habt ihr nicht einfach adoptiert?

    Besonders absurd war eine Begegnung, als mein Mann und ich mit unserem Sohn im Kinderwagen unterwegs waren und uns ein Autofahrer fragte, ob dort ein Hund drin liege. Solche Momente zeigen mir, dass wir gesellschaftlich noch einen weiten Weg vor uns haben.

    Hinzu kommen strukturelle Hürden.

    Wenn ich meinen Mann und mich bei Krankenkassen, Versicherungen, Ärztinnen, Ärzten oder Kitas ausdrücklich als gleichgeschlechtliche Eheleute und Eltern vorstelle, werde ich trotzdem manchmal nach meiner Frau oder nach der Mutter unseres Kindes gefragt. Mit unserer Krankenkasse diskutieren wir beispielsweise aktuell, dass sie die Kosten für die Hebammenleistungen vor der Geburt übernehmen. Denn wir wollten uns genauso auf das Elternsein vorbereiten wie alle anderen werdenden Eltern auch.

    Was mich außerdem beschäftigt, ist die Art, wie in Deutschland über Leihmutterschaften gesprochen wird.

    Durch Jens Spahn und seinen Mann ist das Thema aktuell sehr präsent. JA, wir sollten über die verschiedenen reproduktionsmedizinischen Verfahren in Deutschland dringend diskutieren. Aber die Art und Weise wie dies derzeit getan wird, hat mich schockiert. Da wurden polarisierende und vergiftete Begriffe für Menschen genutzt, die diesen Weg gewählt haben. Und es wurde viel pauschalisiert.

    In unserem Fall war es so: Isabella ist eine gut ausgebildete und finanziell unabhängige Frau, die diese Entscheidung selbst getroffen hat. Alle Beteiligten wurden vorher intensiv geprüft, medizinisch und psychologisch begleitet und rechtlich abgesichert. Auch Isabellas Umfeld wusste Bescheid.

    Was viele nicht wissen ist, dass die Mehrheit der Paare, die über Leihmutterschaft Eltern werden, heterosexuell sind.

    Wir kennen auch ein paar deutsche Paare, die diesen Weg gegangen sind. Aber mit dem Thema werden vor allem Männer-Paare verbunden.

    Während unseres Rückflugs nach Deutschland saß zufällig ein heterosexuelles Ehepaar aus den USA neben uns. Zwei ihrer drei Kinder wurden ebenfalls durch eine Leihgeburt geboren – schon vor 15 Jahren. In den USA, wo dieser Weg seit Jahrzehnten klar geregelt ist, herrscht ein anderer Umgang damit.

    Ich wünsche mir deshalb, dass wir in Deutschland differenzierter über Möglichkeiten sprechen, Kinderwünsche zu erfüllen.

    Viele Wege, Eltern zu werden, sind hier entweder unmöglich oder mit enormen Hürden verbunden. Deshalb entscheiden sich eben Paare auch für den Weg ins Ausland. Wenn Menschen dann den moralischen Zeigefinger heben, verbessert das weder die Situation für Paare mit Kinderwunsch in Deutschland noch verändert es etwas an den Bedingungen im Ausland.

    Politisch und gesellschaftlich sollten wir uns hier mehr an die gelebte Realität anpassen. Einen Schritt nach vorne machen.

    Steffen genießt jeden Moment mit seinem Kind.
    Steffen genießt jeden Moment mit seinem Kind. Foto: Privat

    Wenn Politik und Gesellschaft Familien als wichtigen Pfeiler unseres Landes verstehen, dann sollte allen potenziellen Eltern mit ihren Wünschen, Ängsten und Bedürfnissen auf Augenhöhe begegnet werden. Zum Beispiel könnten wir alle Paare finanziell besser bei der künstlichen Befruchtung unterstützen. Es lesbischen Paaren leichter machen, dass beide ab der Geburt als leibliche Eltern gelten.

    Es allen drei oder vier Beteiligten von Co-Parenting ermöglichen die rechtliche Verantwortung für ein Kind zu übernehmen. Und ja, auch über die Formen von Leihgeburten sollten wir differenziert diskutieren.

    Wir sollten stärker dabei wieder mehr auf das schauen, was uns verbindet. Die Liebe zu einem Menschen. Und die Liebe zum eigenen Kind. Denn wenn wir als Eltern dieselben Pflichten haben, sollten wir auch dieselben Rechte haben. Gleichbehandlung nimmt niemandem etwas weg. Sie schafft bessere Bedingungen – für alle Familien.”

    Was wünscht ihr euch für den Umgang mit dem Thema Kinderwunsch?

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