Wenn ein Baby viel zu früh auf die Welt kommt, beginnt für viele Eltern eine Zeit voller Sorgen und Ungewissheit: Wie wird sich mein Frühchen entwickeln? Wird es später besondere Unterstützung brauchen? Und gibt es überhaupt eine Möglichkeit, schon früh Hinweise darauf zu bekommen?
Genau hier setzt eine neue Studie an. Forschende haben untersucht, ob ein Blick auf die Netzhaut von sehr früh geborenen Babys Hinweise auf ihre spätere neurodevelopmentale Entwicklung geben könnte. Das Besondere: Die Untersuchung erfolgt mit einem nicht invasiven bildgebenden Verfahren.
Was die Augen mit der Entwicklung des Gehirns zu tun haben könnten
Für die im Juni 2026 in der Fachzeitschrift JAMA Ophthalmology veröffentlichte Studie „Very Preterm Infant Retinal Microanatomy at 36 Weeks’ Postmenstrual Age and 2-Year Neurodevelopment“ wurden 72 Kinder untersucht, die vor der 32. Schwangerschaftswoche geboren worden waren. Die Untersuchung ist Teil des sogenannten BabySTEPS-Projekts („Study of Eye Imaging in Preterm Infants“). Die Forschenden begleiteten die Kinder von ihrem Aufenthalt auf der Neugeborenen-Intensivstation bis zu einer Entwicklungsuntersuchung im Alter von zwei Jahren. Im Mittelpunkt stand die Netzhaut.
Besonders interessierte die Wissenschaftler*innen die sogenannte retinale Nervenfaserschicht (RNFL). Sie besteht aus Nervenfasern, die Informationen vom Auge an das Gehirn weiterleiten. Die Netzhaut ist neuronales Gewebe und entwickelt sich parallel zum Gehirn. Deshalb gibt es schon länger die Vermutung, dass ihre Struktur Hinweise auf die Entwicklung des Gehirns geben könnte.
Was die Forschenden bei den Frühchen beobachteten
Mit zwei Jahren absolvierten die Kinder standardisierte Tests, bei denen unter anderem ihre motorischen und kognitiven Fähigkeiten untersucht wurden. Zusätzlich wurden mögliche Verhaltensauffälligkeiten sowie ein erhöhtes Autismus-Risiko mithilfe etablierter Screeningverfahren erfasst.
Dabei zeigte sich ein Zusammenhang zwischen der Dicke der retinalen Nervenfaserschicht und den späteren Testergebnissen: Kinder mit einer dickeren retinalen Nervenfaserschicht erreichten im Durchschnitt bessere Werte bei den motorischen und kognitiven Tests.
Auch beim Verhalten zeigten sich Zusammenhänge: Bei Kindern mit einer dickeren retinalen Nervenfaserschicht fielen die Werte im niedriger aus. Das kann mit einem geringeren Risiko für Auffälligkeiten im Autismus-Screening vereinbar sein. Wichtig ist aber: Der Test dient als Screening und kann keine Autismus-Diagnose stellen.
Auch eine größere Dicke der Aderhaut stand mit besseren motorischen Fähigkeiten in Verbindung. Für den Zusammenhang mit der späteren neurodevelopmentalen Entwicklung erwies sich die Messung der retinalen Nervenfaserschicht jedoch als aussagekräftiger.
Kann ein Augen-Scan künftig Hinweise auf die Entwicklung eines Frühchens geben?
Das ist die spannende Frage, die sich aus den Ergebnissen ergibt. Die Studie liefert Hinweise darauf, dass bestimmte Strukturen der Netzhaut möglicherweise mit der späteren motorischen, kognitiven und verhaltensbezogenen Entwicklung sehr früh geborener Kinder zusammenhängen.
Wichtig ist allerdings:
Die Forschenden haben einen Zusammenhang zwischen der Struktur der Netzhaut und den Ergebnissen im Alter von zwei Jahren beobachtet. Ob sich daraus tatsächlich eine zuverlässige Methode zur frühen Einschätzung von Entwicklungsrisiken entwickeln lässt, muss in weiteren Studien mit größeren Gruppen untersucht werden.
Sollte sich der Zusammenhang in weiteren Untersuchungen bestätigen, könnte Methode eines Tages dabei helfen, Entwicklungsrisiken früher zu erkennen und Kinder gezielter zu unterstützen.
Bis dahin sind die Ergebnisse vor allem ein interessanter Forschungsansatz – und ein weiterer Hinweis darauf, wie eng die Entwicklung von Auge und Gehirn miteinander verbunden sein könnte.
Ist dein Baby zu früh auf die Welt gekommen? Wie war diese erste Zeit für euch?
Können die Augen deines Babys Gesundheitsrisiken zeigen?
Von
Lena Krause
10. August 2026