In meiner Kindheit war der Schulranzenkauf eine recht überschaubare Angelegenheit: Man ging in ein Geschäft, suchte ein Modell aus, das halbwegs gefiel und praktisch wirkte – fertig. Ich erinnere mich daran, wie ich 1999 mit meinen Großeltern in Lübeck in ein kleines Schreibwarengeschäft ging, mich in einen großen, kastigen, roten SCOUT-Ranzen mit weißen Havaneser-Hunden verliebte und nach 10 Minuten glücklich mit dem ausgesuchten Modell den Laden verließ – und diesen dann bis zur dritten Klasse trug, bis ihn ein locker-sitzender Eastpak-Rucksack ablöste.
Heute hingegen fühlt sich der Kauf eines Schulranzens wie ein Projektmanagement an – wie ich bei meiner eigenen Tochter vor zwei Jahren feststellen durfte.
Zwischen ergonomischen Gutachten, DIN-Normen, Nachhaltigkeitssiegeln, reflektierenden Flächen, austauschbaren Motiven und digitalen Vergleichsportalen verliert man schnell den Überblick.
Natürlich ist es großartig, dass die Auswahl heute so vielfältig ist und dass Gesundheit, Sicherheit und Umwelt eine größere Rolle spielen als damals. Aber gleichzeitig wächst der Druck, die „perfekte“ Entscheidung treffen zu müssen – schließlich soll der Ranzen nicht nur gut aussehen, sondern auch den Rücken schonen, jahrelang halten und idealerweise noch pädagogisch wertvoll sein. Gar nicht so einfach.
Hinzu kommt: Bei einem Preis von durchschnittlich 250 Euro, der mittlerweile für einen Ranzen aufgerufen wird, muss der Kauf ebenfalls gut überlegt sein. Es ist eine Investition und es kam mir teilweise auch so vor als würde ich meinem Kind die erste Designer-Handtasche kaufen – kein Schul-Equipment. Zum Vergleich: in den 1990ern gab man für einen Ranzen im Schnitt zwischen 50 und 80 DM aus – heute hat sich der Preis verdreifacht. Mit dem Budget sind auch die Ansprüche gestiegen.
Was sich auch verändert hat: Man geht nicht einfach in einen Laden, sondern bucht vorher einen Termin – oder bezahlt sogar eine Beratungsgebühr.
Als wir vor zwei Jahren den Laden unserer Wahl an einem Donnerstagnachmittag ansteuerten, wurden wir beim Betreten des Geschäfts verdutzt vom Verkäufer angeschaut, weil wir keinen „Anprobe-Termin“ hatten – dabei wollten wir doch einen Ranzen und kein Hochzeitskleid kaufen. Weil der Verkäufer einen guten Tag hatte, quetschte er uns trotzdem noch in seinen Kalender und führte uns in einen Extra-Raum mit über hundert verschiedenen Modellen. Wie entscheidet man sich denn da?
Die Beratung im Laden kostet oft sogar eine Gebühr
Im letzten Jahr sorgte das Familienunternehmen Kranz mit Läden in Bochum und Hagen laut des WDR für Aufruhe, weil sie zusätzlich eine Gebühr von 25 Euro für die Beratung berechnen. Oft käme es vor, dass Schulranzen zwar in ihrem Laden anprobiert, dann aber zu günstigeren Kursen im Internet bestellt werden würden. Kauft der Kunde am Ende im Store den Ranzen, bekommt er den Betrag wieder gut geschrieben.
Kein Einzelfall, denn so war es ebenfalls bei uns in Hamburg. Für uns als Familie hat sich die Beratung gelohnt, denn der Verkäufer nahm sich nur für uns 30 Minuten Zeit, zeigte uns geduldig alle Modelle und stellte sie meiner Tochter größengerecht ein – ja, auch das geht bei den aktuellen Ranzen.
Meine Tochter hatte erst den Impuls sich für ein Modell zu entscheiden, dass ihr optisch am besten gefällt, dass aber nicht gut zu ihrer Körpergröße passte – auch da griff der Berater liebevoll ein und erklärte ihr die Features, auf die es zusätzlich ankommt, damit man lange Freude an dem Ranzen hat.
Worauf es sich beim Kauf des Ranzen zu achten lohnt:
- Ein guter Sitz: Euer Kind sollte den Ranzen einmal mit Jacke und einmal mit T-Shirt anprobieren. So könnt ihr sehen, ob das Modell zu jeder Jahreszeit gut am Rücken sitzt.
- DIN-Norm: Ist der Ranzen mit der Norm DIN 58124 ausgezeichnet, erfüllt er spezielle Kriterien: Mindestens 10 Prozent retroreflektierendes Material, Wasserschutz, vorhandene Tragegurte, einen Tragegriff sowie ein leicht zu bedienender Verschluss.
- Lässt sich das Modell verstellen? Empfohlen werden gepolsterte Schultergurte, die 50 Zentimeter lang sind und sich je nach Größe des Kindes individuell einstellen lassen.
- Maße: Oft gilt, dass der Ranzen nicht breiter als die Schultern des Kindes sein sollte. Er muss zur Körpergröße passen.
- Gewicht: Das Modell sollte ohne Inhalt nicht mehr als 1,5 Kilogramm wiegen. Wie schwer der Ranzen sein kann, könnt ihr beispielsweise mit Büchern beim Termin testen.
Dazu kommt: Kinder haben heute sehr klare Vorstellungen. Was früher ein nettes Extra war, ist heute oft ein Muss – vom angesagten Design bis zur passenden Marke. Als Eltern steht man dann zwischen Vernunft und Wunschliste, zwischen Budget und Begeisterung. Und irgendwo dazwischen versucht man, den Überblick zu behalten und eine Entscheidung zu treffen, die sich für alle richtig anfühlt.
Wer etwas Geld sparen möchte, kann auch ein Modell aus der vergangenen Kollektion wählen, die oft günstiger sind.
Kann man einen Ranzen weitervererben?
Diese Frage kam mir während des Beratungsgesprächs, denn wir haben hier auch noch eine kleine Schwester, die in ein paar Jahren ebenfalls in die Schule kommt. Der Verkäufer sagte uns, dass gut erhaltene Modelle weitervererbt oder verkauft werden können, wenn das Geschwisterkind eine ähnliche Statur hat und wenn das Modell individuell eingestellt wird.
Am Ende bleibt die Erkenntnis:
Der Schulranzen ist längst mehr als nur eine Tasche, er ist der Beginn eines neuen Lebensabschnittes inklusive Mut und Vorfreude auf das, was kommt. Ja, und natürlich gibt’s da auch die Überforderung und die Masse an Features und Auswahl.
Meine Tochter konnte nach dem zehnten Modell auf dem Rücken kaum noch Unterschiede erkennen und auch wir Eltern waren von der Masse an Auswahlmöglichkeiten erschlagen. Im Raum war es heiß und die Nerven lagen (bei allen Familienmitgliedern) blank.
Als wir schließlich einen Ranzen fanden, der sich mit Patches zum Anstecken immer wieder verändern lässt, der optisch meiner Tochter gefiel und gleichzeitig noch ergonomische Kriterien erfüllt, waren wir mehr als erleichtert und mussten zur Stärkung erstmal ein großes Eis essen – und waren froh, dass wir uns dass es bis zur Einschulung der kleinen Schwester noch ein paar Jahre dauert.
Wie war der Ranzenkauf für euch? Fandet ihr es auch so irre kompliziert und überfordert? Schreibt mir eure Erfahrungen gern in die Kommentare.
Wann ist der Schulranzenkauf zur Wissenschaft geworden?
Von
Marie Kahle
26. März 2026