Kinderwunsch als queeres Paar

Als Danielle und Marlon sich als queeres Paar ein Kind wünschen, beginnt eine nervenaufreibende Suche nach einem Samenspender.

Inhalt dieses Artikels

    „Wir sind Marlon und Danielle und leben gemeinsam mit unserer Tochter Malea und unseren drei Katzen in Falkensee.

    2017 haben wir uns tatsächlich über Instagram kennengelernt. Ich habe Marlon in den Kommentaren eines bekannten Transmannes entdeckt. Daraus wurde eine Beziehung – zunächst eine Fernbeziehung über rund 600 Kilometer, die fast zwei Jahre hielt.

    Von Anfang an hat uns ausgemacht, dass wir nie aufgeben.

    Wenn wir ein Ziel haben, arbeiten wir so lange daran, bis wir es erreichen. Wir können uns immer aufeinander verlassen und fühlen uns verstanden und gesehen.

    Der Kinderwunsch war bei uns anfangs nicht gleich. Für Marlon stand lange fest, dass er keine Kinder möchte, weil für ihn als Transmann eine Schwangerschaft körperlich nicht infrage kam. Andere Möglichkeiten waren ihm damals nicht bewusst.

    Ich hingegen wollte schon immer Kinder.

    Mit 19 haben wir uns das erste Mal an eine Kinderwunschklinik gewandt. Wir hatten gelesen, dass man Marlons Eizellen entnehmen und bei mir einsetzen könnte. Dafür hätte er jedoch sein Testosteron absetzen müssen – das kam für ihn nicht infrage.

    Durch eine Freundin wurden wir dann auf die Bechermethode aufmerksam. Sie hatte selbst zwei gesunde Kinder auf diesem Weg bekommen.

    Unsere ersten Gedanken zur Samenspende waren gemischt.

    Wie findet man überhaupt einen Spender? Worauf muss man achten? Es sind schließlich fremde Menschen. Wir meldeten uns auf Spenderportalen an. Anfangs war uns das Aussehen wichtig: lockige Haare wie bei Marlon, vielleicht ein leichter Rotstich, ein gepflegtes Auftreten.

    Doch schnell merkten wir, dass das kaum realistisch ist – und vor allem nicht entscheidend. Unser Fokus verlagerte sich komplett auf Gesundheitsnachweise und Atteste. Das war uns für meine Gesundheit und die des Kindes viel wichtiger.

    Der Weg dorthin war alles andere als leicht.

    Ein Spender erschien einfach nicht zum vereinbarten Treffen. Ein anderer verlangte plötzlich immer mehr Geld. Wieder ein anderer wollte vorab Fotos von mir sehen – und zusätzlich eine Freundin mitbringen, damit er überhaupt „komme“.

    Das war unangenehm. Grenzüberschreitend. Und hat sich oft nicht gut angefühlt.

    Marlon und Danielle halten fest zusammen.
    Marlon und Danielle halten fest zusammen. Foto: @couple.journeey

    Auch die ersten Treffen an sich waren seltsam.

    Da kommt ein fremder Mann, geht auf die Toilette und gibt eine Probe im Becher ab. Es wirkt absurd.

    Mit der Zeit wurde es etwas normaler – vor allem mit dem Spender, den wir schon länger kannten. Mit ihm hatten wir bereits 2021 Kontakt, aber durch die Entfernung war es schwierig, den Eisprung zu treffen.

    Da ich an PCO leide, war mein Zyklus ohnehin schwer einzuschätzen. Zum Glück wurde ich gynäkologisch betreut und mein Eisprung per Ultraschall bestimmt.

    Die Zeit der Versuche war für uns als Paar die Hölle.

    Immer wieder negative Schwangerschaftstests, immer wieder Hoffnung – und Enttäuschung. Wir haben uns oft gefragt: Funktioniert das überhaupt?

    Dazu kamen Pausen durch persönliche Verluste. Das hat uns immer wieder zurückgeworfen.

    2023 wagten wir einen neuen Versuch.

    Wir nahmen wieder Kontakt zu dem Spender auf, bei dem es zuvor zeitlich nicht gepasst hatte. Parallel waren wir in einer Kinderwunschklinik – doch die Beratung hat uns eher abgeschreckt. Wir haben uns dort einfach nicht wohlgefühlt. Zudem muss man wissen, dass die Samenspende in der Klinik auf mehrere Paare aufgeteilt wird. Letztendlich haben aber auch die Kosten eine Rolle gespielt, die in der Klinik sehr hoch sind.

    Im März fuhren wir nach Leipzig. Wir trafen uns abends um 19:30 Uhr auf einem Parkplatz. Er kam mit dem Fahrrad – und einem Gurkenglas. Darin: warmes Wasser und die Spritze mit dem Sperma, eingewickelt in Frischhaltefolie.

    Das Gurkenglas von ihrem Spender ist heute ein wichtiges Andenken für die kleine Familie.
    Das Gurkenglas von ihrem Spender hat das Paar als Andenken verziert. Foto: Privat

    Wir hatten uns vorher Sichtschutz besorgt, weil wir die Insemination direkt vor Ort durchführen mussten. Eigentlich hätten wir uns das anders gewünscht, vielleicht in einem Hotel – aber wir mussten am nächsten Tag arbeiten und der Eisprung war spontan.

    Und dann passierte das, womit wir kaum noch gerechnet hatten: Es hat direkt im ersten Zyklus geklappt.

    Heute haben wir eine gesunde zweijährige Tochter.

    Diese Reise hat uns enorm geprägt. Sie hat uns an unsere Grenzen gebracht – aber auch noch enger zusammengeschweißt. Wir haben uns oft allein gelassen gefühlt. Es gibt kaum Anlaufstellen, kaum Informationen. Vor drei Jahren konnten wir zur Bechermethode fast nichts finden.

    Auch finanziell standen wir allein da: keine Unterstützung durch die Krankenkasse, weil wir unter 25 waren und nicht verheiratet.

    Wir wünschen uns mehr Aufklärung, mehr Unterstützung und vor allem mehr Akzeptanz.

    Heute fühlen wir uns vor allem eines: angekommen. Mit Malea hat sich etwas geschlossen, das vorher gefehlt hat. Jeder Tag mit ihr ist besonders.

    Durch die vielen Rückschläge war es für uns lange schwer zu glauben, dass es wirklich klappt. Umso unwirklicher war es, als wir sie endlich im Arm halten durften.

    Und da war ihr Wunder endlich da!
    Und da war ihr Wunder endlich da! Foto: Privat

    Interessanterweise hatten wir uns das Elternsein viel anstrengender vorgestellt. Aber unser Leben ist nicht stehen geblieben – es ist intensiver geworden. Bewusster. Malea hat unseren Alltag nicht eingeschränkt, sondern bereichert.

    Bei uns lief die Vaterschaftsanerkennung über das Jugendamt – und es hat unkompliziert funktioniert.

    Voraussetzung war, dass der Transmann bereits männlich im Personenstand eingetragen ist und die Namensänderung offiziell abgeschlossen war.

    Unter diesen Bedingungen konnte die Vaterschaft ganz regulär anerkannt werden – auch bei einer privaten Samenspende.

    Besonders berührend ist, wie selbstverständlich sie Marlons Weg begleitet.

    Bei seiner letzten Operation hat sie bewusst wahrgenommen, dass ihr Papa lange im Krankenhaus war. Heute hilft sie ihm im Alltag, hält seine Hand und spricht ihm Mut zu.  Diese Fürsorge berührt uns sehr.

    Über ihre Entstehung sprechen wir mit ihr noch nicht im Detail. Sie ist noch zu jung. Aber wir möchten nichts verheimlichen.

    Wir erklären ihr vieles altersgerecht – auch Marlons Transition.

    Für später haben wir Kinderbücher, um ihr alles offen und liebevoll näherzubringen. Unser Spender ist kein Teil unseres Alltags, aber wir stehen in losem Kontakt. Für ein zweites Kind würden wir uns wieder für denselben Weg entscheiden.

    Und wenn Malea ihn eines Tages kennenlernen möchte, ist das möglich.

    Heute sprechen wir auf unserem Instagram-Account offen über Themen wie Transsexualität und die Bechermethode.

     

    Eine glückliche kleine Familie. Foto: Privat
    Eine glückliche kleine Familie. Foto: Privat

    Wir möchten anderen Mut machen.

    Es bedeutet uns viel zu sehen, dass andere durch unsere Erfahrungen selbst schwanger werden oder sich weniger allein fühlen. Diese Themen sollten mehr gesehen, sensibler behandelt und vor allem normalisiert werden.”

    Vielen Dank, Danielle und Marlon, dass wir eure Geschichte erzählen dürfen. Wenn ihr mehr über die beiden, Transsexualität oder die Bechermethode erfahren möchtet, schaut gerne bei Instagram vorbei: @couple.journeey

    3 Kommentare

  1. User Avatar
    Ja Ma

    Immer wieder krass, wie sehr manche Paare für ihren Kinderwunsch kämpfen müssen. Alles Gute für die kleine Familie!

  2. User Avatar
    Elisabeth

    Ich finde es so so schade, dass gerade queeren und gleichgeschlechtlichen Paaren die Familiengründung so schwer gemacht wird. Umso schöner ist es doch, wenn man solche Happy Ends lesen kann  😍  Alles Liebe und Gute euch  ❤️ 

  3. User Avatar
    Lauraa

    Ich habe noch nie von der Bechermethode gehört. Wie schön, dass die beiden hier ihre Geschichte erzählen, danke für diese unfassbar berührende Geschichte & ich wünsche der kleinen Familie nur das aller aller Beste! ❤️