Ein Interview mit „Hand, Fuß, Mund"

Dr. med. Nibras Naami und PD Dr. med. Florian Babor klären als „Hand, Fuß, Mund“ Eltern über Kinderkrankheiten und Gesundheitsmythen auf – verständlich, direkt und millionenfach geklickt.

Inhalt dieses Artikels

    Wir haben das Duo zum Interview getroffen und gefragt, bei welchen Themen Eltern am häufigsten ihren Rat suchen, was Florian und Nibras machen, wenn sie nicht als „Hand, Fuß, Mund“ oder im Krankenhaus unterwegs sind und ob es eigentlich nervt, immer mit einer gemeinen Kinderkrankheit in Verbindung gebracht zu werden.

    Aber lest am besten selbst:

    Wie kommen zwei Ärzte dazu, sich vor ein Podcast-Mikro zu setzen und als Kinderarzt-Duo die Social-Media-Welt aufzumischen?

    Florian: „Wir hatten vor mittlerweile fast sechs Jahren die Idee, gemeinsam einen kindermedizinischen Podcast zu machen, denn das gab es zu dem Zeitpunkt nicht. Die Vorstellung eines Podcasts hat uns sofort gefesselt und von dem ersten Brainstorming bis zur Veröffentlichung der Pilot-Episode lagen nur wenige Tage – und seitdem sind wir wöchentlich am Ausstrahlen. Zum Podcast gehört natürlich auch eine gewisse Internet-Präsenz und so ist beispielsweise unser Instagram-Account entstanden, der in den letzten Jahren rasant gewachsen ist.

    Wir haben unglaublich viele Menschen gefunden, die Interesse an unseren Themen haben. Jetzt haben wir gerade die 620.000-Follower-Marke überschritten und das ist natürlich für uns der pure Wahnsinn, weil wir über Themen aufklären können, die uns am Herzen liegen.“

     

    Wo habt ihr beide euch eigentlich kennengelernt?

    Nibras: „Am liebsten würde ich jetzt sagen, dass wir uns schon aus dem Sandkasten kennen, weil es sich manchmal so anfühlt. Tatsächlich haben wir uns aber erst Anfang 2019 kennengelernt, als mich ein Klinikwechsel nach Düsseldorf an die Uniklinik verschlug. Dort haben wir dann zusammen in einem Team für einige Jahre gearbeitet. Du, Florian, warst ja da schon viel länger als ich an der Klinik und durch die Zusammenarbeit in der Abteilung für Kinderonkologie haben wir zueinander gefunden – und schnell gemerkt, dass der andere auch für kreative und sinnvolle Projekte zur Kindergesundheit zu haben. So entstand die Idee für „Hand, Fuß, Mund“.“

    Wieso heißt ihr „Hand, Fuß, Mund“ – wie eine Kinderkrankheit?

    Florian: „Ja, es ist ein etwas unorthodoxer Name, zugegebenermaßen. Wir haben natürlich am Anfang so ein bisschen hin und her überlegt, wie wir uns am besten oder am kreativsten nennen können.

    Der Name „Hand, Fuß, Mund“ erinnert zwar an eine ganz unangenehme Kinderkrankheit, aber deswegen passt sie ja auch so gut zu uns und zu unseren Themen.

    Andererseits, wenn man es jetzt den Namen bildlich nimmt: „Hand, Fuß, Mund“ beschreibt uns auch bildlich, weil wir im Podcast immer wild mit unseren Händen und Füßen gestikulierend – und natürlich auch mit unseren Mündern sprechend unterwegs sind. Diese Doppeldeutigkeit gefällt uns.“

     

    Über eure Kanäle bekommt ihr tagtäglich hunderte Fragen von besorgten Eltern. Welche ist die häufigste?

    Nibras: „Eine Frage, die wir ganz oft hören: „Wann muss ich mit Fieber zum Kinderarzt?“ Natürlich können wir das nicht pauschal beantworten, sondern möchten einfach nur nochmal sagen, dass das Thema Fieber unfassbar viele Eltern beschäftigt. Es ist das häufigste Symptom, das kranke Kinder bekommen. Kein Elternteil kommt am Fieber vorbei.

    Bei einer Familie kommt es seltener vor, bei anderen häufiger und natürlich fragen sich alle Eltern, wie man bei Fieber richtig handelt und wir wollen dann immer darüber aufklären, dass

    a) Fieber ein Symptom und keine Krankheit ist

    b) Fieber auch vom Körper (zu einem gewissen Teil) für die Immunreaktion gewünscht ist

    c) Es sehr wichtig ist zu gucken, wie es dem Kind sonst geht. Also auch, ob es begleitende Symptome gibt und dann würden wir immer aus dem Gesamtbild entscheiden, ob man ärztliche Hilfe benötigt oder nicht.“

     

    Welche Resonanzen auf Social Media verwundern, erschrecken oder erstaunen euch?

    Florian: „Wir bekommen ganz unterschiedliche Rückmeldungen. Da sind natürlich ganz erfreuliche und rührende Kommentare von Eltern dabei, die uns zum Beispiel feedbacken, dass sie durch unsere Videos, durch unsere Podcasts über Themen informiert worden sind, die dann bei ihrem Kind hilfreich waren. Sie haben dann beispielsweise festgestellt, dass ihr Kind wirklich eine schwere Erkrankung ausbrütet und da sich es durch uns im Anfangsstadium erkannt haben, konnten sie rechtzeitig in die Klinik fahren. Das ist für uns natürlich genau das, was wir bezwecken möchten: Eltern informieren und ihnen das an die Hand geben, was sie wirklich umsetzen können.

    Und dann gibt es natürlich auch etliche Anfragen, die uns sehr erstaunen und zum Teil auch erschrecken, weil sie uns zeigen, wie wenige Ansprechpartner:innen einige Eltern für die Gesundheitsthemen ihrer Kinder haben. Uns werden oft Fotos von Ausschlägen geschickt oder Symptome geschildert und die Eltern wünschen sich von uns eine zweite oder dritte Meinung. Diese Themen lassen sich übers Internet oder per E-Mail natürlich gar nicht beantworten.

     

    Es zeigt einfach, wie verzweifelt viele Eltern auf der Suche nach vertrauensvollen Personen sind, die ihnen zur Erkrankung ihres Kindes Informationen an die Hand geben können.

    Das ist schon sehr erschreckend manchmal.“

     

    Woran liegt es, dass es so viele Kommunikationshürden zwischen den lokalen Kinderärzten und uns Eltern gibt?

    Nibras: „Eine Hürde können wir sicherlich definieren: die Zeit. Zeit ist ein rares Gut in der Medizin und so auch in der Kindermedizin – sei es in der Klinik oder in der Praxis.

    Damit man wirklich alle Fragen klären kann, benötigt man Zeit. Wenn es jetzt nur um einen banalen Schnupfen oder eine kleine Mittelohrentzündung geht, bekommt man das auch in den wenigen Minuten, die die Kinderärzte in der Praxis zur Verfügung haben hin. Wird es aber komplexer, besteht eine kleine Sprachbarriere oder gibt es noch irgendwelche anderen zusätzlichen Themen, die noch mit besprochen gehören, wird es sehr knapp.

    Da kommen wir eben ins Spiel. Unsere Idee ist auch die Dinge, für die wenig Zeit in der Praxis bleibt, auf unseren Kanälen ausführlich zu besprechen. Also zum Beispiel hat ein Kind die Grippe. In der Praxis sagt der Kinderarzt: „Ja, das Kind hat die Grippe. Das Kind bleibt eine Woche zu Hause, muss viel trinken. Das wird schon.“

    Doch Eltern wollen mehr darüber erfahren und hören sie sich eben bei uns die Podcast-Folge zum Thema Grippe an. Die geht dann 40 Minuten und da versuchen wir alle Aspekte und Fragen abzudecken. Danach fühlen sich die Eltern gut informiert oder können sich sogar auf die Sprechstunde beim Arzt vorbereiten und ihre Fragen klar formulieren, weil sie mehr über die jeweilige Krankheit wissen.“

     

    Apropos, es gibt ja auch einige Kinder, die überhaupt nicht gerne zum Kinderarzt gehen, weil sie Angst haben. Was würdet ihr den Eltern eines solchen Kindes raten?

    Florian: „Also mein erster Rat wäre, dass die Eltern auf der Seite des Kindes stehen und nicht zum Beispiel dem Personal in der Kinderarztpraxis dabei helfen sollten, das Kind festzuhalten, wenn es geimpft oder wenn Blut abgenommen wird.

    Besser wäre es, wenn man dem Kind vermittelt: „Mama und Papa stehen auf meiner Seite und verfolgen mit mir grundsätzlich meine Interessen.“

    Ein zweiter Aspekt, der wichtig ist: immer eine positive Assoziation bei einen vielleicht nicht angenehmen Kinderarztbesuch mit einbauen wie eine Art Belohnung – das müssen keine Süßigkeiten und auch kein Eis sein. Aber so weiß das Kind zum Beispiel, dass nach dem Arztbesuch noch etwas Schönes unternommen wird wie ein Besuch auf einem besonderen Spielplatz. So gibt es dann eine Besonderheit, auf die man sich freuen kann.

    Und drittens: Es kann auch helfen, sich Kinderbücher über Arztbesuche anzuschauen. Es gibt da ganz viele unterschiedliche Geschichten für jedes Alter. Wir haben auch zwei Bücher geschrieben, damit sich Eltern und ihre Kinder genau in solchen Momenten, mental auf einen Kinderarztbesuch vorbereiten können. Das kann die Angst vielleicht schon ein wenig nehmen.“

     

    Wie schafft ihr es beide, die Schicksale, die euch tagtäglich begegnen, nicht mit nach Hause zu nehmen?

    Nibras: „Da ist natürlich eine schwierige Frage. Wir nehmen alle was mit nach Hause. Es ist uns wichtig, dass wir sehr gewissenhaft arbeiten, weil es um Kinder geht. Es ist das höchste, teuerste Gut. Wenn wir alles gegeben haben, können wir auch mit einem besseren Gefühl nach Hause gehen und es hilft mir auch zu wissen, dass sich diese Schicksale auch ereignet hätten, wenn ich nicht da gewesen wäre.

    Kinder werden krank, das gehört zum Leben dazu und ich sage mir, dass ich die Chance habe, dabei zu helfen, dass es hoffentlich gesund wird.

    Aber auch, dass ich mit meiner Art und Weise den Krankenhausaufenthalt für das Kind so angenehm wie möglich machen kann. Ich bemühe mich immer, etwas Leichtigkeit rein zu bringen und in der Kombination aus diesen beiden Aspekten schaffe ich es doch, viele Themen auf der Arbeit zu lassen und nicht mit nach Hause zu nehmen.“

     

    Was macht ihr beide gerne, wenn ihr nicht im Krankenhaus oder auf Social Media unterwegs seid?

    Florian: „Wir haben ja nicht nur den Job in der Klinik, den wir zu 100 Prozent ausfüllen, sondern eben auch noch unser „Hand, Fuß, Mund“-Projekt, unser zweiter Job.

    Insofern geht viel Zeit für diese beiden Berufe drauf und was dann natürlich gleich als nächstes kommt, ist unsere Familie. Mit vier Kindern und einer Frau versuche ich dann in der Freizeit so viel wie möglich mit den Kleinen zu verbringen oder mit der ganzen Familie. Gleichzeitig versuche ich auch, mich selbst nicht zu vergessen.

    Mir ist ganz wichtig, regelmäßig Sport zu treiben, weil ich lange für meine Familie da sein möchte. Und das ist meiner Meinung nach nur möglich, wenn man sich gesund und fit hält und so hoffentlich bis ins hohe Alter mit den nächsten Generationen mithalten kann.“

    Nibras: „Das trifft auch alles auf mich zu, bis auf den Sportaspekt, da kann ich noch nicht mithalten. Aber gerade was du zur Familie gesagt hast, das würde ich auch genauso unterschreiben. Bei mir kommt vielleicht noch das Thema Ernährung dazu, was mich total beschäftigt.

    Daher kommend, dass ich einfach schon immer gerne gekocht und mich mit Ernährung beschäftigt habe, beschäftige ich mich jetzt intensiver mit dem Thema Kinderernährung und schaue, wie man es schafft, dass das zweijährige Kind, das anfängt wählerisch zu werden, auch gut ernährt wird.“

     

    Zu guter Letzt: Welcher außergewöhnliche Fall bleibt euch bis heute in Erinnerung?

    Nibras: „Also natürlich unterliegen wir der ärztlichen Schweigepflicht und dürfen nicht über einzelne Fälle ausführlich sprechen. So wie die meisten Menschen nicht sagen können, was ihr Lieblingsfilm oder Buch ist, kann ich auch nicht sagen, was der außergewöhnlichste Fall ist. Es sind einfach ganz, ganz viele. Und dadurch, dass wir in dem sehr sensiblen und auch emotional aufgeladenen Bereich der Kinderonkologie arbeiten, haben wir wahrscheinlich beide etliche Fälle vor Augen, die in Erinnerung geblieben sind.

    Manchmal ist die Diagnosegeschichte eines Kindes ziemlich krass, weil es aus Krisenländern geflohen ist und wir sie jetzt bei uns behandeln können. Das sind immer wahnsinnig emotionale Geschichten.

    Und natürlich sind das auch Fälle, wo man erst dachte, dass es mit der Therapie nicht gut läuft – und dann reißt man mit dem Kind das Ruder rum und es wird doch wieder gesund.

    Alle ziehen zusammen an einem Strang, um das zu ermöglichen. Traurigerweise müssen wir aber auch sagen, dass es Geschichten, die nicht gut enden. Die müssen wir hier auch nennen, denn wir wenn sie weglassen würden, wäre es nicht fair, denjenigen gegenüber, die eine Erkrankung nicht besiegt haben.

    Diese Fälle sind mindestens genauso emotional, genauso in Erinnerung bleibend und die gehören einfach mit dazu. Aber insgesamt lieben wir mit allen Höhen und Tiefen, was wir tun – und bekommen auch viel von unseren Patient:innen, Hörer:innen sowie Leser:innen zurück.“

     

    Danke für das schöne Gespräch, ihr beiden!

     

    Habt ihr Fragen an „Hand, Fuß, Mund“, die ihr schon immer loswerden wolltet?

    Dann kommentiert sie hier in die Kommentarspalte und wir leiten sie an Florian und Nibras weiter: