Die schwedische Umweltministerin Romina Pourmokhtari hat ihren drei Monate alten Sohn Adam mit zum EU-Ministerrat in Luxemburg gebracht. Wir fragen uns: Ist das wirklich fortschrittlich oder wird ein falsches Bild von Vereinbarkeit geschaffen?

Inhalt dieses Artikels

    Als ich das Video der schwedischen Umweltministerin Romina Pourmokhtari gesehen habe, wie sie vor dem EU-Ministerrat in Luxemburg mit ihrem drei Monate alten Sohn Adam in der Trage spricht, sind mir beim Zuschauen selbst die Schweißperlen die Stirn hinuntergelaufen – und das nicht nur wegen der Hitze.

    Sondern weil ich genau weiß, wie sich dieser Spagat anfühlt: beruflich funktionieren zu wollen und gleichzeitig immer ein Ohr und einen Gedanken beim Baby zu haben. Mit der leisen Sorge, dass es genau dann wach wird, Hunger bekommt oder Trost braucht, wenn man eigentlich volle Konzentration abrufen müsste.

    Ich habe selbst mit Baby in der Trage gearbeitet. Würde ich das heute noch einmal so machen? Nein.

     

    Politikerin spricht im EU-Rat und plötzlich fängt das Baby an zu schreien.

    Die schwedische Umweltministerin Romina Pourmokhtari kommt gerade aus ihrer Elternzeit zurück und möchte nun zeigen, dass die Vereinbarkeit von Beruf und Familie in Schweden sichtbarer gelebt wird als in vielen anderen Ländern. Kinder gehören zum (Berufs-)Alltag dazu und nur, weil man Mutter geworden ist, ist man gleichzeitig noch so viel mehr – hat Ambitionen und möchte seinen Job nicht hinten an stellen.

    Deshalb nimmt Schwedens jüngste Ministerin ihren Sohn Adam einfach mit nach Luxemburg und hat ihn sogar in der Trage als sie selbst einen Vortrag hält. Während ihrer Rede wird nur plötzlich Sohn Adam wach und quengelt. Romina Pourmokhtari bleibt gelassen und kontert mit „gutes Timing, Adam“. Sie wippte ihr Baby und setze ihren Vortrag fort. Laut EU-Rat war es das erste Baby überhaupt, dass bei einer Sitzung dabei gewesen sei.

    Auf politischer Bühne haben wir ähnliche Szenen jedoch schon einmal gesehen beispielsweise als die australische Senatorin Larissa Waters ihr Baby in einer Sitzung stillte.

    Wie sieht die Elternzeit in Schweden aus?

    In Schweden haben Eltern insgesamt 480 Tage bezahlte Elternzeit pro Kind – also etwas über ein Jahr und drei Monate. Diese können sich die Eltern flexibel teilen.

    Ein paar Besonderheiten:

    • Die 390 Tage werden größtenteils einkommensabhängig vergütet (etwa 80 Prozent des Gehalts bis zu einer Obergrenze).
    • 90 Tage werden mit einem festen Tagessatz vergütet.
    • Jeder Elternteil hat 90 Tage exklusiv für sich reserviert („Papa-/Mama-Monate“), die nicht auf den anderen Elternteil übertragen werden können.
    • Die Elternzeit kann bis zum 12. Geburtstag des Kindes (bzw. bis zum Ende der 5. Schulklasse) genutzt werden, wobei die meisten Tage in den ersten Jahren genommen werden.
    • Zusätzlich haben Eltern das Recht, ihre Arbeitszeit zu reduzieren, bis das Kind acht Jahre alt ist.

    Vor diesem Hintergrund ist es in Schweden nicht ungewöhnlich, dass ein drei Monate altes Baby noch eng in den Alltag der Eltern eingebunden ist – gleichzeitig nehmen viele schwedische Politikerinnen und Politiker auch längere Elternzeiten.

    Die schwedische Umweltministerin Romina Pourmokhtari gilt dabei als Symbol einer familienfreundlichen politischen Kultur, in der die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sichtbarer gelebt wird als in vielen anderen Ländern – und das ist auch wichtig.

    Ein gelungenes Statement oder noch mehr Druck auf Mamas?

    Versteht mich nicht falsch: Ich finde es wichtig, dass Frauen auch nach der Geburt ihres Kindes ihre Karriere weiterverfolgen können, wenn sie das möchten. Umso wichtiger ist es, dass sie die entsprechenden Rahmenbedingungen vorfinden, die das tatsächlich ermöglichen.

    Denn mit einem Baby in der Trage und einer politischen Agenda im Gepäck ist es enorm schwer, sich voll und ganz auf die anstehenden Aufgaben zu konzentrieren. Beides gleichzeitig stemmen zu wollen, verlangt ein Höchstmaß an Organisation, Energie und Fokus.

     

    So beeindruckend dieses Bild ist: Es zeigt nicht nur, was Mütter leisten können, sondern auch, welche Lasten sie oft noch immer parallel tragen müssen.

    Ein noch stärkeres Zeichen wäre es für mich gewesen, wenn ihr Mann das Baby getragen und ihr damit den Rücken freigehalten hätte. So hätte sie sich ganz auf ihren Vortrag konzentrieren können.

    Im Fall von Romina Pourmokhtari scheint es jedenfalls nicht an den Elterngeld-Gesetzen zu hapern, dass sie das Baby mit zur Arbeit nimmt – die Politikerin scheint eine klare Botschaft damit setzen zu wollen.

     

    Mamas können alles schaffen – aber nicht alles auf einmal.

    Diese Bilder können natürlich zeigen, dass wir hier eine Frau sehen, die ihren Ambitionen folgt und Beruf und Familie miteinander vereinbaren möchte. Gleichzeitig bergen sie aber auch die Gefahr, ein anderes Signal auszusenden: nämlich, dass Mütter alles gleichzeitig schaffen sollten.

    Das Baby, den Job, die Karriere – und dabei am besten noch durchstarten. Was als inspirierendes Vorbild gedacht ist, kann so auch zusätzlichen Druck erzeugen.

    Aber bitte bedenkt: Jede Mutter geht ihren eigenen Weg. Was für die eine richtig ist, muss für die andere noch lange nicht passen. Deshalb: Vergleicht euch nicht mit anderen.

    Und jetzt mal Hand aufs Herz:

     

    Wann haben wir zuletzt einen Vater mit Baby in der Trage gesehen, der vor einem Ministerrat, im Parlament oder auf einer Konferenz spricht?

    Vielleicht ist genau das das Bild, das wir häufiger brauchen. Eines, das zeigt: Vereinbarkeit bedeutet nicht, dass nur ein Teil der Partnerschaft zurückstecken muss. Sie gelingt dann am besten, wenn Verantwortung fair verteilt wird oder wenn Familien die Unterstützung erhalten, die sie brauchen. Dann können beide Elternteile ihren Ambitionen nachgehen – beruflich wie privat.

     

    Wie seht ihr das? Sollten mehr Frauen ihre Kinder mit zur Arbeit nehmen oder brauchen wir ein anderes Bild von Vereinbarkeit? Schreibt es uns gern in die Kommentare. 

    1 Kommentar

  1. User Avatar
    Emmi

    Ein starkes Bild! Aber der Artikel bringt es auf den Punkt – die Last sollte nicht immer nur bei den Müttern liegen.

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