Zwei Sternenkinder und ein Hoffnungsschimmer:

Nach langer Kinderwunschreise scheint Sarahs größter Wunsch endlich wahr zu werden: Drillinge. Doch plötzlich ist nichts mehr, wie es war. Sie erzählt von ihrem Weg zwischen Verlust, Hoffnung und Glück.

Inhalt dieses Artikels

    „Ich bin Sarah und nach einer langen und anstrengenden Kinderwunschreise durch Endometriose und Adenomyose inklusive Operation haben mein Mann und ich an Weihnachten 2025 endlich einen positiven Schwangerschaftstest in den Händen gehalten. Die Freude war riesig! Nach allem, was hinter uns lag und nachdem ich lange als unfruchtbar galt, fühlte sich dieses kleine Plus wie ein riesiges Weihnachtswunder an. Doch der Ultraschall wenige Wochen später setzte noch einen oben drauf:

    Ein eineiiges Zwillingspaar und ein zweieiiger Zwilling hatten es sich unter meinem Herzen bequem gemacht.

    Drei kleine Wunder

    Als die erste Mehrlings-Schreckstarre vorüber war, überwog die Freude darüber, dass wir tatsächlich drei kleine Wunder erwarteten und bald eine fünfköpfige Familie sein würden. Und als dann auch noch klar war, dass es drei Mädchen werden, freuten wir uns dreifach.

    Das erste Trimester war durch Übelkeit und Erbrechen zwar anstrengend, aber ich wusste, wofür es gut war. Ich ging ins Beschäftigungsverbot und konzentrierte mich auf die drei schlagenden Herzen in meiner Brust. Wir zogen in eine größere Wohnung und freuten uns jeden Tag mehr auf unser Leben mit drei Babys.

    Nach ca. 16 Wochen wurde bei einer Pränataldiagnostik bei einem Baby sIUGR festgestellt.

    Was bedeutet sIUGR

    sIUGR steht für selektive intrauterine Wachstumsrestriktion. Bei eineiigen Zwillingen, die sich eine gemeinsame Plazenta teilen, kann es vorkommen, dass eines der Babys deutlich schlechter über die gemeinsame Plazenta versorgt wird und deshalb wesentlich langsamer wächst als seine Zwillingsschwester. Die Situation kann für beide Babys gefährlich werden und erfordert eine engmaschige Kontrolle.

    Ein Ultraschall der Drillinge.
    Ein Ultraschall der Drillinge. Foto: privat

    Die erste große Sorge um unsere drei Mädchen

    Von da an mussten wir jede Woche zum Ultraschall und als Eltern mit einer Entscheidung leben, die eigentlich niemand treffen möchte:

    Sollten wir unsere kleinste Tochter durch eine Nabelschnurligatur aufgeben, um die Prognose ihrer Schwester zu verbessern, oder das Risiko eingehen, dass sie unkontrolliert verstirbt?

    Auch der Eingriff bedeutete ein Risiko für alle drei Babys, da dadurch eine Frühgeburt ausgelöst werden konnte. Deshalb versuchten wir bei schwierigen, aber zunächst stabilen Werten, die 28. Schwangerschaftswoche zu erreichen.

    „Wenn sie bis dahin auch ein überlebensfähiges Gewicht erreicht, können wir alle drei holen“, hieß es in der Uniklinik Köln.

    Die 28. Schwangerschaftswoche wurde damit unser großer Meilenstein. Wir fuhren sogar noch einmal für eine Woche in den Urlaub und ich traute mich zum ersten Mal, freudige Babybauchbilder zu machen.

    SSW 27, ein Tag bevor ich von Filines Tod erfuhr.
    SSW 27 – ein Tag bevor Sarah von Filines Tod erfuhr. Foto: privat

    Doch dann blieb Filines Herz stehen

    In der 27. Schwangerschaftswoche hörte Filines Herz auf zu schlagen – und unsere Welt stand plötzlich still.

    Die Trauer, die eine Mutter verspürt, wenn ihr Baby in ihrem Bauch verstirbt, ist unbeschreiblich. Wir weinten um Filine, um die fehlende Unbeschwertheit dieser Schwangerschaft, um die verlorene Vorstellung, drei Mädchen in den Armen halten zu können, und um unser Baby, das ich bereits bedingungslos geliebt hatte. Gleichzeitig trug ich noch zwei weitere Babys in meinem Bauch und musste weiter für sie da sein.

    Rückblickend weiß ich manchmal selbst nicht, wie wir diese Wochen ausgehalten haben. Wahrscheinlich, indem wir nie versucht haben, die gesamte Strecke auf einmal zu schaffen. Wir hangelten uns von Untersuchung zu Untersuchung und von einem kleinen Meilenstein zum nächsten.

    Wir beschäftigten uns nun mit Zwillingsausstattung, kauften einen Zwillingskinderwagen, Zwillingssets und ein Zwillingsstillkissen. Während wir um Filine trauerten, mussten wir uns also gleichzeitig darauf vorbereiten, bald zwei Babys mit nach Hause zu nehmen.

    Dazu kam die Sorge um Filines eineiige Zwillingsschwester, denn beim Versterben eines eineiigen MoDi-Zwillings besteht ein erhebliches Risiko, dass auch der Co-Zwilling mitgerissen wird. Uns wurde erklärt, dass auch ihre eineiige Zwillingsschwester dadurch in großer Gefahr war. Wieder gab es einen neuen Meilenstein:

    Was bedeutet MoDi-Zwillinge?

    MoDi steht für monochorial-diamniot. Das bedeutet: Die eineiigen Zwillinge teilen sich eine gemeinsame Plazenta, haben aber jeweils eine eigene Fruchtblase. Weil beide Babys über dieselbe Plazenta versorgt werden, kann es zu besonderen Risiken und Komplikationen kommen, weshalb MoDi-Schwangerschaften besonders engmaschig überwacht werden.

     

    Wenn die von nun an zweieiigen überlebenden Zwillinge die 32. SSW erreichen, haben wir sehr gute Chancen, dass es beiden gut gehen wird.

    Wir versuchten, uns an dieser Hoffnung festzuhalten und uns an unsere neue Situation anzupassen.
    Sie versuchten, sich an dieser Hoffnung festzuhalten und sich an ihre neue Situation anzupassen. Foto: privat

    Auch für Flora gab es keine gute Prognose

    In der 33. Schwangerschaftswoche bestätigten mehrere Spezialist:innen schließlich, dass Flora schwere und irreversible Hirnschäden erlitten hatte. Die Prognose ließ keine Hoffnung zu. Selbst wir erkannten die schwarzen Löcher auf den MRT Bildern. Wir hatten bis zuletzt gehofft, auch Flora lebend kennenlernen zu dürfen. Doch auch von ihr mussten wir noch während der Schwangerschaft Abschied nehmen. In der 34. Schwangerschaftswoche verstarb Flora.

    Eine Leere überkam mich im neunten Monat. Die wilden Tritte auf der linken Seite meines Bauches verstummten.

    Flora hatte sich immer beschwert, sobald ich auf der linken Seite lag, doch plötzlich kam keine Reaktion mehr. Nur mein Hoffnungsschimmer, der sich tief im Becken auf der rechten Seite verkrochen hatte, gab mir zwischendurch noch das Zeichen, nicht aufzugeben.

    Ich sprach zu meinem dritten, soweit gesunden Baby und gaben ihr den Spitznamen „Sparkle“ – mein Hoffnungsschimmer.

    Zwei Sternenkinder und ein Hoffnungsschimmer

    In der 36. Schwangerschaftswoche hatte ich meine beiden Sternenkinder und Sparkle noch bei mir. Kontraktionen, ein verkürzter Gebärmutterhals und die große Sorge um Sparkle ließen mich im Krankenhaus auf mein Baby warten. Ich kämpfte jeden Tag mit den Ärzten darum, sie endlich im Arm halten zu dürfen, denn ich wollte mich von meinen Sternenkindern verabschieden und gleichzeitig mit Sparkle und meinem Mann gemeinsam heilen.

    Neben dem Packen der Kliniktasche bemalte ich einen Kindersarg.

    Das war meine Geburtsvorbereitung: zwei Totgeburten und ein Hoffnungsschimmer. Ehrlicherweise kann man sich auf so etwas nicht vorbereiten. Diese Gleichzeitigkeit von Trauer und Vorfreude war immens und fühlte sich manchmal fast unmöglich an. Statt Nestbau zu Hause lag ich zweimal täglich am CTG und wartete darauf, endlich alle Finger und Zehen von Sparkle zählen zu können.

    Eine riesige Hilfe war für uns die ehrenamtliche Organisation Hope’s Angel Foundation e.V., die uns bei den Aufgaben rund um die Bestattung und auch als Trauerbegleitung unterstützte.

    Bei 35+3 kamen per Kaiserschnitt schließlich unsere drei Töchter zur Welt: unsere dritte Tochter „Sparkle“ als spätes Frühchen und Filine und Flora als stille Geburten. Unsere Drillingskämpferin zeigte den Kinderärzten, wie stark sie ist, und wir durften bereits nach fünf Tagen mit ihr nach Hause.

    Unser Regenbogenkind braucht als Frühchen und teilverwaister Mehrling viel Körperkontakt- wir alle.
    Sarahs Regenbogenkind braucht als Frühchen und teilverwaister Mehrling viel Körperkontakt - wie die ganze Familie. Foto: privat

    Leben mit Trauer und Hoffnung

    Hier begann unser gemeinsames Leben mit Trauer und Hoffnung – mit vielen Tränen, aber auch mit Liebe und neuen glücklichen Momenten. Ich bin dankbar, dass mich dieser Hoffnungsschimmer nie verlassen hat und wir lernen durften, mit all diesen unterschiedlichen Gefühlen gleichzeitig zu leben.

    Bei jedem lila Schmetterling denken wir an unsere beiden Zwillings-Sternenkinder und an jeden ihrer Tritte, die ich spüren durfte. Wir denken an die Gesichter, die wir bereits auf den Ultraschallbildern sehen konnten. Filine und Flora gehören genauso zu unserer Familie wie ihre kleine Schwester.

    Unsere Sternenkinder sind im Hintergrund. Die Schildkröten begleiten uns symbolisch seit der Schwangerschaft, sowie jetzt die lila Schmetterlinge.
    Ihre Sternenkinder sind im Hintergrund. Die Schildkröten begleiten sie symbolisch seit der Schwangerschaft, sowie jetzt die lila Schmetterlinge. Foto: Stefan Wiede

    Heute weiß ich, dass Trauer und Hoffnung gleichzeitig existieren können. Dass neben einem unvorstellbaren Verlust trotzdem Liebe, Freude und Zukunft sein dürfen. Die Freude über unsere lebende Tochter macht den Verlust von Filine und Flora nicht kleiner. Sie fehlen uns und werden immer ein Teil unserer Familie bleiben.

    Es gibt Lachen, Nähe, Trauer, Tränen, schöne Momente und ganz viel Liebe. Manchmal sogar alles am selben Tag. Ich glaube, genau das ist es, was ich selbst in den dunkelsten Wochen gerne gewusst hätte: Man muss sich nicht für Trauer oder Hoffnung entscheiden. Beides darf nebeneinander existieren.

    Wir haben in dieser Zeit gelernt, dass man nicht die gesamte Strecke auf einmal schaffen muss. Manchmal reicht es, von einem Tag zum nächsten zu gehen. Von einer Untersuchung zur nächsten. Von einem kleinen Meilenstein zum nächsten. Und manchmal reicht es einfach, den nächsten Morgen zu erreichen.

    Deshalb erzähle ich unsere Geschichte. Nicht, weil am Ende alles gut geworden ist. Das ist es nicht. Filine und Flora fehlen uns. Aber unser Leben darf trotz dieses Verlustes weiter Liebe, Freude und Zukunft enthalten. Und vielleicht bedeutet Hoffnung manchmal gar nicht, dass alles gut wird. Vielleicht bedeutet Hoffnung einfach, trotz allem weiterzugehen.

    Liebe Sarah, vielen Dank für deine starken und berührenden Worte. Wir wünschen eurer kleinen Familie alles Liebe für die Zukunft!

    Was hat euch in schweren Zeiten Halt gegeben? Schreibt es in die Kommentare.

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