„Mein Weg ins Muttersein begann nicht unbeschwert. An dem Tag, an dem ich glücklich mein zweites Ultraschallbild in den Händen hielt, erlitt meine Mutter einen schweren Schlaganfall. Sie überlebte, doch die Frau, die sie gewesen war, ging verloren. Seither ist sie auf Pflege und Unterstützung angewiesen. Ich arbeitete während der Schwangerschaft weiter in Vollzeit und pendelte an den Wochenenden rund 600 Kilometer zur Reha meiner Mutter. Ob und wie sehr dieser Stress Einfluss auf mein Baby im Bauch hatte, lässt sich nicht sagen.
Es begann mit extremen Wutausbrüchen
Als Mia geboren wurde, waren wir überglücklich. Gleichzeitig zeigte sich früh, dass sie ein Kind mit einem außergewöhnlich hohen Bedürfnis nach Nähe und Aufmerksamkeit war. Schon als Baby schrie sie viel, ließ sich kaum ablegen. Mit rund zwei Jahren entwickelten sich sehr heftige Wutausbrüche, die schwer zu begleiten waren. Sie warf Möbel um, räumte Regale aus. Ihr „Protest“ ging mitunter so weit, dass sie sich auch in der Öffentlichkeit auszog und ihr Geschäft mitten auf dem Gehweg verrichtete.
Ich fühlte mich hilflos, überfordert und von der Öffentlichkeit bewertet.
Wir suchten den Austausch mit der Kita, dem Kinderarzt und anderen Eltern. Wutausbrüche seien nur eine Phase, wir sollten geduldig und zugewandt bleiben. Ich hatte Biss‑ und Kratzwunden und fragte mich, wie man ein Kind liebevoll begleiten soll, wenn man selbst täglich an die eigenen Grenzen gestoßen wird. Aber wir glaubten fest daran, dass es sich nur um die Autonomiephase handelt, die sich mit der Zeit auswächst.
In der zweiten Schwangerschaft kam ein weiterer Schicksalsschlag
Während meiner zweiten Schwangerschaft starb mein Vater plötzlich und völlig unerwartet. Ein weiterer Schock. Von einem Tag auf den anderen übernahmen wir die vollständige Pflege meiner Mutter. Für Mia bedeutete das: Sie musste ihre Aufmerksamkeit nicht nur mit einem Geschwisterkind teilen, sondern auch mit einer pflegebedürftigen Oma.
Ihre Wutanfälle wurden dadurch nicht weniger. Langsam begann ich zu spüren, dass es sich hier nicht um eine gewöhnliche Entwicklungsphase handelte. Ich hörte Podcasts, las Ratgeber, sprach weiter mit der Kita – und suchte schließlich auch professionelle Unterstützung für mich und meine Familie. In der Elternberatung wurde uns gesagt, dass unser Familiensystem unter zu viel Stress stehe. Wir müssten dringend mehr Ruhe reinbringen.
Wir vermuteten ADHS, hörten aber auf die falschen Leute
Gleichzeitig ahnten wir inzwischen, dass es sich um ADHS handeln könnte. Uns wurde aber gesagt, Mia sei noch zu jung für eine Diagnose. Wir entschieden uns dafür, sie ein Jahr später einzuschulen. Ich setzte meine Arbeit für ein Jahr aus – in der Hoffnung, dass diese beiden Maßnahmen Mia stabil genug auf die Einschulung vorbereiten würden. Die Wutausbrüche gingen tatsächlich etwas zurück. Dafür trat ein starkes oppositionelles Verhalten auf. Mia verweigerte einfache Aufforderungen, provozierte und drohte. Absprachen griffen nicht.
Belohnungssysteme, klare Regeln oder Konsequenzen – all das, was in vielen Erziehungsratgebern empfohlen wird, schien bei ihr wirkungslos.
ODD – was ist das?
ODD (Oppositionelle Trotzstörung) beschreibt ein anhaltendes Muster von starkem Trotz, Wut, Reizbarkeit und Widerstand gegenüber Autoritätspersonen. Studien zufolge tritt oppositionelles Verhalten bei einem Großteil der Kinder mit ADHS auf.
In der Kita war Mia ein beliebtes Kind gewesen. In der Vorschule fiel sie nun negativ auf: durch ihre große körperliche Unruhe, Impulsivität, Regelverstöße und Grenzüberschreitungen. Sie kam nicht mehr gut an.
Ein Jahr ohne Verabredungen folgte. Kein einziges Mal wurde sie zu einem Kindergeburtstag eingeladen, kein Freundschaftsbuch wanderte in ihren Schulranzen. Diese Ausgrenzung hinterließ Spuren.
Mia begann zu sagen, sie sei anders, sie sei nicht richtig, sie wolle nicht auf dieser Welt sein.
In diesem Moment war mir klar: Wir brauchen eine Diagnostik und weitergehende Hilfe.
Bis wir die Diagnose bekamen vergingen mehr als ein Jahr
Stattdessen begann ein langer, zermürbender Weg. Sechs Monate Warteliste, dann nur ein Termin pro Monat – insgesamt vergingen fast 14 Monate bis zur Diagnose. In dieser Zeit erhielt ich fast wöchentlich negative Rückmeldungen aus der Schule. Mia störe den Unterricht, halte sich nicht an Regeln. Während ihre Mitschüler lesen und schreiben lernten, blieb meine Tochter zurück. Sie konnte nicht stillsitzen, sich nicht konzentrieren, stand sich selbst im Weg und konnte ihr Potenzial nicht entfalten.
Wir waren am Rand der Belastbarkeit – dann atmeten wir auf
Der dauerhafte Stress und die täglichen Konflikte wirkten sich auch auf meine Ehe aus. Ich warf ihm vor, zu streng zu sein, er hielt mir vor, zu nachgiebig zu handeln. Wir zogen nicht an einem Strang – beide erschöpft, beide überfordert. Als schließlich die ADHS‑Diagnose gestellt wurde, konnten wir das erste Mal seit langem aufatmen. Wir hatten uns das nicht eingebildet. Es war nicht unsere Schuld. Besonders die Einordnung, dass Mia ein schwerer Fall sei, brachte paradoxerweise Entlastung. Wir wussten nun: Unsere Erziehung hat vielleicht Einfluss, aber sie ist nicht die Ursache.
Die Medikamente zeigten keine Wirkung, es wurde sogar noch schlimmer
Die Diagnose kam mit einer klaren Empfehlung: Mia braucht Medikamente. Mittlerweile war der Leidensdruck bei uns allen so hoch, dass wir dem folgten.
Unsere Hoffnung war groß – doch die Medikamente verschärften die Situation. Zwar konnte Mia sich in der Schule besser konzentrieren, aber danach ging es ihr deutlich schlechter. Viermal pro Woche musste ich sie frühzeitig abholen, weil sie erschöpft war oder unter Übelkeit litt. Zu Hause kehrten die Wutanfälle zurück, in einer Intensität, wie wir sie aus der Kitazeit kannten. Die Hoffnung auf eine schnelle Verbesserung zerbrach.
Wir hatten großes Glück mit verständnisvollen Lehrkräften, die Mia wirklich unterstützen wollten. Eine Schulangestellte, die ADHS aus ihrer eigenen Familie kennt, vermittelte uns an einen erfahrenen Kinderneurologen, der ein anderes Medikament verordnete. Doch auch dieses half nicht. Nun müssen wir weiter ausprobieren und hoffen, dass es für Mia eine passende medikamentöse Unterstützung geben kann. Nicht bei allen ADHS-Betroffenen schlagen die Medikamente an.
Parallel dazu absolvieren wir Elterntrainings (Tipp: AOK ADHS Elterntrainer (kostenlos) und HiTocco (über die Krankenkasse beantragbar) und Ergotherapie – teils nach langen Wartezeiten. Ich kenne viele Familien, deren Weg mit einer ADHS‑Diagnose deutlich geradliniger verlief. Rückblickend hätte ich die Diagnostik früher anstoßen und mir noch mehr Unterstützung holen müssen. Doch auch dafür braucht es Kraft: für Recherche, Termine, Anträge, lange Wartelisten.
Mir gelingt es nicht immer, Mia das zu geben, was sie braucht
Kinder mit ADHS brauchen viel Liebe, Anerkennung und Zuwendung. Es gibt viele Momente, in denen ich meiner Tochter all das geben kann.
Und dann gibt es Zeiten, in denen ich mich müde, frustriert und unsichtbar fühle – nicht gesehen in dem, was ich täglich leiste: als Mutter, als Tochter, als Partnerin, als Arbeitnehmerin. Diese permanente Selbstregulation kostet Kraft.
Genau deshalb betrifft ADHS nie nur das Kind. Es betrifft das gesamte Familiensystem.
Familien wie wir brauchen Entlastung, Anerkennung und frühzeitige Unterstützung. Besonders hilft mir der Austausch mit anderen ADHS-Eltern. Vielleicht ist genau das der Kern: lieben und erschöpft sein zugleich, Halt geben und selbst Halt brauchen.“
Gibt es etwas, das du Johanna mitgeben oder sagen möchtest? Kommst auch du manchmal als Mama an deine Belastungsgrenze? Schreibe es gern in die Kommentarspalte.
Ich finde es bis heute noch erschreckend, wie lange es dauert, bis Kinder offiziell mit ADHS diagnostiziert werden und wie viele gar nicht wissen, wieviel Druck genau das auf die komplette Familie auslösen kann. Meine Großcousine hatte damals auch noch keine offizielle Diagnose und es war für alle einfach super schwer, da es aus dem Bekanntenkreis und teilweise auch Familie immer nur hieß „Nein, sie hat kein ADHS. Das haben Mädchen nicht“ – es hieß immer nur, dass es die Erziehung wäre.. wirklich traurig! Heute (mittlerweile ist sie 24) ist sie offiziell diagnostiziert und lebt ihr Leben einfach wunderbar und zieht die positiven Seiten aus ADHS!
Das tut einem echt so Leid. 🙁
Ich möchte bitte Mia zu meinem 34 Geburtstag nächstes Jahr einladen ❤️
Ich wünsche der Familie ganz viel Kraft und dass der lange Leidensweg aufhört. Kinder, die nicht „mainstream“ sind, haben es so schwer in unserem System. Vielen Dank fürs Teilen der emotionalen Geschichte.