Mias Tochter ist ein Schreibaby. Sie reagiert überempfindlich auf äußere Reize, fremde Menschen und neue Situationen. Als Mia sich Hilfe sucht, nimmt niemand sie ernst – bis endlich die Diagnose feststeht.

Inhalt dieses Artikels

    „Schon früh hatte ich ein inneres Gefühl, dass meine Tochter (ich nenne sie hier Snow) anders ist. Snow war ein Schreibaby. Sie schrie sehr viel, sehr intensiv und ließ sich kaum beruhigen. Rückblickend haben wir damals einfach von Tag zu Tag versucht, zu überleben.

     

    Es fühlte sich an wie ein Marathon – nur ohne Medaille und ohne ein Ende in Sicht.

    Schon als Baby zeigte sie eine ausgeprägte Überempfindlichkeit gegenüber ihrer Umwelt. Licht, bestimmte Stoffe, Gerüche und Geräusche waren für sie kaum auszuhalten. Gleichzeitig war sie sehr ängstlich gegenüber Menschen und neuen Situationen.

    Mit etwa acht Monaten begann sie sehr früh zu laufen, was von außen als Zeichen besonderer Entwicklung gesehen wurde. Für uns bedeutete es jedoch, dass ihre Ängste und Überforderung noch sichtbarer wurden.

     

    Der Versuch, am normalen Leben teilzunehmen, war ein täglicher Kampf.

    Snow klammerte stark, wollte bei niemandem sonst auf den Arm, lachte kaum und zitterte vor Angst.

    Ich dachte lange, es läge an mir. Also versuchte ich, alles ‚richtig‘ zu machen: volle Wochenpläne, Gruppenangebote, soziale Kontakte. Doch nichts wurde leichter – im Gegenteil.

     

    Ein Erlebnis hat mich besonders geprägt.

    Eine andere Mutter sagte mir, ich sei selbst schuld an der Ängstlichkeit meines Kindes. Ich solle Snow schreien lassen. Sie habe das auch so gemacht, und ihr Kind sei heute unerschrocken und mutig. Dieser Satz hat sich tief eingebrannt.

    Ein Teil von mir gibt sich bis heute noch Schuld dafür, dass mein Kind so ist, wie es ist – obwohl ich heute weiß, dass es nichts mit falscher Erziehung zu tun hatte.

    Mit zunehmendem Alter fielen uns weitere Besonderheiten auf.

    Meine Tochter wiederholte häufig dieselben Sätze, hörte einzelne Lieder über sehr lange Zeiträume hinweg immer wieder, teilweise hunderte Male. Ihre Sprache wirkte früh ungewöhnlich reif und sehr gewählt. Sätze wie „Ich würde jetzt einen Spielpartner benötigen“, benutzte sie wie selbstverständlich. Gleichzeitig blieben soziale Kontakte für sie extrem anstrengend.

    Ich sprach mehrfach Fachpersonen dazu an – doch niemand nahm mich ernst. Eine Freundin, die mit autistischen Kindern arbeitet, sagte mir, meine Tochter könne nicht autistisch sein, da sie spreche. Auch unsere damalige Kinderärztin nahm meine Sorgen nicht ernst, die Entwicklung sei völlig normal.

     

    Das ist leider ein typisches Muster – vor allem bei Mädchen.

    Autismus zeigt sich bei Mädchen häufig anders als bei Jungen. Viele Mädchen sind sehr angepasst, beobachten ihr Umfeld genau, imitieren andere Kinder und fallen dadurch weniger auf.

    Frühe oder gute Sprachentwicklung, eine ‚erwachsene‘ Ausdrucksweise oder scheinbare Selbstständigkeit führen oft dazu, dass die inneren Kämpfe übersehen werden. Überempfindlichkeiten, Ängste, Erschöpfung, Rückzug und extreme Anpassung werden häufig fehlinterpretiert oder verharmlost.

     

    Lange gibt sich Mia selbst die Schuld...
    Lange gibt sich Mia selbst die Schuld... Foto: Privat

    Erst nach einem Umzug in ein anderes Bundesland änderte sich unsere Situation.

    Unsere neue Kinderärztin nahm uns sehr ernst und erkannte sofort, wie angespannt und überangepasst Snow ist. Wir wurden an eine Kinder- und Jugendpsychiatrische Praxis überwiesen. Die Diagnostik dauerte etwa ein halbes Jahr und umfasste mehrere Termine bei Psychologinnen, Therapeutinnen und Ärztinnen.

    Am Ende kamen alle unabhängig voneinander zum selben Ergebnis: Unsere Tochter Snow ist autistisch.

    Endlich hatten wir ein Warum.

    Die Diagnose war zunächst überwältigend – aber vor allem war sie eine Antwort.

    Heute haben wir Tools, die uns und unserer Tochter helfen, den Alltag etwas leichter zu machen. Sie trägt zum Beispiel Ohrenschützer, weil sie Geräusche deutlich intensiver wahrnimmt als andere.

    Wir haben einen Pflegegrad, teilweise bessere Nächte durch verordnetes Melatonin und die Hoffnung auf eine baldige Integrationshilfe in der Kita. Denn auch dort ist jeder Tag für sie weiterhin ein Marathon, und sie bittet uns täglich, dass wir sie abmelden.

    Das Leben als autistischer Mensch in diesem System ist einfach unglaublich anstrengend.

    Man kann nicht einfach am normalen Leben teilnehmen. Dafür gibt es in Deutschland Ausgleiche und Unterstützungsangebote – und die braucht man auch. Allein kann man das nicht tragen.

    Was auch anstrengend ist, ist das falsche Wissen in der Gesellschaft. Denn Autismus ist genetisch bedingt und wird weder durch Impfungen noch durch zu viel TV verursacht. Durch den Weg meiner Tochter habe ich außerdem gemerkt, dass ich selbst auch autistisch bin.

    Es wurde nie erkannt, und ich habe mich über Jahre hinweg stark angepasst.

    Dieses permanente Anpassen hat bei mir zu chronischen Erkrankungen geführt. Genau deshalb ist mir Aufklärung so wichtig: Damit Kinder früh gesehen werden, Unterstützung bekommen und nicht erst als Erwachsene den Preis dafür zahlen müssen.

     

    Durch die Diagnose ihrer Tochter hat Mia auch ihre eigene erhalten.
    Durch die Diagnose ihrer Tochter hat Mia auch ihre eigene erhalten. Foto: Privat

    Meine Botschaft an andere Mamas: Hört immer auf euer Bauchgefühl. Lieber vermutet man Autismus und schließt ihn aus, als dass er unerkannt bleibt und ein Kind – oder später ein Erwachsener – unnötig unter den Folgen leidet.“

    Vielen Dank, liebe Mia, dass du deine Geschichte mit uns geteilt hast!

    Auf ihrem Instagram-Account @neuromiaa klärt Mia über Autismus und die Symptome auf.

    Mussten auch manche von euch lange kämpfen, bis eure Sorgen um euer Kind ernst genommen wurden? Tauscht euch gerne in den Kommentaren dazu aus!