Mit zwei kleinen Kindern und einem Baby, das kaum schlief und ständig schrie, war Nina völlig erschöpft. Dann passierte ein schrecklicher Unfall, der alles veränderte.

Inhalt dieses Artikels

    „Wir hatten innerhalb von drei Jahren drei Kinder bekommen. Unsere Große, Malia, war gerade drei Jahre alt, unsere Mittlere, Kiana, ein Jahr und vier Monate. Die beiden waren tatsächlich beide sehr pflegeleicht. Und dann kam unsere dritte Tochter Liara – und mit ihr plötzlich eine Situation, die wir so überhaupt nicht kannten.

    Liara hat von Anfang an extrem viel geschrien. Mein Mann hat ganz normal gearbeitet und ich war mit den drei Kindern überwiegend alleine zu Hause. Und ehrlich gesagt war ich ziemlich oft maximal überfordert.

    Wir hatten damals wirklich drei Kinder in drei verschiedenen Windelgrößen.

    Zusätzlich hatte Kiana zu dieser Zeit ein hyperreaktives Bronchialsystem und ständig Infekte, teilweise immer kurz vor einer Lungenentzündung. Das bedeutete: Auf der einen Seite hatten wir ein Baby, das tagsüber und nachts teilweise stundenlang schrie, und gleichzeitig ein zweites Kind, das aufgrund seiner Infekte nachts ebenfalls kaum schlief.

    Dadurch konnten wir uns auch nicht einfach konsequent abwechseln, weil eigentlich immer beide gebraucht wurden.

    Liara ließ sich außerdem überhaupt nicht ablegen. Sie hat eigentlich nur auf unserem Arm geschlafen, während wir saßen und sie geschaukelt haben. Sobald wir versucht haben, sie abzulegen, ging das Schreien wieder los. Teilweise saß wirklich einer von uns die halbe Nacht auf der Bettkante mit ihr auf dem Arm.

    Heute denke ich manchmal: Warum haben wir nicht einfach irgendeine andere Schlafsituation geschaffen? Familienbett, eine Matratze auf dem Boden, irgendetwas. Aber damals hatte ich dieses Wissen einfach noch nicht.

    Gerade weil ich selbst Kinderkrankenschwester bin, hatte ich wahnsinnige Angst davor, dass mein Baby aus dem Bett fallen könnte, und habe sehr an diesem eigenen Babybett festgehalten – obwohl sie dort faktisch überhaupt nicht geschlafen hat.

    Nina ist erfahrene Mama, doch das dritte Kind änderte trotzdem alles.
    Nina ist erfahrene Mama, doch das dritte Kind änderte trotzdem alles.

    Diese extreme Situation ging ungefähr elf Wochen. Und innerhalb dieser elf Wochen ist dann der Unfall passiert.

    Es war in den frühen Morgenstunden. Mein Mann hatte Liara gefüttert und saß anschließend mit ihr auf der Bettkante. Sie lag auf seinem Arm und er ist im Sitzen für diesen einen kurzen Moment eingeschlafen. Sein Arm hat sich geöffnet und sie ist ihm aus dem Arm auf den Boden gefallen – mit dem Kopf zuerst.

    Als ich sie angeschaut und abgetastet habe, war für mich relativ schnell klar, dass wir sofort ins Krankenhaus müssen. Dadurch, dass ich selbst Kinderkrankenschwester bin, wusste ich natürlich auch ziemlich genau, was hinter dieser weichen, schwabbeligen Beule am Kopf stecken kann.

    Eine Sache ist mir bis heute ganz extrem im Gedächtnis geblieben:

    Ich habe Liara in den Maxi-Cosi gesetzt, angeschnallt und bin mit ihr ins Krankenhaus gefahren.

    Bis zu diesem Tag war wirklich jede Autofahrt mit ihr von Schreien begleitet gewesen. Und plötzlich saß da dieses Baby im Maxi-Cosi, hat nicht geschrien, sondern nur die Augen zugemacht.

    Sie war komplett anders als sonst. Und so absurd es klingt: In diesem Moment hätte ich mir nichts mehr gewünscht, als dass sie einfach wieder schreit.

    Im Krankenhaus war relativ schnell klar, dass Liara einen Schädelbruch hatte und stationär aufgenommen werden musste. Sie kam auf die Intensivstation. Insgesamt dauerte ihr Krankenhausaufenthalt knapp zwei Wochen.

    Das Schlimmste war für mich tatsächlich diese Wesensveränderung.

    Unser Baby, das vorher gefühlt den halben Tag geschrien hatte und sich kaum ablegen ließ, konnte plötzlich einfach in diesem Krankenhausbett liegen und schlafen. Und genau das hat mir wahnsinnige Angst gemacht, weil ich mein eigenes Kind in diesem Moment nicht wiedererkannt habe.

    Das dritte Kind von Nina war ein Highneed-Baby.
    Das dritte Kind von Nina war ein Highneed-Baby. Foto: Privat

    Natürlich war da gleichzeitig diese riesige Ungewissheit: Gibt es eine Hirnblutung? Hat sie neurologische Schäden davongetragen? Bleibt irgendetwas zurück? Dieses Warten und Nichtwissen war wahrscheinlich einer der schlimmsten Teile der ganzen Situation.

    Und gleichzeitig hatten wir zu Hause noch zwei sehr kleine Kinder, die natürlich genauso ihre Eltern gebraucht haben. Wir mussten also irgendwie diese Angst um unser Baby aushalten und versuchen, auch für die anderen beiden Kinder da zu sein.

    Nach knapp zwei Wochen konnte Liara wieder nach Hause.

    Anschließend konnten wir zunächst nur abwarten. Zeitweise hatte sie ein schielendes Auge. Das ist heute allerdings nicht mehr vorhanden. Ansonsten ist Liara vollständig und ohne Folgeschäden wieder gesund geworden.

    Mein Mann und ich sind mit der Situation und den Schuldgefühlen sehr unterschiedlich umgegangen.

    Er hat sich sehr zurückgezogen, ist sehr ruhig geworden und hat sich unglaublich viele Vorwürfe gemacht. Gerade weil er generell eher ein ängstlicher Mensch ist, war diese Erfahrung für ihn besonders schlimm. Dass ausgerechnet ihm etwas mit unserem Kind passiert ist, beschäftigt ihn bis heute.

    Bei mir war es fast das Gegenteil. Ich hatte relativ schnell das Gefühl: Ich muss darüber sprechen. Ich will Sichtbarkeit dafür schaffen. Das darf kein Tabuthema sein. Denn Schlafmangel bei Eltern wird so oft verharmlost. Dieses „Babys schlafen halt schlecht“, „Da müssen alle Eltern durch“ oder „Das ist eben die Babyzeit“.

    Aber chronischer Schlafmangel ist irgendwann nicht mehr einfach nur anstrengend. Er kann gefährlich werden. Und genau darüber wollte ich reden.

    Nach dem Unfall war für mich klar: So können wir nicht weitermachen.

    Wir brauchen irgendeine Veränderung in unserer Schlafsituation.
    Und dann habe ich angefangen zu suchen. Wirklich überall. Ich habe Kurse gekauft, Kennenlerngespräche geführt, mir Schlafcoaches angeschaut und mir Hilfe gesucht. Trotzdem hatte ich immer wieder das Gefühl: Das passt nicht zu uns. Oder: Das hilft uns mit diesem Kind nicht wirklich weiter.

    Sehr oft war die Aussage sinngemäß: Veränderungen sind eben schwierig, das Kind darf weinen und man muss es begleiten und aushalten.

    Aber wenn man ein sehr sensibles, sehr intensives Baby hat, dann bedeutet dieses „ein bisschen weinen“ manchmal eben nicht ein bisschen weinen. Diese Kinder können extrem reagieren. Und für uns hat sich dieses reine „Aushalten“ einfach nie richtig angefühlt.

    Irgendwann habe ich deshalb angefangen, mich selbst immer intensiver mit dem Thema auseinanderzusetzen. Liara war noch ein Baby, als ich schließlich selbst die Ausbildung zum Babyschlafcoach gemacht habe. Danach kamen weitere Fortbildungen rund um Babyschlaf, Hochsensibilität und schließlich auch eine Ausbildung in der Familienberatung dazu.

    Für mich war relativ schnell klar: Ich möchte Familien genau die Unterstützung geben, die ich damals selbst gebraucht hätte.

    Vor allem hätte ich mir gewünscht, dass mir jemand diesen riesigen Druck nimmt. Ich hatte damals sehr diesen Gedanken: Wir wollten drei Kinder mit kurzem Altersabstand, also müssen wir das jetzt auch selbst schaffen. Und das war rückblickend einfach der komplett falsche Ansatz.

    Man darf sich Hilfe holen.

    Und manchmal muss man sich Hilfe holen. Ich hätte außerdem gerne früher gewusst, dass „Aushalten“ nicht die einzige Lösung ist. Gerade bei sehr sensiblen, gefühlsstarken oder einfach extrem intensiven Kindern kann man Schlafsituationen verändern – ohne Zwang.

    Wir konnten durch das Wissen, das ich während meiner Ausbildungen gesammelt habe, unsere Schlafsituation wirklich verbessern. Und das hat nicht nur verändert, wie unser Baby geschlafen hat, sondern unser gesamtes Familienleben.

    Heute arbeite ich deshalb besonders viel mit Familien mit sensiblen und gefühlsstarken Kindern. Mit Kindern, die teilweise wenig schlafen und trotzdem ständig müde oder unzufrieden wirken. Kindern, die Veränderungen sehr intensiv wahrnehmen und entsprechend stark darauf reagieren.

    Mittlerweile arbeite ich als Babyschlafcoach und Familienbegleiterin für sensible Familien und bilde mittlerweile sogar selbst Babyschlafcoaches und Familienbegleiter aus.

    Und wir haben uns tatsächlich irgendwann sogar noch für ein viertes Kind entschieden.

    Diese Entscheidung ist mir allerdings überhaupt nicht leichtgefallen. Diese erste Zeit mit Liara und der Unfall haben bei uns Spuren hinterlassen. Gerade mein Mann hatte große Angst davor, noch einmal an diesen Punkt von absoluter Hilflosigkeit und Schlafmangel zu kommen.

    Heute haben wir vier Mädchen und ihnen geht es gut.

    Malia ist sieben Jahre alt, Kiana ist fünf, Liara vier und unsere jüngste Tochter Valea ist 14 Monate alt. Unser Familienleben sieht komplett anders aus als damals. Mein Mann ist bei unserer vierten Tochter in Elternzeit gegangen, damit ich meine Selbstständigkeit weiterführen kann, und auch unsere Rollen als Eltern haben sich dadurch noch einmal sehr verändert.

    Mittlerweile kann ich mit meiner Arbeit unsere sechsköpfige Familie mittragen und darf jeden Tag genau mit den Familien arbeiten, für die ich damals selbst verzweifelt nach Hilfe gesucht habe. Und das erfüllt mich tatsächlich unfassbar.

    Ich tue mich trotzdem schwer mit diesem Satz „Alles passiert aus einem Grund“.

    Gerade nach diesem Unfall konnte ich lange überhaupt keinen Grund darin sehen und würde auch heute niemals sagen, dass so etwas passieren musste. Aber ich kann heute sagen: Dieser Unfall war der Startschuss dafür, dass ich begonnen habe, mich intensiv mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Und daraus ist etwas entstanden, das heute ein sehr großer Teil meines Lebens ist.”

    Vielen Dank, liebe Nina, dass wir eure berührende Geschichte erzählen durften. Mehr zu Nina, ihrer Familie und ihrer Arbeit erfahrt ihr über ihren Instagram-Account: die.filzens

    Habt ihr selbst schon erlebt, wie sehr Schlafmangel an die Substanz gehen kann – und was hat euch in dieser Zeit geholfen?