Im Netz wird gerade eine heiße Diskussion entfacht: Sind wir Millennial-Eltern am Limit, weil wir uns nicht mehr auf die Großeltern verlassen können?

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    Der Grund für die hitzigen Diskussionen zum Thema Großeltern wurde von Helen, selbst Oma aus Großbritannien, auf ihrem TikTok-Kanal ausgelöst: In diesem Video erzählt sie davon, dass es nicht die Aufgabe ihrer erwachsenen Kinder sei, ständig die Betreuung der Kinder zu organisieren, sondern dass sich Oma und Opa selbst aktiv einbringen sollten. Sie selbst würde immer wieder den Kontakt suchen, ihre Hilfe anbieten und ihre freien Termine für die Kinderbetreuung durchgeben.

    Ihre eigenen erwachsenen Kinder hätten schließlich schon genug um die Ohren – mit dem Spagat zwischen Beruf und kleinen Kindern, die immer mal krank sein können oder nachmittags zum Sport oder zu Verabredungen gefahren werden müssen. Deshalb sei jetzt die Zeit der Großeltern, einzuspringen. Gerade viele Millennial-Kinder (geboren zwischen 1984 und 1994) fühlen sich mit diesem Konzept an ihre eigene Kindheit erinnert, in der sie oft bei den Großeltern waren und viel Zeit mit ihnen verbracht haben.

     

    Das ist heute nicht mehr so. Großeltern sind weniger präsent – aber warum?

    Das zeigen auch die Kommentare unter dem Video: „Wer sich das leisten kann, hat Glück. Nicht alle Großeltern haben eine gut gefüllte Rentenkasse. Je länger Großeltern arbeiten müssen, desto weniger Zeit bleibt ihnen für ihre Enkelkinder“, schreibt eine Userin unter den Post. Eine andere argumentiert: „Vielen Dank. Ich werde das meiner Mutter schicken. Sie meint, es sei meine Pflicht, sie anzurufen, während ich meine autistischen Zwillinge großziehe – ganz ohne familiäre Unterstützung. Niemand kümmert sich um uns, aber wir sollen uns um alle kümmern, arbeiten und uns für unsere Kinder einsetzen. Wir sind völlig erschöpft.“

    Viele Eltern von heute funktionieren am Limit. Zwischen Beruf, Mental Load, Dauererreichbarkeit und dem Anspruch, gleichzeitig liebevoll, geduldig und erfolgreich zu sein, bleibt oft kaum noch Luft zum Atmen. Umso größer ist die Sehnsucht nach einem familiären Netz, das trägt – so, wie es frühere Generationen oft selbstverständlich erlebt haben.

    Doch genau dieses Netz fühlt sich für viele brüchiger an als früher. Während Eltern jonglieren, organisieren und erschöpft versuchen, allen gerecht zu werden, erleben manche Großeltern aus der Boomer-Generation (geboren zwischen 1946 und 1964) ihre neue Freiheit: Reisen, Selbstverwirklichung, Rückzug ins eigene Leben. Das ist verständlich. Aber es hinterlässt auch eine stille Enttäuschung.

    Denn Kinder großzuziehen war nie als Einzelprojekt gedacht.

    Immer wieder werden Stimmen laut, dass besonders die Boomer-Generation heute anders mit ihren Enkeln umgeht und sich weniger einbringt.

    Familienberaterin und Pädagogin Katharina Hübner erklärte gegenüber BuzzFeed News Deutschland, die Gründe dafür seien „generationsübergreifende Erwartungen, alte Rollenbilder und tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen“. So weit, Großeltern pauschal als „egoistisch“ zu bezeichnen, würde Katharina Hübner jedoch nicht gehen. Dennoch werde Großelternschaft heute anders gelebt als in früheren Generationen.

    Viele heutige Großeltern aus der sogenannten „Boomer“-Generation engagieren sich oft anders als frühere Großeltern-Generationen, weil sich Gesellschaft, Arbeit, Gesundheit und Familienstrukturen stark verändert haben. Das bedeutet nicht automatisch „mehr“ oder „weniger“ Engagement – eher ein anderes Verständnis davon, was die Großelternrolle bedeutet.

    Die Rolle sowie das Engagement der Großeltern hat sich verändert.
    Die Rolle sowie das Engagement der Großeltern hat sich verändert. Foto: Unsplash

    Die Gründe beziehungsweise Faktoren dafür sind vielfältig und lassen sich nicht pauschalisieren. Dennoch lassen sich fünf zentrale Ursachen erkennen:

     

    Punkt 1: Längere Gesundheit und eine aktivere Lebensphase

    Viele Boomer sind im Alter zwischen 60 und 75 Jahren körperlich fitter als frühere Generationen im selben Alter. Dadurch betrachten sie den Ruhestand eher als zweite aktive Lebensphase und nutzen diese Zeit für Reisen, Hobbys, Ehrenämter, Sport, neue Beziehungen oder persönliche Projekte. Frühere Großeltern lebten im Ruhestand meist sesshafter und pflegten einen insgesamt ruhigeren Lebensstil.

    Punkt 2: Andere Vorstellungen von Familie

    Frühere Generationen lebten häufiger in räumlicher Nähe zueinander, oft sogar in Mehrgenerationenhaushalten, mit klar definierten familiären Pflichten. Das verändert auch die Rolle der Großelternschaft deutlich. Engagement findet heute häufiger digital oder punktuell statt – statt täglich und selbstverständlich im Alltag integriert.

    „Viele Frauen haben ihre Karrierewünsche hinten angestellt, viele Männer waren emotional weniger eingebunden. Jetzt, im Ruhestand, möchten sie das nachholen, was sie vorher verpasst haben: Reisen, Selbstverwirklichung, Partnerschaft leben.“ Diese Autonomie werde von ihren Kindern – den Millennials – oft als „Egoismus“ wahrgenommen. „Ein ‚Egoismus‘, den ihre Großeltern nicht hatten“, sagte Familienberaterin Katharina Hübner.

    Hinzu kommt, dass auch die eigenen Eltern älter werden und sich viele Menschen zusätzlich noch um die Urgroßeltern kümmern müssen.

    Auch aus dem Kommentaren zum Post von TikTokerin Helen wird deutlich, dass viele Boomer heute „unterstützende Großeltern“ sein wollen, aber nicht automatisch Ersatz-Eltern.

     

    Punkt 3: Viele Frauenbiografien haben sich verändert

    Viele heutige Großmütter hatten eigene Karrieren oder führten ein stärker unabhängiges Leben. Frühere Generationen von Frauen waren häufiger Hausfrauen und übernahmen dadurch oft ganz selbstverständlich eine traditionelle Care-Rolle.

    Dadurch verändert sich auch, wie viel unbezahlte Betreuung erwartet wird, wie selbstverständlich Kinderbetreuung gesehen wird und wie stark die eigene Zeit priorisiert wird.

    Punkt 4: Finanzielle und berufliche Realität

    Wie auch eine Kommentatorin schrieb, können es sich viele Großeltern heute nicht mehr leisten, früh in Rente zu gehen. Andere kämpfen mit finanziellen Unsicherheiten oder möchten bewusst weiterarbeiten, weil ihnen ihr Beruf Freude macht. Dadurch bleibt natürlich auch weniger Zeit, die sie mit ihren Enkelkindern verbringen können.

    Ein Generationskonflikt: Viele Großeltern entdecken ihre neugewonnene Freiheit und ihre Kinder wünschen sich mehr Support.

    Punkt 5: Eine weitere Beobachtung kursiert derzeit im Netz: Manche Großeltern würden ihre Elternschaft bereuen

    Laut der Frankfurter Rundschau hat die Wirtschaftspsychologin Ann-Kathrin Reuter in einem TikTok-Video eine Vermutung aufgestellt: „Großeltern, die sich nicht um ihre Enkelkinder kümmern, denen es total egal ist, was mit ihnen passiert, tun das nicht, weil sie keine Zeit haben, sondern weil sie schon damals keine Eltern sein wollten“, sagt Reuter in dem Beitrag. Viele Menschen hätten damals Kinder bekommen, weil es gesellschaftlich erwartet wurde – ohne sich kritisch zu hinterfragen, ob sie das überhaupt wollten.

    Passend dazu haben Florian und Marco im „Echte Papas“-Podcast in dieser Woche Kristina Weber und Johannes Molz zu Gast, die Ähnliches in ihrem Buch „Endgegner Großeltern?“ beschreiben. Im Gespräch erzählen die Autoren, was sich verändert, wenn aus den eigenen Eltern plötzlich Oma und Opa werden, welche Missverständnisse zwischen den Generationen besonders häufig auftreten, wann man in der Kindererziehung Grenzen setzen sollte und wie man am besten auf den Satz „Das hat dir ja auch nicht geschadet“ reagiert.

    Vielleicht liegt der eigentliche Generationenkonflikt nicht in fehlender Liebe oder vermehrtem Egoismus, sondern in unterschiedlichen Vorstellungen von Verantwortung.

    Die Boomer-Generation hat gelernt, sich endlich selbst wichtig zu nehmen. Ihre Kinder dagegen wachsen in einer Zeit auf, in der Familie oft wieder die letzte soziale Absicherung ist.

    Und so entsteht auf beiden Seiten Überforderung: Eltern fühlen sich allein gelassen. Großeltern fühlen sich vereinnahmt. Dazwischen stehen Kinder, die eigentlich nur Zeit, Nähe und verlässliche Beziehungen brauchen. Aber es scheint, als würden wir als Gesellschaft verlernen, Familie gemeinsam zu leben. Dabei sollte das doch der Ort sein, an dem wir uns gegenseitig auffangen. Vielleicht hilft es, wenn wir uns ab und zu daran erinnern.

     

    Wie steht ihr zu dem Thema? Sind eure Eltern heute mehr oder weniger engagiert als eure eigenen Großeltern?

    4 Kommentare

  1. User Avatar
    wiebke

    Ich kann das tatsächlich so nicht bestätigen, wir bekommen sehr viel Unterstützung von unseren Schwiegereltern  ❤️  Auch wenn sie natürlich ihr eigenes Leben haben, aber das ist ja auch gut so.

  2. User Avatar
    Lauraa

    Ich finde dieses Thema unglaublich spannend & bin sehr gespannt darauf, wie es bei unseren Eltern sein wird… jetzt freuen sie sich Oma und Opa zu werden… aber vielleicht wird das ja genauso? Was haben andere Mamas denn für Erfahrungen damit gemacht? 

  3. User Avatar
    Lena

    Ich beobachte das auch, dass die heutigen Omas und Opas einfach selbst noch viel aktiver und eigenständiger sind. Einerseits schön, andererseits steigt natürlich der Druck für junge Familien.

    • User Avatar
      Marie

      Ja, da hast du Recht. Ich habe mich auch gefragt: Was für Großeltern werden wir irgendwann mal sein? Wollen wir dann nicht auch Reisen, wenn man die Zeit dazu hat – oder wie würden wir in ca. 30 Jahren reagieren….