Du stehst morgens auf, bist komplett gerädert – und der Schlaftracker behauptet frech, du hättest sieben Stunden geschlafen? Dafür gibt es eine andere Erklärung.

Inhalt dieses Artikels

    Eltern schlafen mehr, als sie glauben – fühlen sich aber trotzdem wie gerädert

    Fragt man Mamas und Papas kleiner Kinder, wie sie geschlafen haben, kommt meistens ein genervtes „Frag lieber nicht“ zurück. Schlaftracker sehen das oft anders. Mehrere Studien haben nachgemessen und festgestellt: Zwischen dem, was Eltern über ihren Schlaf glauben, und dem, was tatsächlich passiert, liegen manchmal bis zu einer Stunde Unterschied. Besonders bei der Einschlafzeit schätzen viele Mamas fast doppelt so lange, wie es in echt war.

    Heißt das jetzt, wir jammern nur rum? Ganz sicher nicht. Die Erklärung ist eine andere – und ziemlich spannend.

    Warum es sich nach zu wenig Schlaf anfühlt, obwohl es objektiv gar nicht so wenig ist

    Hans-Günter Weeß, Schlafexperte und Leiter eines Schlafzentrums, erklärt das mit sogenannten Mikro-Arousals.

    Was sind Mikro-Arousals?

    Das sind winzigen Weckreaktionen mitten in der Nacht, die ein Tracker gar nicht mitbekommt. Wer nachts mit einem Ohr immer beim Babyzimmer ist, schüttet mehr Stresshormone aus – und wacht dadurch öfter kurz auf, ohne es zu merken. Unser Gehirn braucht am Stück zehn bis zwanzig Minuten ungestörten Schlaf, damit es diesen überhaupt als Schlaf abspeichert.

    Kurz gesagt: Auch wenn die Gesamtzeit stimmt, fühlt es sich für den Kopf nicht wie erholsamer Schlaf an, wenn er ständig in kleine Häppchen zerhackt wird.

    Der Körper schaltet nach der Geburt in permanente Alarmbereitschaft

    Selbst Mamas und Papas, die vorher tief und fest geschlafen haben, werden nach der Geburt plötzlich hellhörig wie ein Wachhund. Das ist laut Weeß kein Zufall, sondern von der Natur genau so eingerichtet – als Überlebensmechanismus fürs Baby. Erst wenn die Kinder selbst ruhiger schlafen, können auch die Eltern langsam wieder loslassen.

    Außerdem sind kleine Kinder meistens Frühaufsteher, während viele Eltern eigentlich Nachteulen wären. Wer also gerne spät ins Bett geht, hat doppeltes Pech – nicht nur die Schlafmenge, sondern auch der ganze Rhythmus wird vom Nachwuchs bestimmt. Ein kleiner Trost für Eltern von Teenagern: Irgendwann dreht sich das Blatt wieder.

    Wenn es nicht (nur) am Schlaf liegt: Eltern-Burn-out

    Damit ist aber noch nicht alles erklärt. Gesundheitspsychologin Heather Foran von der Universität Klagenfurt beschäftigt sich seit Jahren mit Eltern-Burn-out – einem Zustand, der der Erschöpfung aus dem Job sehr ähnelt. Der gestörte Schlaf ist dabei nur ein Puzzleteil.

    Sich nachts nach einem anderen Menschen zu richten, kostet Kraft – ganz unabhängig davon, wie viele Stunden am Ende zusammenkommen.

    Dazu kommen laut Foran fehlende Erholungsphasen, vernachlässigte Selbstfürsorge und gerade bei Mamas, oft eine ungleiche Verteilung der Aufgaben zuhause. Es ist eben leichter zu sagen „das Kind schläft schlecht“, als sich einzugestehen, wie erschöpft und überfordert man sich selbst fühlt.

    Kultur macht einen Unterschied

    Spannend ist ein internationaler Vergleich aus 42 Ländern: In stark individualistisch geprägten Ländern wie den USA oder Großbritannien ist das Risiko für ein Eltern-Burn-out besonders hoch. In Ländern, in denen tatsächlich noch „das ganze Dorf“ beim Großziehen hilft, erholen sich Eltern schneller von erschöpfenden Phasen.

    Foran bringt es auf den Punkt:

    Eltern können nicht alles allein stemmen – und es würde vielen helfen, wenn das gesellschaftlich auch so akzeptiert wäre.

    Wann sollte man sich Hilfe holen?

    Weeß nennt typische Anzeichen, an denen man eine depressive Erschöpfung von reinem Schlafmangel unterscheiden kann: Antriebslosigkeit, ein ausgeprägtes Morgentief, Schuldgefühle oder Freudlosigkeit. Wer sich unsicher ist, sollte sich nicht scheuen, sich an eine Ärztin, einen Therapeuten oder eine psychologische Beratungsstelle zu wenden. Auch Foran betont, dass Schlafmangel und psychische Erschöpfung sich gegenseitig hochschaukeln können – ein Grund mehr, frühzeitig hinzuschauen statt es einfach auszusitzen.

    Erschöpfung ernst nehmen

    Genau das ist in meinen Augen die wichtigste Erkenntnis: Hinter ständiger Erschöpfung steckt oft mehr als nur ein paar zu kurze Nächte. Wer sich dauerhaft ausgelaugt fühlt, sollte das nicht einfach als typischen Teil des Elternseins abtun. Sich einzugestehen, dass es gerade viel ist, ist kein Zeichen von Schwäche – sondern oft der erste Schritt, etwas zu verändern.

    Kennst du das Gefühl, tagsüber völlig fertig zu sein, obwohl die Nacht laut Tracker gar nicht so schlecht war? Und was hilft dir, wenn die Erschöpfung mal wieder überhandnimmt? Schreib es uns in die Kommentare!

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