Als Kind wird Lyann jahrelang von einem Familienmitglied sexuell missbraucht. Neben einer Therapie war auch eine Namensänderung ein wichtiger Schritt für sie, um sich ihr Leben zurückzuholen.

Inhalt dieses Artikels

    Triggerwarnung: Dieser Text thematisiert Gewalt und sexuellen Missbrauch. Lies die Geschichte also nur, wenn du dich emotional dazu in der Lage fühlst.

    „Ich bin Lyann, 37 Jahre alt und zweifache, alleinerziehende Mama. Neben meinem Beruf als Standortassistentin setze ich mich auf Social Media für Kinderschutz und die Aufklärung über sexualisierte Gewalt an Kindern ein.

    Im Grundschulalter wurde ich über mehrere Jahre von einem heranwachsenden Familienmitglied missbraucht.

    Da es nie zu einem Gerichtsverfahren kam, kann ich die Person hier nicht nennen. Als Kind habe ich ihr aber vertraut.

    Mir wurde vermittelt, dass das Verhalten normal sein, ich aber mit niemandem darüber sprechen dürfe.

    Deshalb habe ich lange geglaubt, dass das wirklich so ist.

    Erst Jahre später habe ich gemerkt, dass es nicht normal ist.

    Ich habe Freundinnen gefragt, ob das bei ihnen zuhause auch so sei. Eine von ihnen sagte schließlich: ‚Das hört sich nach Missbrauch an“. Das war das erste Mal, dass jemand das, was ich erlebt hatte, überhaupt benannt hat.

    Danach habe ich meinen Freunden, meinen Lehrer*innen, meiner Mutter und auch dem Jugendamt davon erzählt. Allerdings hatte ich lange das Gefühl, dass niemand mich wirklich ernst nimmt. Als Folge habe ich angefangen, mich selbst zu verletzen, entwickelte Depressionen und hatte zeitweise keinen Lebensmut mehr.

    In dieser Zeit hätte ich mir sehr einen Erwachsenen gewünscht, der einfach sagt: ‚Ich glaube dir. Du bist nicht allein. Wir gehen diesen Weg gemeinsam.‘

    Als ich 19 Jahre alt war, habe ich dann Anzeige erstattet.

    Zu dieser Zeit befand ich mich selbst in einer gewalttätigen Beziehung. Die Mutter meines damaligen Partners war die erste Erwachsene, die mich wirklich ernst nahm und mit mir zur Polizei ging.

    Das Verfahren wurde eingestellt. Trotzdem waren die Ermittlungen wichtig für mich. Denn ich erfuhr erst dadurch, dass es einen weiteren sexuellen Übergriff durch einen Onkel gegeben haben soll, als ich etwa drei Jahre alt war. Daran habe ich selbst keine Erinnerungen. Als ich meine Mutter darauf ansprach, bestätigte sie mir diesen Vorfall. Sie erzählte mir außerdem, dass damals sogar im Raum stand, mich aus der Familie herauszunehmen.

    Auch wenn es keine Verurteilung gab, haben die Ermittlungen mir geholfen, meine Vergangenheit besser zu verstehen.

    Der Missbrauch hat bei mir tiefe Spuren hinterlassen.

    Ich lebe mit einer komplexen posttraumatischen Belastungsstörung (KPTBS), Flashbacks und Schlafstörungen.

    Lange habe ich geglaubt, dass ich keine Liebe verdient hätte. Deshalb geriet ich immer wieder in ungesunde Beziehungen.

    Der Wendepunkt für mich war die EMDR-Therapie. Sie hat mir sehr geholfen, genau wie meine Kinder, meine Freunde, Sport und meine Kreativität durch Fotografie oder Zeichnen.

    Gut zu Wissen

    EMDR steht für Eye Movement Desensitization and Reprocessing, auf Deutsch Desensibilisierung und Verarbeitung durch Augenbewegungen. Die EMDR-Therapie kommt häufig bei der Behandlung schwer traumatisierter Menschen zum Einsatz. Dabei denkt der/die Patient*in an eine belastende Erinnerung, während er/sie mit den Augen dem Finger des/der Therapeut*in folgt. Das kann dem Gehirn helfen, die Erinnerung neu zu verarbeiten. Sie bleibt zwar erhalten, fühlt sich aber oft weniger belastend an.

    Parallel dazu habe ich meinen Vornamen geändert – ein wichtiger Schritt für mich.

    Früher hieß ich Sophie.

    Mit diesem Namen verbinde ich das kleine Mädchen, das so viel Leid ertragen musste. Lyann ist die Frau, die dieses Mädchen heute beschützt.

    Außerdem habe ich den Kontakt zu meiner Familie komplett abgebrochen. Das war schmerzhaft, aber notwendig für mich, um heilen zu können.

    Der neue Name hat Lyann Stärke gegeben.
    Der neue Name hat Lyann Stärke gegeben. Foto: privat

    Heute bin ich selbst Mama von zwei Kindern.

    Ich spreche mit den beiden altersgerecht über meine Vergangenheit. Meine große Tochter weiß, dass mir als Kind innerhalb meiner Familie etwas Schlimmes passiert ist. Ich habe ihr erklärt, dass Erwachsene Kindern niemals wehtun oder sie sexuell missbrauchen dürfen. Meine kleine Tochter ist dafür noch zu jung.

    Mir ist wichtig, dass beide wissen: Sie dürfen jederzeit mit allem zu mir kommen. Sollte ihnen jemals jemand wehtun, werde ich ihnen glauben und sie schützen.

    Ich weiß, dass es leider keinen 100%igen Schutz gibt.

    Aber wir Eltern können unsere Kinder stark machen.

    Sie sollten wissen, dass ihr Körper ihnen gehört, dass sie ‚Nein‘ sagen dürfen und sich jederzeit Hilfe holen können.

    Genauso wichtig ist es, dass Erwachsene aufmerksam hinschauen und Verhaltensänderungen ernst nehmen.

    Lehrkräfte und Erzieher*innen sollten noch besser darin geschult werden, Warnsignale zu erkennen und richtig zu handeln. Je früher ein betroffenes Kind geschützt wird und therapeutische Hilfe bekommt, desto größer sind die Chancen, dass es die Folgen gut verarbeiten kann.

    Ich mache meine Geschichte öffentlich, weil Schweigen nur die Täter schützt.

    Ich wünsche mir, dass Betroffenen geglaubt wird, und wir als Gesellschaft viel offener über das Thema sprechen.

    Jeder Erwachsene, der hinschaut, kann das Leben eines Kindes verändern.

    Anderen Betroffenen möchte ich sagen: Ihr seid nicht schuld an dem, was euch passiert ist!

    Heilung bedeutet nicht, zu vergessen, sondern sich das eigene Leben Stück für Stück zurückzuholen.

    Wenn ich heute in den Spiegel schaue, sehe ich nicht mehr nur das verletzte Kind. Ich sehe eine Frau, die gelernt hat, für sich einzustehen.

    Meine Vergangenheit gehört zu mir – aber sie bestimmt nicht mehr, wer ich heute bin.

    Genau das wünsche ich jeder und jedem Betroffenen.“

    Liebe Lyann, vielen Dank für Deine offenen Worte – und den Mut, Deine Geschichte zu erzählen.

    Du möchtest Lyann Mut machen oder ihr eine Botschaft hinterlassen? Dann schreib sie uns gern in die Kommentare!

    Du bist auch Opfer von Missbrauch oder Gewalt? Hier bekommst du Hilfe!

    Wenn du selbst betroffen bist oder jemanden kennst, der Hilfe braucht, kannst du dich an diese Stellen wenden:

    • Hilfetelefon sexueller Missbrauch – 0800 22 55 530 (anonym, kostenlos, 24 Stunden erreichbar)
    • Online-Beratung über beauftragte-missbrauch.de
    • Hilfetelefon „Gewalt an Männern“ – 0800 1239900 (anonym, kostenlos, Montag bis Donnerstag 8 – 20 Uhr, Freitag, 8 – 15 Uhr), oder Online per Chat oder Mail unter maennerhilfetelefon.de
    • Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ – 116 016 (anonym, kostenlos, 24 Stunden erreichbar)
    • Kinder- und Jugendtelefon „Nummer gegen Kummer“ – 116 111 (montags bis samstags von 14:00 bis 20:00 Uhr), oder Online-Beratung per Mail oder Chat unter nummergegenkummer.de
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