Als Jana erfährt, dass ihre Zwillinge beide eine Lippen-Kiefer-Gaumenspalte haben, entscheidet sie sich schweren Herzens für einen Abbruch. Doch dann ändert ein Rat ihrer Ärztin alles.

„‚Wir hatten uns eigentlich schon für einen Schwangerschaftsabbruch entschieden.‘ Das ist ein Satz, den ich lange kaum aussprechen konnte. Heute teile ich ihn, weil unsere Geschichte vielleicht anderen Eltern Mut machen kann.

Wir haben früh in der Schwangerschaft erfahren, dass wir Zwillinge erwarten. Die Freude war riesig – aber gleichzeitig waren da im ersten Moment auch Überforderung und Angst. Zwei Babys – schaffen wir das wirklich?

Mein Frauenarzt konnte meine Blutwerte mehrfach nicht ermitteln und schickte mich deshalb in der 19. SSW vorsichtshalber in ein Pränatalzentrum.

Dort teilte man uns mit, dass beide Mädchen vermutlich eine beidseitige Lippen-Kiefer-Gaumenspalte haben.

Wir wurden ausführlich aufgeklärt, was genau das bedeutet, was eine Spalte ist, und es wurden Fruchtwasseruntersuchungen gemacht, um Behinderungen auszuschließen. Außerdem sagten uns die Ärzte sehr direkt, dass es mit zwei Kindern mit Spalte sehr hart werden könnte – und dass wir ja noch jung seien und gesunde Kinder bekommen könnten, wenn wir uns gegen diese Schwangerschaft entscheiden sollten.

Für uns ist eine Welt zusammengebrochen.

Dieses Gefühl kann ich kaum in Worte fassen. Es waren einfach nur Schock, Angst und Überforderung.

Plötzlich hatten wir eine Woche Zeit, um zu entscheiden, ob wir die Schwangerschaft fortsetzen möchten.

Wir haben in diesen Tagen viel nachgedacht und mit unseren Familien gesprochen.

Unsere größten Ängste waren: Was ist, wenn sie sehr entstellt aussehen? Was ist, wenn sie Behinderungen haben? Was ist, wenn sie nicht trinken können, viele Operationen brauchen oder später gehänselt werden und unglücklich sind? Und dann gleich zwei Kinder. ich hatte Angst, das nicht zu schaffen.

Und ja – wir hatten uns tatsächlich zunächst für einen Abbruch entschieden.

Ich mag es kaum sagen, aber zeitweise wollte ich die beiden gar nicht mehr in meinem Bauch haben. Gleichzeitig konnte ich mir aber auch nicht vorstellen, sie still zur Welt zu bringen.

Als ich schließlich im Pränatalzentrum anrief, um einen Termin für den Abbruch zu vereinbaren, bat mich die Ärztin, vorher noch einmal zu einer speziellen Spaltsprechstunde zu gehen. Sie wollte, dass wir eine neutrale Einschätzung bekommen und unsere Entscheidung in Ruhe treffen können.

Wir folgten ihrem Rat, und in der Spaltsprechstunde kam dann die Wende.

Mein Mann und ich haben uns angeschaut und wussten beide sofort: Wir schaffen das.

Ich bin heute so froh, dass wir diese Sprechstunde wahrgenommen haben.

Wir haben uns dort unglaublich gut aufgehoben gefühlt. Uns wurden Vorher-Nachher-Bilder gezeigt, Hilfsmittel wie Trinkplatten erklärt und alles wurde ganz in Ruhe besprochen. Die Ärzte haben sich wirklich viel Zeit genommen.

Nach dem Gespräch mussten wir nicht mehr überlegen.

Für uns war direkt klar, dass wir unsere beiden Mädchen bekommen möchten.

Kurze Zeit später stellten die Ärzte große Unterschiede im Wachstum unserer Mädchen fest. Ab der 24. SSW lebten wir mit der ständigen Sorge, dass sie viel zu früh geholt werden müssen.

In der 28. SSW entwickelte ich dann eine Präeklampsie und unsere Mädchen mussten schließlich in der 32. SSW per Kaiserschnitt geholt werden, mit 1.580 und 1.170 Gramm.

Neben all unserer Sorge gab es zu diesem Zeitpunkt auch eine schöne Nachricht für uns. Denn die Ärzte sagten uns, dass die Diagnose nicht ganz so schlimm war, wie sie Ärzte es vorausgesagt hatten:

Statt einer Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalte hatten beide ‚nur‘ eine Lippen-Kiefer-Spalte.

Das heißt, bei beiden ist der Kiefer auf einer Seite komplett gespalten und auf der anderen Seite inkomplett – spiegelverkehrt zueinander, obwohl sie eineiig sind.

Als die Ärzte uns das gesagt haben, hat es sich fast wie eine Belohnung angefühlt, dass wir uns für die beiden entschieden haben. Es hat vieles erleichtert, vor allem das Trinken, und sie brauchten keine Trinkplatte.

Trotzdem war das Trinken anfangs eine große Herausforderung. Die Spalte war oft trocken und verkrustet, die Nase musste regelmäßig gespült werden.

Jana besuchte ihre Zwillinge nach der Geburt jeden Tag in der Klinik.
Jana besuchte ihre Zwillinge nach der Geburt jeden Tag in der Klinik. Foto: privat

Nach der Geburt begann für uns noch einmal eine sehr schwere Zeit.

Ich wurde ein paar Tage später aus dem Krankenhaus entlassen. Unsere Mädels mussten mehrere Wochen in der Klinik bleiben, die 80 Kilometer entfernt ist.

Wir fuhren die Strecke jeden Tag, die Trennung war immer unglaublich schwer. Ich habe jedes Mal geweint, und abends zu Hause hat es sich einfach falsch angefühlt, ohne sie zu sein. Nach langen sechs Wochen durften wir die beiden endlich mit nach Hause nehmen.

Doch auch dort war die erste Zeit nicht leicht. Am Anfang fiel es mir schwer, überhaupt irgendwo hinzugehen.

Ich hatte Angst vor Blicken oder Reaktionen. Schlimm fand ich es, wenn Leute einfach nur starren und nichts sagen. Dabei wäre es so viel einfacher, wenn man einfach respektvoll fragt, was es ist.

Inzwischen haben wir den Lippenverschluss hinter uns und sind einfach nur überglücklich mit unseren beiden Mädels.

Unsere Töchter sind perfekt – genau so, wie sie sind.

Im Alltag habe ich viel Unterstützung. Zum Beispiel begleitet mich meine Mutter zu Arztterminen, und wenn wir abends mal weg müssen, hilft meine Schwiegermutter. Ansonsten sind wir als kleine Familie ein gutes Team – mein Mann, ich, unsere beiden Mädchen und unser Hund.

Grundsätzlich hätte ich mir gewünscht, dass alle sich weniger von anderen hätten beeinflussen lassen. Auch in meiner Familie gab es Stimmen, die mir von den Kindern abgeraten haben – das hat mich sehr verletzt.

Heute ist Jana glücklich mit ihren beiden Mädels - und von der Spalte ist kaum noch etwas zu sehen.
Heute ist Jana glücklich mit ihren beiden Mädels - und von der Spalte ist kaum noch etwas zu sehen. Foto: privat

Meine Botschaft an andere betroffene Schwangere und Mamas ist: Hört auf euer Herz!

Wirklich. Lasst euch nicht zu sehr von außen leiten, sondern trefft eure eigene Entscheidung. Nehmt euch Zeit, informiert euch gut, schaut euch Bilder an und geht unbedingt in eine Spaltsprechstunde oder ein Spaltzentrum.

Ja, der Weg ist nicht leicht. Aber er lohnt sich so sehr. Wenn euch eure Kinder anschauen, wisst ihr genau, wofür ihr das alles durchgestanden habt.

Außerdem ist eine Spalte keine Behinderung und bleibt nicht für immer. Mittlerweile ist operativ bzw. medizinisch so viel möglich, dass man am Ende nur noch kleine Narben sieht.

Und eine meiner größten Ängste war übrigens auch, dass ich meine Kinder nach der Geburt vielleicht nicht anschauen kann wegen der Spalte. Aber das Gegenteil war der Fall – sie waren für mich vom ersten Moment an einfach perfekt.“

Liebe Jana, vielen Dank, dass du den Mut hattest, deine bewegende Geschichte mit uns zu teilen.

Hast du eine Botschaft für Jana oder vielleicht selbst etwas ähnliches erlebt? Schreib es uns in die Kommentare oder tausche dich in unserem Forum mit anderen Mamas aus!

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6 Kommentare

  • User Avatar
    Kvita93

    Als Betroffene liest sich der Artikel sehr schwer und ich habe überlegt ob ich kommentiere aber muss einfach meine Gedanken loswerden. Ich möchte nicht über Abtreibungsgedanken urteilen aber der Artikel liest sich als ob die Eltern sich nur dazu entschieden haben die Kinder zu behalten weil die Angst vor einer stillen Geburt grösser war. Eine LKGS als Abtreibungsgrund zu normalisieren ist meines Erachtens nicht mehr zeitgemäss und ich verstehe wenn Eltern Überfordungsgedanken haben aber damit an die Öffentlichkeit zu gehen und das runterzuspielen indem am Ende des Artikels gesagt wird „es sei ja keine Behinderung“ ist ein Schlag ins Gesicht für alle Betroffenen und betroffenen Eltern. Doch es ist eine Behinderung und das ist okay. Das ist okay und sollte akzeptiert werden. Es ist oft kein leichter Weg aber die Art und Weise wie das Thema hier behandelt wird ist veraltet und beschämend. 

    • User Avatar
      wiebke

      Liebe Kvita38,

      vielen Dank für Deinen Kommentar und Deine Meinung. Ich verstehe natürlich, dass es auch andere Sichtweisen gibt. Allerdings denke ich, es ist nachvollziehbar, dass man im ersten Moment mit so einer Diagnose überfordert ist und seine Gedanken sortieren muss. Noch dazu wurden Jana und ihr Mann von den Ärzten sehr verunsichert.

      Das ist unter anderem ein Grund, aus dem sie ihre Geschichte öffentlich erzählt haben – um anderen Eltern, denen es vielleicht genauso geht, Mut zu machen.

      Das finde ich wiederum sehr mutig  ❤️ 

      Natürlich gibt es immer unterschiedliche Meinungen, und das ist auch gut so. Trotzdem denke ich, dass wir nicht über die Erfahrungen und Gefühle anderer Mamas urteilen sollten.

      Liebe Grüße, Wiebke

  • User Avatar
    Lena

    Besonders Jana letzter Satz treibt mir die Tränen in die Augen  ❤️ Was für ein Glück, dass sie sich für die Kinder entschieden hat! Alles Liebe für sie und ihre Kinder.

    • User Avatar
      wiebke

      Ja, ihre Geschichte hat mich auch sehr gerührt – wie schön. dass es für die Familie ein Happy End gab  ❤️  Und ich bin mir sicher, dass ihre Geschichte vielen anderen Mamas Mut machen kann  ❤️ 

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