Lousia war selbst noch ein Kleinkind, als sie in der Kita Gewalt erlebte. Lange hielt sie das, was geschah, für normal – bis Jahre später ans Licht kam, dass auch andere Kinder betroffen waren. Heute ist sie selbst Mutter und merkt, wie sehr ihre Vergangenheit sie bis heute begleitet.
„Ich bin mit meiner Schwester bei einer alleinerziehenden Mutter aufgewachsen. Da unsere Mama früh arbeiten musste, kamen wir beide schon sehr jung in die Kita. Ich war etwa ein Jahr alt, meine Schwester etwas älter.
Nach außen wirkte die Einrichtung klein, familiär und liebevoll. Viele der Erzieherinnen waren herzlich und zugewandt. Trotzdem gab es eine Person, bei der ich mich schon als Kind nie sicher gefühlt habe: die Kitaleitung.
Schon damals hatte ich ihr gegenüber ein ungutes Bauchgefühl, auch wenn ich es als Kind natürlich nicht einordnen konnte. Nach außen war sie freundlich – aber etwas an ihr machte mir Angst.
Ein wiederkehrendes Thema waren unsere Haare.
Meine Schwester und ich hatten lange Haare, und besonders ich wollte sie mir in diesem Alter nicht kämmen lassen.
Die Kitaleitung nahm uns regelmäßig einzeln mit in den Wickelraum, um uns dort die Haare zu kämmen – sehr grob und ohne Rücksicht darauf, ob es wehtat. Wenn ich beim Haare kämmen geschrien habe, bekam ich eine Ohrfeige.
Anschließend machte sie extrem strenge Zöpfe, bei denen die Kopfhaut so gespannt war, dass sie schmerzte.
Diese Situationen fanden immer im Wickelraum statt – und immer allein mit ihr. Ich erinnere mich bis heute sehr genau an diesen Raum, an das Gefühl dort oben zu sein. Mit allen anderen Erzieherinnen war ich gerne zusammen, mit ihnen habe ich mich sicher gefühlt. Aber mit ihr nicht.
Für mich als Kind war das etwas, das ich als normal abgespeichert habe.
Nicht, weil es sich gut angefühlt hat – sondern weil ich es nicht anders kannte. Zu Hause habe ich keine Gewalt erlebt. Meine Mutter war und ist liebevoll und hat alles für uns getan. Ich dachte als Kind, so etwas gehöre in einer Kita einfach dazu. Erwachsene dürfen das. Wahrscheinlich habe ich auch deshalb so lange geschwiegen.
Diese Frau hatte mir solche Angst gemacht, dass ich mich nie getraut habe, etwas zu sagen. Ich wusste nur: Wenn ich mit ihr nach oben gehe und allein mit ihr bin, wird es beängstigend. Diese Angst war nicht diffus. Sie war konkret und gebunden an eine bestimmte Person und an das Alleinsein mit ihr.
Die Übergriffe geschahen regelmäßig, und ich habe sie still ertragen.
Erst Jahre später, als ich etwa sechs oder sieben war, fuhr ich mit meiner Mutter an der alten Kita vorbei. Sie fragte mich, ob ich dort jemals etwas Komisches erlebt hätte. Ein kleiner Junge war von derselben Kitaleitung grün und blau geschlagen worden, seine Eltern hatten Anzeige erstattet. Die Frau wurde suspendiert, die Kita geschlossen.
In diesem Moment erzählte ich meiner Mutter, was mir passiert war. Ich sagte ihr auch, dass ich dachte, es sei normal. Dass man so etwas in der Kita eben erlebt. Und dass ich nie darüber reden sollte.
Meine Mutter war schockiert und hatte große Schuldgefühle.
Für mich war es in dem Moment nicht schwer, darüber zu sprechen – weil ich es nie als ‚schlimm‘ abgespeichert hatte.
Trotzdem begleiten mich diese Erfahrungen bis heute. Ich habe Probleme damit, wenn mir jemand an den Kopf oder an die Kopfhaut fasst, zum Beispiel beim Friseur.
Inzwischen bin ich selbst Mama eines zweijährigen Sohnes und lebe mit meinem Mann zusammen. Im August kommt mein Sohn in die Kita – und allein dieser Gedanke war für mich lange extrem belastend.
In den ersten zwei Jahren habe ich ihn kaum aus der Hand gegeben.
Die einzige Person, der ich ihn anvertraut habe, war meine Mutter. Anfangs fiel es mir sogar schwer, wenn mein Mann mit ihm alleine nach draußen ging oder ihn jemand anderes berührte. Die Angst, dass meinem Kind etwas zustoßen könnte, war ständig präsent.
Mit der Zeit wurde mir bewusst, dass diese Ängste tiefere Wurzeln haben. Deshalb habe ich mich entschieden, eine Gesprächstherapie zu beginnen. Mir war wichtig, meine eigenen Erfahrungen aufzuarbeiten, damit ich sie nicht unbewusst auf mein Kind übertrage.
Auch heute sind es nur mein Mann und meine Mutter, die mit meinem Sohn alleine sind, wenn ich nicht dabei bin. Dieses Bedürfnis nach Kontrolle ist mir bewusst – und ich weiß, woher es kommt. Deshalb war mir die Wahl unserer Kita besonders wichtig.
Ich habe klare Wünsche an die Kitas:
Mehr Transparenz und dass Kinder Nein sagen dürfen. Kinder – besonders sehr zutrauliche – sollten darin bestärkt werden, nicht jeden an sich heranzulassen und dass sie Grenzen setzen dürfen.
Ich wünsche mir auch mehr Unterstützung für Eltern, besonders Alleinerziehende oder Familien in schwierigen Lebenssituationen, und mehr Entlastung für pädagogisches Personal. Gewalt an Kindern ist niemals zu rechtfertigen. Gute Rahmenbedingungen können helfen, sie zu verhindern.
Für mich und andere mit ähnlichen Erfahrungen kann ich nur sagen:
Es ist besser, so früh wie möglich Hilfe zu holen. Es ist okay, Angst zu haben. Es ist okay, darüber zu sprechen. Und es ist vollkommen in Ordnung, sich Zeit zum Heilen zu nehmen – auch als Mama, die nach außen alles schafft.
Die Gesprächstherapie hilft mir, meine Vergangenheit zu reflektieren, die Verantwortung nicht bei mir zu sehen und zu akzeptieren, dass sie Teil meiner Geschichte ist – aber nicht Teil der Geschichte meines Kindes sein muss.
Mein Sohn soll unbeschwert in die Kita gehen und keine Ängste haben, wenn er mal nicht bei mir ist. Dafür gehe ich meinen Weg weiter – Schritt für Schritt.”
Echte Geschichten protokollieren die geschilderten persönlichen Erfahrungen von Eltern aus unserer Community.
Was Louisa geschehen ist, passiert auch heute noch regelmäßig. Die Gewalt in Kitas hat sogar in den letzten Jahren noch zugenommen. Woran das liegt, erfährst du in „Gewalt in Kitas auf Rekordniveau”
Sprichst du mit deinen Kind darüber, dass es klare Grenzen ziehen darf und zu dir kommt, wenn etwas nicht stimmt? Tausche dich gerne in den Kommentaren aus!
„Ich habe Gewalt in der Kita erlebt – so geht es mir heute.”
Von
Lena Krause
4. März 2026