„Ich bin Hebamme. Ich habe viele Jahre im Kreißsaal gearbeitet und begleite Frauen in der Vorsorge und im Wochenbett. Ich witzelte noch mit meinen Kolleginnen darüber, dass die einzige Möglichkeit, dem Stress zu entgehen, wohl wäre, selbst schwanger zu sein. Natürlich war das nur ein Scherz.
Ein paar Wochen später kam raus: Einige von uns waren tatsächlich schwanger.
Eine Schwangerschaft bis zur 12. Woche zu verheimlichen, ist in einem Team voller Hebammen ohnehin aussichtslos. Doch leider bekam ich nur wenige Wochen später Blutungen. Ich verlor mein Kind im Urlaub. Es war schmerzhaft – körperlich und mental.
Der Arzt, zu dem ich ging, und der meinen Beruf nicht kannte, sagte nur: „Sie sind jung, Sie können es einfach wieder versuchen.”
Nach dem Urlaub stand ich sofort wieder im Kreißsaal.
Ich wischte Tränen, hielt Hände und bettete Kinder. Es war grausam. Ich stand zwischen Frauen, die erreicht hatten, was ich verloren hatte. Zwischen Frauen, die das Gleiche erlitten.
Es gab keine Atempause für mich, kein wirkliches Verarbeiten. Ich musste meinen Schmerz hinter einer Fassade verstecken. Meine Kolleginnen gingen zum Glück sehr einfühlsam mit meiner Situation um.
Es hat mich sehr berührt, dass eine mir sogar ein Päckchen mit vielen kleinen Sternen geschenkt hat, außerdem mit Taschentüchern, einer selbstgemachten Karte und etwas Tee. Einfach, aber ehrlich.
Besonders eine Nacht hat sich eingebrannt:
Ich begleitete zwei Fehlgeburten. Ich ging hinein und weinte mit den Müttern, weil ich ihren Schmerz so sehr verstand. Gleichzeitig haben mich diese Situationen emotional ausgesaugt. Sie suchten Halt bei mir – und ich war selbst leer.
Aber ich konnte sie nicht alleine lassen. Sie sprachen eine andere Sprache, und ich war die einzige Hebamme im Dienst, die sie verstehen konnte.
Es gab kein Ausweichen.
Danach musste ich mich zwei Wochen krankschreiben lassen, weil es einfach nicht mehr ging.
Meine eigene Fehlgeburt hat meine Arbeit sehr geprägt, denn diese Erfahrung hat mir gezeigt, wie verletzend schon einfach Sprüche sein können.
Ich hatte Glück: Schon wenige Monate später wurde ich wieder schwanger
Dieses Mal durfte ich mein Baby austragen. Ich hatte einen Heimvorteil, habe im Geburtshaus entbunden – so, wie ich es gelernt hatte, voller Überzeugung und Zuversicht.
Dann war mein Regenbogenbaby da – und ich fühlte nichts. Plötzlich überrollte mich die Trauer.
Weil ich Hebamme bin, erwarteten alle von mir, dass ich sofort funktioniere. Ich bin doch schließlich Profi: Stillen, Wickeln, Schlafen, das sollte doch kein Problem für mich sein.
Unter diesem Druck, mit Schlafmangel und einem High-Need-Baby, entwickelte ich eine Wochenbettdepression.
Und wieder machte mein Beruf es mir schwer
Der Arzt nahm meine Wochenbettdepression nicht ernst. Ich solle einfach den Druck rausnehmen. Ich als Hebamme wisse ja, was zu tun sei. Es sei normal, dass man sich erst umgewöhnen müsse. Also versuchte ich, mich zusammenreißen.
Aber ich war in dieser Situation nicht Hebamme, sondern eine völlig überforderte und verängstigte Mutter, die ein Baby vermisste, das sie nie in den Armen halten durfte, um das ich nie richtig trauern konnte.
Ironischerweise war es meine Hebamme, die mich ernst nahm.
Sie hat früh gespürt, dass etwas nicht stimmt. Sie hat mich sanft darauf aufmerksam gemacht und unterstützt.
Ich selbst konnte es erst später einordnen. Etwa acht Wochen nach der Geburt, lichtete sich der Nebel etwas.
Die Taufe meines Sohnes war ein Wendepunkt für mich.
Meine Freunde haben im Gottesdienst für uns gesungen. Es war sehr bewegend. Ab diesem Tag wurde es besser.
Ich habe mich Schritt für Schritt da herausgekämpft. Dank meiner Hebamme habe ich mir Zeit genommen zu trauern.
Ich habe gelernt, Mutter und Hebamme zu trennen – auch wenn mein Umfeld das oft nicht kann.
Als wir uns für ein weiteres Kind entschieden, war ich als Hebamme selbstständig. Es gibt keinen gesetzlichen Mutterschutz für Selbstständige, keinen Ausgleich.
Also arbeitete ich bis zur Geburt.
Früher aufzuhören war für mich finanziell keine Option. An meinem letzten Arbeitstag hatte ich bereits Wehen. Ich machte noch Hausbesuche zur Nachsorge nach Geburten.
Die Wehen waren noch mit etwas Konzentration gut zu verstecken. Ich hatte schließlich Verantwortung – für meine Frauen, aber auch für meine Studentin. Für mich kam es nicht infrage eher zu gehen, auch für meine Studentin, die zu der Zeit ihre Ausbildung bei mir machte.
Einen Tag später kam mein zweiter Sohn zur Welt.
Diese Erfahrungen haben mich verändert und sogar zu einer besseren Hebamme gemacht. Ich bewerte nicht mehr, sondern arbeite mit dem, was da ist.
Ich habe gelernt, Raum zu geben – und einfach zuzuhören, ohne zu urteilen. Ich kann aushalten und ich kann mich auch wieder mit anderen freuen.
Und ich habe gemerkt, wie wichtig es ist, sich zu öffnen.
Frauen fühlen sich weniger falsch, wenn sie hören, dass ihre Gefühle normal sind. Es tut gut, wenn jemand sagt: Deine Liebe zählt – auch wenn dein Baby nur so groß war wie ein Gummibärchen.
Es ist okay, sich nach der Geburt leer zu fühlen, Zeit zu brauchen, um Mutter zu werden.
Wir Hebammen stehen oft vor der Wahl andere oder uns selbst zu schützen und wählen allzu oft den Weg, der uns selbst verbrennt, weil wir die Aufgaben mit Hingabe und Ernsthaftigkeit leben. Aber wir sind auch Menschen mit Ängsten und Sorgen.
Als Hebamme war ich vielleicht theoretisch besser vorbereitet, aber letztendlich bin ich auch nur eine Mama, die ihr Bestes gibt.
Heute kann ich auf meine Geschichte zurückblicken und bin stolz auf mich und meinen Weg, als Hebamme und als Mama.”
Vielen Dank, liebe Maja (*Name von der Redaktion geändert), dass wir deine Geschichte erzählen dürfen!
Wie wichtig war deine Hebamme für dich in emotional schweren Momenten rund um Geburt oder Wochenbett? Tausche dich in den Kommentaren gerne dazu aus!
So berührend, wie diese Echten Geschichten Mamas in den Kommentaren so viel näher zueinander kommen lassen! Danke für alles, was ihr teilt ❤️
Da stell ich mir so unfassbar schwierig vor 🙁 wie stark von ihr dass sie trotz ihrer eigenen Trauer versucht hat für die anderen Frauen stark zu sein. Das zerreißt einem ja das Herz…
Bei meiner ersten Schwangerschaft hatte ich eine Hebamme, mit der der Vibe nicht gestimmt hat. Sie war kurz angebunden und nicht wirklich präsent. Nach kurzer Zeit habe ich sie gebeten nicht mehr zu kommen – und das obwohl ich sie gebraucht hätte. Bei der zweiten Schwangerschaft hatte ich das große Glück einer Beleghebamme und es war der Gamechanger. Sie war so liebevoll und ich hatte das Gefühl, wir haben gemeinsam einen Berg bestiegen und uns gegenseitig angefeuert. Diese Erfahrung wünsche ich jeder Mama.
Meine Hebamme war eine sehr große Stütze für mich, als ich total allein gelassen worden bin im Krankenhaus weil ich ja ,,nicht in der Lage war“ zu stillen. Sie hat mich als ich Zuhause war, nicht verrückt gemacht sondern mir zugehört und mir zu verstehen gegeben, das wenn es nicht klappt mit dem stillen es absolut nicht schlimm ist. Bin heute Nach 2 Jahren immer noch in Kontakt mit ihr.