„Ich bin Amelie, 41 Jahre jung, und Mama von Lorenz, der im Februar zwei Jahre alt geworden ist.
Was uns als kleine Familie ausmacht? Vielleicht Authentizität. Wir sind echt – mit allen guten und schlechten Seiten. Und dann natürlich auch die Tatsache, dass ich mich entschieden habe, eine Single-Mom by Choice zu sein. Ich habe mein Kind also bewusst allein bekommen – ohne einen Partner an meiner Seite.
Mama werden wollte ich eigentlich schon immer.
Ich wusste immer, dass ich Mama sein will. Nur kam der passende Partner nie. Und ich wurde älter und älter.
Irgendwann habe ich entschieden: Ich mache das alleine.
Ohne großes Abwägen von Für und Wider. Solomutterschaft war für mich also ganz klar ein guter Plan B.
Den Samen für meinen Sohn habe ich über eine Samenbank in Dänemark bezogen, weil dort mehr Details zu den Spendern offengelegt werden als in Deutschland. Behandelt wurde ich dann in einer Kinderwunschklinik in München.
Sollte er das später wollen, hat mein Sohn die Möglichkeit, zu erfahren, wer der Spender ist.
Bis es geklappt hat, war der Weg allerdings nervenaufreibend.
Ich hatte drei gescheiterte ICSI-Versuche. Besonders schlimm war der dritte, denn da musste ich einen Abgang in der 9. SSW erleben. Erst beim vierten Transfer führte die ICSI zu meinem Sohn.
Umso größer war meine Freude, als ich dann im Juni 2023 endlich schwanger mit Lorenz war.
Gut zu Wissen
ICSI steht für Intrazytoplasmatische Spermieninjektion. Es ist die am häufigsten angewandte Methode der künstlichen Befruchtung im Rahmen einer Kinderwunschbehandlung.
In dieser Zeit waren gute Freunde und vor allem meine Schwester immer an meiner Seite.
Dass die Entscheidung richtig war, daran habe ich übrigens nie gezweifelt.
Aber durch den Abgang beim dritten Versuch waren die ersten Wochen der Schwangerschaft mit Lorenz von Angst geprägt.
Ich hatte ständig Sorge, dass ich das Baby wieder verlieren könnte und habe mich kaum getraut, mich richtig zu freuen.
Gegen Ende der Schwangerschaft wurde eine Präeklampsie (Schwangerschaftsvergiftung) festgestellt, deshalb wurde ich bei 38+5 eingeleitet. Der Muttermund ging ewig nicht auf. Am Ende wurde es trotzdem eine spontane Geburt und Lorenz und ich haben alles gut überstanden.
Bei der Geburt war meine Schwester jede einzelne Sekunde dabei – ganze 42 Stunden lang.
Sie ist neben mir die wichtigste Bezugsperson für meinen Sohn geworden.
Leider war unser Start trotzdem nicht so leicht. Lorenz war leider ein Schreibaby. Ab der zweiten Woche bis ungefähr zum siebten Monat hat er stundenlang am Stück geschrien.
Und auch danach noch lange immer dann, wenn er müde war. Einschlafen konnte er nie einfach so. Das ging nur an der Brust – und wenn das gerade nicht möglich war, musste er ganz furchtbar weinen.
Der Anfang war also sehr hart für uns.
Ich habe mir dann Hilfe über einen kostenlosen Service der Stadt München geholt. Über drei Monate kam eine Sozialpädagogin zu uns nach Hause und hat mir als Mutter einfach wieder Sicherheit gegeben. Wahrscheinlich haben wir das damals gebraucht.
Mittlerweile sind Lorenz und ich ein gut eingespieltes Team.
Arbeit, Kita und Alltag funktionieren inzwischen richtig gut. Lorenz liebt seine Kita und ist jeden Tag von 8 bis 16 Uhr dort. Dass er es dort so mag, ist wirklich ein Segen.
„Tante Nini” kommt meistens nach der Arbeit vorbei und ich koche dann für uns alle. Manchmal nimmt sie ihn auch ein oder zwei Stunden oder abends, wenn ich mich mit Freunden treffen möchte.
Wir wohnen nur 50 Meter voneinander entfernt und Lorenz wird praktisch in zwei Wohnungen groß. Ich höre ihn jetzt schon sagen: ‚Mama, du nervst, ich geh rüber zu Nini.‘
Muttersein ist kein Zuckerschlecken – und Solomutterschaft ganz speziell nicht.
Man ist eben alleine in der Sache. Positiv wie negativ. Niemand redet mir bei Entscheidungen rein. Aber es ist eben auch niemand da, der genauso ‚drinhängt‘ wie ich – vor allem emotional.
Denn auch, wenn meine Schwester sehr viel Verantwortung für Lorenz übernimmt, sie ist ganz klar kein Elternteil. Ich möchte sie bewusst nicht in die Pflicht nehmen. Sie hat jedes Recht zu sagen: ‚Boah, ich hatte einen harten Tag und will heute einfach meine Ruhe.‘
Genau deshalb haben wir uns am Ende auch gegen eine gemeinsame Wohnung entschieden. Denn in einem gemeinsamen Haushalt hätte sie diese Rückzugsmöglichkeit nicht mehr.
Und trotzdem sagen wir manchmal scherzhaft, dass wir das bessere Paar sind.
Wir lernen beide gerade erst richtig, was Verbindung und Beziehung eigentlich bedeuten, weil uns das selbst nie wirklich vorgelebt wurde. Dadurch haben wir manchmal dieselben Themen oder Streitereien wie viele Paare.
Aber ich bin unglaublich dankbar dafür, dass wir gemeinsam alte Wunden heilen dürfen – und Lorenz dadurch hoffentlich in einer emotional gesunden Familie aufwächst.
Bei uns in München gibt es zum Glück viele diverse Familienmodelle.
In der Kita gibt es Regenbogen- und Patchworkfamilien. Lorenz erlebt dadurch ganz selbstverständlich: Unsere Familienform ist einfach eine von vielen – und alle sind okay so, wie sie sind.
Er wächst einfach damit auf: ‚Ich habe Mama und Tante Nini.‘ Andere haben eben Mama und Papa oder Mama und Mama.
Die Reaktionen aus unserem Umfeld sind übrigens fast ausschließlich positiv.
Oft kommt eher bewunderndes Interesse. Vor allem von anderen Müttern: ‚Holy shit, wie machst du das alleine?‘
Und ehrlich? Mutterschaft ist viel härter, als ich es mir vorgestellt habe. Wahrscheinlich romantisieren das alle vorher ein bisschen – egal ob mit Partner oder ohne. Aber sie ist gleichzeitig auch das Beste, was mir je passiert ist.
Ich bin heute nicht mehr die Person, die ich vor Lorenz war. Und das neue Ich mag ich ehrlich gesagt viel lieber.
Natürlich bin ich mit der Vorstellung der klassischen Familie aufgewachsen.
Aber heute weiß ich: Genau dieser Weg war richtig für mich. Ich bin heute so glücklich wie nie.
Mir fehlt kein Partner mehr – auch wenn das lange anders war. Heute fühle ich mich angekommen. Und ich hoffe, dass Lorenz nichts fehlen wird, weil ihm dieses „Fehlen“ gar nicht vorgelebt wird.
Unsere Familie ist so, wie sie ist, perfekt. Wir haben alles, was wir brauchen.
Anderen Frauen, die überlegen, Solomutter zu werden, würde ich sagen: Es ist zu schaffen. Du wirst über dich hinauswachsen, weil du gar keine andere Wahl hast. Und es wird gut werden.
Aber frag dich ehrlich, warum du ein Kind möchtest.
Und leite daraus ab, ob dieser Weg der richtige für dich ist.
Außerdem sollte man sich die finanzielle Seite wirklich genau anschauen. Denn man stemmt plötzlich alleine Dinge, für die eigentlich zwei Gehälter gedacht waren.
Aber wenn man diesen Weg bewusst geht, kann daraus etwas unglaublich Schönes entstehen.”
Vielen Dank, liebe Amelie, dass wir deine Geschichte teilen dürfen!
Könntest du dir auch vorstellen, Single-Mom-by-Choice zu sein? Vielleicht bist du aus anderen Gründen alleinerziehend? Lass es uns in den Kommentaren gerne wissen!
Wie toll, dass ihr euch als Schwestern habt, was für ein Glück
Mich macht es einfach immer glücklich zu sehen, wie selbstbestimmt man in der heutigen Zeit einfach leben kann 😍 Daran müssen wir uns wirklich doll festhalten!