Darüber spreche ich heute mit der Lehrerin Saskia Niechzial, die sich intensiv mit inklusivem Unterricht und der Einschulung neurodivergenter Kinder beschäftigt.
Dreifach-Mama Saskia Niechzial, besser bekannt als @liniert.kariert, ist selbst neurodivergent, hat neurodivergente Kinder und spricht in ihrem Podcast „Ein Kopf voll Gold“ darüber, wie wir Eltern Kinder mit besonderen Herausforderungen optimal begleiten können – auch wenn das Schulsystem nur bedingt Platz und Raum dafür lässt.
Ihre Tipps helfen auch Eltern, die eine Vorahnung, aber noch keine Diagnose haben sowie allen, die sich mit der großen bevorstehenden Veränderung schwer tun:
Einige Eltern haben vielleicht ein Bauchgefühl, dass ihr Kind neurodivergent sein könnte, aber keine Diagnose. Was würdest du ihnen raten?
Wenn es von Elternseite wirklich schon lange die Überlegung Richtung Neurodivergenz gibt oder schon viele Jahre ein deutliches Bauchgefühl, dann würde ich unbedingt die Diagnostik anschieben. Wartezeiten von bis zu zwei Jahren sind mittlerweile nicht selten.
Geht es wirklich nur um die Sorge ums Stillsitzen, die übrigens viele Eltern haben, dann können wir die Sache auf uns zukommen lassen und gegebenenfalls früh mit der Lehrkraft Kontakt aufnehmen.
Wichtig ist, dass wir sowas nicht „vortrainieren“. Jeden Tag 15 Minuten still an Vorschulblättern zu sitzen, wenn das nicht dem Wunsch oder dem Charakter des Kindes entspricht, kann in der Schulmotivation mehr kaputtmachen, als es irgendwie nützen würde. Und das, noch bevor Schule beginnt.
Wenn die Diagnose im Voraus da ist: Gibt es eine schulische Vorbereitung auf die Ankunft der neurodivergenten Kinder?
Viele neurodivergente Kinder empfinden Übergänge und die damit verbundenen Veränderungen als sehr herausfordernd. Und der Schulstart ist natürlich ein ganz besonders starker Einschnitt. Das merken letztlich vermutlich alle Eltern.
Die Kinder stecken irgendwo zwischen Neugier, Stolz, Vorfreude aber auch Angst und Unsicherheit. Im neurodivergenten Kontext findet dies, wie so oft, einfach in besonderer Intensität statt. Viele Emotionen, starkes Nähebedürfnis, vermehrte Trennungsängste, Entwicklungs“rückschritte“ (zum Beispiel Einnässen) sind nicht selten.
Hinzu kommen körperliche Veränderungen wie Wackelzähne, die neurodivergente Kinder ebenfalls sehr fordern können. Darauf als Eltern vorbereitet zu sein, hilft oft schon, diese intensive Phase etwas ruhiger anzunehmen.
Darüber hinaus hilft Transparenz, Transparenz, Transparenz. Je mehr ein Kind sich genauer auf das einstellen kann, was es auf der anderen Seite des Übergangs erwartet, umso besser.
Schulwege ablaufen, Schulgebäude kennenlernen, eventuell, wenn passend, zu Schulfesten gehen, Kontakt zu Mitschüler*innen (eventuell auch proaktiv durch uns Eltern in Form von Spielplatzverabredungen) und das Schulmaterial gemeinsam anschauen.
Ganz besonders wertvoll ist das Kennenlernen der Lehrkraft als neuer Bezugsperson. Da das nicht überall vorgesehen ist, traut euch als Eltern selbst Kontakt zur Schule aufzunehmen und darum zu bitten, ob ein Aufeinandertreffen möglich ist. Ohnehin ist sinnvoll, gerade dann, wenn ihr schon eine Diagnose habt, vielleicht schon vor dem Schulstart einmal mit der Lehrkraft in den Austausch zu gehen.
Möglichst alles für alle zur Verfügung stellen, damit nicht der Scheinwerfer auf ein paar wenige Kinder gerichtet ist.
Saskia Niechzial
Gerade neurodivergente Mädchen passen sich häufig im Unterricht an und sind dann zuhause völlig erschöpft und k.o, sodass es Lehrer:innen erstmal gar nicht auffällt. Wie würdest du als Mama und Lehrerin dann reagieren?
Als Lehrkraft würde ich von vornherein die Lernumgebung so neuroinklusiv wie nur irgendwie möglich gestalten. Verschiedene Arbeitsplätze, Fidget Tools, Rückzugsmöglichkeiten, Schallschutzkopfhörer, individuelle Pausenangebote, strukturierte Klassenzimmer – all das unterstützt und sorgt dafür, dass Kinder sich möglichst authentisch verhalten können und gar nicht erst in starke Maskingdynamiken, also diese Anpassung, zu rutschen.
Und falls sie doch schon dazu neigen, dann wird mit dieser Gestaltung des Schultags und der Umgebung ein gutes Gegengewicht geschaffen. Unabhängig davon, ob ich es als Lehrkraft direkt bemerke oder nicht.
Wichtig dabei: Möglichst alles für alle zur Verfügung stellen, damit nicht der Scheinwerfer auf ein paar wenige Kinder gerichtet ist. Das würde Maskingverhalten eher wieder fördern.
Wenn ich auf Elternseite merke, dass mein Kind zu Hause extrem erschöpft ist oder sich nach dem Schultag sehr gefühlsstark präsentiert, würde ich versuchen, dem einerseits Raum zu geben und erstmal entspannt zu bleiben. Selbst wenn Schule sehr förderlich gestaltet ist, sind die ersten Wochen und Monate eine große Anforderung.
Und da ist es ein Stück weit absolut erwartbar, dass Kinder kaputt sind, wenn sie nach Hause kommen. In jedem Fall können wir versuchen, das gut aufzufangen und uns auf das einzustellen, was dem Kind dann gut tut. Manchen brauchen viel Ruhe, wenig Termine, Beschäftigung mit Vertrautem oder vielleicht besonders viel Nähe. Andere haben ein hohes Bewegungsbedürfnis, weil dieser Aspekt im Schulalltag einfach oft zu kurz kommt.
Werden Mitschüler:innen heute in der Schule über Vielfalt und Unterschiede aufgeklärt?
Im besten Fall, ja. Ich spreche als Lehrkraft mit den Kindern von Beginn an sehr offen darüber. Dass wir alle unterschiedlich lernen. Dass wir Unterschiedliches brauchen.
Es gibt mittlerweile viele Kinderbücher dazu, die wir ganz wunderbar als Grundlage und Gesprächsunterstützung nutzen können. Gerade die ersten Wochen geben mir viel Raum für genau diese Themen. Das setzt unheimlich wertvolle Weichen für die Klassengemeinschaft und das weitere Miteinander.
Konflikte sehe ich als wertvolle und besonders authentische Lernanlässe. Sie dürfen und müssen sogar sein, da, wo Menschen aufeinandertreffen. Wichtig ist, sie sinnvoll zu nutzen und zum Beispiel darüber zu sprechen, dass Fehler dazugehören und wir den Mut haben müssen, die Verantwortung dafür zu übernehmen.
Saskia Niechzial
Wie gehst du als Lehrkraft mit möglichen Ausgrenzung und Konflikten um?
Eine inklusive Lernumgebung und Unterschiede offen als selbstverständlich zu benennen, sind schon sehr wichtige Faktoren, Ausgrenzung entgegenwirken. Nichtsdestotrotz können solche Dynamiken entstehen. Hier müssen wir als Lehrkräfte gut hinschauen und uns trauen, früh zu agieren. Dabei müssen wir nicht immer schon die perfekten Lösungen parat haben.
Viel wichtiger ist das Zeichen: „Ich nehme das wahr und so etwas hat hier keinen Platz“. Gerade zu Beginn der Schulzeit nehme ich mir viel Zeit für solche Gespräche und auch Gruppenstärkung, indem wir einfach auch viel gemeinsam als Klasse zum Spielen draußen sind. Außerdem beginne ich früh mit Konzepten wie dem Klassenrat.
Konflikte sehe ich als wertvolle und besonders authentische Lernanlässe. Sie dürfen und müssen sogar sein, da, wo Menschen aufeinandertreffen. Wichtig ist, sie sinnvoll zu nutzen und zum Beispiel darüber zu sprechen, dass Fehler dazugehören und wir den Mut haben müssen, die Verantwortung dafür zu übernehmen. Zum Beispiel dadurch, dass wir uns darum kümmern, dass es dem Kind, dem wir eventuell Schaden zugefügt haben, wieder besser geht.
Als Eltern können wir das unterstützen, in dem wir auch zu Hause positiv über Unterschiede sprechen. Nehmen wir wahr, dass unser neurodivergentes Kind ausgegrenzt wird, ist wichtig, als Ansprechpartner:in verlässlich und stärkend zur Verfügung zu stehen und möglich zeitnah in den Austausch mit der Lehrkraft zu gehen.
Welche Unterstützungssysteme stehen neurodivergenten Kindern zur Verfügung?
Da ich die neuroinklusive Umgebung ja ausführlich angesprochen habe, möchte ich hier noch den Nachteilsausgleich nennen. Da das ein sehr umfangreiches Thema ist, findet ihr hier eine Übersicht.
Ganz besonders wertvoll sind Schulbegleitungen. Sie sind ein Ankerpunkt im aufregenden Schulstart. Leider kann der Antragsweg beschwerlich sein und Genehmigungen sind leider nicht garantiert, aber es kann sich lohnen, diese Unterstützung in Erwägung zu ziehen und es zu versuchen.
Wie kann man als Eltern supporten und wie sollte man auf Überforderung oder Meltdowns im Schulalltag reagieren?
Zu Hause sollte Safe Space sein. Raum für die eigene Persönlichkeit, die eigenen Spezialinteressen. Hobbys. Rückzug. Ruhe. Bedingungsloses Annehmen. Es wirkt oft so klein neben diesem riesigen Anforderungsfeld Schule. Aber es ist so wertvoll.
Wenn wir wirklich über echte Meltdowns im Schulalltag reden, dann würde ich immer dazu raten, den Schultag, wenn vereinbar, an dieser Stelle zu beenden. Ein Meltdown ist ein starkes Signal von Überlastung. Lernen ist dann keinesfalls mehr möglich. Inklusion bedeutet für mich auch, hier als Schule flexibel zu sein. Im Weiteren braucht es dann konstanten Austausch mit den Lehrkräften, um zu schauen, was alle Beteiligten präventiv gestalten können.
Ich wünsche mir mehr Verständnis und Offenheit für unterschiedliche Lernwege. Ich wünsche mir eine neue notenfreie Feedbackkultur. Und ich wünsche mir, dass vor allem im neurodivergenten Kontext die Elternexpertise mehr Wertschätzung erhält.
Saskia Niechzial
Du bist selbst neurodivergent und hast neurodivergente Kinder – was sind deine Learnings zum Thema Schulbeginn? Was würdest du anderen raten?
Sich innerlich darauf einstellen, dass es intensiv und holprig werden kann, aber auch Raum für Zuversicht und Stolz zu lassen. Ihr bleibt als Eltern ein sicherer Hafen. Und das macht unheimlich viel aus.
Ein ganz besonders wichtiger Faktor ist die gute Zusammenarbeit zwischen Lehrkraft und Eltern. Gibt es hier ein Hand-in-Hand und ein wertschätzendes Miteinander. Gemeinsam für das Kind. Dann ist schon das meiste gewonnen. Hier möchte ich unbedingt ermuntern, die Energie besonders in diesen Bereich fließen zu lassen. Es lohnt sich.
Was würdest du dir vom Schulsystem im Umgang mit neurodivergenten Kindern wünschen?
Wissen. Ganz viel Wissen. Darüber, wie Ableitung von Anspannung aussehen kann. Darüber, was neurodivergente Formen mit sich bringen. Welche Bedürfnisse, aber eben auch welch Potenzial. Und was es braucht, damit sich das entfalten kann. Ich wünsche mir mehr Verständnis und Offenheit für unterschiedliche Lernwege.
Ich wünsche mir eine neue notenfreie Feedbackkultur. Und ich wünsche mir, dass vor allem im neurodivergenten Kontext die Elternexpertise mehr Wertschätzung erhält.
Habt ihr Tipps für andere Mamas, die aktuell vor der Einschulung stehen? Wie war’s bei euch? Schreibt es gern in die Kommentare.
So unglaublich wertvolle Tipps! Mein Patenkind ist auch neurodivergent und ich habe mich schon unzählige Male mit meiner Freundin und seiner Mama über die Einschulung und co unterhalten. Ich leite ihr direkt mal den Artikel weiter, tausend Dank echte Mamas und liebe Saskia. 🥰
Ich finde es ganz toll, dass das Thema Neurodivergenz immer mehr besprochen wird – und damit auch betroffene Kinder und Familien gesehen werden und Unterstützung erhalten ❤️