Als Kind wird Andrea* in der Schule gemobbt, ihre Eltern sind gewalttätig. Im Internet trifft sie endlich jemandem, mit dem sie reden kann – doch damit geht der Albtraum erst richtig los.

Inhalt dieses Artikels

    „Ich möchte meine Geschichte erzählen, weil ich hoffe, dass sie mindestens eine Person wachrüttelt. Damit Eltern genauer hinschauen, Warnzeichen erkennen und kein Kind mehr so etwas erleben muss, was ich erlebt habe.

    Als ich elf oder zwölf Jahre alt war, fingen mehrere Mädchen aus meiner Klasse an, mich massiv zu mobben und zu verprügeln. Ich habe meistens lieber mit den Jungs Fangen oder Fußball gespielt, weil ich mit den anderen Mädchen nichts anfangen konnte – das hat ihnen nicht gefallen. Allgemein habe ich wohl viel Angriffsfläche geboten, weil ich selten widersprochen habe. Es war ‚einfach‘, mich zu mobben und sie hatten scheinbar Spaß daran.

    Ich habe händeringend nach Hilfe gesucht, aber da war niemand.

    Das Einzige, was mir angeboten wurde: Ich durfte meine Pausen allein im Musikzimmer verbringen. Später zwang meine Klassenlehrerin mich sogar, mich bei dem Mädchen zu entschuldigen, das mich geschlagen hatte. Ich dachte für einen kurzen Moment, dass endlich eine Erwachsene eingreifen würde, doch ich wurde schnell eines Besseren belehrt.

    Zuhause gab es diesen Schutzraum für mich leider auch nicht. Meine Eltern sagen heute, dass sie mit vielem überfordert waren.

    Für uns Kinder bedeutete das damals: Drohungen, Schläge und Sätze wie: ‚Wenn du nicht aufhörst zu weinen, gebe ich dir einen Grund dazu‘.

    Ich weiß noch genau, wie ich meinen ganzen Mut zusammengenommen und meine kleine Schwester an die Hand genommen habe. Wir sind zu unseren Eltern gegangen, um ihnen zu sagen, dass sie uns Angst machen. Ihre einzige Reaktion: Sie haben uns ausgelacht.

    Es gab viel verbale Gewalt, andere Dinge haben wir bis heute wohl alle erfolgreich verdrängt.

    Eine Situation kann ich allerdings bis heute nicht vergessen.

    Ich bin nach Hause gekommen und weinend in mein Zimmer geflüchtet, weil der Tag in der Schule so grausam war.

    Weil ich nicht aufgehört habe zu weinen und nicht reden wollte, hat mein Vater mich zuerst angeschrien und irgendwann so stark ausgeholt, dass ich durch den Schlag rückwärts zu Boden ging.

    Meine Geschwister saßen im Flur und mussten alles mit anhören und ansehen. Sie waren wie versteinert und niemand hat sich getraut, sich zu rühren. Ich nehme ihnen das nicht übel, ganz im Gegenteil. Es war gut so, sonst hätten sie auch etwas abbekommen.

    Nach dem Vorfall bin ich nachts weggelaufen und habe gehofft, in einer Kirche Hilfe zu bekommen.

    Denn als Kind war ich oft sonntags mit der Familie in der Kirche, und es klang so, als ob einem dort zugehört wird. Letztendlich habe ich mich aber nicht getraut, hineinzugehen. Ich saß eine ganze Weile weinend davor und meine Scham war zu groß.

    Irgendwann haben mich immer mehr Leute komisch angeschaut, und ich bin wieder nach Hause gegangen.

    Mein einziger sicherer Hafen war mein großer Bruder.

    Er war der größte Puffer und hat das meiste abgefangen, damit meine Schwester und ich nicht so viel abbekommen. Ich bin ihm bis heute unendlich dankbar für alles. Er hat seine Kindheit viel zu früh aufgegeben, um für mich und meine Schwester eine Rolle einzunehmen, die eigentlich unsere Eltern hätten einnehmen müssen.

    Genau deshalb hatte ich solche Angst, ihn zu enttäuschen oder zu belasten, dass ich mich auch ihm nicht anvertrauen konnte.

    Nach den Erfahrungen mit meinen Eltern und meiner Klassenlehrerin war für mich klar: An Erwachsene kann ich mich nicht wenden.

    In dieser Zeit war ich oft bei Freunden zuhause, weil mir das ein schönes, familiäres Gefühl gab. Allerdings war ich immer sehr darauf bedacht, keine Angriffsfläche zu bieten, und wollte überall möglichst perfekt und unproblematisch sein. Also habe ich auch dort mit niemandem über meine Erfahrungen und Ängste gesprochen. Stattdessen habe ich mich immer mehr in mich selbst zurückgezogen.

    Als meine Eltern mir einen eigenen PC schenkten, war das für mich wie eine Flucht.

    Der Computer stand in meinem Zimmer, und ich durfte ihn allein nutzen. Das habe ich auch getan – oft bis tief in die Nacht. Doch das hatte schlimme Folgen.

    Ich bin ein trauriges Beispiel dafür, warum man seine Kinder niemals so früh und ungeschützt allein ins Internet lassen sollte.

    Denn in den Chats traf ich auf jemanden, der dieselben Dinge mochte wie ich. Er hörte mir zu, gab mir recht und spendete mir den Trost, den ich mir schon so lange sehnlichst gewünscht hatte. Er war wie ein guter Freund für mich. Nach der Schule war er immer online, und ich konnte ihm erzählen, wie schlimm mein Tag gewesen war, welche Ängste ich hatte, wie meine Eltern mich behandelten. All das tat mir in dem Moment unglaublich gut.

    Ich bin der festen Überzeugung, wäre auch nur ein anderer Ansprechpartner in der näheren Umgebung für mich da gewesen, wäre alles anders verlaufen.

    Im Internet fand Andrea jemanden, der ihr zuhörte - und sich so ihr Vertrauen erschlich.
    Im Internet fand Andrea jemanden, der ihr zuhörte - und sich so ihr Vertrauen erschlich. Symbolfoto: Unsplash

    Er baute ganz langsam Vertrauen auf – bis die Falle zuschnappte.

    Irgendwann hatte er meine Adresse, meinen Namen und wusste, wer meine Geschwister sind. Aus den netten Worten wurden von heute auf morgen schwere Drohungen. Er sagte, er würde meinen Geschwistern etwas antun, wenn ich mich weigere, das zu tun, was er wollte. Er fing an, mich zu missbrauchen, und für mich gab es keinen Ausweg.

    Er zeigte mir immer wieder, dass es keinen Ort gab, an dem ich vor ihm sicher war. Er ließ mich nachts vor dem Büro meines Vaters warten, um am Telefon mit anzuhören, wie er ihn beschimpfte. Später lagen sogar Messer in unserem Briefkasten. Es gab für mich keine Möglichkeit, ihm zu entkommen.

    Meine Scham war riesig, aber meine Angst war noch größer.

    Ich wusste einfach nicht mehr, an wen ich mich wenden sollte. Die Erwachsenen hatten mir schließlich gezeigt, dass niemand mir helfen würde.

    So ging der Missbrauch über viele Monate – ohne dass jemand etwas mitbekam.

    Und ich wollte auch gar nicht, dass jemand etwas merkte. Schließlich hatte er mir immer wieder gedroht, jemanden zu verletzen.

    Als es immer schlimmer wurde, habe ich für mich selbst nach ‚Auswegen‘ gesucht. Einmal fand mein Bruder mich nachts im Keller, als ich mir immer wieder gegen den Kopf schlug und mir Haare ausriss.

    Ich hatte eine komplette Panikattacke, war voller Angst und wollte nur noch, dass das alles endlich aufhört.

    Mein Bruder hat meine Hände festgehalten und mich so lange in den Arm genommen, bis ich mich beruhigt hatte. Ich bereue es so sehr, dass er mich so gesehen hat. Auch heute möchte ich mir nicht vorstellen, was diese Situation mit ihm gemacht hat.

    Auch später gab es immer wieder Momente, in denen ich mit geschlossenen Augen über eine Kreuzung gelaufen bin, in der Hoffnung, dass es endlich aufhört.

    Wie ich es geschafft habe, der Situation zu entkommen, weiß ich heute gar nicht mehr so genau.

    Ich glaube, ich habe irgendwann den PC gemieden und mein Zimmer nicht mehr verlassen, wenn es nicht unbedingt nötig war. So hatte der Täter keine Möglichkeit mehr, mich zu kontaktieren. Und ich denke, dann hat er nach und nach das Interesse verloren.

    Es hat Jahrzehnte gedauert, bis ich anfangen konnte, das alles zu verarbeiten.

    Eine ständige, tiefsitzende Angst war mein Begleiter. Eine riesige Panik vor Fremden, Kameras und vielen anderen Dinge lähmte meinen Alltag komplett.

    Ein Grund dafür ist auch, dass der Täter vor etwa 13 Jahren versucht hat, über ein Fakeprofil Kontakt zu mir aufzunehmen. Das hat eine so starke Panikattacke bei mir ausgelöst, dass mein damaliger Freund (heute Ehemann) und mein Bruder es mitbekommen haben.

    Erst vor zehn Jahren habe ich mich getraut, überhaupt über alles zu sprechen.

    Mein Mann hat damals perfekt reagiert.

    Er war da, hat zugehört, mich zu nichts gedrängt und hat mich einfach begleitet.

    Meine größte Angst war die Scham. Verurteilt zu werden, anders angesehen. Mein Mann hat mir das alles sofort genommen. Er hat mich gehalten und mir Mut gemacht. Er war da bei Panikattacken, hat mich immer zur Therapie gefahren. Er hat nie geurteilt. Nie gefragt. Er hat mir immer Raum gegeben, zu reden oder zu schweigen. Ganz egal was, wir haben immer eine Lösung gefunden. Ich bin ihm unendlich dankbar dafür.

    Andreas Mann gab ihr Halt - und den Mut, eine Therapie zu machen.
    Andreas Mann gab ihr Halt - und den Mut, eine Therapie zu machen. Symbolfoto: Adobe Stock

    Ich habe wirklich extremes Glück, so einen unglaublichen Menschen gefunden zu haben. Er hat mich aufgefangen und mir bei jedem Schritt geholfen.

    Bis heute habe ich vieles verdrängt.

    Man entwickelt mit der Zeit Überlebensstrategien, das ‚Vergessen‘ war wohl meine. Manche Kisten öffnet man nicht mehr, denn es ist besser, sie einzuordnen und wegzustellen. Daran musste ich auch während der Therapie arbeiten.

    Aber es hat mir geholfen, Dinge benennen zu können, quasi alles zu katalogisieren, ein ‚Label‘ darauf zu kleben und es zu verschließen.

    Es gibt einem die Kontrolle zurück. Natürlich gab es einige Trigger, die alles hochgeholt haben, aber mithilfe meiner Therapeutin habe ich sie gelernt, sie zu ‚bändigen‘.

    Ich habe lange nichts von einer Therapie gehalten.

    Auch wenn ich natürlich wusste, dass ich Hilfe brauche. Mein Mann hat dann gesagt, dass ich es doch versuchen kann – und falls es nichts für mich ist, kann ich es wieder lassen.

    Als meine Panikattacken wieder schlimmer wurden, habe ich mich dann schließlich an eine Praxis gewandt. Ich dachte, dass ich ewig auf einen Platz warten muss, aber einige Tage später hatte ich schon ein erstes Gespräch und einen Therapieplatz.

    Am Anfang ging ich mehrmals die Woche zur Therapie, und es war irgendwie surreal, über alles zu sprechen.

    Heute bin ich so dankbar für diese Therapie! Meine Panikattacken und quasi verschwunden. Mir war es immer wichtig, mit meiner Vergangenheit abzuschließen, bevor ich mein Leben weiter plane.

    Ich habe mir immer eine eigene Familie gewünscht, aber nicht in meinem Zustand.

    Also war es wirklich das Beste, was mir passieren konnte.

    Heute ist Andrea selbst Mama - und tut alles, um ihre Tochter zu schützen.
    Heute ist Andrea selbst Mama - und tut alles, um ihre Tochter zu schützen. Symbolfoto: Unsplash

    Das Einzige, was geblieben ist, sind wirklich extrem seltene Albträume und die Gewissensbisse, dass ich nichts dazu beitragen konnte, andere davor zu schützen.

    Trotz allem habe ich auch heute noch Kontakt zu meinen Eltern. Aber die Therapie hat mir geholfen, einen großen Abstand zu schaffen.

    Ich komme mal an einem Geburtstag vorbei, bin höflich, gratuliere und gehe wieder. Denn ich habe gelernt, dass am Ende jeder ‚Bösewicht‘ in seiner Realität der ‚Held‘ sein will. Meine Eltern haben vermutlich nach ihrer Ansicht richtig gehandelt, oder so gut sie konnten.

    Verzeihen werde ich ihnen nie, aber ich hege auch nicht direkt Groll.

    Ich mag sie nicht als Eltern, auch nicht als ‚Oma/Opa‘ für meine Tochter – daher ist der Kontakt auch kaum vorhanden. Aber manche Kollegen bei der Arbeit mag man auch nicht und kann trotzdem höflich grüßen, kurz über das Wetter sprechen und wieder gehen.

    Entschuldigt haben meine Eltern sich bis heute leider nicht.

    Kurz bevor ich bei ihnen ausgezogen bin, habe ich es einmal angesprochen. Ich habe ihnen zwar nicht konkret gesagt, was passiert ist, aber sehr deutlich gemacht, dass ich sie gebraucht hätte und ihnen nicht verzeihen werden, was sie getan haben. Und dass sie mir keinen Grund geben, zurückzukommen.

    Die einzige Antwort war, dass ich keine Ahnung hätte, sie nur überfordert gewesen wären, und ich zu empfindlich sei.

    Heute bin ich selbst Mama einer wunderbaren 2-jährigen Tochter.

    Und ich weiß mit absoluter Sicherheit, dass ihr so etwas niemals passieren wird. Denn bei uns gibt es keine Angst vor Strafe und kein Auslachen, wenn man Sorgen hat. Sie darf mir alles erzählen. Wir sind eine Familie.

    Was ich anderen Müttern unbedingt sagen möchte: Euer Kind sollte nie Angst haben, euch etwas mitzuteilen. Egal, was es ist. Das ist einfach so unfassbar wichtig.

    Einem Kind das Gefühl zu vermitteln, dass es ohne Angst zu seinen Eltern kommen kann, wenn etwas nicht stimmt – das ist der größte Schutz überhaupt. Passt auf eure Kinder auf!“

    Liebe Andrea (richtiger Name ist der Redaktion bekannt), vielen Dank, dass wir Deine bewegende Geschichte erzählen dürfen.

    Wie war es bei euch zuhause: Hattet ihr das Gefühl, mit deinen Eltern sprechen zu können? Oder war es auch eher schwierig? Schreibt es uns in die Kommentare – und lasst auch gern eure Botschaft für Andrea da!

    Du bist auch Opfer von Missbrauch oder Gewalt? Hier bekommst du Hilfe!

    Wenn du selbst betroffen bist oder jemanden kennst, der Hilfe braucht, kannst du dich an diese Stellen wenden:

    • Hilfetelefon sexueller Missbrauch – 0800 22 55 530 (anonym, kostenlos, 24 Stunden erreichbar)
    • Online-Beratung über beauftragte-missbrauch.de
    • Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ – 116 016 (anonym, kostenlos, 24 Stunden erreichbar)
    • Kinder- und Jugendtelefon „Nummer gegen Kummer“ – 116 111 (montags bis samstags von 14:00 bis 20:00 Uhr), oder Online-Beratung per Mail oder Chat unter nummergegenkummer.de
     data-lazy-src=