„Mein Mann und ich sind seit Januar 2014 ein Paar. Wir kennen uns schon seit der Schulzeit und haben früh gelernt, bedingungslos zusammenzustehen.
Schon bevor wir Kinder bekamen, mussten wir gemeinsam schwere Zeiten überstehen. Erst besiegte seine Mama den Krebs. 2018 überlebte ich einen schweren Suizidversuch. Mein Mann war in jeder Sekunde an meiner Seite und hat mit mir gekämpft.
Im Nachhinein erscheint mir all das, was wir vor den Kindern durchgemacht haben, fast unbedeutend. Der Schmerz, die Angst, aber auch die Liebe um die eigenen Kinder dominieren einfach alles und verschieben jede Relation im Leben.
2022 war ich mit unserer ersten Tochter schwanger.
In der 35. Schwangerschaftswoche infizierte ich mich mit Corona und das Virus übertrug sich auf unser Baby. Ihre Herztöne wurden immer schlechter und ich wusste als Mama im Inneren sofort, dass sie in Gefahr ist.
Bei 37+1 wurde ich erneut stationär aufgenommen. Die Ärzte sagten mir, dass sie eine natürliche Geburt nicht überleben würde.
Ich wollte immer eine selbstbestimmte natürliche Geburt im Hebammenkreißsaal erleben und niemals eine Bauchgeburt.
Aber ihr Leben ging immer vor.
Ich werde nie den Moment vergessen, als ich vor der OP für die PDA saß, die Nadel in meiner Wirbelsäule spürte und die Kleine plötzlich ganz still wurde. Ich fühlte sie nicht mehr und hatte unendliche Angst um sie.
Als sie auf die Welt kam, schien zunächst alles gut zu sein. Sie schrie laut und kraftvoll – und trotzdem kämpfte sie im Hintergrund bereits um ihr Leben.
Ich durfte sie nur zwei Minuten halten, dann wurde sie weggetragen.
Während ich tränenüberströmt im Aufwachraum lag, hoffte ich einfach nur, dass sie auf der Station auf mich wartet.
Die Diagnose war ein Schock: eine Herzmuskelentzündung durch die Covid-Infektion im Mutterleib und eine komplexe Herzrhythmusstörung.
Bis heute – unsere Tochter ist inzwischen vier Jahre alt – bestimmt das unseren Alltag. Es ist ein ständiges Aufpassen, Medikamente geben, Kontrollen im Herzzentrum und die tägliche Balance, sie einfach Kind sein zu lassen, ohne eine sichere Prognose zu haben.
Gerade als wir gelernt hatten, mit dieser Herzerkrankung und der ständigen Sorge umzugehen, traf uns der nächste Schicksalsschlag: Der Krebs bei der Mama meines Mannes kehrte zurück. Sie verstarb kurz nach dem ersten Geburtstag unserer Tochter.
Mitten in dieser Trauer wurde ich Anfang 2024 erneut schwanger.
Die Sorge war von der ersten Sekunde an da, obwohl meine Frauenärztin bei jedem Termin sagte, dass alles super sei. Mit viel Druck erkämpften wir uns in der 26. Schwangerschaftswoche einen Termin im Herzzentrum zur Feindiagnostik.
Dort kippte unsere Welt erneut.
Eine wichtige Hirnstruktur fehlte unserem kleinen Jungen komplett.
Trotzdem entschieden wir uns sofort für ihn. Wir fingen an zu recherchieren, bereiteten uns auf ein Leben mit einem besonderen Kind vor und freuten uns weiterhin auf unseren Schatz.
Doch schon am nächsten Tag, nach einer weiteren Feindiagnostik und einer Amniozentese, bekam ich vorzeitige Wehen und Blutungen. Ich musste ins Krankenhaus.
Während ich Wehen hatte, bereitete ich mit zitternden Händen noch die Medikamente für unsere Tochter zu Hause vor.
Ich bekam Wehenhemmer und die Lungenreife und wollte einfach alles tun, damit unser Sohn wachsen und stärker werden konnte, weil er es ohnehin schon so schwer hatte.
Vier Wochen lang lag ich im Krankenhaus – aus ständiger Angst, eine Frühgeburt zu provozieren. Wir hatten zu diesem Zeitpunkt bereits eine Indikation der Pränataldiagnostik für einen späten Schwangerschaftsabbruch. Trotzdem wollten wir diese Entscheidung nicht vorschnell treffen.
Wir wussten zunächst nur, dass unserem Sohn die Hirnstruktur fehlte.
Welche Auswirkungen das haben würde, konnte uns niemand sicher sagen, denn dieser Befund kann sehr unterschiedlich verlaufen. Es gibt Fälle, in denen diese Fehlbildung isoliert auftritt und die Kinder vergleichsweise milde Einschränkungen haben.
Deshalb wollten wir unbedingt die Ergebnisse der genetischen Untersuchungen und des fetalen MRTs abwarten. Wir hofften so sehr, dass alles gut werden würde.
Nach drei Wochen kamen endlich die Ergebnisse.
Ich werde den Abend nie vergessen, als der Feindiagnostiker bei meinem Mann anrief. Sein Gesichtsausdruck hat sich für immer in mein Gedächtnis eingebrannt. In diesem Moment wusste ich, dass nichts mehr so sein würde wie vorher.
Die genetischen Untersuchungen und das MRT brachten niederschmetternde Ergebnisse. Unser Sohn hatte einen schweren genetischen Schaden, Leukämie, eine massive Unterentwicklung und Tumore im und am ganzen Körper.
Vor Augen hatten wir nur das Bild eines Kindes, dessen Leben ausschließlich aus Schmerzen bestehen würde und das nicht einmal verstehen könnte, was mit ihm passiert.
Wir hätten mit einem behinderten Kind leben können. Aber wir wollten nicht, dass unser Kind unendliche Schmerzen hat und niemand ihm helfen oder sein Leid lindern kann.
Aus Liebe entschieden wir uns deshalb für einen späten Schwangerschaftsabbruch.
Es war die schmerzhafteste Entscheidung unseres Lebens.
Der Chefarzt fragte uns, wie wir weiter vorgehen möchten. Unser Fall wurde der Ethikkommission vorgestellt. Doch sie lehnte unseren Wunsch ab. Man wollte mich nicht entlassen – nur auf eigene Verantwortung. Eine junge Ärztin sagte sogar zu meinem Mann, dass unser Baby wahrscheinlich auf der Autofahrt zur Welt kommen und noch schlimmere Schäden davontragen würde.
Dann kam unser Pränataldiagnostiker persönlich ins Krankenhaus.
Er wollte mit den Ärzten sprechen und den Schwangerschaftsabbruch selbst durchführen. Doch ihm wurde damit gedroht, die Zusammenarbeit mit ihm zu beenden.
Also wandten wir uns an ein anderes Krankenhaus, indem uns geholfen wurde. Ich weiß, dass der späte Schwangerschaftsabbruch und ein Fetozid sehr umstritten sind. Trotzdem werde ich offen darüber sprechen.
Denn es gibt Eltern, für die das – so wie für uns – die einzige Alternative ist.
Am 13. November, in der 31. Schwangerschaftswoche, wurde das kleine Herz unseres Sohnes stillgelegt. Am 15. November kam er zur Welt. So still und so wunderschön.
Ich hatte die natürliche Geburt, die ich mir immer gewünscht hatte. Aber ohne mein Baby im Arm. Danach war da nur noch eine riesige Leere.
Wir wollten so schnell wie möglich wieder schwanger werden. Manche werden das vielleicht nicht verstehen. Aber ich hatte das Gefühl, ich könnte seine Seele in einem gesunden Körper zu mir zurückholen.
Im dritten Zyklus nach seiner stillen Geburt lag ich weinend im Bett, sprach gedanklich mit ihm und bat ihn um eine zweite Chance. Zwei Wochen später hielt ich einen positiven Schwangerschaftstest in der Hand. Heute halte ich unser Regenbogenbaby im Arm, ein kleines Mädchen.
Rational weiß ich natürlich, dass mein Sohn nicht wiederkommt.
Aber mein Herz erträgt es anders nicht. Ich möchte glauben, dass ein Funke seiner Seele in ihr weiterlebt. Für mich ist das so. Ich leide unendlich unter dem Verlust meines Sohnes. Aber komischerweise habe ich seit seinem Tod keine depressiven Spiralgedanken mehr wie früher.
Der Schmerz ist riesig, aber er hat mich auch aufgeweckt. Ich kann die Schönheit des Lebens heute viel bewusster sehen und alle Gefühle stärker spüren. Ich weiß heute, wie unendlich wertvoll unsere Liebe ist.
Ich teile unsere Geschichte, weil ich anderen Familien Mut machen möchte. Ich möchte zeigen, dass hinter jedem Schatten auch Licht steht. Dass man gleichzeitig unendlich traurig über das Verlorene und unendlich glücklich über das Neue sein darf. Beides hat nebeneinander Platz. Liebe macht alles möglich.”
Vielen lieben Dank, liebe Marija, dass wir eure berührende Geschichte hier teilen dürfen. Wir wünschen dir und deiner Familie alles Liebe für die Zukunft!
Hast du ein paar liebe Worte für Marija? Dann schreib ihr hier gerne einen Kommentar!
„Wir hätten mit einem behinderten Kind gelebt – aber nicht mit seinem Leid.“
Von
Lena Krause
6. Juli 2026