Darf man sein Kind auf den Mund küssen – oder überschreitet das eine Grenze? Zwei Redakteurinnen aus unserem Team diskutieren so ehrlich wie kontrovers über Nähe, Zärtlichkeit und gesellschaftliche Tabus.

Inhalt dieses Artikels
    „Mama, gib mir einen Kuss!“ – und plötzlich zögert man. Auf die Wange? Auf die Stirn? Oder ganz selbstverständlich auf den Mund, so wie früher? Kaum ein Zeichen von Nähe wird unter Eltern so unterschiedlich bewertet wie dieser kleine, intime Moment.
    Zwei Redakteurinnen aus dem Echte Mamas-Team erzählen, warum sie bei dieser Frage zu völlig verschiedenen Antworten kommen – und was ihre Haltung über Liebe, Grenzen und Kindheit verrät.

    Während die eine findet, dass Küsse auf den Mund für den*die Partner*Partnerin reserviert sind, sieht die andere darin einen ganz natürlichen Ausdruck von Liebe und Geborgenheit. Ein persönlicher Schlagabtausch über Intimität im Familienalltag – und die Frage, wo Elternliebe aufhört und Grenzen beginnen.

    Content Directorin Marie genießt die Zeit, in der ihre Kinder ihr noch ein Küsschen geben wollen.
    Content Directorin Marie genießt die Zeit, in der ihre Kinder ihr noch ein Küsschen geben wollen. Foto: privat

    Content Directorin Marie küsst ihre Kinder auf den Mund – solange diese das noch wollen.

    Ich habe zwei Töchter, die ganz unterschiedlich mit Nähe und Zärtlichkeit umgehen. Meine Große hat ihre festen Momente für Kuschelnähe – morgens nach dem Aufwachen oder abends beim Einschlafen zum Beispiel. Meine Kleine dagegen kann gar nicht genug davon bekommen und verteilt ständig Küsschen.

    Wenn meine Kinder mir ihr Gesicht entgegenstrecken und „Kuss!“ rufen, denke ich keine Sekunde darüber nach und erwidere den Kuss.

    Der Kuss auf den Mund ist für uns ein vertrauter Moment voller Nähe, Wärme und Geborgenheit – nicht mehr und nicht weniger.

    Auch zur Begrüßung oder Verabschiedung ist er für uns ein Zeichen von Liebe und Verbundenheit. Schließlich sehen die Kinder ja auch, dass Mama und Papa sich zur Begrüßung küssen. Für uns fühlt sich das nie komisch an – und ich genieße diese Nähe, solange meine Kinder sie von sich aus suchen. Einfordern oder darauf bestehen würde ich allerdings nie.

    Neulich sagte meine große, fast achtjährige Tochter sogar, dass sie es „eklig“ fände, wenn ich ihr mehrere Küsse auf die Wange gebe. Autsch. Ein Kuss sei okay, aber bitte nicht so viele. Ich habe nur gelacht, es akzeptiert – und gleichzeitig gehofft, dass es noch ein bisschen dauert, bis ich sie irgendwann zum letzten Mal küssen darf.

    Redakteurin Wiebke küsste ihr Kinder auf Wange. Nasenspitze und Stirn – aber nicht auf den Mund.
    Redakteurin Wiebke küsste ihr Kinder auf Wange. Nasenspitze und Stirn – aber nicht auf den Mund. Foto: privat/KI

    Unsere Redakteurin Wiebke küsst ihre Kinder auf die Wange – und möchte das umgekehrt auch.

    Küsse auf den Mund? Liebe ich! Allerdings nicht von meinen Kindern.

    Bei mir zuhause war es früher anders. Meine Eltern haben sich auf den Mund geküsst (na klar!) und mich genauso. Zur Begrüßung, zum Abschied und ganz oft auch für das „Hab dich lieb“ zwischendurch.

    Als kleines Kind war das völlig fein für mich, komplett normal, und ich habe nie darüber nachgedacht.

     

    Aber als ich älter wurde, fand ich es irgendwann „merkwürdig“, meine Eltern auf den Mund zu küssen.

    Ich kann nicht genau sagen, wann der „Umschwung“ kam, und es gab auch keinen direkten Auslöser. Aber für mich hat es sich nicht mehr richtig angefühlt. Meine Eltern waren glaube ich erst kurz irritiert, als ich ihnen plötzlich die Wange hingehalten habe. Dann haben sie es aber direkt akzeptiert, und es war völlig okay.

     

    Meine Kinder küsse ich aus demselben Grund auch nicht (mehr) auf den Mund.

    Babys sollte man ja grundsätzlich sowieso nicht auf den Mund küssen, und meine Küsschen gab’s von Anfang an auf die Wange, die Nasenspitze oder auch aufs Köpfchen.

    Als die beiden dann alt genug waren, um selbst die ersten (relativ feuchten) Schmatzer zu verteilen, habe ich mir sehr gern auch den ein oder anderen auf den Mund gefallen lassen. Das war aber auch einfach zu niedlich, wenn die kleinen Händchen mein Gesicht festgehalten haben, um ihr Ziel nicht zu verfehlen.

    Aber irgendwann habe ich ihnen erklärt, dass ich mich riesig über ihre Küsse freue, und sie mir jederzeit so viele geben können, wie sie möchten – nur eben bitte auf die Wange.

    Meine Tochter war erst etwas irritiert, schließlich küssen Mama und Papa sich ja auch auf den Mund. Aber meine (kindgerechte) Erklärung, dass einfach unterschiedliche Arten von Küssen gibt, und dass es auf keinen Fall heißt, dass ich sie weniger lieb habe als Papa, hat sie auch verstanden.

     

    Eine Zeitlang war es dann fast eine Art Spiel für uns.

    Meine Kinder haben versucht, mich zu „überlisten“ und trotzdem meinen Mund zu erwischen. Alternativ habe ich im letzten Moment meinen Kopf zur Seite gedreht – und ihr Schmatzer ist auf meiner Wange gelandet. In beiden Fällen haben wir danach zusammen gelacht.

    Inzwischen ist es für die beiden vollkommen normal und kein Thema mehr, dass Mama sie nicht auf den Mund küsst – und sie mich auch nicht. Und so, wie ich es den beiden erklärt habe, sehe ich es nach wie vor: Für mich bedeuten Küssen auf Wange, Nasenspitze und Co. keineswegs, dass ich meine Kinder weniger liebe. Wir knuddeln und knutschen, was das Zeug hält – und fühlen uns alle wohl damit.

    Und ich hoffe, es wird noch sehr lange dauern, bis Küsschen von und für Mama irgendwann nicht mehr angesagt sind.

     

     

    Kinderärztin Dr. Snjezana-Maria Schütt sagt: „Küssen ja – aber nicht bei Babys und nicht unter diesen Bedingungen.

    Tipp zum Thema Küssen von der Expertin: Kinderärztin Dr. Snjezana-Maria Schütt

    „Ein Kuss auf den Mund ist in vielen Ländern und Familien ein emotionaler Ausdruck von Liebe, Nähe und Zuwendung.

    Aus kinderärztlicher Sicht spielen bei diesem Thema – neben familiären und kulturellen Gewohnheiten – auch Aspekte wie das Alter des Kindes, das Infektionsrisiko sowie individuelle Grenzen eine wichtige Rolle.

    Da das Immunsystem von Babys und Kleinkindern noch nicht vollständig ausgereift ist und es bei einem Kuss auf den Mund zur Übertragung von Krankheitserregern kommen kann, besteht ein erhöhtes Infektionsrisiko. Bestimmte Erreger, wie z. B. Herpesviren, können bei Neugeborenen zu einer schweren Erkrankung führen, der sogenannten neonatalen Herpesinfektion.

    Diese ist glücklicherweise selten, kann jedoch potenziell lebensbedrohlich verlaufen. Auch Influenzaviren und andere Erreger können bei Säuglingen schwere Krankheitsverläufe verursachen. Wichtig ist außerdem, dass eine infizierte Person je nach Inkubationszeit bereits ansteckend sein kann, obwohl noch keine Krankheitssymptome bemerkt werden.

    Darüber hinaus ist es aus meiner Sicht wichtig, dass Kinder früh ein gutes Körperbewusstsein entwickeln und lernen, dass ihr Körper ihnen gehört. Daher sollten ihre Körpersignale und individuellen Grenzen stets respektiert werden.

    Wer mehr Tipps von Dr. Snjezana-Maria Schütt erfahren möchte, findet sie u.a. hier auf Instagram

     

    Also gilt: Jede Familie sollte für sich festlegen, wer ein Kuss auf den Mund mag und wer nicht und diese Grenzen dann auch wahren. Das gilt für Eltern sowie für Kinder. Auch wenn man Babys und Kleinkinder natürlich den ganzen Tag konstant abknutschen möchte, sollte man sich bewusst machen, dass man sie mit Krankheiten infizieren kann – und die Folgen schwerwiegend sein können wie beim Herpesvirus. Dann sollte man das Küssen unbedingt sein lassen.

     

    Wie handhabt ihr das? Küsst ihr eure Kinder auf den Mund oder auf die Wange (oder weder noch?)? Verratet es uns in den Kommentaren.

    3 Kommentare

  1. User Avatar
    josephinp

    Spannend wie unterschiedlich Familien mit Nähe und Zärtlichkeiten umgehen. Ich finde: Jeder so wie er mag und sich wohlfühlt – das gilt sowohl für Eltern als auch für Kinder

  2. User Avatar
    Emmi

    Ein sehr wichtiger Punkt der Kinderärztin! Unabhängig vom Bauchgefühl ist auch der Infektionsschutz (Stichwort Herpes) im ersten Lebensjahr einfach ein medizinischer Fakt, den Eltern kennen sollten 👍

  3. User Avatar
    Lena

    Sehr interessant, die beiden Perspektiven! Es gibt natürlich kein richtig und kein falsch  🥰  Hauptsache Liiiiiebe! Ich selbst kenne es aber auch so: Kleines Kind = Küsse auf den Mund, ab einem gewissen Alter dann nur noch die Wange.