Ich bin Cornelia, 29 Jahre alt, Mama von zwei Jungs. Mein großer Sohn stammt aus einer vorherigen Beziehung und ist 11 Jahre alt, unser Kleiner ist heute sieben Monate alt. Als Patchworkfamilie mussten wir erst einmal zusammenwachsen. Wir hatten Höhen und Tiefen, aber heute sind wir ein starkes Team – mit einem unglaublich tollen Freundes- und Familienkreis. Ohne dieses Konstrukt wäre vieles nicht so gut zu verkraften gewesen.
Eigentlich hatte ich mir die letzten Tage meiner Schwangerschaft ganz anders vorgestellt.
Ich bin selbstständig und hatte meinen Mutterschutz etwas hinausgezögert. Zwei Tage vor der Entbindung war mein letzter Arbeitstag. Ich freute mich darauf, endlich etwas zur Ruhe zu kommen. Doch dazu sollte es nicht mehr kommen.
Unser Sohn kam genau vier Wochen zu früh. Am Freitag war mein letzter Arbeitstag, am Sonntag war unser Wunder schon da. Kein Ausruhen mehr, keine Zeit für mich. Ich wurde einfach ins zweifache Mama-Sein hineingeworfen.
Als meine Fruchtblase platzte, war ich trotzdem tiefenentspannt. Ich habe mir während der gesamten Schwangerschaft nie große Sorgen gemacht oder mich verrückt machen lassen. Deshalb wollten wir uns in Ruhe fertig machen und dann ins Krankenhaus fahren.
Doch plötzlich wurde mir klar, dass wir es nicht einmal mehr bis zur Haustür schaffen würden. Mein Mann wurde dabei komplett ins kalte Wasser geworfen. Für ihn war es das erste Kind. Er rief sofort den Rettungsdienst, als klar wurde, dass unser Sohn jeden Moment kommen würde.
Trotzdem blieb er zum Glück erstaunlich ruhig.
Er hat sich einfach auf meine Anweisungen verlassen. Im ersten Moment ist natürlich alles erschreckend, aber irgendwie haben wir es geschafft, die Ruhe zu bewahren.
Innerhalb von zehn Minuten war unser Sohn geboren. Mein Mann wurde kurzerhand zu meiner Hebamme.
Mittlerweile lacht er darüber und ist auch ein bisschen stolz, dass er die ‚Hebamme‘ war. Wer kann das schon von sich behaupten?
Als die Rettungskräfte wenige Minuten später eintrafen, lag unser Sohn zufrieden atmend in meinem Arm.
Doch plötzlich ging alles ganz schnell.
Er wurde mir weggenommen, weil er unterkühlt war und sofort ins Krankenhaus musste. Mein Sohn fuhr in einem Krankenwagen, ich in einem anderen, mein Mann hinterher.
Im Krankenhaus erfuhren wir, dass seine Zuckerwerte nicht in Ordnung waren und er auf die Kinderintensivstation musste. Drei Tage lang durften wir ihn nur besuchen.
Die Tage auf der Intensivstation waren nicht schön. Ich musste mir ein Zimmer mit zwei Frauen teilen, deren Babys direkt neben ihnen lagen. Das Weinen in der Nacht hat mich sehr traurig gemacht.
Die Blicke in den Brutkasten werde ich nie vergessen. Mein eigenes Baby an Kabeln und Infusionen zu sehen, es nicht bei mir haben und nicht berühren zu dürfen – das hat mir das Herz gebrochen.
Zum Glück war mein Mann die ganze Zeit an meiner Seite.
Er kam jeden Morgen früh ins Krankenhaus und blieb bis spät abends. Er ist mir nicht von der Seite gewichen. So konnten wir diese Zeit gemeinsam durchstehen. Natürlich hatte ich mir die ersten Tage mit meinem Baby ganz anders vorgestellt. Aber das Wichtigste für mich als Mama war, dass es meinem Baby gut geht.
Und wenn das bedeutet, dass wir erst einmal getrennt werden, auf Bindung und Stillen verzichten müssen, dann ist das eben so. Ich habe mich voll und ganz auf die Kinderkrankenschwester verlassen, die extra noch dazugekommen ist. Man muss in solchen Situationen Vertrauen haben und klar denken.
Nach vier Tagen durften wir endlich nach Hause. Doch leicht wurde es auch dort nicht. Unser Sohn verweigerte die Brust, weil er im Krankenhaus die Flasche bekommen hatte. Gleichzeitig nahm er weiter ab.
Also begann für uns ein wochenlanger Kampf.
Ich pumpte alle drei Stunden ab, fütterte zusätzlich PRE-Nahrung und mischte Pulver aus der Apotheke in die Muttermilch. Jede einzelne Mahlzeit mussten wir über zwei Monate dokumentieren – egal zu welcher Uhrzeit. Außerdem liehen wir uns in der Apotheke eine Babywaage.
Wir haben ein- bis dreimal pro Woche nachgewogen, ob der Kleine etwas zugenommen hat. Über jede veränderte Zahl haben wir uns riesig gefreut.
Der erste Monat war unglaublich anstrengend. Zwischen einem Schulkind, einem Frühchen, den Schmerzen nach der Entbindung und dem Chaos des Abpumpens alle drei Stunden blieb kaum Zeit zum Durchatmen. Zum Glück nahm mein Mann sechs Wochen Urlaub. Er konnte mich dadurch unglaublich gut unterstützen.
Als unser Sohn endlich ein stabiles Gewicht erreicht hatte, konnten wir zum ersten Mal aufatmen.
Heute entwickelt sich unser Sohn laut Kinderarzt gut.
Er ist körperlich gesund. Allerdings liegt sein Gewicht deutlich oberhalb der Wachstumskurve. Deshalb sollen wir uns sicherheitshalber bei einem Facharzt vorstellen. Mein Mann war als Baby ebenfalls sehr kräftig und unser Sohn ist außerdem größer als viele Gleichaltrige. Deshalb könnte es auch genetisch bedingt sein.
Was mich heute viel mehr belastet als jede Untersuchung, sind die Kommentare fremder Menschen.
„Das ist ja ein Bomber.“
„Der isst aber gut.“
„Das sind aber dicke Backen.“
Einmal zog mich sogar jemand zur Seite und flüsterte: ‚Ist das denn normal, dass Ihr Kind so dick ist? Kann man da etwas machen?’ Diese Sätze treffen mich jedes Mal.
Denn niemand kennt die Geschichte dahinter.
Ich musste mich ständig rechtfertigen und sagen: Gott sei Dank sieht er jetzt so aus – er war untergewichtig. Wenn ich dann Fotos von damals zeige, sind die meisten Menschen plötzlich sprachlos. Trotzdem tut es weh.
Es schmerzt, weil die Zeit einfach nicht schön war. Wir haben um jedes einzelne Gramm gekämpft.
Mittlerweile merke ich, dass mich solche Kommentare manchmal sogar wütend machen. Am liebsten würde ich sagen, dass ein paar Gramm weniger dem Gegenüber auch nicht schaden würden. Auch wenn das gemein klingt und ich eigentlich total gegen Bodyshaming bin.
Aber irgendwann entwickelt man einfach Wut.
Vielleicht trifft mich das auch deshalb so sehr, weil ich selbst als Kind immer zu dünn war. Ich wurde oft Skelett oder Spargeltarzan genannt. Deshalb bin ich bei diesem Thema sehr geprägt. Niemand würde einem Erwachsenen einfach sagen, wie dick er ist. Bei einem Baby scheint das plötzlich völlig normal zu sein.
Trotz allem war die Geburt meines Sohnes ein wunderschönes Erlebnis. Für uns war es der intimste Moment unseres Lebens. Ohne Ärzte und Hebammen, die um einen herumspringen. Ohne ständige Muttermunduntersuchungen oder Anweisungen, wie man sich hinlegen oder wann man pressen soll.
Ich habe mein Kind alleine auf die Welt gebracht, mein Mann durfte diesen intimen Moment erleben und ich habe keine gesundheitlichen Schäden davongetragen. Ich bin nicht gerissen und musste nicht genäht werden. Dank Gottes Hilfe ist bei uns alles gut gegangen – und dafür sind wir unendlich dankbar.”
Vielen Dank, liebe Cornelia, dass wir deine Geschichte erzählen dürfen.
War dein Partner bei der Geburt eures Kindes dabei? Was denkst du, wie hätte er sich bei einer ungeplanten Hausgeburt geschlagen?
„Lange kämpften wir um jedes Gramm – heute nennen sie mein Baby ‚zu dick‘.“
Von
Lena Krause
29. Juli 2026