Wer mit einem kranken Kind schon einmal stundenlang versucht hat, einen Kinderarzttermin zu bekommen, kennt das Gefühl: Man möchte einfach nur wissen, was dem eigenen Kind fehlt – und trotzdem ist ein Termin manchmal gar nicht so leicht zu bekommen. Gerade bei Vorsorgeuntersuchungen und Impfungen möchte wohl niemand darüber nachdenken, ob eine Praxis dafür noch Kapazitäten hat. Doch genau darum geht es bei einer geplanten Gesundheitsreform, die ab 2027 greifen soll.
Für Familien könnte sich dadurch einiges verändern.
Denn künftig sollen bestimmte medizinische Leistungen bei Arztpraxen stärker budgetiert werden. Was das konkret bedeutet, ist zum Teil noch offen. Ärzte und Verbände warnen allerdings schon jetzt vor möglichen Folgen. Dabei geht es nicht nur um Kinder, sondern auch um die medizinische Versorgung von Frauen und Schwangeren. Besonders eine Frage sorgt für Kritik: Könnte gute Vorsorge künftig stärker davon abhängen, was sich Familien leisten können?
Was sich beim Kinderarzt ändern könnte
Im Juli haben Bundestag und Bundesrat das sogenannte GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz beschlossen. Es soll ab dem 1. Januar 2027 greifen und die Kosten im Gesundheitswesen begrenzen.
Kinderarzt Jakob Maske, Bundespressesprecher des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, warnt im Gespräch mit dem SPIEGEL vor den möglichen Folgen der Reform. Betroffen wären unter anderem Impfungen und Vorsorgeuntersuchungen. Bisher nicht budgetierte Leistungen sollen künftig stärker begrenzt werden.
Das könnte bedeuten: Hat eine Kinderarztpraxis ihre vorgegebene Grenze erreicht, kann sie weitere Vorsorgeuntersuchungen oder Impfungen möglicherweise nicht mehr über die Krankenkasse abrechnen. Eine denkbare Folge wäre laut Maske, dass Eltern die Leistung zunächst selbst bezahlen und anschließend mit ihrer Krankenkasse klären müssen, ob die Kosten übernommen werden.
Gut zu Wissen
Wichtig: Wie die Regelung genau umgesetzt wird, steht noch nicht fest.
Besonders problematisch findet Maske, dass Familien mit wenig Geld dadurch stärker unter Druck geraten könnten. Im Gespräch mit dem SPIEGEL sagt er:
„Diese Entwicklung wäre asozial und könnte schon bei Babys zu einer Zweiklassenmedizin führen.“
Dabei geht es bei Vorsorgeuntersuchungen um mehr als einen kurzen Check. Bei der U3 wird beispielsweise überprüft, ob eine Fehlstellung der Hüfte vorliegt. Wird sie früh erkannt, kann eine Behandlung eingeleitet werden, die später möglicherweise nicht mehr möglich ist.
Auch bei der U9 können beispielsweise Auffälligkeiten im Verhalten erkannt werden. Je früher Probleme auffallen, desto eher kann gegengesteuert werden, erklärt Maske.
Als weiteres Beispiel nennt der Kinderarzt Impfungen. Durch weit verbreitete Impfungen konnten Krankheiten wie Masern stark zurückgedrängt und schwere Krankheitsverläufe verhindert werden. Seine Sorge: Wenn Prävention eingeschränkt wird, könnte das langfristig nicht nur die Gesundheit von Kindern beeinträchtigen, sondern sogar zusätzliche Kosten verursachen.
Auch Vorsorgetermine für Frauen und Schwangere betroffen
Die Reform könnte laut MDR auch Folgen für die gynäkologische Versorgung haben. Nach Berechnungen des Bundesverbandes der Frauenärztinnen und Frauenärzte könnten bundesweit rund 3,5 Millionen kurzfristige Termine wegfallen.
Betroffen wären unter anderem Krebsvorsorge und Schwangerenbetreuung. Schon heute ist es in vielen Regionen schwierig, kurzfristig einen Termin bei einer Frauenärztin oder einem Frauenarzt zu bekommen.
Die Berliner Frauenärztin Nicole Mattern beschreibt gegenüber dem MDR das Problem so:
„Wir haben ein ganz anderes Dilemma, wir haben wahnsinnig viele Patientinnen im Pool und können die aber gar nicht mehr betreuen in dem Umfang, wie wir es wollten.“
Sie befürchtet, dass Ärzt:innen Patientinnen künftig unter Umständen an andere Praxen vermitteln müssen, wenn das eigene Budget ausgeschöpft ist.
Mehr Leistungen auf eigene Kosten?
Eine weitere mögliche Folge: Praxen könnten stärker auf Selbstzahlerleistungen und Privatsprechstunden setzen, um finanzielle Einbußen auszugleichen. Mattern sagt dazu dem MDR:
„Es wird darauf hinauslaufen, dass wir die wirtschaftlichen Einbußen, die jede Praxis haben wird, durch Selbstzahlerleistungen und Privatsprechstunden erweitern müssen, um wirtschaftlich überleben zu können.“
Was bedeutet das für Familien?
Noch ist nicht in jedem Detail klar, wie die neuen Budgetvorgaben ab 2027 umgesetzt werden. Die Kritik von Ärzten und Berufsverbänden macht aber deutlich, warum viele genau hinschauen.
Denn Vorsorgeuntersuchungen, Impfungen und eine gute medizinische Betreuung sollten nicht davon abhängen, ob eine Familie im Zweifel eine Rechnung selbst bezahlen kann.
Doch Jakob Maske warnt eindrücklich: „Die medizinische Versorgung der Kinder und Jugendlichen wird sich verschlechtern.“
Wie seht ihr das? Macht ihr euch Sorgen, dass sich die medizinische Versorgung für eure Kinder oder für euch durch die Reform verschlechtern könnte?
Müssen Eltern Vorsorge beim Kinderarzt bald selbst zahlen?
Von
Lena Krause
2. September 2026