„Warum jetzt? Warum genau jetzt?“ – Aleksandra hatte endlich die Familie, von der sie immer geträumt hatte. Dann erhielt sie mit Baby im Arm einen schlimmen Befund.

Inhalt dieses Artikels

    „Mein Name ist Aleksandra und der Weg zu meinen Kindern war alles andere als einfach. Ich erlitt Fehlgeburten, hatte eine Eileiterschwangerschaft, bei der mir ein Eileiter entfernt werden musste, und durchlief zweimal eine künstliche Befruchtung.

    Kinder zu bekommen war für mich nie selbstverständlich. Es war ein langer und schmerzhafter Weg voller Hoffen, Bangen und Rückschläge.

    Wir waren überglücklich, als meine ältere Tochter zur Welt kam.

    Doch auch meine zweite Schwangerschaft wurde zu einer der schwierigsten Zeiten meines Lebens. Bereits in der 12. Schwangerschaftswoche bekam ich vorzeitige Wehen.

    Mein Baby war zu diesem Zeitpunkt noch nicht lebensfähig. Ich musste operiert werden, um die Schwangerschaft so lange wie möglich zu erhalten.

    Ich werde nie vergessen, wie ich in diesem kalten Operationssaal lag, umgeben von fremden Menschen, und nur einen Gedanken hatte: Werde ich mit meinem Baby im Bauch wieder aufwachen?

    Zum Glück ist die OP gut verlaufen.

    Doch die Schwangerschaft blieb eine tägliche Herausforderung.

    Ich durfte kaum laufen, musste mich viel schonen und hatte gleichzeitig eine kleine Tochter zu Hause, die gerade einmal ein Jahr alt war.

    Mein Mann arbeitet bei der Polizei und hatte oft lange Dienste. Unsere Familien halfen, wo sie konnten, doch auch sie hatten Arbeit und Verpflichtungen.

    Aleksandra mit ihrer Tochter im Krankenhaus.
    Aleksandra mit ihrer Tochter im Krankenhaus. Foto: Privat

    Psychisch fiel ich in dieser Zeit in ein tiefes Loch.

    Jeden Tag hatte ich Angst, dass die Schwangerschaft zu Ende sein könnte. Jeden Tag informierte ich mich darüber, welche Entwicklungsschritte mein Baby bereits geschafft hatte und welche Organe schon ausgereift waren. Ich lebte von Woche zu Woche, manchmal sogar nur von Tag zu Tag.

    Am Ende kam auch meine zweite Tochter gesund zur Welt. Ich dachte, wir hätten den schwersten Kampf hinter uns.

    Aleksandra hatte sehr schwierige Schwangerschaften.
    Aleksandra hatte sehr schwierige Schwangerschaften.

    Doch während ich noch im Wochenbett war, erhielt ich einen Anruf meines Frauenarztes. Ein Krebsabstrich war auffällig.

    Dieser Abstrich war eigentlich nur zufällig gemacht worden.

    Wenige Monate zuvor hatte ich bereits einen unauffälligen Abstrich gehabt. Mein Arzt hatte versehentlich noch einmal einen gemacht und die Probe trotzdem eingeschickt.

    Genau dieser Zufall veränderte alles. Am Telefon sagte man mir nur, dass der Befund PAP IV sei und ich dringend kommen müsse. Ich wusste damals nicht einmal, was das bedeutete.

    Als ich am nächsten Tag in der Praxis saß, erklärte man mir, dass der Verdacht auf bösartige Veränderungen bestehe und eine Biopsie notwendig sei.

    Ich legte mich direkt auf den Untersuchungsstuhl.

    Die Biopsie war schmerzhaft. Ich weinte viel. Nicht nur wegen der körperlichen Schmerzen, sondern weil alles so schnell ging.

    Neben mir stand mein Mann mit unserem Neugeborenen. Ich war gerade erst Mutter geworden und plötzlich fiel zum ersten Mal das Wort Karzinom.

    Meine erste Frage an den Arzt war: ‚Was ist eigentlich ein Karzinom?‘ Er sah mich überrascht an und antwortete: ‚Karzinom bedeutet Krebs.‘

    Bis zu diesem Zeitpunkt waren mein Mann und ich so weit von diesem Thema entfernt gewesen, dass wir nicht einmal wussten, wie Krebs medizinisch bezeichnet wird. Nach der Biopsie wurde die Wunde versorgt und verödet. Danach wurde ich nach Hause geschickt.

    Doch plötzlich begann die Wunde wieder zu bluten.

    Da mein Frauenarzt bereits geschlossen hatte, kontaktierte ich das Krankenhaus. Die Ärzte dort sagten mir, dass die Blutung nicht normal sei, und ich fuhr noch in derselben Nacht ins Krankenhaus. Dort wurde die aufgegangene Wunde vernäht und ich blieb zwei Nächte zur Beobachtung.

    Danach durfte ich nach Hause, doch einige Tage später ging die Wunde erneut auf.  Zunächst blutete sie nur leicht, in der Nacht wurde die Blutung aber immer stärker,

    Erst redete ich mir ein, dass das normal sei.

    Aber nächsten Morgen wachte ich auf und lag in einer Blutlache. Das gesamte Bett war voller Blut. Auch meine zweijährige Tochter, die neben mir geschlafen hatte, lag darin.

    Mein einziger Gedanke war: Bitte lass meine Tochter nicht aufwachen und das sehen. Doch sie wachte auf. Ich werde ihren Blick niemals vergessen

    Gleichzeitig schrie mein Neugeborenes. Trotz Schmerzen und Schwäche nahm ich meine Tochter in den Arm, brachte sie ins Wohnzimmer, schaltete den Fernseher ein und versuchte, ihr Sicherheit zu geben. Danach versorgte ich mein Baby und brach schließlich im Badezimmer zusammen.

    Mein Mann drehte sofort von der Arbeit um und kam gemeinsam mit meiner Schwiegermutter zurück. Als sie die Blutspuren in der Wohnung sahen, standen auch sie unter Schock. Wir fuhren sofort ins Krankenhaus, wo schnell klar war, wie ernst die Situation ist.

    Die Ärzte versuchten mehrfach, die Blutung zu stoppen.

    Immer mehr Personal kam in den Raum. Tamponaden wurden eingelegt, doch das Blut drang immer wieder hindurch. Schließlich fiel die Entscheidung: Notoperation.

    Milli musste noch im Wochenbett notoperiert werden.
    Aleksandra musste noch im Wochenbett notoperiert werden. Foto: Privat

    Offenbar war die Wunde nach der Biopsie wieder aufgegangen und die Blutung konnte nicht mehr anders gestoppt werden. Während die Operation vorbereitet wurde, erreichte ich noch meinen Frauenarzt. Er riet dazu, die Operation zu nutzen, um gleichzeitig das gesamte auffällige Gewebe zu entfernen.

    Kurz darauf lag ich erneut im Operationssaal.

    Innerhalb von drei Jahren war es bereits meine vierte Operation. Doch diesmal fühlte sich alles anders an. Früher hatte ich Operationen zwar gefürchtet, aber nie wirklich über den Tod nachgedacht. Jetzt war das anders.

    Mit all den medizinischen Herausforderungen war etwas in mein Leben gekommen, das ich bis dahin nicht kannte: Todesangst. Nicht die normale Angst vor einer Diagnose oder einer Operation, sondern eine tiefe, überwältigende Angst vor dem Sterben.

    Die Operation verlief zum Glück erfolgreich. Die Blutung konnte gestoppt werden und gleichzeitig wurde das auffällige Gewebe entfernt. Ich wurde im Krankenhaus aufgenommen und hoffte, dass damit alles überstanden wäre.

    Doch die schlimmste Zeit begann erst danach:

    Das Warten. Wochenlang wartete ich auf die Ergebnisse der Pathologie. Jeden Tag rief ich im Krankenhaus an. Jeden Tag hoffte ich auf einen Anruf.

    Wenn alle schliefen, das Haus still wurde und keine Ablenkung mehr da war, wachte ich oft ein- oder zweimal auf und geriet in absolute Panik. Mein Herz raste, ich bekam kaum Luft und war überzeugt, dass ich sterben würde.

    In diesen Momenten fühlte es sich an, als würde mein Leben genau jetzt enden.

    Der Gedanke, der mich dabei am meisten quälte, war nicht einmal der Tod selbst, sondern alles, was ich zurücklassen würde. Ich hatte endlich das Leben, das ich mir immer gewünscht hatte. Einen liebevollen Ehemann. Einen Mann, den ich mir immer erträumt hatte. Zwei gesunde Kinder. Eine Familie.

    Und immer wieder fragte ich mich: Warum jetzt? Warum genau jetzt? Warum, nachdem ich so lange für dieses Glück gekämpft hatte? Seit der Diagnose war mir bewusst geworden, wie zerbrechlich das Leben ist.

    Dinge, die ich früher als selbstverständlich angesehen hatte – ein gemeinsames Frühstück mit meiner Familie, das Lachen meiner Kinder, ein ganz normaler Alltag – bekamen plötzlich einen unschätzbaren Wert.

    Ich begann zu begreifen, wie dankbar ich für mein Leben war. Nicht nur in Gedanken, sondern tief in meinem Herzen. Und genau deshalb hatte ich solche Angst, es zu verlieren.

    Jeden Tag stellte ich mir dieselben Fragen:

    Werde ich sterben? Werde ich meine Kinder aufwachsen sehen? Werde ich erleben, wie sie in den Kindergarten kommen, in die Schule gehen und erwachsen werden? Gleichzeitig versuchte ich, den Alltag weiterzuführen.

    Endlich hat Aleksandra die Familie, die sie sich immer gewünscht hat...
    Endlich hat Aleksandra die Familie, die sie sich immer gewünscht hat... Foto: Privat

    Kurz nach der Operation stand der zweite Geburtstag meiner Tochter bevor. Ich hatte starke Schmerzen und ich versorgte ein Neugeborenes. Und trotzdem bereitete ich ihren Geburtstag vor. Ich wollte nicht, dass sie meine Angst spürt. Ich wollte, dass sie einfach ein glückliches Kind sein darf.

    Also lächelte ich.

    Ich organisierte Geschenke und bereitete alles vor, während in meinem Inneren alles zusammenzubrechen drohte. Es fühlte sich an, als würde ich in zwei Welten leben. In der einen Welt hatte ich Todesangst. In der anderen Welt war ich einfach Mama.

    Kurz vor Weihnachten kam schließlich der Anruf. Die Veränderungen waren vollständig entfernt worden.

    Je nach Arzt wurde die Diagnose unterschiedlich bezeichnet.

    Die einen nannten es eine schwere Krebsvorstufe, andere ein sehr frühes Krebsstadium. Für mich spielte das keine Rolle.

    Alles, was ich hörte, war: ‚Es ist draußen.‘ Ich kann bis heute nicht beschreiben, welche Erleichterung ich in diesem Moment gespürt habe.

    Auslöser war bei mir HPV. Inzwischen habe ich die zweite Impfung bekommen, die dritte folgt bald.

    Körperlich geht es mir heute wieder gut. Psychisch hat mir eine Therapie sehr geholfen, besser mit meinen Ängsten umzugehen.

    Trotzdem muss ich für die nächsten zwei Jahre alle drei Monate zur Kontrolle beziehungsweise zum Krebsabstrich. Kurz vor jedem Termin kommt diese Ohnmacht und Angst wieder hoch. Mit jedem guten Ergebnis wird es aber ein kleines bisschen besser.

    Gut zu Wissen

    Humane Papillomaviren (HPV) sind eine Gruppe von weit verbreiteten Viren, die als Hauptursache für Gebärmutterhalskrebs gelten. Eine HPV-Impfung bietet den besten Schutz. Sie wird von der Ständigen Impfkommission (STIKO) für Jungen und Mädchen im Alter von 9 bis 14 Jahren empfohlen und sollte idealerweise vor dem ersten Geschlechtsverkehr erfolgen.

    Heute verstehe ich einen Satz, den ich früher oft gehört habe: ‚Du hast tausend Probleme, bis dir die Gesundheit fehlt. Dann hast du nur noch ein großes.‘ Genau so fühlt es sich an.
    Erst durch diese Erfahrung habe ich wirklich verstanden, wie wertvoll Gesundheit ist und wie unwichtig viele alltägliche Sorgen eigentlich sind.

    Die Erfahrung hat meinen Blick aufs Leben verändert.

    Ich bin dankbarer geworden und versuche bewusster im Moment zu leben, statt ständig an morgen zu denken.

    Früher war ich oft perfektionistisch und ständig im Alltagstrubel. Heute versuche ich als Mama, diesem Hetzen von einem Alltagspunkt zum nächsten mehr zu entkommen und manche Dinge einfach anzunehmen, wie sie sind.

    Wenn ich heute zurückblicke, denke ich oft daran, wie knapp alles war. Ein Krebsabstrich, der eigentlich gar nicht notwendig gewesen wäre. Ein Zufall. Eine Probe, die nur eingeschickt wurde, weil mein Arzt sie trotz eines kurz zuvor unauffälligen Befundes noch einmal untersuchen ließ. Wahrscheinlich hat genau dieser Zufall mein Leben verändert.

    Diese Erfahrung hat mir gezeigt, wie schnell sich das Leben verändern kann. Sie hat mir aber auch gezeigt, wie viel Kraft ein Mensch entwickeln kann, wenn er keine andere Wahl hat.

    Vor allem, wenn zwei kleine Kinder jeden Morgen darauf warten, dass ihre Mama aufsteht und weitermacht.”

    Vielen Dank, liebe Aleksandra, dass wir deine Geschichte erzählen dürfen! Mehr zu der Mama erfährst du hier: @aleks_bbc

    Bist du gegen HPV geimpft? Tausche dich gerne in den Kommentaren darüber aus oder hinterlasse ein paar liebe Worte für Aleksandra.

    3 Kommentare

  1. User Avatar
    Lauraa

    Wow, wie unerschütterlich sie für ihren Wunsch kämpft. Aleksandra beschreibt hier so viel Stärke –  unfassbar!Danke, dass du deine Geschichte teilst und so Betroffene nicht allein fühlen lässt! ❤️ 

  2. User Avatar
    marie

    Danke fürs Teilen, das klingt nach einer bewegenden Geschichte. Umso mehr freue ich mich über ein Happy End für die Familie 

  3. User Avatar
    Elisabeth

    Mir fehlen die Worte. Ich schicke der Mama einfach nur Kraft, um das Erlebte zu verarbeiten. Wie schlimm muss es sein, sich um zwei Minibabys zu kümmern und zeitgleich so viel persönliches durchleben zu müssen  ❤️