Triggerwarnung: Dieser Text thematisiert Gewalt und sexuellen Missbrauch. Lies die Geschichte also nur, wenn du dich emotional dazu in der Lage fühlst.
„In meiner Kindheit war es immer laut.
Da war immer Krieg.
Ich habe Schritte gezählt, um leise genug zu laufen.
Ich habe mir das Pinkeln verboten, um nicht im Flur erwischt zu werden.
Ich habe meinen Atem kontrolliert, damit er nicht zu schnell, zu laut, zu viel, zu dumpf, zu krank, zu gesund, zu lebendig, zu menschlich war.
Ich habe gebettelt, mich nicht anzuschreien.
Und habe gefleht, mich zu lieben.
Und ich habe geschrien, man solle nicht so nahe kommen.
Ich war Soldat auf einem Minenfeld, das ständig drohte hochzugehen
und mich lebendig für mein ,,sein“ zu bestrafen.
Ich würde gern noch einmal um mich selbst weinen, wenn ich ausspreche, wer es war, und begreifen, wer es hätte nicht sein dürfen.
Als Missbrauchsopfer darf man in den allermeisten Fällen aus rechtlichen Gründen nicht sagen, wer der Täter war, und ich verstehe das.
Aber ich glaube, dass wir als Gesellschaft viel zu oft nicht verstehen, wer Täter sind.
Und ich würde diesen Namen nicht wutentbrannt, von Rachsucht getrieben in Räume werfen.
Ich würde nur gern zu verstehen geben, wer das eigentlich gewesen ist.
Wer sich gegen meinen Schutz und für das Missbrauchen eines Kindes entschieden hat.
Wer mir da jetzt eigentlich fehlt in meinem Leben.
Und wessen Verlust ich gezwungen bin zu zelebrieren.
Welche Identität mich dieser Missbrauch gekostet hat. Welche Rolle er mich für mein restliches Leben hinterfragen lässt.
In meinem Leben gab es immer nur meine Täterperson.
Meine gesamte Aufmerksamkeit gehörte ihr.
Meine gesamte Kraft, Liebe und Demut gehörte dieser Person.
Ich habe diese Person angebetet, als wäre sie ein Gott,
und ich habe sie gefürchtet als das.
Meine Täterperson war seit Anbeginn meines Lebens da.
Wir sahen uns täglich.
Wir hassten, liebten und stritten uns an jedem Tag.
Ich habe die meisten Jahre meines Lebens vergessen müssen.
Erinnerungen beginnen erst wieder etwa ab dem 12. Lebensjahr.
Und ab da begleiteten mich diese beiden Sätze:
Ich habe Angst. Ich bin traurig
Und mehr war da nicht.
Mehr war es nicht, was ich sagen konnte. Immer wieder.
In der Schule, bei Mitschülern, im Sport, bei Verwandten.
Immer wieder habe ich davon gesprochen, Angst zu haben und traurig zu sein.
Weil ich mich nicht einmal an das Abendessen vom Vortag erinnern konnte.
Ich konnte lange Zeit nicht die ohrenbetäubenden Sätze reproduzieren, die mich in den Boden schrien.
Ich konnte mich nicht einmal erinnern, wo man mich berührte und meine Grenzen überging.
Mein Körper war ein einziges Objekt, das man behandelte wie ein Spiel.
Vielleicht hätte man aufmerksamer sein müssen.
Vielleicht hätte auffallen können, dass ich mich auch nicht an die Schule erinnern konnte.
An keine Hausaufgaben.
Keine Vokabeln.
Keine Gespräche.
Vielleicht hätte auffallen können, dass ich in der Schule immer nur ein Hohlkörper war und schlief.
Aber am Ende ist ihnen aufgefallen, wie faul ich war. Wie wenig bemüht. Und der Ehrgeiz, der mir fehlt.
Und dieses Aufzählen von Versagen mit Rotstift in lieblosen Heften, war am Ende nur ein neuer Grund, für die Person, die meine Grenzen nie sah.
Wie sie mich anschrie, jeden Tag,
dass ich dumm und hässlich sei
und zu dick, um in liebevolle Kleider zu passen oder mich würdevoll anzusehen.
Es gab nie genug Gründe, um mich zu lieben, aber immer ausreichende, um mich zu hassen.
Einer davon war, wie ich esse.
Um mir machtvoll zu demonstrieren, wie ekelerregend ich bin,
weil man neben mir Würggeräusche macht,
bis ich die Dinge esse, gegen die ich mein Leben lang allergisch war.
Und man würde mir keine Träne verzeihen.
Denn ich bin schuld.
An diesem Übel.
An unserem Hunger.
An unserer Not.
An diesem Leben.
Ich bin schuld an allem Unglück was unser Leben angeblich begleitet hatte.
Heute bin ich 22 Jahre alt und manchmal ziehe ich mir diese Schuld noch immer an, als würde sie meine Aufgabe sein, meine Bedingung und meine Identität.
Weil ich nicht vergessen kann, was man mir 16 Jahre bis in die Nieren geschrien hat.
Weil es nicht heilt wie ein Knochenbruch.
Weil meine aufgerissenen Finger kein kennzeichnender Verband sind,
sondern für die meisten Menschen nur ekelhaft.
Mein Alltag bestand daraus,
dass man mich quälte, bis ich es mir erlaubte, zu reagieren,
und mich anschließend genau dafür zu bestraften.
Zum Beispiel, als man mir verbot, auf die Toilette zu gehen,
und mich dann zur Schau stellte, weil ich mich eingenässt hatte.
Oder als man mir näher kam, immer lauter mit mir sprach,
vor meinem Gesicht mit den Fingern fuchtelte und mir, als ich zu schreien begann, drohte,
dass man mich wegen geistiger Behinderung in ein Krankenhaus steckt.
Am liebsten hätte ich mich versteckt
und wusste nicht einmal, warum.
Weil ich nicht sicher war und es endlich sein wollte?
Oder, weil ich fest davon überzeugt war, für diese Welt eine Schande zu sein
und ihr einen Gefallen tun musste?
Dass sexualisierter Missbrauch stattgefunden hat, habe ich bis vor einigen Jahren ausgeschlossen.
Weil ich mich nicht erinnern konnte.
Und weil ich immer dachte, dazu müsste ein Penis in mir stecken.
Ich wusste nicht, dass auch das zählt,
dass ich den Täter nackt eincremen musste,
obwohl ich weinte und es nicht wollte.
Und ich wusste nicht,
dass andere Teenager sich nicht zu nackten Personen legen,
um Familie zu symbolisieren.
Aber genau das hatte man mir erzählt.
Und immer dazu gesagt, ich wäre einfach zu krank, um das zu verstehen.
Und ich dachte mein Körper wäre der Beweis, dass ich es verdiene, ein Teil dieser Familie zu sein.
Manchmal war ich wütend darüber,
dass ich nicht den Mut besitze, sterben zu wollen.
Und es war immer Teil meiner Hoffnung
und gleichzeitig meiner Angst,
dass mein Täter mich nicht mehr leben sehen möchte.
Das habe ich damals gedacht.
Als ich hinter meiner Tür auf dem dreckigen Teppich lag und schlief,
weil mein Bett kein sicherer Ort mehr war.
Aber ich dachte vor allem daran,
wie sehr wir uns liebten.
Und das heute so zu schreiben, macht mir Angst. Und es macht mich traurig.
Ich hatte nach meinem Auszug keinen Kontakt mehr zu der Täterperson, danach für 1,5 Jahre wieder, aber habe mich dann Ende 2025 endgültig von ihr lösen können. Zum Glück!“
Liebe Aliena, danke für deine Offenheit und deinen Mut. Wir sind fassungslos und senden dir viel Liebe und Kraft, um das Geschehene verarbeiten zu können. Du bist unfassbar stark – und nicht allein. Wer sich mit Aliena vernetzen möchte oder ihren Weg weiter verfolgen mag, findet sie hier auf Instagram.
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Wenn du selbst betroffen bist oder jemanden kennst, der Hilfe braucht, kannst du dich an diese Stellen wenden:
- Hilfetelefon sexueller Missbrauch – 0800 22 55 530 (anonym, kostenlos, 24 Stunden erreichbar)
- Online-Beratung über beauftragte-missbrauch.de
- Hilfetelefon „Gewalt an Männern“ – 0800 1239900 (anonym, kostenlos, Montag bis Donnerstag 8 – 20 Uhr, Freitag, 8 – 15 Uhr), oder Online per Chat oder Mail unter maennerhilfetelefon.de
- Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ – 116 016 (anonym, kostenlos, 24 Stunden erreichbar)
- Kinder- und Jugendtelefon „Nummer gegen Kummer“ – 116 111 (montags bis samstags von 14:00 bis 20:00 Uhr), oder Online-Beratung per Mail oder Chat unter nummergegenkummer.de
Alienas Geschichte ist eine unerzählte, die so oft in so vielen Haushalten Europas stattfindet.Ich finde es unsagbar stark, dass sie ihre Geschichte teilt & somit vielen weiteren Betroffenen Mut macht, das Schweigen zu brechen. Weiterhin gilt wichtiger denje: Die Scham muss die Seite wechseln! Danke Aliena & danke Echte Mamas, für diesen schmerzhaften und so wichtigen Beitrag! 🥰 Ganz viel Liebe geht raus an jede:n Betroffene:n
Unvorstellbar, was manche Menschen durchmachen müssen 😳 Es tut so weh, sowas zu lesen… jedes Kind hat Liebe verdient und es ist einfach nicht fair, womit manche aufwachsen müssen 🙁
Wow ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Eine so starke Frau mit so einer schweren Vergangenheit. Ich kann immer nicht begreifen, wie man dem eigenen Kind so etwas schreckliches antun kann. Einem Kind, das den größten Schutz der Welt benötigt.
Ich schicke viiiiel viel Kraft für alles was da noch kommt ❤️