Mama sein heißt oft: erst das Kind, dann der Haushalt, dann der Rest. Und irgendwann fragt man sich: Wo bleibe eigentlich ich? Dabei darf auch dein Wohlbefinden als Mama Platz haben, sagt die promovierte Pädagogin mit Forschungsschwerpunkt Familienpsychologie Dr. Martina Stotz. Sie zählt zu den bekanntesten Stimmen für bindungs- und bedürfnisorientierte Erziehung im deutschsprachigen Raum.
Wir haben die Expertin gefragt, wie es funktionieren kann, dass alle Bedürfnisse im Familienalltag berücksichtigt werden.
„Kaum ein Begriff wird so oft missverstanden wie dieser: Bedürfnisorientierung klingt für viele nach einem Familienleben, in dem sich alles um das Kind dreht und die Eltern irgendwo dahinter verschwinden. Nach sofortigem Reagieren rund um die Uhr, nach endloser Geduld und einem schlechten Gewissen, sobald du einmal genervt reagierst.
Häufig erlebe ich in meinen Beratungen Mamas und Papas, die sich genau an dieser Vorstellung aufreiben und völlig erschöpft sind. Sie lesen viel, sie wissen viel über kindliche Entwicklung, und dabei überlagern die kindlichen Bedürfnisse völlig die eigenen. Bedürfnisorientierung ist jedoch kein Weg, auf dem du dich selbst aufgibst, sondern einer, auf dem alle in der Familie vorkommen dürfen. Eltern gehören dazu und sind sogar am wichtigsten, denn wenn sie nicht in ihrer Kraft sind, bekommen auch Kinder nicht das, was sie brauchen.
Das Wohlergehen aller zählt
Im Kern geht es darum mit liebevoller innerer Haltung hinter das Verhalten zu schauen und das dahinterliegende Bedürfnis zu erkennen. Was braucht dieser kleine Mensch gerade, wenn er schreit oder mit dem Fuß aufstampft? Was möchte das Kind durch dieses Verhalten sagen? Ist das Kind müde und braucht Schlaf? Ist es wütend, weil es sich nicht gehört fühlt und mitten in der Autonomiephase steckt? Diese Frage verändert den Familienalltag zutiefst, und sie gilt in beide Richtungen.
Denn dieselbe Frage darfst du auch dir stellen: Was brauche ich gerade? Was fehlt mir, wenn ich schon um halb acht am Morgen genervt bin?
Dr. Martina Stotz
Die Motivationsforscher Edward Deci und Richard Ryan beschreiben drei psychologische Grundbedürfnisse jedes Menschen: Autonomie, Bindung und Wirksamkeit. Diese Bedürfnisse hören mit dem Erwachsenwerden auf keinen Fall auf. Auch du brauchst Momente, in denen du selbst entscheidest, in denen dich jemand sieht und in denen du spürst, dass dein Tun etwas bewirkt.
Dein Kind lernt am Vorbild, wie du mit Gefühlen umgehst. Es schaut sich ab, wie du auf deine Müdigkeit reagierst und wie du deine eigene Grenze zeigst. Wenn du dich selbst achtsam behandelst, zeigst du deinem Kind etwas, das keine Erklärung leisten kann.
Gut genug reicht
Der Kinderarzt Donald Winnicott hat vor Jahrzehnten den Begriff der „gut genug“ Mutter geprägt. Seine Erkenntnis wirkt bis heute entlastend:
Ein Kind entwickelt sich gesund, wenn seine Bezugsperson gut genug für es da ist, und nicht dann, wenn sie perfekt reagiert.
Kinderarzt Donald Winnicott
Der Entwicklungsforscher Ed Tronick hat das später in seinen Studien sichtbar gemacht. Zwischen Eltern und Kind gerät die Verbindung ständig aus dem Takt, oft mehrmals pro Stunde. Entscheidend für eine sichere Bindung ist etwas anderes: die Reparatur danach.
Zum Beispiel durch einen Satz wie: „Vorhin habe ich laut geschimpft. Das tut mir leid. Das war mein Fehler, nicht deiner. Darf ich es noch mal probieren?“ Dein Kind lernt daraus, dass Beziehungen auch schwierige Momente aushalten.
Diese Kommunikation und Grundhaltung ist enorm wichtig, da Kinder das Verhalten ihrer Eltern immer direkt auf sich und ihre Person beziehen. Sie entwickeln schnell Schuldgefühle und gehen davon aus, dass sie die Schuldigen sind.
Warum der Druck heute so groß ist
Ein Gespräch mit meiner Doktormutter Frau Prof. Dr. Walper, Leiterin des Deutschen Kinder- und Jugendinstitutes in München, hat mir das noch einmal sehr deutlich gemacht. Sie forscht seit Jahrzehnten und erinnert sich gut an eine Zeit, in der die ersten beiden Lebensjahre als die „dummen Jahre“ galten. Das Baby lief einfach mit, und kaum jemand machte sich Gedanken darüber, ob ein bestimmtes Verhalten dem Kind schaden könnte.
Heute weißt du vermutlich sehr genau, wie prägend gerade diese frühen Jahre für das Urvertrauen deines Kindes sind. Dieses Wissen ist wertvoll und es erzeugt zugleich Druck.
Eltern machen sich große Sorgen, sie haben sogar große Angst, etwas falsch zu machen. Diese Angst und Unsicherheit kann zu starker Erschöpfung führen.
Dr. Martina Stotz
In der Forschung spricht man von einer Intensivierung der Elternschaft: Elternsein ist anspruchsvoller und anstrengender geworden als früher. Dazu kommt, dass das „Dorf“ von früher in vielen Familien wegfällt. Erfahrung und Unterstützung aus der eigenen Großfamilie sind selten in Reichweite.
Dadurch wird die Verantwortung für das Kind nicht mehr auf mehreren Schultern verteilt und landet noch immer viel zu häufig zu großen Teilen auf den Schultern und im Kopf der Mütter. Der allseits bekannte Mental Load sorgt dafür, dass Eltern weniger feinfühlig reagieren können und irgendwann vor völliger Überlastung trotzdem ausrasten und sich genau so verhalten, wie sie es nicht möchten.
5 Impulse, wie du dich selbst im Blick behältst
Unterscheide zwischen Wünschen und Bedürfnissen: Dein Kind will doch noch eine Folge schauen, braucht aber Ruhe und Kuscheln. Es will den ganzen Tag zu Hause bleiben, braucht jedoch frische Luft. Sobald du diesen Unterschied siehst, wirst du ruhiger, weil du dich weniger an Wünschen abarbeitest und stattdessen vorausschauend handeln kannst, um Bedürfnisse zu erfüllen. Ganz nebenbei beugst du damit vielleicht einigen Wutausbrüchen vor.
Dieselbe Unterscheidung hilft dir bei dir selbst: Du willst abends noch eine Serie schauen und brauchst vielleicht eher zwanzig Minuten Yoga (Bewegung und Entspannung) oder ein Telefonat mit deiner Freundin (Austausch und Verbindung).
Nimm dein Kind mit in den Alltag: Ein ganzer Tag, der sich nach den Wünschen deines Kindes richtet, laugt aus. Suche stattdessen Strategien, die mehrere Bedürfnisse gleichzeitig berücksichtigen. Lass dein Kind beispielsweise bei deinen Tätigkeiten mitmachen, etwa beim Gemüsewaschen oder beim Wäschesortieren. Dein Kind erlebt dabei Selbstwirksamkeit und ihr seid in Verbindung.
Reflektiere deine Ansprüche: Häufig erlebe ich in meinen Beratungen, dass Eltern eine lange, innere Liste mit sich herumtragen: immer geduldig bleiben, gesund kochen, Ordnung vorleben, den Geburtstagskuchen selbst backen, die Partnerschaft pflegen, in Form bleiben, usw.
Nimm dir einen Moment und schau genau hin: Welcher dieser Ansprüche stammt wirklich von dir? Und welchen davon willst du loslassen? Ein Geburtstagskuchen vom Bäcker sagt nichts über deine Liebe aus.
Gib Verantwortung ab: Als Mama trägst du rund um die Uhr Verantwortung. Selbst in deiner freien Zeit bist du gedanklich selten frei davon, weil dein Kind von dir abhängig ist. Umso wichtiger wird die Frage, an welchen anderen Stellen du abgeben darfst.
Braucht es wirklich dich, um die Geschenke für den gesamten Freundeskreis zu organisieren? Jedes Mal, wenn du hier etwas abgibst, übernimmst du Verantwortung für dich selbst. Gib auch gern mal komplette Aufgabenpakete ab und halte aus, wenn das auch mal etwas schiefgeht.
Schau hin, was dich triggert: Gerade in herausfordernden Momenten greifen Eltern zu Notstrategien wie Schimpfen oder Drohen. Häufig stecken dahinter alte Erfahrungen aus der eigenen Kindheit. Dein Kind trifft mit seinem Verhalten eine wunde Stelle, die längst vor ihm entstanden ist.
Frag dich in einem ruhigen Moment: Welche Situation bringt mich besonders schnell auf die Palme? Und was habe ich als Kind in genau dieser Situation vermisst?
Diese Arbeit mit deinem inneren Kind ist kein Umweg, sondern der direkteste Weg zu mehr Gelassenheit. Denn ein Bedürfnis, das du bei dir selbst erkennst, verliert seine Macht über deine Reaktion. Schau, was dir bereits gelingt
Du bist der Leuchtturm
Ein Leuchtturm steht fest im Sturm und gibt Orientierung. Damit sein Licht leuchtet, braucht er selbst Energie. Genauso ist es mit dir: Deine Gelassenheit entsteht aus dem, was du dir selbst zugestehst.
Zu der Expertin: Dr. Martina Stotz begleitet in ihrer Beratungspraxis und ihren Onlinekursen zehntausende Eltern dabei, ihren Familienalltag liebevoll und klar zu gestalten. An ihrer Bindungsakademie gibt sie dieses Wissen als Dozentin weiter und bildet pädagogische Fachkräfte und Quereinsteiger*innen zu Eltern- und Familienberaterinnen mit Schwerpunkt Bindungsorientierung aus. Ihr Podcast LEUCHTTURM SEIN versorgt Eltern regelmäßig mit praktischen Impulsen für herausfordernde Alltagssituationen. Zuletzt erschien ihr Elternratgeber „Geschwisterkinder“ (GU Verlag).
Wie sieht es bei dir Zuhause aus: Welche Bedürfnisse haben mehr Priorität – deine und die deines Kindes und möchtest du daran etwas verändern? Erzähl‘ uns davon in den Kommentaren.
Wie erfülle ich die Bedürfnisse meiner Kinder und vergesse meine nicht?
Von
Marie Kahle
28. August 2026