Mit 18 wurde Kim zum ersten Mal schwanger, heute ist sie fünffache Mutter. Sie erzählt von Vorurteilen, schwierigen Schwangerschaften, einer Frühgeburt und dem Gefühl, immer funktionieren zu müssen.

Inhalt dieses Artikels

    „Ich weiß noch genau, wie ich nach dem positiven Schwangerschaftstest im Kinderzimmer meiner Eltern saß, geweint habe und einfach nur dachte: „Oh mein Gott, was jetzt? Wie soll ich mich entscheiden?“ Ich wohnte damals noch bei meinen Eltern und hatte gerade erst meine Ausbildung begonnen.

    Mein Freund Jona und ich waren in einer Fernbeziehung.

    Ich habe ihm deshalb erst einmal per WhatsApp geschrieben. Seine Reaktion war natürlich auch erst einmal Schock: „Bitte verarsch mich – wie kann das passieren?“ Wir waren beide komplett überfordert, gerade mal 18 und 19 Jahre alt, und haben uns ehrlich gesagt auch erst einmal gestritten.

    Ich habe die ersten neun Wochen niemandem aus meiner Familie etwas erzählt. Dann hatte ich meinen Mutterpass mit dem Ultraschallbild zu Hause vergessen. Meine Mutter fand ihn und rief mich an: „Was hat das zu bedeuten?“ Ich bekam Panik, legte auf. Als ich wieder nach Hause kam, nahm meine Mama mich in den Arm und sagte: „Wir schaffen das schon, alles wird gut.“

    Die Nachrichten zwischen Jona und Kim damals.
    Die Nachrichten zwischen Jona und Kim damals. Foto: Privat

    So richtig erfreut war natürlich niemand in der Familie. Wie auch? Wir hatten keine abgeschlossene Ausbildung, führten eine Fernbeziehung und eigentlich war die Situation für alle erst einmal „unpassend“.

    Unsere Familien haben sich dann zusammengesetzt und gemeinsam mit uns gesprochen. Wir hatten außerdem Termine bei Pro Familia, bei denen wirklich alle Möglichkeiten offen besprochen wurden. Aber nach all diesen Gesprächen stand für mich fest: Egal, was passiert und egal, ob mit oder ohne Partner – ich möchte diesem Baby ein Leben schenken.

    Meine Freunde haben sich dagegen von Anfang an sehr gefreut und sogar eine Babyparty für mich organisiert. Meine Familie hat zuerst vor allem die Probleme gesehen und sich Sorgen gemacht. Aber einen Satz werde ich nie vergessen. Mein Schwiegervater sagte einmal zu einem Bekannten über mich: „Sie macht das richtig gut.“ Das hat mir unglaublich viel bedeutet.

    Die 18-jährige Kim bei ihrer ersten Schwangerschaft.
    Die 18-jährige Kim bei ihrer ersten Schwangerschaft.

    Im Juli 2018 kam unsere erste Tochter Frija zur Welt. Die Geburt mit der Saugglocke verlief zum Glück unkompliziert, auch wenn die Schwangerschaft aufgrund von Nierenproblemen von vielen Krankenhausaufenthalten und Sorgen begleitet war.

    Die ersten drei Monate hatte Jona Semesterferien und war deshalb viel zu Hause. Die gemeinsame Zeit war wunderschön, auch wenn natürlich nicht alles einfach war. Wir hatten schlaflose Nächte und Frija wurde während einer extremen Hitzeperiode geboren, weshalb ich viel zu Hause war. Jona war aber sehr liebevoll mit ihr und hat mich unglaublich unterstützt. Abends sind wir meistens gemeinsam spazieren gegangen.

    Als ich dann in meine eigene Wohnung gezogen bin und Jona wieder nach Hildesheim musste, wurde es deutlich schwieriger. Meine Eltern waren traurig über meinen Auszug, daraus entstanden auch Streitigkeiten. Und es gab Tage, an denen ich einfach nur geweint habe und dachte: „Ich mache alles falsch. Ich bin nicht gut genug. Alleine ist das zu viel.“

    Am meisten hat mir aber die Fernbeziehung zugesetzt.

    Ich habe meinen Partner vermisst. Und trotzdem bin ich bereits acht Wochen nach der Geburt wieder arbeiten gegangen. Ich hatte damals so große Angst davor, dass jemand sagen könnte: „Sie ist nur schwanger geworden, damit sie nicht arbeiten muss.“  Und das Verrückte ist: Die Sprüche kamen trotzdem. „Bist ja eh bald wieder schwanger“ oder „Hauptsache vom Staat leben.“ Das hat mich damals sehr getroffen.

    Etwa ein halbes Jahr nach Frijas Geburt ließ ich mir eine Spirale einsetzen. Als ich irgendwann trotzdem ein komisches Gefühl hatte, machte ich einen Schwangerschaftstest. Positiv.

    Dann kam der Ultraschall. Der Arzt sagte zu mir: „Hier ist Ihre Spirale – und hier ist Ihr Baby.“ Ich habe sofort angefangen zu weinen. Die Spirale war verrutscht. Es war also tatsächlich möglich, trotz Spirale schwanger zu werden.

    Ich hatte trotzdem wahnsinnige Angst, dass mir niemand glauben würde. Und genau das passierte dann teilweise auch. Die ersten Reaktionen waren Dinge wie: „Die hast du dir doch bestimmt heimlich ziehen lassen. Mit einer Spirale wird man doch nicht schwanger.“ Ich hatte große Angst davor, Jona davon zu erzählen. Angst vor seiner Reaktion, Angst vor meiner Familie, Angst vor Freunden. Und gleichzeitig dachte ich: „Wie soll ich das alles schaffen? Er ist so viel weg, ich muss arbeiten, wir haben schon ein Kind.“

    Glücklich zu viert. Foto: Privat
    Glücklich zu viert. Foto: Privat

    Wir haben lange geredet, viel geweint und waren beide völlig überfordert. Schließlich sind wir für drei Tage ohne Kind in den Urlaub gefahren und haben dort sehr viel miteinander gesprochen. Am Ende war für uns klar: Unser Baby bleibt.

    Einfach war es trotzdem nicht.

    Ich bin dann zu meinen Eltern gegangen und habe gesagt: „Ich habe eine Spirale – und ich bin schwanger.“ Meine Eltern haben mich völlig schockiert angeschaut. Auch die Familie meines Mannes war zunächst nicht begeistert. Jona versuchte, seine Uni zu wechseln. Etwa ein halbes Jahr nach unserem Einzug hat das dann tatsächlich geklappt – und unsere Fernbeziehung war endlich vorbei. Wir zogen am 1. Dezember 2019 zusammen. Am 28. Dezember kam unser Sohn Ari zur Welt.

    Nach außen haben sich viele Freunde gefreut und gratuliert. Hinter meinem Rücken habe ich aber auch vieles mitbekommen. Gerade meiner Mutter wurden Dinge geschrieben wie: „Was hat sie denn erreicht?“, „Was will sie ihren Kindern bieten?“ oder sogar, dass es „asozial“ sei.

    Als Ari zehn Monate alt war, begann ich eine Ausbildung zur Kinderpflegerin in Bremen. Für unsere Kinder organisierte ich eine Tagesmutter und fuhr jeden Tag rund 100 Kilometer zur Ausbildung. Morgens brachte ich die Kinder teilweise schon um 5:30 Uhr zur Tagesmutter und holte sie erst gegen 16 oder 17 Uhr wieder ab. Das war hart – für die Kinder und für mich. Es gab viele Tage, an denen ich mich gefragt habe: „Wofür mache ich das eigentlich? Warum warte ich nicht einfach, bis die Kinder älter sind?“

    Heute weiß ich, dass ich damals sehr stark unter dem Druck der Gesellschaft stand.

    Ich wollte beweisen, dass ich stark genug bin. Dass ich es schaffe. Dass ich nicht das junge Mädchen bin, über das andere urteilen. Nach der Schule war schließlich nicht Feierabend. Dann kamen Kinder, Haushalt, Lernen, Vorbereiten und Organisieren. Es gab sehr oft Momente, in denen mir alles zu viel wurde. Aber ich habe trotzdem weitergemacht.

    Wieder ein Mädchen!
    Wieder ein Mädchen! Foto: Privat

    Nicht unbedingt, weil ich immer so stark war – sondern weil ich dachte, ich müsste es sein. 2021 haben Jona und ich uns verlobt und gleichzeitig wuchs bei uns der Wunsch nach einem dritten Kind. Während beziehungsweise gegen Ende meiner Ausbildung wurde ich schwanger.
    Die Schwangerschaft mit unserer Tochter Lia war allerdings alles andere als einfach. Ich bekam eine Präeklampsie und entwickelte gegen Ende sogar ein HELLP-Syndrom. Während andere für ihre Abschlussprüfung lernten, saß ich teilweise im Kreißsaal und bereitete mich dort auf meine Prüfung vor.

    Die Wochen rund um Lias Geburt waren für mich mit die schlimmsten meines Lebens. Ich hatte teilweise Angst, dass ich das alles nicht überlebe. Ich hatte ständig Gedanken wie: „Was wird aus den Kindern? Wie sollen sie das ohne mich schaffen?“

    Gut zu Wissen

    Präeklampsie ist eine Schwangerschaftskomplikation, die meist nach der 20. Schwangerschaftswoche auftritt. Typisch sind Bluthochdruck und Eiweiß im Urin. Sie kann auch andere Organe wie Leber, Nieren oder Gehirn betreffen und muss ärztlich überwacht und behandelt werden.

    Das HELLP-Syndrom ist eine schwere Form bzw. Komplikation einer Präeklampsie. HELLP steht für Hemolysis, Elevated Liver enzymes, Low Platelet count – also Zerfall roter Blutkörperchen, erhöhte Leberwerte und eine niedrige Zahl an Blutplättchen. Es kann sich schnell entwickeln und ist ein medizinischer Notfall, der sofort behandelt werden muss.

    Lia musste schließlich bereits in der 32. Schwangerschaftswoche per Kaiserschnitt auf die Welt kommen und war ein Frühchen. Sie verbrachte drei Wochen auf der Intensivstation. Und als wäre all das nicht schon genug gewesen, zeigte man mir nach der Geburt auf der Intensivstation auch noch das falsche Baby.

    Die Zeit mit einem Frühchen war sehr hart für Kim.
    Die Zeit mit einem Frühchen war sehr hart für Kim. Foto: Privat

    Ich hatte nach der Geburt eine kleine Wochenbettdepression. Ich hatte das Gefühl, gar nicht richtig realisiert zu haben, dass ich gerade noch einmal Mama geworden bin. Dann bekamen wir in der zweiten Woche auch noch ganz schlimm Magen-Darm, weil eine Freundin zu uns kam, obwohl sie wusste, dass sie gerade erst krank gewesen war. Dadurch konnten wir eine Woche lang nicht einmal in die Klinik zu unserem Baby.

    Das war für mich unglaublich belastend.

    Ich habe oft geweint, weil alles zu viel war. Und trotzdem hatte ich das Gefühl: Irgendwie muss es weitergehen. Meine Kaiserschnittwunde ist damals sogar etwas aufgegangen, weil ich trotz der Schmerzen schwere Wasserkisten getragen habe. Heute würde ich vieles davon anders machen. Aber damals hatte ich das Gefühl, funktionieren zu müssen.

    Die drei Wochen, in denen Lia auf der Intensivstation lag, waren eine Mischung aus Angst, Hoffnung, Schuldgefühlen und dem ständigen Warten darauf, dass es endlich bergauf geht. Trotz allem schaffte ich meine Ausbildung. Drei Monate nach Lias Geburt begann ich wieder in einer Kita zu arbeiten. Zwei Monate nach ihrer Geburt heirateten Jona und ich.

    Kim heiratet ihre Jugendliebe Jona.
    Kim heiratet ihre Jugendliebe Jona. Foto: Privat

    Ein Jahr später, 2024, kam unser viertes Kind Tian – diesmal ganz bewusst und absolut gewünscht. Die Schwangerschaft verlief entspannt und seine Geburt hätte kaum schöner sein können. Nach der Einleitung war er innerhalb von etwa 45 Minuten da. Alles lief gut und wir konnten diese Schwangerschaft und Geburt einfach genießen. 2026 kam dann unsere kleine Enja. Auch sie war ein absolutes Wunschkind.

    Die Schwangerschaft war allerdings wieder deutlich turbulenter.

    Ich hatte immer wieder Kopfschmerzen, Probleme mit dem Blutdruck, Schwangerschaftsdiabetes und musste häufig ins Krankenhaus. Am Ende wurde Enja bereits in der 37. Schwangerschaftswoche per Kaiserschnitt geboren. Bei der Geburt stellte sich heraus, dass meine Gebärmutter teilweise gerissen war. Danach hatte ich Fieber, war völlig kraftlos und hatte mit Kreislaufproblemen zu kämpfen.

    Es war eine körperlich und emotional sehr anstrengende Zeit. Und als wäre eine solche Geburt nicht schon genug gewesen, sind wir nur sieben Tage nach Enjas Geburt auch noch in unser eigenes Haus gezogen.

    Heute bin ich 27 und habe fünf Kinder.

    Manchmal kann ich selbst kaum glauben, wie mein Leben verlaufen ist.

    Mit 18 saß ich noch im Kinderzimmer meiner Eltern und hatte keine Ahnung, wie mein Leben weitergehen soll. Heute bin ich verheiratet mit meiner Jugendliebe, wir haben fünf Kinder, ein Haus, Hunde und Jobs.

    Unser Familienalltag bedeutet sehr viel Organisation: fünf Kinder, Schule, Kita, Termine, Haushalt, Arbeit, Fahrerei und ein eigenes Haus. Langweilig wird es bei uns definitiv nie. Das Schönste ist für mich, diese fünf unterschiedlichen kleinen Menschen begleiten zu dürfen. Zu sehen, wie sie wachsen, wie sie sich entwickeln, wie unterschiedlich sie sind und wie sie trotzdem als Geschwister zusammengehören.

    Aber fünf Kinder bedeuten natürlich auch fünfmal Bedürfnisse, fünfmal Organisation und manchmal fünfmal Chaos. Es gibt Tage, an denen ich abends einfach nur noch erschöpft bin. Ich glaube, das Herausforderndste ist gar nicht unbedingt die Anzahl der Kinder. Es ist dieses Gefühl, allen gerecht werden zu wollen – als Mama, als Partnerin, im Haushalt und gleichzeitig auch noch selbst irgendwo vorzukommen.
    Ich habe aber auch gelernt, dass eine Familie nicht perfekt sein muss, damit sie glücklich sein kann.

    Kim ist heute sehr stolz auf ihre Familie.
    Kim ist heute sehr stolz auf ihre Familie. Foto: Privat

    Die Reaktionen auf uns als Familie mit fünf Kindern sind ganz unterschiedlich. Manche Menschen sind einfach neugierig und fragen, wie wir das alles schaffen. Andere sind beeindruckt, wieder andere können sich überhaupt nicht vorstellen, selbst fünf Kinder zu haben. Und natürlich gibt es auch heute noch Menschen, die meine Geschichte aufgrund meines Alters beurteilen.

    Früher hatte ich ständig das Gefühl, beweisen zu müssen, dass ich es schaffen kann.

    Dass ich trotz Kindern arbeiten und eine Ausbildung machen kann und dass ich nicht „gescheitert“ bin, nur weil mein Leben anders läuft als bei anderen. Heute sehe ich das viel entspannter. Ich werde immer noch ab und zu gefragt: „Was hast du denn eigentlich erreicht?“ Und meine Antwort darauf ist: Ganz schön viel.

    Wenn ich meinem 18-jährigen Ich heute gegenüberstehen würde, würde ich ihr wahrscheinlich erst einmal sagen: Du musst nicht alles heute wissen. Du wirst Angst haben. Du wirst zweifeln. Du wirst manchmal denken, dass du es nicht schaffst. Aber du wirst mehr schaffen, als du heute glaubst. Du musst nicht funktionieren, nur damit andere ihre Meinung über dich ändern. Du darfst Hilfe annehmen. Du darfst weinen. Du darfst sagen, dass dir etwas zu viel ist.

    Und vor allem würde ich ihr sagen: Hör auf dein eigenes Gefühl.
    Denn am Ende war da dieses kleine Mädchen in meinem Bauch, von dem ich damals noch gar nicht wusste, wie sehr es mein Leben verändern würde. Ich habe mich damals für mein Baby entschieden. Und auch wenn der Weg nicht immer einfach war, würde ich diese Entscheidung heute wieder treffen.

    Heute weiß ich: Den perfekten Zeitpunkt gibt es wahrscheinlich nie. Irgendetwas ist immer – Ausbildung, Arbeit, Geld, eine größere Wohnung, ein Haus oder einfach die Frage, ob man sich schon bereit fühlt.

    Es ist nicht immer einfach – aber ehrlich gesagt ist das Leben auch ohne Kinder nicht immer einfach.

    Wenn ich meinem 18-jährigen Ich heute etwas sagen könnte, dann wäre es deshalb vor allem: Du musst dein Leben nicht danach ausrichten, was andere für richtig halten. Du musst niemandem beweisen, dass du genug bist. Du bist es schon.”

    Vielen Dank, liebe Kim, dass wir eure Geschichte hier erzählen durften! Schaut auch gerne bei Instagram vorbei bei Kim_wilke, wenn ihr mehr über die Familie erfahren möchtet.

    Bist du selbst jung Mama geworden? Was hättest du dir damals von deinem Umfeld gewünscht?

    1 Kommentar

  1. User Avatar
    Elisabeth

    Woow was für eine berührende Geschichte  🥰  So viel erlebt und durchgemacht und das Happy End gibts obendrauf. Alles Gute für die Familie!