Wer auf Instagram unterwegs ist, kommt an Louisa Dellert kaum vorbei – und das aus gutem Grund. Louisa zeigt sich authentisch und ungeschönt, wie sie wirklich ist, und macht damit vielen Frauen Mut, es ihr gleichzutun. Das kommt nicht bei allen gut an. Vor allem Männer kritisieren Louisa immer wieder dafür, aber auch Frauen kommentieren mit fiesen Botschaften.
In ihrem neuen Buch „Unshame“* (Ullstein Verlag), das heute erscheint, setzt sich Louisa mit der körperlichen Scham auseinander, die viele Frauen begleitet. Dabei richtet sie sich auch gezielt an Mütter. Wir haben die 36-Jährige zum Interview getroffen und mit ihr über Mommy Makeovers, weibliche Scham, unrealistische Körperideale und den ständigen Vergleich unter Frauen gesprochen. Genau wie über die Frage, wie wir unseren Kindern ein besseres Körperbild mitgeben können.
Woher kommt die Scham vieler Frauen über ihren Körper – und warum betrifft das Männer oft weniger?
„Ich habe lange geglaubt, dass diese Scham für meinen Körper mein persönliches Problem ist – dass ich selbst daran schuld bin und alles dafür tun muss, damit dieses Gefühl verschwindet.
Heute verstehe ich, dass die Ursache nicht bei mir liegt. Diese Scham wurde mir schon als kleines Mädchen vermittelt; ich bin mit ihr aufgewachsen und wurde gesellschaftlich dazu sozialisiert.
Ich habe die Botschaft verinnerlicht, dass ich als Frau nie genug sein kann und gleichzeitig einem ganz bestimmten Schönheitsideal entsprechen muss. Wenn man schon als Kind und Jugendliche ständig mit solchen Bildern konfrontiert wird – durch Frauenzeitschriften, Serien wie „Baywatch“ oder „Sailormoon“, Werbung oder heute Social Media –, dann prägt das das eigene Verständnis davon, was Frausein angeblich bedeutet.
Dazu kommen die kleinen Kommentare im Alltag. Wenn etwa die eigene Mutter sagt: „Schau mal, wie die rumläuft“, weil ihr das Kleid einer anderen Frau zu kurz erscheint. Meine Mutter hat das nicht aus Bosheit gesagt, sondern weil auch sie mit denselben Vorstellungen aufgewachsen ist. So werden diese Botschaften von Generation zu Generation weitergegeben.“
Wir sind aufgeklärter als früher und reden über Body Positivity. Warum geben wir trotzdem noch so viele kritische Körperbilder weiter?
„Weil wir das meist von vorherigen Generationen gelernt haben. Wenn wir über Diäten sprechen, habe ich das sogar noch stärker bei meiner Oma erlebt, bei der ich einen großen Teil meiner Kindheit verbracht habe. Bei ihr hingen Diätpläne an der Wand, sie hat Abnehm-Drinks getrunken – und natürlich wollte ich das irgendwann auch ausprobieren.
Vor allem aber hat sie ständig über Körper und Gewicht gesprochen. Das habe ich als Kind unmittelbar mitbekommen und verinnerlicht. Heute blicke ich anders darauf. Ich verstehe inzwischen, warum meine Oma und auch meine Mutter so gehandelt haben. Sie kannten es nicht anders und hatten weder die Begriffe noch die feministischen Perspektiven, die wir heute haben.
Damals konnte ich vieles nicht einordnen oder benennen. Erst mit der Zeit habe ich verstanden, welche Botschaften dahinterstecken und wie sehr sie mich geprägt haben. Umso wichtiger finde ich es, dass wir heute darüber sprechen können.“
Wir können darüber sprechen, indem wir sichtbar machen, warum so viele Menschen einem schlanken Körperideal nacheifern, woher dieses Ideal kommt und welche gesellschaftlichen Machtstrukturen dahinterstehen. Gleichzeitig sollten wir vermeiden, einzelne Menschen dafür zu verurteilen oder zu beschämen.
Louisa Dellert
Aktuell hat man eher den Eindruck, dass der Skinny-Trend stärker denn je zurück ist, wenn man wieder auf Laufstege, rote Teppiche und auf Social Media schaut. Gerade erst stand eine sehr schlanke Demi Moore in der Kritik. Wie sprechen wir richtig darüber?
„Ich finde es wichtig, dass wir lernen, nicht alles sofort auf uns persönlich zu beziehen. Das haben wir durch Social Media sehr stark verinnerlicht. Wir müssen unterscheiden: Ein schlanker Körper ist nicht automatisch gesund – das stimmt. Aber er wird gesellschaftlich oft anders behandelt und genießt dadurch Privilegien.
Deshalb möchte ich auch über Themen wie Ozempic oder den aktuellen Skinny-Trend sprechen, der wieder auf Laufstegen, in Filmen und auf roten Teppichen sichtbar ist – ohne dabei einzelne Körper abzuwerten.
Wir dürfen benennen, dass sich Schönheitsideale verändern und dass der Trend teilweise wieder zu sehr schmalen, knochigen Körperbildern geht. Gleichzeitig ist es wichtig anzuerkennen, dass nicht jeder Körper darauf ausgelegt ist, diesem Ideal zu entsprechen.
Bei Personen wie Demi Moore kommt hinzu, dass sie in der Öffentlichkeit stehen und für viele Menschen als Vorbild oder Referenz dienen. Deshalb dürfen wir darüber sprechen, ohne ihr zu unterstellen, dass sie eine Essstörung hat oder bestimmte Medikamente nimmt – das spielt für die gesellschaftliche Debatte keine Rolle.“
Dein Körper wird sich verändern. Es wird Phasen in deinem Leben geben, in denen du Stress hast, krank bist, liebst, vielleicht schwanger bist, trauerst oder älter wirst. All diese Erfahrungen beeinflussen deinen Körper – deine Hormone, dein Aussehen, dein Empfinden.
Louisa Dellert
Ich bin Mama von zwei Töchtern. Meine große Tochter wird jetzt bald acht und da fängt es auch schon an mit Bewertungen unter den Mädchen. Welche Messages sollen wir unseren Töchtern mitgeben?
„Erstmal ist das ein unglaublich schwieriges Spannungsfeld. Du bist selbst Mama und musst nicht nur die Mutterrolle erfüllen, sondern dich auch mit deinem eigenen Frausein auseinandersetzen. Viele Mütter wollen ihren Kindern auf der einen Seite bestimmte Werte mitgeben und sie vor dem Druck schützen, den sie selbst erleben.
Gleichzeitig spüren sie aber auch diesen Druck: „Ich möchte diesem Ideal irgendwie gerecht werden – und trotzdem nicht dafür verurteilt werden, wenn ich versuche, bestimmten Schönheitsidealen zu entsprechen.“
Wenn ich meiner jüngeren Version von mir etwas mitgeben könnte, dann wäre es: Dein Körper wird sich verändern. Es wird Phasen in deinem Leben geben, in denen du Stress hast, krank bist, liebst, vielleicht schwanger bist, trauerst oder älter wirst. All diese Erfahrungen beeinflussen deinen Körper – deine Hormone, dein Aussehen, dein Empfinden.
Und ich würde mir selbst sagen: Wenn du die Möglichkeit hast, dann zähle deine Sommer nicht danach, wie viel du gegessen hast oder wie dein Körper aussah, sondern nach den Momenten mit den Menschen, die dir wichtig sind.“
Schlimmer finde ich es ehrlicherweise, wenn Frauen andere Frauen bewerten und abwerten, weil ich mir da immer denke: du weißt doch selber zu 1000 Prozent wie das ist.
Louisa Dellert
Du setzt dich mit deiner Sichtbarkeit ja auch ganz bewusst Bewertungen aus – zum Beispiel, indem du dich auf Social Media im Bikini zeigst, was ich sehr mutig und stark finde. Wie gehst du damit um, wenn plötzlich Tausende Menschen eine Meinung zu deinem Körper haben und diese auch offen äußern?
„Ja, und es ist sogar noch viel intensiver geworden. Es gehört fast zum guten Ton, dass man auf Social Media jeden und jede bewertet – ungefragt und oft ohne darüber nachzudenken, was das auslöst. Was man früher vielleicht heimlich am Strand gedacht hat, landet heute direkt in Kommentarspalten.
Natürlich geht das auch heute nicht immer spurlos an mir vorbei. Es wäre auch irgendwie seltsam, wenn es das täte. Aber wenn Männer meinen Körper bewerten, macht es inzwischen viel weniger mit mir, weil ich verstanden habe, woher diese Bewertungen kommen. Ich weiß, dass es nicht wirklich um meinen Körper geht, sondern um ein strukturelles Problem.
Schwieriger finde ich es ehrlich gesagt, wenn Frauen andere Frauen abwerten. Da denke ich oft: Du weißt doch selbst, wie sich das anfühlt. Du hast dich bestimmt auch schon mal unwohl gefühlt oder das Gefühl gehabt, von anderen Frauen kritisch betrachtet zu werden – vielleicht sogar, als würdest du in Konkurrenz zu ihnen stehen.
Es verletzt mich, wenn andere Frauen meinen Körper abwerten. Aber auch da hilft mir das Wissen, woher diese Dynamiken kommen. Ich kann es heute besser einordnen und beziehe es nicht mehr automatisch auf mich.“
Ein spannendes Kapitel in deinem neuen Buch „Unshame“ war auch, als du über das Phänomen „Mommy Makeover“ geschrieben hast. Warum darf man uns die Geburt, die ungeschlafene Nächte und all die positiven sowie negativen Seiten des Mamaseins nicht ansehen?
„Ich bin selbst keine Mutter und möchte auch keine werden. Gleichzeitig habe ich viele enge Freundinnen, die Mamas sind.
Die Anforderungen und Erwartungen an deinen Körper sind als Mutter nochmal andere als meine eigenen.
Ich beobachte, welche Ausmaße das teilweise annimmt, wenn zum Beispiel Content Creatorinnen ihre Schwangerschaft perfekt inszenieren: alles ist durchgeplant, perfekt ausgeleuchtet, es gibt schöne Bauchfotos – und direkt danach entsteht wieder die Erzählung, möglichst schnell zum „alten“ Körper zurückzukehren.
Die Botschaft dahinter ist dann oft: Mein Körper muss wieder so werden wie vorher, damit er wieder liebenswert ist. Man darf ihm die Schwangerschaft am besten gar nicht ansehen. Und ich finde es traurig, dass unser Körper nicht einmal in dieser Phase einfach sein darf, sondern sofort wieder bewertet, optimiert und idealisiert wird.
Gleichzeitig wird genau daraus auch Kapital geschlagen, indem einem direkt ein „Mommy Makeover“ verkauft wird – nach dem Motto: Hier ist die Lösung, wir machen dich wieder zur besseren Version deiner selbst. Dabei bräuchten viele Menschen vielleicht erstmal Raum, um ihren neuen Körper und ihr neues Leben anzunehmen.“
Hey, ich bin zwar nicht Mama, aber ich bin auch Frau und ich weiß, welche Anforderungen dann noch zusätzlich als Mama auf einen einprasseln und wie viel das zunimmt, wenn man Mutter ist.
Louisa Dellert
Ich hatte tatsächlich erst als Mama das Gefühl, ständig bewertet zu werden. Plötzlich schienen alle eine Meinung zu meinem Körper, meiner Erziehung und meinen Entscheidungen zu haben. Welche Botschaft möchtest du Mamas mitgeben – aus deiner Perspektive, auch wenn du selbst keine Mutter bist?
„Mir ist wichtig zu sagen: Ich bin zwar selbst keine Mama, aber ich bin eine Frau und ich weiß, welche zusätzlichen Anforderungen auf Mütter zukommen.
Dieser Druck wird nochmal viel größer, wenn man Mutter ist: Man soll die perfekte Mutter sein, die perfekte Partnerin, die perfekte Arbeitnehmerin, Kollegin und Freundin – und gleichzeitig auch noch eine Frau, die für die Gesellschaft schön anzusehen ist.
Ich würde mir wünschen, dass wir ehrlicher miteinander umgehen und solidarischer sind. Dass wir uns trauen, diesen Druck offen anzusprechen und zu sagen: „Mir geht es genauso.“ Denn perfekt müssen wir gar nicht sein – und Perfektion gibt es sowieso nicht.
Das würde ich jeder Mama gerne wie eine Umarmung mitgeben. Mütter sind nicht nur körperlich, sondern auch emotional oft erschöpft. Wie viel entspannter wäre es, wenn man nicht ständig darüber nachdenken müsste: Was ziehe ich heute an? Wie sieht mein Bauch nach der Geburt aus? Wie muss ich mich schminken?“
Danke liebe Louisa für das schöne Gespräch!
Wenn ihr noch mehr über das Thema weibliche Scham lesen möchtet: Ab heute gibt’s Louisas Dellerts neues Buch „Unshame„* (Ullstein Verlag) zu kaufen.
Wie geht ihr mit Schönheitsidealen um und haben sich diese verändert, seitdem ihr Mama seid? Verratet es uns in den Kommentaren.
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Ein super schönes Interview, das mich sehr berührt hat. Ich finde, sie hat so recht! ❤️
Danke für diesen ehrlichen Beitrag. Ich wünsche mir auch, dass wir Frauen uns gegenseitig mehr stärken statt bewerten. 💛