Eine Geburt ist etwas zutiefst Magisches. Gleichzeitig ist sie roh, kraftvoll und für viele Frauen auch mit intensiven Schmerzen verbunden. Der Körper leistet in diesem Moment Unglaubliches, bringt ein neues Leben hervor. Es ist ein Prozess, der Raum braucht, Ausdruck und manchmal eben auch Lautstärke.
Umso irritierender wirkt ein Fall aus Trier, der gerade für viel Diskussion sorgt: Dort darf ein zentraler Geburtsraum in einem Geburtshaus nicht mehr genutzt werden – unter anderem, weil sich ein Nachbar über die Geräusche während der Geburten beschwert hat, wie verschiedene Medien berichten.
Im Vorfeld gab es keine ausreichende Prüfung zur Lautstärke
Die Wohnung des Mannes liegt nur etwa zehn Meter von dem Geburtsraum entfernt, wie der Tagesspiegel berichtet.
Die Stadt hatte ursprünglich genehmigt, dass ehemalige Studentenwohnungen in ein Geburtshaus umgebaut werden. Doch vor Gericht wurde deutlich, dass dabei die Interessen des Nachbarn möglicherweise nicht ausreichend berücksichtigt wurden – unter anderem, weil es keine konkreten Schallmessungen gab.
Gut zu Wissen
Ein Geburtshaus ist eine von Hebammen geleitete, außerklinische Einrichtung für Schwangere, die ihr Kind in persönlicher, intimer Atmosphäre und ohne routinemäßige medizinische Eingriffe entbinden möchten. Es bietet eine 1:1-Betreuung durch eine vertraute Hebamme und legt den Fokus auf eine spontane Entbindung.
Am Ende kam es zu einer Einigung mit bitterem Beigeschmack:
Die AWO, der das Gebäude gehört, erklärte sich bereit, den Raum nicht mehr als Geburtsraum zu nutzen. Er ist jetzt ein Vorsorgeraum. Damit war der Rechtsstreit für Kläger und Beklagte erledigt, wie der SW berichtet. Ein Urteil im klassischen Sinne gab es zwar nicht, aber die Folgen sind trotzdem gravierend.
Denn genau dieser Raum war das Herzstück des Geburtshauses. Dort stand auch eine große Geburtswanne – oft die wichtigste Möglichkeit zur Schmerzlinderung, weil in dem Haus bewusst ohne Medikamente gearbeitet wird. Jetzt bleibt nur noch ein kleinerer Raum ohne diese Ausstattung.
Existenz des Geburtshauses steht auf dem Spiel
Für die Betreiberinnen ist das ein harter Einschnitt: Sie können weniger Frauen begleiten, und langfristig steht sogar die Existenz des Geburtshauses auf dem Spiel.
Besonders bitter: Laut Leitung des Hauses sind laute Schreie bei den bisherigen Geburten eher die Ausnahme gewesen – und wenn, dann nur sehr kurz.
Schreien kann dir bei der Geburt helfen
Viele Hebammen und Expert:innen betonen, dass Töne, Atmung und auch Schreien Frauen dabei helfen können, mit den Wehen umzugehen.
Wenn du den Schmerz unterdrückst, spannst du deinen Körper oft unbewusst an. Wenn du ihn rauslässt – durch Atmung, Töne oder auch Schreie – kann das sogar helfen, die Geburt zu erleichtern.
Wenn du bei der Geburt schreien möchtest, dann lass dich bitte durch eine solche Berichterstattung nicht verunsichern.
In der Echte Mamas Redaktion hat uns dieser Fall aus Trier wütend gemacht. Es zeigt für uns leider wieder einmal, dass es für Frauen, und besonders für Mütter, viel zu wenig Raum und Akzeptanz gibt. Anstatt die Geburt als das Wunder zu feiern, das sie ist, sollen Frauen dabei am besten unsichtbar bleiben, damit sich kein Mann davon gestört fühlt.
Dabei sind Schwangerschaft, Geburt und die erste Zeit mit einem Baby, also kurz gesagt Care-Arbeit, essenziell für unsere Gesellschaft. Und trotzdem findet sie oft im Verborgenen statt, wird als selbstverständlich hingenommen oder in ihrer Bedeutung unterschätzt.
Und genau das macht diesen Fall so symbolisch:
Es geht nicht nur um Lärm. Es geht darum, wessen Bedürfnisse gehört werden – und wer sich anpassen muss. Mit schlimmen Folgen: Denken wir an den Gender Pay Gap und die damit zusammenhängende Altersarmut, die ein Großteil aller Mütter erwarten wird. Von den verminderten Karrierechancen von Frauen nach der Geburt eines Kindes möchte ich gar nicht erst anfangen.
„Irgendwie vergessen einige Männer anscheinend, dass sie genau so auf die Welt gekommen sind und dafür etwas dankbar sein sollten.”
Ronny Szelinsky, Gründer und Content Creator
Mich erinnert das auf eine sehr ungute Weise an meine Oma, die immer noch stolz darauf ist, dass sie die schlimmsten Geburtsschmerzen still ertrug. Gelobt wurde sie vom anwesenden Hausarzt nicht für das Wunder, das ihr Körper vollbrachte, sondern dafür, dass sie dabei einigermaßen leise litt.
Meine Oma wird bald 86 Jahre alt. Schade, dass sich in den vielen Jahren offenbar nicht so viel verändert hat, wie ich mir wünschen würde. Wir Frauen sind in Führungspositionen, Politik und Medien immer noch unterrepräsentiert. Ich hoffe, wir werden alle noch viel, viel lauter.
Wie siehst du das: Haben Mütter und ihre Bedürfnisse – gerade rund um Schwangerschaft und Geburt – in unserer Gesellschaft wirklich den Raum, den sie verdienen?
Ich finde es krass, wie einseitig hier geschrieben wird. Es tut mir leid, wenn die Schreiberin schlechte Erfahrungen mit Männern gemacht hat. Aber man kann auch versuchen beide Seiten zu verstehen. Wenn es vor der Genehmigung nicht mal geprüft wurde, wie die Lärmbelästigung ist. Ist es auch nicht überraschend, dass sich jemand beschwert irgendwann. Es hätte auch genauso gut eine Frau sein können. Wenn ich mir als Frau und Mutter vorstelle, ich lebe in einer Wohnung, in der zu jeder Zeit schreie zu höhen sind. Egal, wie oft man es hohen kann oder nicht, wenn ich oder mein Kind gerade schlafen möchten oder einfach entspannen wollen und man schreie hört, ist es auch belastend… Aber nein es sind ja nur die Männer Schuld. Abgesehen davon ist der gender pay gab auch nicht richtig. Es wird vieles nicht mit bedacht. Abgesehen davon, dass viele Frauen auch klassischen „Frauenberufen“ nachgehen. Gibt es auch viele Frauen, die sich nicht trauen nach einer Gehaltserhöhung zu fragen. Mein Mann macht dies zum Beispiel jedes Jahr. Er leistet dafür auch dementsprechend und kann sehr überzeugend sein und weiß genau, wie er mit wem sprechen muss. Viele Frauen in seiner Firma tuen das nicht. Sie machen einfach nur das was ihnen gesagt wird, aber kommen nicht wirklich mehr aus sich heraus. Klar gibt es Ausnahmen, aber die meisten Männer wollen unbedingt mehr aus sich machen und verhandeln lieber. Ich persönlich bin froh, soetwas nicht machen zu müssen und einfach nach Tarif bezahlt zu werden. Ich bin auch kein Karriere Mensch. Ich bin froh, dass ich meine meiste Energie in meine Familie stecken kann. Was ist auch so schlimm daran? Viele Frauen mögen es, sich auch um Haushalt und Kinder zu kümmern. Das gibt einem so viel. Und man ist da, wo man geliebt wird und sich wohl fühlt und sich die Umgebung so gestalten kann, wie man es möchte und braucht.
Hallo Patrizia, danke dir fürs Teilen deiner Gedanken – ich verstehe total, was du meinst.
Natürlich ist es wichtig, auch die Perspektive der Nachbarn mitzudenken. Niemand möchte dauerhaft Lärm ausgesetzt sein, vor allem nicht in den eigenen vier Wänden, wenn man sich erholen möchte oder Kinder schlafen sollen. Das ist absolut nachvollziehbar und gehört zu einem fairen Miteinander dazu.
Gleichzeitig geht es in dem Artikel weniger darum, „Männer verantwortlich zu machen“, sondern um die größere Frage dahinter: Warum stoßen gerade Themen rund um Geburt, Care-Arbeit und Mutterschaft so oft an Grenzen, wenn es um Raum und Akzeptanz geht? Geburt ist nun mal kein leiser Prozess – und genau deshalb brauchen Frauen Orte, an denen sie sich sicher fühlen können, ohne sich zusätzlich zurücknehmen zu müssen.
Was du zum Thema Rollenbilder und Arbeit schreibst, ist auch ein wichtiger Punkt. Viele Frauen treffen ganz bewusst Entscheidungen für Familie, Teilzeit oder weniger Karrierefokus – und das ist absolut legitim. Gleichzeitig zeigen Studien, dass strukturelle Unterschiede eben auch eine Rolle spielen, zum Beispiel bei Bezahlung oder Aufstiegschancen. Beides kann nebeneinander existieren: persönliche Entscheidungen und gesellschaftliche Rahmenbedingungen.
Ich glaube, genau dieser Austausch ist wichtig: verschiedene Perspektiven hören, ohne sich gegenseitig abzusprechen, dass die eigenen Erfahrungen gültig sind. Danke dir also nochmal fürs Einbringen deiner Sicht!
Genau so wie vorherige Schreiberin, MillyChan, sehe ich den Artikel kritisch. Ein Mann beschwert sich über den Lärm und der Beschwerde stimme ich als dreifache Mutter zu. Eine Gebärende braucht Raum und Platz um in entspannter Atmosphäre ohne Einschränkungen das Kind auf die Welt zu bringen. Deshalb sollte genau überlegt werden wo ein Geburtshaus eröffnet wird. Wenn man sich für eine Wohngegend entscheidet, dann sollte in gute Isolierung investiert werden. Es ist leicht auf Entfernung zu urteilen und wütend auf „schlimme“, „egoistische“ und „ignorante“ Männer zu sein. Verbringt ein paar Wochen Tür an Tür mit einem Geburtshaus und erzählt anschließend über eure Erfahrung. Ständig Frauen haben keine Stimme, Frauen werden nicht gehört. Ich bin eine Frau und uns stehen alle Türen offen. Viel mehr ist es das Schubladendenken, was manche daran hindert ihren Potential zu entfalten, weil jeder Misserfolg gleich mit dem Denken verknüpft wird: „Nur weil ich eine Frau bin.“ Solange solche Denkmuster im Kopf spucken, wird es auch Realität bleiben. Es gibt Länder wo Frauen unterdrückt werden, Deutschland gehört nicht dazu!
Hallo Irina, danke dir, dass du deine Erfahrung als dreifache Mama einbringst.
Du hast absolut recht: Standort, Lärmschutz und Rücksicht auf Nachbarn sind wichtige Punkte, die bei einem Geburtshaus mitgedacht werden müssen. Und natürlich darf man auch sagen, wenn Belastungen entstehen – das gehört zu einem fairen Zusammenleben dazu.
Der Artikel wollte aber vor allem auf die größere Ebene schauen: nämlich darauf, wie wenig selbstverständlich Raum für Themen wie Geburt und Care-Arbeit oft ist. Es ging nicht darum, „Männer“ pauschal zu kritisieren, sondern zu zeigen, dass solche Konflikte schnell entstehen, wenn etwas so Grundlegendes wie Geburt auf Alltagsstrukturen trifft, die dafür wenig Platz lassen.
Und ja, wir leben in einem Land mit vielen Möglichkeiten für Frauen – gleichzeitig zeigen Studien und Erfahrungen, dass bestimmte Themen rund um Mutterschaft, Belastung und Sichtbarkeit eben doch noch nicht überall den Stellenwert haben, den sie verdienen.
Ich glaube, beides darf nebeneinander stehen: der berechtigte Blick auf konkrete Lösungen vor Ort – und die Frage, was solche Fälle grundsätzlich über unseren Umgang mit Müttern und ihren Bedürfnissen aussagen.