Fast 80.000 Kinder betroffen
Wie die Tagesschau berichtet, haben die Jugendämter im vergangenen Jahr bei rund 79.800 Kindern und Jugendlichen eine Kindeswohlgefährdung festgestellt. Damit ist die Zahl im Vergleich zu 2024 um etwa zehn Prozent gestiegen.
Besonders erschreckend: Es ist bereits der vierte Höchststand in Folge. Seit Beginn der statistischen Erfassung im Jahr 2012 hat sich die Zahl der festgestellten Fälle mehr als verdoppelt. Auch die Zahl der Verdachtsmeldungen erreichte mit 268.300 Fällen einen neuen Rekord – zwölf Prozent mehr als im Vorjahr.
Was genau bedeutet Kindeswohlgefährdung?
Laut dem Statistischen Bundesamt geht es um Situationen, in denen eine erhebliche Schädigung des körperlichen, geistigen oder seelischen Wohls eines Kindes droht oder bereits eingetreten ist.
Am häufigsten stellten die Jugendämter Vernachlässigung fest. Sie spielte in 58 Prozent der Fälle eine Rolle. In 38 Prozent gab es Hinweise auf psychische Misshandlung, in 29 Prozent auf körperliche Misshandlung. Hinweise auf sexuelle Gewalt wurden in fünf Prozent der Fälle festgestellt. Bei einem Viertel der betroffenen Kinder lagen sogar mehrere Formen der Gefährdung gleichzeitig vor.
Besonders kleine Kinder betroffen
Die Zahlen zeigen außerdem: Besonders junge Kinder sind gefährdet.
Mehr als die Hälfte der betroffenen Kinder war höchstens acht Jahre alt. Jedes vierte Kind war sogar vier Jahre oder jünger. Rund 40 Prozent lebten bei beiden Elternteilen, 37 Prozent bei einem alleinerziehenden Elternteil.
Und auch bei der Frage, von wem die Gefahr ausging, gibt es einen traurigen Befund: In etwa 74 Prozent der Fälle ging die Kindeswohlgefährdung ausschließlich oder hauptsächlich von Mutter oder Vater aus.
Warum steigen die Zahlen so stark?
Dass immer mehr Fälle registriert werden, bedeutet allerdings nicht automatisch, dass Kinder heute grundsätzlich häufiger gefährdet sind als früher.
Wie die Tagesschau erklärt, können mehrere Faktoren für den Anstieg verantwortlich sein. Dazu gehören unter anderem
- eine höhere Wachsamkeit beim Thema Kinderschutz
- eine größere Bereitschaft,Verdachtsfälle zu melden
- eine bessere Zusammenarbeit und Qualifizierung von Fachkräften
- sowie gesetzliche Veränderungen
Auch das Deutsche Ärzteblatt berichtet über den neuen Höchststand und weist auf diese möglichen Erklärungen hin.
Das bedeutet:
Hinter der steigenden Zahl können sowohl tatsächlich mehr Gefährdungen als auch eine bessere Erfassung bereits bestehender Fälle stecken.
Viele Fälle bleiben nicht ohne Hilfe
Bei einer Kindeswohlgefährdung geht es für die Jugendämter nicht nur darum, einen Fall zu registrieren. In 91 Prozent der Fälle wurde laut Tagesschau eine Hilfe- oder Schutzmaßnahme vereinbart.
Gleichzeitig zeigen die Zahlen, wie wichtig es ist, Warnsignale ernst zu nehmen. Die meisten Verdachtsmeldungen kamen 2025 von Polizei und Justiz. Aber auch Verwandte, Bekannte, Nachbarn, Schulen und Kitas spielen beim Erkennen möglicher Gefährdungen eine wichtige Rolle.
Woran erkenne ich eine Kindeswohlgefährdung?
Aufmerksam werden sollte man zum Beispiel, wenn ein Kind:
über längere Zeit auffällig ungepflegt oder nicht ausreichend versorgt wirkt
häufig hungrig, sehr müde oder sich selbst überlassen erscheint
plötzlich oder dauerhaft stark verängstigt, zurückgezogen oder ungewöhnlich aggressiv wirkt
wiederholt von Gewalt, Drohungen oder Angst zu Hause erzählt
immer wieder erzählt, dass es allein gelassen wird oder sich zu Hause nicht sicher fühlt
deutliche Veränderungen im Verhalten zeigt, für die es keinen offensichtlichen Grund gibt,
Wichtig ist aber:
Keines dieser Anzeichen bedeutet automatisch, dass ein Kind gefährdet ist. Ein Kind kann einmal ungepflegt im Kindergarten auftauchen, sich zurückziehen oder einen schlechten Tag haben. Auch Familien können durch eine schwierige Phase gehen, ohne dass eine Kindeswohlgefährdung vorliegt.
Es geht deshalb nicht darum, andere Eltern zu beurteilen oder aus einzelnen Beobachtungen vorschnelle Schlüsse zu ziehen. Entscheidend ist das Gesamtbild – und ob die Situation dauerhaft besteht und das Kind darunter leidet.
Ich mache mir Sorgen – was kann ich tun?
Du kannst dich an das zuständige Jugendamt oder eine Beratungsstelle wenden und schildern, was dir konkret aufgefallen ist. Dabei hilft es, bei den eigenen Beobachtungen zu bleiben: Was hast du gesehen oder gehört? Wie oft ist dir etwas aufgefallen? Was genau macht dir Sorgen?
Auch wer sich noch unsicher ist, kann sich zunächst beraten lassen. Das Elterntelefon der „Nummer gegen Kummer“ ist anonym und kostenlos unter 0800 111 0550 erreichbar. Dort können sich Eltern und andere Bezugspersonen beraten lassen, wenn sie sich Sorgen um ein Kind machen oder sich mit einer Situation überfordert fühlen. Das Telefon ist montags bis freitags von 9 bis 17 Uhr sowie dienstags und donnerstags zusätzlich bis 19 Uhr besetzt.
Wenn ein Kind unmittelbar in Gefahr ist, sollte dagegen nicht erst eine Beratung abgewartet werden. In einem akuten Notfall ist die Polizei unter 110 beziehungsweise der Rettungsdienst unter 112 zuständig.
Was ich aus diesen Zahlen vor allem mitnehme:
Wir sollten wieder ein bisschen achtsamer miteinander umgehen.
Gerade im Alltag ist oft so viel los, dass man aneinander vorbeiläuft. Jeder hat seine eigenen Sorgen, seinen Stress, seinen vollen Terminkalender – und manchmal bekommt man gar nicht mehr richtig mit, wie es den Menschen um einen herum eigentlich geht.
Ich finde, zwischen „Das geht mich nichts an“ und „Ich mische mich überall ein“ gibt es einen ziemlich großen Bereich. Und in dem darf man ruhig ein bisschen aufmerksamer sein.
Hast du schon einmal bei einem Kind das Gefühl gehabt: „Irgendwas stimmt hier nicht“? Wie bist du damit umgegangen?
Kindeswohlgefährdungen erreichen neuen Höchststand – was können wir tun?
Von
Emmelie Feurer
14. August 2026