Auch, wenn Weihnachten ist: Mein Kind muss niemanden umarmen

In ein paar Tagen ist es endlich wieder so weit: Weihnachten ist da!!!!

Ach, die Feiertage sind doch einfach zu schön, oder? Ich liebe diesen Trubel und ich liebe es, dass sich zumindest einmal im Jahr unsere ganze Familie trifft. Dann wärmen wir immer wieder uralte Geschichten unserer Sippe auf, lachen uns dabei tot und essen von morgens bis abends köstliche Dinge. Herrlich!

Es gibt allerdings eine Sache daran, die ich so gar nicht liebe…

„Nun sag Omi doch mal RICHTIG ,Hallo´, meine Kleine!“ „Oooooch, kriege ich denn heute gar kein Küsschen?“ oder „Gib mir eine dicke Umarmung! Was – ,fremdelst´ du jetzt etwa!!???“

Das war lange eine echte Zwickmühle für mich. Ich hasse es nämlich eigentlich, jemanden vor den Kopf zu stoßen. Und dann noch meine eigene Familie!

Und ja, aus Erwachsenensicht ist es natürlich auch kein großes Thema, Oma mal kurz zu umarmen, wenn diese mit vielen Geschenken ankommt – sie freut sich doch so! Und der Tante ein schnelles Bussi zur Begrüßung geben? Jetzt auch nicht sooo schlimm…

Aber, ganz ehrlich: Was gebe ich meiner Tochter denn für eine Vorstellung von (körperlicher) Zuneigung und Berührungen mit, wenn ich sie um der Harmonie willen dazu dränge, Küsschen und Umarmungen zu verteilen? Niemals sollte sie im Hinterkopf haben, dass sie jemandem körperliche Zuneigung schuldig ist – ob nun heute der Tante, weil sie sie lange nicht gesehen hat oder aber später einem Mann, der ihr Abendessen bezahlt hat. Denn das ist es sicher nicht, was ich meiner Kleinen für ihr Leben wünsche!

Und genau deshalb habe ich es tatsächlich geschafft, über meinen Schatten zu springen. Ich missachte meine Harmoniesucht, die Angst, dass sich jemand nicht 100 Prozent glücklich fühlen könnte. Denn die einzige Person, für deren Glück und Seelenheil ich wirklich verantwortlich bin, ist doch meine dreijährige Tochter! 

Sie soll lernen – und vielleicht eher und besser, als ich es früher getan habe – dass allein sie und ihre Gefühle entscheiden, wen sie umarmen und küssen möchte. Sind das einige unserer Verwandten und Freunde: Okay! Sind das aber kaum Familienmitglieder oder sogar niemand? Auch okay!

Tatsächlich sind sich Experten sicher, dass die Möglichkeit, ihre Zuneigung frei und nur selbstgewählt zu verschenken, schon kleine Mädchen stark macht gegen Missbrauch. Denn wenn sie damit aufwachsen, dass körperliche Nähe immer (!) ihre Einwilligung braucht, verstehen sie ihre Rechte und spüren schneller, wenn ihre Grenzen überschritten sind.

Dieses Weihnachten sind wir gewappnet. Denn meine Tochter und ich haben in Ruhe besprochen, dass sie niemanden küssen muss – auch, wenn jemand dann schmollt. Auch, wenn die Gesichter verzogen werden.

Und für die ganz empfindsamen Gemüter unter unseren Verwandten haben wir gemeinsam  „Ersatz“ entwickelt: Meine Tochter kann sich prima mit einem High-Five, einem strahlenden Lächeln oder auch einem „Wie schön, dass du da bist!!!“ arrangieren.

Laura Dieckmann

Als waschechte Hamburgerin lebe ich mit meinem Freund und unserer dreijährigen Tochter in der schönsten Stadt der Welt – Umzug ausgeschlossen! Bevor das Schicksal mich zu Echte Mamas gebracht hat, habe ich in verschiedenen Zeitschriften-Verlagen gearbeitet. Ich mag leckeres Essen, laute Rockmusik und ab und zu sogar ein bisschen Sport.

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