Mama im Rollstuhl

Jahrelang war ihr Körper für sie vor allem eines: anstrengend, schmerzhaft, begrenzt. Doch als Miriam schwanger wird, verändert sich ihr Blick. Zum ersten Mal erlebt sie ihren Körper als Wunder. Und beginnt zu verstehen, dass er nie ihr Feind war.

„Ich bin selbst in der 28. Schwangerschaftswoche als Frühchen zur Welt gekommen – mit einer infantilen Zerebralparese. Seitdem begleitet mich meine Behinderung jeden Tag: Therapien, Krankenhausaufenthalte, Schmerzen und Einschränkungen gehören zu meinem Leben. Aber das war nicht das Schwerste.

 

Das Schwerste war, schon als Kind zu spüren: So wie du bist, bist du zu viel.

In meiner Kindheit war ich von außen betrachtet ‚tapfer‘ – aber innerlich oft einsam. Während andere Kinder gerannt sind, habe ich am Rand gestanden und zugeschaut. Viele wussten nicht, wie sie mit meiner Behinderung umgehen sollten – und ich wusste nicht, wie ich dazugehören konnte.

In der Schule war ich das Mädchen, das ‚besonders‘ war. Manche Kinder waren neugierig, manche freundlich, manche grausam.

Ich habe früh gelernt, dass Anderssein oft Unverständnis und Ausgrenzung auslöst.

Zuhause war die Stimmung angespannt. Meine Eltern ließen sich scheiden. Der neue Mann meiner Mutter, aber auch meine Mutter selbst waren – im Nachhinein betrachtet – absolut am Limit. Das zeigte sich in viel Druck, Kontrolle und auch Gewalt. Gleichzeitig waren sie auch mit meiner Inkontinenz überfordert.

 

Ich war oft ‚die Schmutzige‘.

Ich habe lange geglaubt, ich sei falsch – auch, weil es mir oft gesagt wurde. Ich lernte, dass ich perfekt sein und funktionieren muss, um geliebt zu werden. Traurig sein, wütend sein, laut sein – das war nicht erlaubt. Ich habe meine Bedürfnisse verdrängt, meine Gefühle runtergeschluckt, weil ich Angst hatte, sonst zu viel zu sein.

Ich wurde die Brave. Die Starke. Die, die keine Probleme macht. Das war meine Überlebensstrategie. Ich musste mich innerlich verstecken, um mich zu schützen.
Innerlich war ich voller Scham und Selbstzweifel. Mein Selbstbild war stark geprägt davon, alles zu schaffen, keine Schwäche zu zeigen und mich nicht zu beschweren.

Erst viel später habe ich verstanden, dass Stärke nichts mit „Funktionieren“ zu tun hat – sondern mit dem Mut, ehrlich zu sich selbst zu sein.

 

Verändert hat sich mein Blick durch viele Jahre innerer Arbeit.

Therapie, Coaching, Nervensystemarbeit, Spiritualität und meine Arbeit mit ätherischen Ölen. Schicht für Schicht habe ich alte Muster gelöst. Ich habe begonnen, meine Geschichte nicht mehr als Strafe zu sehen, sondern als Seelenweg.

Früher dachte ich, ich sei dem Schicksal ausgeliefert. Dass ich nicht für dieses Leben gemacht sei. Heute sehe ich es anders: Ich weiß, dass meine Seele vollkommen und wunderschön ist – und dass sie sich genau diesen Körper ausgesucht hat, um hier zu lernen, zu wachsen und Erfahrungen zu machen.

Miriam hat gelernt, sich so anzunehmen, wie sie ist.
Miriam hat gelernt, sich so anzunehmen, wie sie ist. Foto: Privat

Meine Behinderung ist nicht mein Feind.

Sie ist ein Teil meiner Seelenreise. Meine Seele wird immer intakt sein – egal, welche Fähigkeiten mein Körper hat. Ein großer Wendepunkt war die Geburt meiner Tochter. Als ich zum ersten Mal schwanger war, hatte ich große Freude – aber auch viele Ängste.

Niemand konnte mir sagen, wie mein Körper die Schwangerschaft meistern würde. Es gibt nicht viele Frauen mit Behinderung, die schwanger werden. Ich wusste nicht, ob ich genug Kraft haben würde. Ich wusste nicht, wie ich mein Kind tragen sollte oder wie ich den Alltag mit einem Baby schaffen würde.

 

Die Schwangerschaft war körperlich herausfordernd, aber seelisch heilsam.

Alles war ungewiss. Gleichzeitig bin ich in dieser Zeit zum ersten Mal bewusst in Verbindung mit meinem Körper gegangen. Ich habe gespürt, was für ein Wunder mein Körper ist – nicht ausschließlich etwas, das „nicht funktioniert“.

Als meine Tochter auf der Welt war, kam ein tiefes Vertrauen. Ich wusste: Ich werde immer Lösungen finden. Ich habe schon so viel geschafft und überstanden – dann werde ich auch für Hürden in unserem neuen Alltag Lösungen finden.

 

Meine erste Schwangerschaft war für mich der Beginn von dem, was wir unter Selbstliebe verstehen. Sie hat mir gezeigt, wie viel Stärke in mir liegt und wie viel möglich ist, wenn ich mit meinem Körper zusammenarbeite, statt gegen ihn.

Die Geburt war wie ein Tor. Danach war nichts mehr wie vorher. Ich war weicher, offener, bewusster – und gleichzeitig entschlossener, alte Muster zu durchbrechen. Ich habe gesehen, was meine Kindheit angerichtet hat. Und ich wollte unter keinen Umständen, dass mein Kind diese Last weiterträgt.

 

Heute bin ich Mama – und genau da zeigt sich, wie sehr meine Vergangenheit mich geprägt hat.

Ich will, dass meine Tochter ein anderes Zuhause erlebt als ich. Ein Zuhause, in dem sie nie das Gefühl bekommt, sie sei zu viel. Ein Zuhause, in dem sie sich sicher, gesehen und geliebt fühlt – egal, welche Gefühle sie hat. Sie darf laut sein, wild, echt, lebendig. Sie muss nicht funktionieren.

Meine Behinderung macht vieles im Alltag schwieriger. Treppen steigen, Aufräumen, Spielen auf dem Boden oder spontane Ausflüge brauchen mehr Kraft. Es gibt Tage, da fühle ich mich schwach, erschöpft oder überfordert. Manchmal zweifle ich an mir und frage mich: Reiche ich aus, so wie ich bin?

 

Aber dann sehe ich meine Tochter lachen.

Ich sehe, wie sie meine Nähe sucht, wie sie in meinen Armen Ruhe findet. Und ich merke: Es zählt nicht, was ich nicht kann. Es zählt, dass ich da bin. Ich bin jemand, der gelernt hat, trotz Schmerzen, Zweifeln und Grenzen aufzustehen und weiterzumachen.

Vielleicht ist genau das die einzige Wahrheit, die ich meinen Kindern weitergeben will: Stärke bedeutet nicht, keine Schwächen zu haben. Stärke bedeutet, jeden Tag wieder aufzustehen, zu vertrauen – und da zu sein.

 

Inzwischen bin ich in meiner zweiten Schwangerschaft.

Und ich spüre noch einmal deutlicher: Jede Seele bringt ihre eigene Geschichte mit. Ich weiß nicht, wie mein Kind sein wird – aber ich vertraue, dass es genau so richtig ist. So wie ich richtig bin. So wie meine Tochter richtig ist.

Zu meiner Herkunftsfamilie habe ich nur noch sehr begrenzt Kontakt – nur zu den Menschen, die mir guttun. Ich habe erkannt, dass ich mich innerlich schützen muss. Ich wünsche ihnen Frieden, aber ich gehe meinen eigenen Weg. Heute baue ich mir mein eigenes Zuhause – mit Sicherheit, Achtsamkeit, Bindung und echter Nähe.

 

Ihr Mann ist ihr Fels in der Brandung.
Ihr Mann ist ihr Fels in der Brandung. Foto: Privat

Mein Mann ist dabei mein Fels in der Brandung.

Auch er hat eine leichte Behinderung – ihm fehlt der linke Unterarm. Wir sind seit zehn Jahren zusammen, sind durch Höhen und Tiefen gegangen und suchen für jede Herausforderung gemeinsam eine Lösung. Seine Eltern waren anfangs wenig begeistert von unserer Beziehung, aber er stand von Anfang an hinter mir.

Und verdammt ich bin so stolz auf mich – auf uns!

Ich habe bis jetzt alles zusammen mit meinem Mann alleine gemacht. Für draußen habe ich meinen Rollstuhl und drinnen, kann ich weitestgehend ohne Hilfsmittel für mich und meine Kinder sorgen.

Um meinen Mann zu entlasten, da er Vollzeit arbeitet und selbst Therapien hat, habe ich mich entschieden, beim Sozialamt eine Elternassistenz zu beantragen, die mich vor allem draußen mit den Kindern begleiten soll, wenn nötig. Damit ich noch mehr die Mama sein kann, die ich sein möchte.

Leider legt uns das Sozialamt ziemliche Steine in den Weg, aber ich glaube daran das am Ende alles gut wird.

 

Meine Botschaft an andere Frauen, Schwangere und Mütter ist klar:

Du bist nicht falsch, wenn du müde bist.
Du bist nicht falsch, wenn du zweifelst.
Du bist nicht weniger wert, nur weil du nicht alles kannst.

 

Perfektion ist nicht das Ziel – Präsenz ist es. Dein Kind braucht keine perfekte Mutter. Es braucht dich – echt und lebendig, mit all deinen Facetten.

Fehler gehören zur Heilung dazu. Du darfst dir selbst verzeihen und es beim nächsten oder übernächsten Mal immer ein Stück besser machen. Egal, wie schwer dein Weg war: Du darfst neu anfangen. Jeden Tag.

Du darfst dich selbst lieben lernen – und vielleicht ist das das größte Geschenk, das du deinem Kind machen kannst.”

 

Echte Geschichten protokollieren die geschilderten persönlichen Erfahrungen von Eltern aus unserer Community.

Miriam gibt auch auf Instagram Einblicke in ihr Leben, schau gerne bei @miriam.frankhaenel vorbei

Hast du auch manchmal mit Zweifeln zu kämpfen, ob du eine gute Mama bist? Tausche dich gerne in den Kommentaren aus!

2 Kommentare

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    Sunny

    Hallo ich heisse Sonja, und ich bin eine alleinerziehende Mama mit Behinderung. Ich bin auf den Rollstuhl angewiesen, hab aber auch eine Prothese die aber immer nicht passt und ich das ding nicht wirklich mag. Ich hab eine grosse Tochter mit 19 da hatte ich mein Unfall noch nicht, der war 2019. Ich wollte aber immer 2 Kinder, als ich dann 2021 erneut nach endlich so langer zeit wieder schwanger wurde freute ich mich riesig. Meine Mutter und Umfeld allerdings nicht wirklich. Es kamen Sätze wie, denk dran du bist 90% behindert, wie willst das schaffen, vor allem wenn es dann zum laufen anfängt wie willst ihm hinterher kommen, oder das arme Kind es wird gehänselt werden weil ihre Mama anders ist. Ich war in einer Schwangerschaftsberatung und sie hätten mir eine Abtreibung übernommen, aber ich konnte es nicht dafür hab ich es mir einfach zu sehr gewünscht, und musste 16 jahre drauf warten. Mein Herz und Verstand meldeten sich da beide, mein Herz am weinen „mach das nicht du hast es dir doch so sehr gewünscht“, und der Verstand „du schaffst das, du hast schon soviel alleine geschafft, und das Kind wächst damit auf“. 2022 kam dann mein Nachzügler Nesthäcken zur Welt. Wieder eine wunderschöne Tochter. Und ja es war hart, ich hatte erneut einen Kaiserschnitt und danach Komplikationen und noch mal eine Not OP. Keiner war wirklich für mich da weder meine Mutter noch das Personal im Krankenhaus. Aber mir war das egal, denn ich vertraute auf mich und meiner Stärke. Heute ist Sie schon 3 geht in den Kindergarten und wächst damit auf. Mir wurden sehr viele Steine in den Weg gestellt und ich war oft am Boden und mit meiner Kraft am Ende, aber nicht wegen mein Engelchen sondern vom Druck von außen. Meiner kleinen macht es nichts aus wie ich bin, sie weiss ich bin anders und kann nicht alles wie eine gesunde Mama, sie hilft mir mit ihren 3 jahren so gut sie kann, sie muss es nicht will es aber, sie hört wenn wir auf der Straße unterwegs sind, und wenn sie auf mich angesprochen wird erzählt sie die Geschichte warum mama im Rollstuhl sitz. Ich bin so stolz auf sie, und möchte sie nicht missen. Bin so froh das sie geboren ist, und ich mich nicht beirren ließ, und auf mein Herz und Verstand hörte und vertraute und mich für sie entschieden habe.Anderen Müttern mit Handicap möchte ich noch an die Hand geben…. Zweifel sind ok, wir haben es schwerer ja, aber wir können es genauso schaffen. ❤️

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      Lena

      Liebe Sonja,

      vielen Dank, dass du deine Geschichte hier mit uns teilst.🥰
      Es berührt uns sehr, wie offen du von deinem Weg erzählst – von den Zweifeln, dem Druck von außen, aber auch von deiner Stärke und der großen Liebe zu deiner Tochter. Deine Worte zeigen sehr eindrücklich, wie viel Kraft Mütter mitbringen, auch wenn andere ihnen das oft nicht zutrauen. Und wie wichtig es ist, auf das eigene Herz und den eigenen Weg zu hören.

      Besonders schön ist zu lesen, wie selbstverständlich deine kleine Tochter mit deiner Situation umgeht und wie stolz du auf sie bist. Kinder wachsen oft viel offener mit solchen Realitäten auf, als viele Erwachsene denken.

      Danke, dass du anderen Mamas mit Handicap mit deiner Geschichte Mut machst.💛
      Wir wünschen dir und deinen beiden Töchtern weiterhin ganz viel Kraft, Unterstützung und viele schöne gemeinsame Momente.

      Alles Liebe!