Oh je, ich wachse (nicht)! Das richtige Entwicklungstempo: Ist mein Kind zu klein?

Natürlich werde ich meinen kleinen Schatz mit keinem anderen Kind vergleichen. Hauptsache, er ist gesund und glücklich. Das habe ich mir felsenfest in der Schwangerschaft vorgenommen – auch wenn Mama-Freundinnen mir dabei ironischerweise viel Glück gewünscht haben. Zehn Monate später sitze ich im PeKiP-Kurs und schaue sehnsüchtig dem gleichaltrigen Piet hinterher, der in einem Affenzahn quer durch den Raum krabbelt, um sich an der Sprossenwand hochzuziehen. Rums, da ist er! Der Moment, in dem ich diesen Jungen mit meinem Sohn vergleiche.

Diesen Moment kennt auch Mädchen-Mama Ines nur zu gut. Ihre Tochter Tessa ist zwar normalgroß geboren (52 Zentimeter und 3240 Gramm), aber als sie zwei Jahre alt war, wurde ihr Wachstum auf einmal vom Kinderarzt kritisch beäugt. Tessa sollte plötzlich halbjährlich zum Messen kommen. Mit sechs Jahren misst Tessa 108 cm und wird zum Endokrinologen überwiesen. „Nach der ersten Untersuchung wurde festgestellt, dass Tessa vom Wachstum her zweieinhalb Jahre zurück ist“, erzählt uns Ines.

Die quälende (ungerechtfertigte) Frage: Habe ich etwas falsch gemacht?

Während Piet durch den Raum pest, liegt mein Wurm seelenruhig auf der Spielmatte und macht den Seestern – auf dem Rücken liegend und alle viere von sich gestreckt. Krabbeln? Nö. Nicht mal zum Robben hat er große Lust. Geschweige denn sich überhaupt (zu) viel bewegen. Und einen halben Kopf kleiner ist er auch als der PS-starke Piet. Ist das normal? Entwickelt er sich etwa zu langsam? Habe ich etwas falsch gemacht? Bohrende Fragen, die sich unweigerlich in meinen Kopf aufdrängen.

Auch Ines ging es nicht anders: „Tessa hat nie Brei gegessen. So richtig angefangen zu essen hat sie erst mit 15 Monaten. Klar, dachte ich, dass sie vielleicht aufgrund eines Mangels nicht richtig wächst.“ Es könne ein Grund sein, so die Ärzte. Eindeutig zu belegen sei das in Tessas Fall jedoch nicht. Bei ihrem zweitgeborenen Sohn sei heute alles ganz anders. Er esse Brei und wachse auch anständig.

Jedes Kind is(s)t eben anders. Deshalb sollten Mamas gleichaltrige Kids doch eigentlich nicht vergleichen. Aber was sollen wir machen? Wegsehen, wenn Altersgenossen in der Nähe sind oder sogar Krabbelgruppen meiden? Natürlich nicht. Wann vergleichen sogar wichtig ist und wann nicht…

Augen auf beim Wachstums-Check

Was das Wachstum angeht, kann das Vergleichen beziehungsweise beobachten tatsächlich wichtig sein. Die Perzentilenkurve im gelben U-Heft eurer Mäuse gibt schon mal einen guten Anhaltspunkt, ob sich die Größe im normalen, unteren oder oberen Durchschnitt befindet.

Der Unterschied ist deutlich: Tessa neben ihrer gleichaltrigen Freundin.

Der Unterschied ist deutlich: Tessa neben ihrer gleichaltrigen Freundin. Foto: privat

Mütter, die einen Wachstumsstopp oder verlangsamtes Wachsen beobachten, sollten den Kinderarzt ansprechen. Auch ein Besuch beim pädiatrischen Endokrinologen kann schnell Antworten geben und Lösungen aufzeigen. Wenn das Kind nur ein bisschen kleiner ist, gibt es nämlich keinen Handlungsbedarf. Tessa wird beim Fachmann weiterhin nur beobachtet. Denn sie könnte in der Pubertät noch größentechnisch aufholen, so die Experten. Es gibt momentan nur eine fachliche Anweisung: Das Selbstbewusstsein des Kindes stärken. Damit kann man nicht früh genug anfangen.

„Die anderen sind alle viel größer, ich bin klein, sagte meine Tochter zu mir nach der Einschulung,“ erzählt Ines. „Ich sag dann immer: ‚Dafür bist du halt schlau.‘ Sie ist ein ganz schlaues Kind. Und ich ermutige sie, dass nicht nur äußere Werte zählen.“

Ab wann ist mein Kind denn zu klein – und warum?

Zeigt sich in der Gesamtentwicklung des Kindes ein Knick in der Wachstumskurve, kann das auf ­eine Wachstumsstörung deuten. Es ist also Ursachenforschung angesagt, da das Kind seine persönliche Wachstumskurve verlässt. Um ­­herauszufinden, was der Grund dafür sein kann, fragt der Kinderarzt häufig, ob der Nachwuchs in letzter Zeit oft krank war. Oder: Ist das Kind ständig müde? Isst es viel und nimmt doch nicht zu? Hatte es vermehrt Stress wie etwa der Homeschooling-Herausforderung während des Lockdowns? Das alles kann zu einer Wachstumsverzögerung führen.

Die Ursachen können super vielfältig sein von organische Problemen mit der Niere, Zöliakie oder Asthma und Rheuma, genetische ­Störungen wie das Turner-Syndrom oder ­eine Mangelversorgung während der Schwanger­schaft. Oft stecken allerdings Hormonprobleme dahinter wie ­eine Schilddrüsenunterfunktion. Auch Stress und die vermehrte Ausschüttung des Stresshormons Cortisol kann zu einer verringerten Knochendichte führen, was das Wachstum erschwert.

Rutscht der Knick unter die unterste Perzentile ist es möglicherweise schon zu spät, dem Wachstum wieder zu einen Aufwärtstrend zu verhelfen. Leider wird dem Knick oft keine Tragweite beigemessen und Kinderärzte handeln erst, wenn das Kind auffällig klein ist. Wenn Kinder beispielsweise auf der 97. Perzentile wachsen, und diese verlassen, dann dauert es lange, bis sie unten ankommen (wenn überhaupt). Sie durchkreuzen dabei sämtliche anderen Kurven und erreichen niemals ihre eigentliche Größe. Etwas, das durch frühzeitige Abklärung, verhindert werden kann.

Bei Ines und ihrer Kleinen fanden die Experten übrigens nichts: Tessa wuchs und wächst einfach langsamer als andere Kinder.

Und wie sieht’s aus mit dem richtigen Entwicklungstempo?

Wachstumsschübe googlen und frühkindliche Meilensteine an den Fähigkeiten seines Kindes messen? Ertappt. Auf Dinge zeigen mit 8 Monaten? Krabbeln mit 10 und laufen mit 12 Monaten? HALT!

MUSS ein Kind dies und das unbedingt zu einem fixen Zeitpunkt können? Nein. Die Entwicklung eines Kindes ist individuell. Falls es Entwicklungsdefizite gibt, werden sie rechtzeitig bei den U-Vorsorgen vom Kinderarzt festgestellt. Und nein, liebe Mamas, es sagt rein gar nichts über die Intelligenz eines Kindes aus wie langsam oder schnell es krabbelt, sitzt, läuft, interagiert oder spricht.

Wie sah es bei der kleinen Tessa aus mit der Entwicklung? War sie auch verzögert durch den Wachstumsstopp? „Nein, der Kinderarzt hat immer gesagt, die ist viel weiter als andere Kinder in ihrem Alter“, erzählt Ines.

Fragen zum Wachstum, die jede Mutter beschäftigen: Hier gibt’s die Antworten

Um Müttern wie Ines und mir den Druck zu nehmen, hat Hexal die Initiative demlebengewachsen.de ins Leben gerufen.Die Plattform informiert über Wachstumsstörungen und gibt betroffenen Eltern Tipps für den Alltag wie zum Beispiel: Sportarten für kleinere Kinder.

Spannend: Der Insta-Kinderarzt kids.doc.de hat für demlebengewachsen.de die wichtigsten Fragen rund ums Wachsen bei Babys und Kindern beantwortet:

Stimmt es, dass Babys während des Wachstums bzw. eines Entwicklungsschubes schlecht schlafen?

„Es gibt viele Apps oder Bücher, in denen von Wachstumsschüben die Rede ist. Es ist eindeutig bewiesen, dass es keine Wachstumsschübe gibt, sondern gemeint sind Entwicklungsschübe. Kinder verarbeiten die neuen Eindrücke und Fähigkeiten im Schlaf, wenn die kleinen Hochleistungsgehirne zur Ruhe kommen. Also ja, während Entwicklungsschüben können Kinder unruhiger schlafen. Kinder wachsen übrigens auch nachts. Allerdings nicht in Schüben, sondern stetig, aber in unterschiedlichen Geschwindigkeiten.“

Der Kinderarzt sagt, dass man erst ab 5 Jahren sieht, ob ein Wachstumsproblem vorliegt. Stimmt das?

„Falsch. Jedes Kind kann schon ab der Geburt Probleme mit dem Wachstum haben. Daher ist es wichtig, dass man es frühzeitig erkennt und Daten sammelt für einen aussagekräftigen Verlauf von Größe und Gewicht.“

Ich hatte selbst eine Wachstumsstörung. Kann ich das an mein Kind vererben?

„Das kann sein. Es kommt aber darauf an, ob der Grund für die Wachstumsstörung wirklich genetisch ist oder liegt beispielsweise eine Stoffwechselerkrankung vor.“

Gibt es Formeln, um die Endgröße eines Kindes zu berechnen?

„Ja, gibt es. Die Zielgröße des Kindes kann man berechnen. Das Ergebnis ist aber nur ein Anhaltspunkt.“

Formel: Größe der Mama in cm + Größe der Vaters in cm / 2 = __________
Bei einem Jungen werden 6 Zentimeter dazu addiert,

Bei einem Mädchen werden 6 Zentimeter abgezogen.

Wie merke ich, dass eine Wachstumsstörung vorliegt?

„Mit Geschwistern oder anderen gleichaltrigen Kindern vergleichen. Wenn einem da etwas auffällt, sollte man den Kinderarzt oder den pädiatrischen Endokrinologen ansprechen. Wichtig sind vor allem die regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen, bei denen gemessen und gewogen wird. Diese Werte werden auf der Perzentilenkurve eingetragen und geben erste Anhaltspunkte.“

 

 

Judith Sylla

Ich habe zwei Kinder (2015 und 2019 geboren). Als Mama habe ich eines früh gelernt: Vorsätze sind da, um sie wieder über Bord zu werfen. Intuitiv handeln, statt nach Prinzipien, macht so ziemlich alles und alle entspannter.

Alle Artikel

Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest
0 Comments
Inline Feedbacks
Alle Kommentare ansehen
0
Tausch dich dazu mit anderen Mamas aus!x
()
x