Veränderungen meistern

Kinder müssen in ihrem Leben viele kleine und große Neuanfänge meistern und sich von Freund:innen, Erzieher:innen oder gar dem Wohnort verabschieden. Wie unterstützt man sie am besten? Autorin Julia Allmann hat Antworten.

Inhalt dieses Artikels

    Die Sommerferien sind nicht nur die Zeit von Urlaub, Freibad und Eisdiele: Sie sind auch oft eine Zeit des Abschieds. Vielleicht kommt dein Kind in die Schule und nimmt vom geliebten Kita-Umfeld Abschied. Vielleicht steht der Wechsel von der U3- in die Ü3-Betreuung an. Oder dein Kind bleibt, wo es ist, aber die Freund*innen nicht. Sie gehen von der Kita in die Schule und sind nicht mehr täglich an der Seite oder – noch viel tiefgreifender: Die Familie nutzt die Zeit vor der Einschulung für einen Umzug.

    Für viele Eltern ist das die letzte gute Gelegenheit, die Stadt zu wechseln, wieder in die Heimat zu ziehen und vor dem Start ins Schulleben neu anzufangen.

    Für dein Kind bedeuten all diese Szenarien: Sicherheit bricht weg, gewohnte Freund*innen fehlen, vieles muss sich neu sortieren. Warum das für Kinder so schmerzhaft ist und was wir als Eltern jetzt tun können – das zeigen wir hier.

     

    Warum die Abschiede so schmerzhaft sind

    „Freundschaften sind für die soziale und emotionale Entwicklung von Kindern von großer Bedeutung“, sagt Dr. Snjezana-Maria Schütt, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin, die als „die Kinderherztin“ bekannt ist. „Das Bedürfnis, auch außerhalb der Familie mit den eigenen Interessen, Gedanken und Gefühlen gesehen, verstanden und von Gleichaltrigen angenommen zu werden, wird mit zunehmendem Alter immer wichtiger.“ Dabei kommt es nicht auf die Anzahl der Freundschaften an, sondern auf die Qualität:

    „Schon eine oder wenige enge Freundschaften, in denen sich ein Kind sicher, verstanden und wertgeschätzt fühlt, können für das Gefühl von Zugehörigkeit und die seelische Entwicklung von großer Bedeutung sein.“

    Dr. Snjezana-Maria Schütt

    Kinderherztin Dr. Snjezana-Maria Schütt verrät gute Tipps im Umgang mit Abschieden.
    Kinderherztin Dr. Snjezana-Maria Schütt verrät gute Tipps im Umgang mit Abschieden. Foto: privat

    Außerdem geben Freundschaften uns das Gefühl, die engen Bezugspersonen verlässlich um sich zu haben, den Kindern Sicherheit. „Das Gefühl von Sicherheit ist für eine gesunde körperliche und seelische Entwicklung von Kindern enorm wichtig. Kinder brauchen das Erleben von Verlässlichkeit, Geborgenheit und emotionaler Sicherheit, um ihre Umwelt neugierig erkunden und Vertrauen in sich selbst und andere aufbauen zu können“, so die Expertin.

    „Auch für die psychische Widerstandskraft, die sogenannte Resilienz, also die Fähigkeit, Belastungen zu bewältigen und sich nach schwierigen Erfahrungen wieder zu stabilisieren, spielt dieses Sicherheitsgefühl eine wichtige Rolle.“

    Klar ist also:

    Wir sollten es nicht übergehen oder herunterspielen, wenn unsere Kinder Freund:innen verlieren, sondern es ernst nehmen. Es ist unsere Aufgabe, in dieser Zeit an der Seite zu sein.

    Wie sagen wir es ihnen?

    Oft haben wir Erwachsenen einen Wissensvorsprung: Wir erfahren von einem anstehenden Umzug eher, haben die regulären Wechsel in den Sommerferien deutlicher im Kopf als die Kids.

    Damit die Kleinen von der Nachricht nicht immer wieder am Rande erfahren und sich ein komisches Gefühl einschleicht, dass irgendwas nicht stimmt, helfen diese Tipps:

    • Die Trennung benennen: Wir sagen klar, dass ein Abschied bevorsteht, dass das nicht zu verhandeln ist. Ist das Kind alt genug, um Zeiträume zu verstehen, sagen wir, wann die Trennung passieren wird oder stellen das bildlich dar.

    • Die Gründe erklären: Es ist wichtig, dass Kinder nicht das Gefühl bekommen, dass sie es sind, die bewusst verlassen werden. Für den Abschied gibt es Gründe, die nichts mit unserem Kind zu tun haben, diese müssen wir klar aufzählen.

    • Einen Plan aufzeigen: Was passiert, wenn die Trennung ansteht, wie wird sie ablaufen, wann kann man noch einmal „Tschüss“ sagen? Je klarer das kommuniziert wird, desto leichter für die Kinder.

    • Den Verlust nicht herunterspielen: „Die Gefühle des Kindes zu erkennen, ernst zu nehmen und nicht zu relativieren, ist aus meiner Sicht besonders wichtig“, sagt Snjezana-Maria Schütt. „Sätze wie „Du findest bestimmt schnell neue Freunde“ oder „Das wird schon wieder“ sind zwar gut gemeint, helfen dem Kind in diesem Moment jedoch meist wenig.“ Sinnvoller seien Botschaften wie: „Ich sehe, wie traurig du gerade bist. Das ist vollkommen in Ordnung. Ich bin bei dir.“ Das Gefühl, verstanden zu werden und mit dem eigenen Schmerz nicht allein zu sein, wirke häufig entlastend.

    Können Kinder Abschiede lernen? Ja, das geht. Foto: Unsplash
    Können Kinder Abschiede lernen? Ja, das geht. Foto: Unsplash

    Wie unterschiedlich Kinder reagieren

    Je nach Alter wird dir dein Kind nicht sagen: „Mama, es geht mir gerade schlecht, weil die Lotta nicht mehr in meine Kita geht.“ Aber wenn es unter dem Trennungsschmerz leidet, siehst und erlebst du es auf andere Art: Bei einigen Kindern – vor allem im Kindergartenalter – kann das Verlustgefühl zu einer Regression, also Zurückentwicklung führen: Zum Beispiel schlafen Kinder plötzlich nicht mehr im eigenen Bett, obwohl es für sie selbstverständlich war.

    Andere Kinder verarbeiten die Trennung im Spiel: Mit Puppen, Kuscheltieren oder Playmobil-Figuren spielen sie zum Beispiel die Abschiedsfeier für die Freundin in der Kita nach – vielleicht spielen sie auch, dass die Freundin doch nicht umzieht, weil sie es sich so sehr wünschen. All das gehört dazu und du kannst deine Kinder gut begleiten, indem du ihnen ganz viel Nähe und Sicherheit gibst.

    „In solchen Phasen können Eltern die emotionale Sicherheit zu Hause ganz bewusst stärken: Durch gemeinsame Zeit, Nähe, verlässliche Routinen und die Erfahrung, mit allen Gefühlen willkommen zu sein“

    Dr. Snjezana-Maria Schütt

    Manchen Kindern hilft es auch, Bücher über ähnliche Erfahrungen zu lesen, zum Beispiel „Das allerbeste Baumhaus der Welt“ oder „Kopf hoch, kleiner Waschbär“.

    „Sollte ein Kind nach einer solchen Erfahrung jedoch anhaltend belastet wirken, sich zunehmend zurückziehen, Ängste entwickeln oder wiederholt unter körperlichen Beschwerden ohne erkennbare Ursache leiden, ist es sinnvoll, das Gespräch mit der Kinderärztin oder dem Kinderarzt zu suchen“, so Snjezana-Maria Schütt.

    Rituale und Feste können auch dabei helfen, Abschiede zu verarbeiten. Foto: Unsplash
    Rituale und Feste können auch dabei helfen, Abschiede zu verarbeiten. Foto: Unsplash

    Den Abschied feiern: mit Festen oder Ritualen

    Gehen wir von dem Szenario aus, dass eine befreundete Familie in den Sommerferien wegzieht: Dann kann es den Schmerz verstärken, wenn sich auch die Erwachsenen mit Tränen in den Augen in den Armen liegen – gleichzeitig ist es für alle eine schöne Gelegenheit, bewusst Abschied zu nehmen.

    Und für die Kinder ist klar: Jetzt steht die Trennung bevor, sie werden sich an diese Abschiedsfeier erinnern, es ist ein klarer Abschiedspunkt. Gibt es ein solches Fest nicht, können wir kleine Abschiedsrituale gestalten: Ein gemeinsames Foto von den Kindern machen und es mit einem selbstgebastelten Rahmen verzieren, eine Erinnerungskiste erstellen mit Dingen, die man gemeinsam gesammelt hat oder mit Fotos von gemeinsamen Erlebnissen – die Möglichkeiten sind vielfältig, hier kommt es stark auf das Kind und die Freundschaft an, was passt.

    Schön sind auch Abschiedsgeschenke für die Freund*innen, von denen man sich trennt: zum Beispiel ein Fotopuzzle mit gemeinsamen Bildern oder ein kleines Fotobuch, das man zum Abschied schenkt. Bekommen das beide Kinder, haben sie so eine andauernde Erinnerung an ihre Freundschaft.

     

    Bald wiedersehen: Ja oder nein?

    Es kann Kindern helfen, wenn man vor der Trennung bereits ein Wiedersehen in Aussicht stellt. Gleichzeitig unterstützt es beiden Seiten, wenn man die Möglichkeit bekommt, sich in der neuen Situation ohneeinander einzuleben. Hier führt der beste Weg meist in die Mitte: Wir stellen – wenn möglich – ein Wiedersehen in Aussicht, machen aber auch klar, dass diese Freundschaft sich verändern wird, dass man künftig keinen Alltag mehr teilt. In der Zwischenzeit hilft es manchen Kindern, wenn man sich gegenseitig Karten schickt oder mal ein (Video-)Telefonat gemeinsam mit den Eltern durchführt.

    Eine gewohnte Umgebung sowie gute Freunde bedeuten Sicherheit, wenn diese wegfällt, braucht es mehr Support von uns Eltern.
    Eine gewohnte Umgebung sowie gute Freunde bedeuten Sicherheit, wenn diese wegfällt, braucht es mehr Support von uns Eltern. Foto: Unsplash

    Und wie geht es jetzt weiter?

    Wie anfangs gesagt: Bei Abschieden von engen Freund*innen bricht ein Stück Sicherheit weg. Deshalb ist es wichtig, dass wir als Eltern dafür sorgen, dass möglichst viel Sicherheit erhalten bleibt. Es kann sein, dass unsere Kinder jetzt besonders viel Nähe brauchen, dass sie jetzt nicht das erste Mal bei anderen Freund*innen allein spielen oder übernachten wollen, dass sie gegenüber uns eine Weile besonders anhänglich sind. Diese Nähe sollten wir den Kindern gehen, um sie durch diese Zeit zu begleiten.

    Gleichzeitig können wir unser Kind gezielt dabei unterstützen, neue Freundschaften zu schließen.

    „Mit der Zeit können Eltern den Blick wieder behutsam nach vorne richten und ihr Kind ohne Druck ermutigen, über Hobbys, Vereine oder gemeinsame Aktivitäten neue Kontakte zu knüpfen.“

    Dr. Snjezana-Maria Schütt

    Geht es darum, dass die größten Kindergartenkinder in den Schulalltag verabschiedet wurden, besprechen wir mit unserem Kind die neue Dynamik der Gruppe und schauen gemeinsam, welche Chancen sich dadurch ergeben. War es ein enger Freund oder die beste Freundin, die gerade weggezogen ist, können wir offen besprechen, welche anderen guten Freund*innen geblieben sind, mit wem die Beziehung vielleicht noch intensiver werden könnte.

    Je nach Alter ist es eine schöne Gelegenheit, ein Gespräch über Freundschaft zu führen: Was ist dir wichtig, was möchtest du mit deinem Freund oder deiner Freundin erleben können? Und welche Kinder fallen dir ein, mit denen das ginge?

    Wichtig ist es, dass Kinder das Vertrauen bekommen, dass es für sie gut weitergeht, dass sie neue enge Bezugspersonen finden, dass es immer Kinder geben wird, die mit ihnen spielen und eine Freundschaft aufbauen wollen.

    Machen unsere Kinder diese Erfahrung und werden sie von uns gut in dieser Phase begleitet, ist es etwas, das sie fürs Leben stärkt, das sie Resilienz entwickeln lässt. Das bestätigt auch die „Kinderherztin“, die hier noch einmal auf das Sicherheitsgefühl der Kinder zurückkommt: „Sicherheit bedeutet nicht, Kinder vor jeder Schwierigkeit im Leben zu bewahren. Im Gegenteil: Kinder dürfen Herausforderungen erleben, allerdings mit dem Wissen, dass sie diese nicht allein bewältigen müssen.“

     

    Was sind eure Erfahrungen mit Abschieden? Habt ihr Rituale? Steht ihr auch vor der Herausforderung? Verratet es uns in den Kommentaren.

    1 Kommentar

  1. User Avatar
    Elisabeth

    Ich finde ja, dass einfach da sein, ehrlich und altersgetreu erklären schon die halbe Miete ist. Und das kann man ja in gefühlt alle Themengebiete ausbreiten, aber schön, wenn man hier noch mal bestätigt bekommt, dass man in der Vergangenheit schon alles richtig gemacht hat  🥰 

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