„Ich bin Michaela, 35 Jahre alt, aus der Nähe von Passau. Ich habe im sozialen Bereich gearbeitet, ursprünglich in der ambulanten Familienhilfe. Irgendwann wollte ich mich fachlich und persönlich weiterentwickeln und habe eine Weiterbildung zur systemischen Therapeutin begonnen.
Genau in dieser Zeit wurde ich zum ersten Mal schwanger. Das ist nun über fünf Jahre her.
Mein Leben teilt sich seitdem in ein Davor und ein Danach – in die Zeit vor meinem Sternenkind und die Zeit danach.
Vor dieser Erfahrung war ich viel unterwegs, bin gereist und war beruflich zwar engagiert, aber nicht wirklich erfüllt. Ich wusste nicht genau, wohin mein Weg geht.
Dann kam die Schwangerschaft – und alles hat sich verändert.
Die ersten Wochen der Schwangerschaft waren relativ unbeschwert. Ich hatte kaum Übelkeit und habe mich insgesamt gut gefühlt.
Ab etwa der neunten oder zehnten Woche hatte ich immer wieder Blutungen. Ärztlich wurde mir gesagt, es komme von einem Polypen am Muttermund, das sei nicht ungewöhnlich und alles sehe gut aus. Trotzdem war da immer wieder Angst, die diese Unbeschwertheit unterbrochen hat.
Ich erinnere mich an ein Gefühl in dieser Zeit, das ich nicht greifen konnte.
Ich dachte: Ich bin doch im zweiten Trimester – warum fühle ich mich nicht besser? Wann kommt dieses leichte Gefühl?
Am Abend vor Beginn der Wehen habe ich Babykleidung sortiert, die ich von einer Freundin bekommen hatte.
Für einen kurzen Moment dachte ich: „Ich glaube, er wird das nie tragen.“ Ich habe diesen Gedanken sofort weggeschoben
In der Nacht begannen die Wehen, am nächsten Tag wurde unser Sohn still geboren, in der 19. Schwangerschaftswoche. In diesem Moment wurde ich zum ersten Mal Mama.
Es wurde festgestellt, dass kein Fruchtwasser mehr vorhanden war.
Durch die Blutungen aufgrund des Polypen ist das nicht aufgefallen. Ob der Polyp damit zusammenhängt, wissen wir nicht. Es gab keinen klassischen Blasensprung, vermutlich einen kleinen Riss, aber keine klare Ursache.
Eine eindeutige medizinische Erklärung gibt es bis heute nicht. Eine Woche vor dem Tod meines Sohnes war ich noch bei der Gynäkologin, dort hieß es, alles sehe gut aus, ich solle mich schonen.
Rückblickend habe ich vor allem in der letzten Woche gespürt, dass etwas nicht stimmt. Nach der Geburt erfuhren wir, dass unser Sohn vermutlich schon etwa eine Woche vorher gestorben ist.
Die Zeit nach der Geburt war die schwerste unseres Lebens. Die Frage stand ständig im Raum: Wie soll das Leben weitergehen? Wie kann man wieder glücklich werden?
Was uns getragen hat, waren Familie und Freunde.
Wir haben uns bewusst Zeit genommen zu trauern. Mein Mann und ich haben sehr ähnlich getrauert, das hat uns sehr verbunden.
Mir hat es geholfen, darüber zu sprechen. Ich habe unsere Geschichte oft erzählt, und mit jedem Mal wurde es ein kleines Stück weniger unerträglich.
Wir haben unser Sternenkind bewusst in unser Leben integriert.
Er gehört zu uns. Ein Symbol für ihn ist ein gehäkelter Elefant, den meine Schwiegermama einen Tag vor seiner Geburt fertiggestellt hatte. Eigentlich für unser Baby, das wir damals „Murmel“ nannten.
Als wir nach Hause kamen, hatte ich das Gefühl, dass dieser Elefant mit ins Bett soll. Und genau so war es. Er wurde zu etwas, an dem wir uns festhalten konnten.
Was uns in dieser Zeit sehr verletzt hat, waren verständnislose Reaktionen.
Sätze wie „Ihr seid ja noch jung, ihr könnt es nochmal versuchen“ oder „Wer weiß, wofür es gut war“ haben uns sehr getroffen. Viele Menschen sind einfach überfordert, aber solche Sätze schmerzen.
Ein Moment, der sich eingebrannt hat, war der erste Muttertag. Unser Sohn wurde an einem Donnerstag geboren, nur drei Tage später war Muttertag. Eine Freundin gratulierte mir unwissend – das hat mich sehr getroffen.
Wir hatten uns entschieden, erst nach dem Muttertag über den Verlust zu informieren. Danach haben wir viele Nachrichten bekommen – darunter auch sehr berührende und verständnisvolle Worte.
Besonders auffällig war der Unterschied bei Menschen, die selbst Ähnliches erlebt hatten. Diese Nachrichten hatten eine andere Tiefe. Sie haben uns gezeigt: Wir sind nicht allein.
Ein weiterer prägender Moment passierte direkt im Krankenhaus.
Eine Schwester fragte meinen damaligen Partner, ob er mein Mann sei. Wir waren es noch nicht, sagten aber spontan „Ja“. In diesem Moment wusste ich plötzlich, dass ich ihn heiraten möchte.
Drei Wochen später sind wir nach Kroatien gefahren. Dort habe ich ihm mit unserem Stoffelefanten, der für unseren Sohn steht, einen Heiratsantrag gemacht. Er trug ein Schild: „Papa, willst du Mama heiraten?“ So haben wir uns verlobt – unser Sohn war auf seine Weise dabei.
Unser Wunsch nach einem weiteren Kind war sofort wieder da.
Allerdings brauchte mein Körper etwas Zeit. Nach der Geburt folgte eine Ausschabung, die Gebärmutter war länger auffällig. Wir konnten nicht direkt wieder starten, was sehr schwer war.
Ich kannte meinen Zyklus gut und habe später Progesteron genommen. Im darauffolgenden Zyklus wurde ich wieder schwanger – insgesamt hat es etwa sieben Monate gedauert, bis ich erneut schwanger war.
Diese Zeit war emotional sehr belastend, dieses Warten und Hoffen war kaum auszuhalten.
Die Schwangerschaft unseres Regenbogenkindes habe ich sehr bewusst erlebt. Ich habe mich intensiv vorbereitet, einen Hypnobirthing-Kurs gemacht und mich viel mit Geburt beschäftigt.
Die Geburt war gut und stärkend.
Besonders war, dass dieselbe Hebamme Dienst hatte wie bei der Geburt unseres Sternenkindes.
Unser Sohn hat einen festen Platz in unserer Familie. Unsere Tochter weiß von ihm, er ist Teil unseres Alltags und für uns wie ein Schutzengel. Wir haben Erinnerungsstücke, ich trage ein Tattoo für ihn und der Elefant ist immer noch da.
Bis heute, fünf Jahre später, schläft er bei uns im Bett. Er ist auf Familienfotos dabei, auch gemeinsam mit seiner Schwester. Für uns ist er ein Symbol für unseren Sohn.
Heute geht es uns als Familie gut.
Wir fühlen uns vollständig in unserer Konstellation. Ich hätte mir früher zwei Kinder vorgestellt, heute ist es für uns so, wie es ist, richtig. Wir haben unser Folgewunder bekommen. Es sind unsere zwei Kinder – und ich würde nichts daran ändern.
Aber der Verlust hat meinen Blick auf das Leben stark verändert. Vieles hat an Bedeutung verloren. Ich bin klarer geworden: Was ist mir wirklich wichtig?
Ich kann wenig mit Oberflächlichkeit anfangen. Mir sind Tiefe, Echtheit und Verbindung wichtig geworden
Beruflich habe ich den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt, weil ich nicht mehr zurück in meinen alten Job wollte. Ich bin mutiger geworden und weniger im „People Pleasing“. Ich spüre klarer, was für mich richtig ist.
Auch beruflich hat mein erstes Kind mein Leben verändert.
Er hat mich auf meinen heutigen Weg gebracht, dafür bin ich dankbar. Ich begleite mittlerweile selbst Frauen mit ähnlichen Erfahrungen. Mein Motor ist, dass ich mir genau diese Begleitung selbst gewünscht hätte.
Einen Raum ohne Rechtfertigung, ohne verletzende Sätze, einfach echtes Verstandenwerden.
Ich habe gelernt, dass es einen Unterschied macht, ob man allein geht oder begleitet wird.
Ob man nur durchhält oder ob Hoffnung, Vertrauen und Verbindung entstehen dürfen.
Frauen brauchen Räume, in denen alles da sein darf. Und sie müssen diesen Weg nicht allein gehen.”
Habt ihr selbst auch ein Sternchen? Wie hat diese Erfahrung euch geprägt? Tauscht euch gerne in den Kommentaren dazu aus!
Vielen Dank, liebe Michaela, dass wir deine Geschichte erzählen durften! Wenn ihr mehr zu Michaela und ihrem Weg als Sternchen- und Regenbogen-Mama oder ihre Arbeit erfahren wollt, schaut gerne bei Instagram vorbei: @der.regenbogenraum
Ich hab so Gänsehaut. Du bist nicht alleine, Michaela ❤️
Schon beim Lesen kann man irgendwie diese ganzen ambivalenten Gefühle erahnen, die die Mama durchmachen musste. So richtig verstehen, kann man das wohl nur, wenn man es selber erleben musste 😥
Da stimmt wahrscheinlich… deswegen freue ich mich umso mehr, dass Michaela uns so ehrlich mitnimmt ❤️
Diese Geschichte, dieses Bild, dieser Heiratsantrag ❤️ Es ist so unfassbar berührend diese Geschichte zu lesen. Ich merke immer wieder auf eurer Seite, dass so viele Mamas so viel Vertrauen ins Echte Mamas Magazin haben – diese Geschichten sind so viel mehr als ein Artikel. Sie sind eine Message, an alle Mamas: „Du bist nicht allein“ & ich glaube, sowas wertvolles gibts einfach viel zu selten.